ERST KOMMT DER KRIEG, DANN DIE MORAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.
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Deutsche Linke und Israel
ERST KOMMT DER KRIEG, DANN DIE MORAL

Irgendwelche moralischen Skrupel bezüglich ihres blutigen Feldzuges durch den halben Libanon hat die israelische Regierung nicht gekannt. Mit der dreisten Überschrift "Frieden für Galiläa" hat sie sich den sittlichen Freibrief für jede Palästinenserschlächterei erteilt. So gewiß war und ist die nationale Führung sich ihrer unerschütterlichen Selbstgerechtigkeit, daß ihr Oberhaupt auf dem Höhepunkt seines Krieges den Vergleich mit ähnlichen Heldentaten der Hitler-Wehrmacht wie auch der westalliierten Bombenflotten im 2. Weltkrieg nicht gescheut, geschweige denn zurückgewiesen, sondern sehr offensiv selber angestellt hat, um Kritik an den Bombennächten zurückzuweisen, die er Beirut hat bereiten lassen: Coventry und Dresden wären den dafür verantwortlichen Herrschaften von der Öffentlichkeit ihrer Nation schließlich auch nicht zum Vorwurf gemacht worden!

Daß schließlich nach der blutig erpreßten Deportation aller bewaffneten Palästinenser aus Beirut die christlichen Kettenhunde Israels in den schutzlos gewordenen Flüchtlingslagern der Stadt nach Herzenslust wüten durften, war für die Jerusalemer Urheber des Massakers ein Zwischenschritt zur planmäßigen "Säuberung" des Libanon von sämtlichen palästinensischen "Terroristennestern", die Begin seinen Militärs aufgegeben hatte so stieß schon die als"Drohung" gehandelte Malinung der westlichen Schutzmächte des Judenstaats, er sollte wenigstens den Knigge der diplomatischen Heuchelei beherzigen, Bedauern äußern und "eine strenge Untersuchung und Bestrafung der Verantwortlichen" einleiten, auf völliges Unverständnis und empörte Zuiückweisung.

Genauso wenig wurden die Macher und Meinungsmacher der NATO-Staaten, die Israel politisch aushalten, militärisch ausrüsten, finanziell ausstatten und hemmungslos gegen jeden Sowjetverbündeten in der Region zu Felde ziehen lassen, von einem Mangel an Selbstgerechtigkeit heimgesucht. Nach der härtesten Bombardierung West-Beiruts - mit Bomben made in USA - leitete der amerikanische Präsident seinen Kommentar, der hierzulande als Dokument der Empörung und als letzte Warnung an Israel gehandelt wurde, mit der Aufforderung an die PLO ein, die blutige "Lektion" doch endlich zu begreifen und ihre Quartiere schleunigst zu verlassen. Die heuchlerischen Ermahnungen westeuropäischer Regenten, dem Blutvergießen müsse durch "politische Lösungen" ein Ende gemacht werden, strotzten nur so von Zufriedenheit über die neue "Bewegung", die Israels Gewaltaktion in die "festgefahrene Lage" gebracht hätte, und über die Chancen, die ihre "Friedenspolitik" darin findet. Und die bundesdeutsche Öffentlichkeit bedauerte die "unnötigen" und "unschuldigen Opfer" und sorgte sich gleich anschließend um die "Gefahr" einer moralischen Aufwertung der PLO und eines Verlusts an Kredit auf Israels Moralkonto - womit klargestellt war, daß ein problembewußter Mensch Israel seinen Krieg nicht verargen darf.

All die Skrupel, die die Veranstalter des nahöstlichen Vernichtungskrieges gegen die politisch organisierten Palästinenser und ihre imperialistischen Patrone und Interpreten weit von sich gewiesen haben, haben die paar linken Kritiker des Kriegsgeschehens sich um so ausgiebiger gemacht. Die maßgeblichen Zwecke und Interessen zu benennen, die sich da durch einen Völkermord empfohlen haben; ihnen den Schein von Honorigkeit zu bestreiten; dagegen zu protestieren: das erschien der westdeutschen Linken zu viel verlangt. Stattdessen verliebte sie sich in ihr eigenes Gewissen und breitet dessen Albernheiten in der Öffentlichkeit aus.

Das linke Gewissen demonstriert sich

Volle acht Wochen hat es gedauert - längst hatten die Israelis die Palästinenserghettos in Beirut, in die sie die im Libanon untergekommenen Flüchtlinge und ihre Bewaffneten zurückgedrängt hatten, sturmreif gebombt und geschossen; die Alternative hieß nur noch, ob die Kämpfer der verschiedenen palästinensischen Organisationen tot oder lebendig aus ihren Lagern abtransportiert werden sollten; westliche Staatsmänner nutzten das Ergebnis des israelischen Feldzuges bereits ausgiebig für ihre Nahost-Diplomatie, indem sie sich durch live abgefilmte Distanzierungen von Israels Krieg als die selbstlosesten Vermittler der Welt empfahlen! -, dann hielt schließlich auch die Gemeinde der linken = besseren Deutschen die Zeit für reif, sich mit einem Protest zu Wort zu melden. Weshalb man erstens so spät, zweitens aber dennoch und immerhin darauf kam, eine Demonstration zu veranstalten, wurde in den beiden konkurrierenden Aufrufen zur gleichen gemeinsamen Veranstaltung ehrlich notiert:

"Wir sind der Auffassung, daß die demokratische Öffentlichkeit der Bundesrepublik und ganz besonders die Friedensbewegung zu den Vorgängen im Libanon und zu der Katastrophe in Beirut nicht schweigen kann, will sie nicht unglaubwürdig werden."

Die "demokratische Öffentlichkeit der BRD" hat in Wahrheit keinen Tag geschwiegen und nicht erst auf den Aufruf der Frankfurter Demonstrationsinitiative gewartet. Den Zeitungsmachern und Fernsehfritzen war gleich klar, wie dieser Krieg dem Publikum zu vermitteln war - am Falklandkrieg Großbritanniens hatten sie es ja wenige Wochen vorher erst durchexerniert -: durch unbegrenzte Sympathie mit dem israelischen Kriegszweck, bewiesen durch die uneingeschränkte Übernahme sämtlicher diesbezüglicher Sprachregelungen von Regierung und Oberkommando in Jerusalem - "Frieden für Galiläa", "Sicherheit", "Bekämpfung des Terrorismus", "Stabilisierung des Libanon", "militärischer Druck für eine Friedenslösung" usw. -; dem "kritischen" Teil wurde das tiefsinnige Problem nachgereicht, ob für den Kriegszweck der Krieg denn wohl das passende Mittel war, und nach dem neuen militärischen Erfolg der Israelis erzählt, genau damit gerieten jeweils die zuvor erreichten Chancen für "politische Fortschritte" womöglich wieder in Gefahr - womit Parteinahme für Israel und moralische Distanzierung am schönsten übereinkamen.

Was andererseits "die Friedensbewegung" betrifft, so haben deren Aktivisten tatsächlich ausgiebig unter Beweis gestellt, daß sie ihr Gefasel vom drohenden "Selbstmord der Menschheit" zumindest in einer Hinsicht offenbar wirklich ernstnimmt: Unter der vorgestellten Endzeitkatastrophe tut sie's nicht: die realen Schlächtereien, bei denen wed er von "Selbstmord" noch von Weltuntergang die Rede sein kann (unter dem Motto wird auch der 3. Weltkrieg ganz gewiß nicht begonnen und geführt!), regen diese moralischen Menschen nur sehr wenig auf. So wenig, daß nach acht Wochen des Schweigens und den ersten von Israel selbst eingeräumten 10.000 Toten den Wortführern dieser guten Leutchen ihr eigenes Desinteresse zum Problem wurde - leider wieder nur zu einem moralischen. Wie der zitierte Demo-Aufruf beweist, sahen selbst die Aktivisten der "Bewegung" keinen Anlaß, von der moralischen Dummheit einer Kriegskritik Abstand zu nehmen, die von den kriegsträchtigen Zwecken der Weltpolitik nichts wissen will, sondern die von Fachleuten ausgetüftelte Wirksamkeit des militärischen Geräts als noch zu wenig gewürdigtes Argument gegen seinen zweckmäßigen Einsatz in Erinnerung rufen will - letzte Fans der westlichen Abschreckungsideologie! Genau umgekehrt: Vor ihrem eigenen Idealbild eines friedensbeflissenen guten Menschen meinten sie sich schämen zu müssen, der moralischen Wucht ihres Atomkriegsprotestes meinten sie Schaden zuzufügen, wenn sie nicht auch dem Libanonkrieg Israels einige Aufmerksamkeit schenkten. Als müßten sie sich das Recht auf Kritik, und sei es eine noch so einfältig-konstruktive, an der "Verteidigungsplanung" der eigenen Obrigkeit erst dadurch verdienen, daß sie durch gleichartige Proteste gegen jede beliebige militärische "Katastrophe" unmißverständlich klarstellen: Mit ihrer Kritik soll um Himmels willen nicht der "eigene" Krieg speziell, schon gleich nicht das besondere bundesdeutsche Interesse an einer gewaltsam durchgesetzten Weltordnung ins Auge gefaßt sein, sondern wirklich bloß das moralisch Bedenkliche an jedem Kriegsgeschehen. Nicht eine wie auch immer beschaffene Aufwiegelung gegen die imperialistische Einigkeit der NATO-Staaten mit Israels expansiver Kriegspolitik war da beabsichtigt, sondern genau andersherum der untertänige Beweis, daß man selbst mit seinem Protest gegen westliche Atomwaffen auf gar keinen Fall gegen die westliche Politik Partei ergriffen haben will, sondern einzig und allein für einen um Politik und Imperialismus unbekümmerten Idealismus des Friedens. Kriegsprotest als Verharmlosung der eigenen Einwände gegen die Kriegsplanung der eigenen Nation: Diese Verrücktheit ist der Inhalt des Bedürfnisses, das die linken Aktivisten der bundesdeutschen Friedensbewegung im Laufe der israelischen Palästinenserschlächterei entwickelt haben; des Bedürfnisses nämlich, durch Protest auch an dieser Stelle seine Glaubwürdigkeit als Friedensapostel zu retten.

Dokumente gekünstelter Empörung

Was bei dieser selbstverliebten methodischen Stellung zu Israels Krieg an Kommentar zu standekam, ist konsequenterweise ein Dokument gekünstelter Empörung. Wenn ein Protest schon einzig aus moralischem Pflichtbewußtsein erwächst, dann will er auch nichts als beweisen, daß sein Anlaß, die vornehm distanziert und neutral so genannten "Vorgänge" und "Katastrophen" im Libanon, jeden guten Menschen zum Protest verpflichtet. Und weil "Selbstmord" und "Ende der Menschheit" hier beim besten Willen nicht zur Debatte gestellt werden konnten - es ging gegen einen sehr genau umschriebenen Feind, und das Verhältnis zwischen "Selbst" und "Mord", nämlich zwischen feindlichen Toten und eigenen Verlusten, gestaltete sich militärisch aufs Beste! - behalf sich der linke Friedensmoralismus mit der Vorstellung ganz spezieller Unmoralitäten die den Israelis im Verlauf ihres Krieges unterlaufen wären.

"Dabei setzte Israel international geächtete Waffen wie Splitterbomben, Phosphor, Napalm und andere Waffen ein.... schreckt die israelische Regierung selbst vor willkürlichen Selektionen nicht zurück. ... Bis heute weiß selbst das Rote Kreuz nicht, wieviele Palästinenser die Zionisten tatsächlich gefangenhalten,... Israel weigert sich darü berhinaus, den Befreiungskämpfern den Status von Kriegsgefangenen entsprechend der Genfer Konvention zu geben.... Nicht einmal medizinische Hilfesendungen können den israelischen Belagerungsring passieren.... - Anerkennung aller Gefangenen als Kriegsgefangene und Behandlung gemäß der Genfer Konvention!!!" (aus dem Frankfurter Demo-Aufruf für den 21.8.)

Bescheidene Vorwürfe und Forderungen für eine Kriegsgegnerschaft; das muß man schon sagen. International achtbare Waffen mit Verbandszeug hinterher und vorschriftsmäßigem Stacheldraht um die Gefangenenlager: Dann wäre der Krieg wohl bloß noch halb so schlimm?! Ist die Bundesdeutsche Linke jetzt endgültig beim Standpunkt der Mutter Teresa angelangt: Zu ändern sind die Übel dieser Welt ohnehin nicht, also freie Bahn der Barmherzigkeit -?! Ein solches Jammern über die Modalitäten einer militärischen Schlächterei taugt als Begründung für einen politischen Protest nur zu einem: Der Kritiker will sich seinem Gegenstand gegenüber ins Recht setzen - als ginge es der hiesigen Linken um eine Konkurrenz gegen Israel auf dem Felde der internationalen Moral, von der ja nun wahrhaftig nicht schwer zu begreifen ist, daß sie voll und ganz in die Welt der diplomatischen Heuchelei gehört - oder der absolut weltfremden privaten Besserwisserei.

Unrecht schafft Perspektive

Und weil die weatdeutschen Linken so weltfremd auch wieder nicht sind, daß sie nicht irgendwie doch die Grundrechenart des Imperialiamus mitgekriegt hätten, nach der ein moralischea Recht nur so viel taugt, wie es der schöne Schein der stärkeren Gewalt und ihrer Erfolge ist, leiten sie sich aus dem Unrecht, in das sie Israel ob seiner kriegsrechtswidrigen Kriegsführung versetzt haben, auch gleich die Zukunft ab:

"Auch mit dem jetzigen Versuch der Zerschlagung der PLO wird es den Zionisten nicht gelingen, den berechtigten Kampf des palästinensischen Volkes um sein Heimatland und Selbstbestimmung zu zerschlagen.",

tönt es aus dem Aufruf zu einer Demonstration an genau dem Tag, an dem der Abtransport der palästinensischen Kämpfer aus West-Beirut begann; und einen Monat nachdem sie über die ganze arabische Welt zerstreut sind und Libanesen das Abschlachten der schutzlos Zurückgebliebenen übernommen haben, sieht ein erneuter Demonstrationsaufruf für den 25.9. die Lage so:

"Mit diesem geordneten Rückzug" - seit jeher die militärische Formel, um eine Niederlage als halben Sieg auszugeben! - "wurde eine Fortsetzung des Blutbads unter der Zivilbevölkerung und eine völlige Zerstörung der Stadt durch die Israelis abgewendet." - eine grausame Ironie: diese "Drecksarbeit" haben die jüdischen Kampftruppen ihren christlich-libanesischen Helfershelfern übertragen! "Dies ist nicht nur ein Sieg der Menschlichkeit, ein moralischer Sieg der palästinensischen Befreiungsorganisation" - die Selbstgerechtigkeit des Opfers ist noch allemal die billigste Dreingabe zur Niederlage! -, "sondern durchkreuzt auch die israelischen Kriegsziele. Es ist der PLO gelungen, den Fortbestand wichtiger militärischer Strukturen zu sichern." - als wäre es ganz belanglos, daß den "Strukturen", sogar den "militärischen", das nötige Personal von den Israelis weggeschossen oder per Deportation genommen wird. Mehr noch, recht betrachtet soll die Niederlage der PLO in Wahrheit ein Sieg gewesen sein: 'Ihre politischen Positionen sind heute weltweit so stark wie nie zuvor.'"

Das ist schon ein seltsames Bedürfnis: der Sache, mit der man sympathisiert, unausweichlichen Erfolg zu prognostizieren ausgerechnet, wo man eine ihr zugefügte Niederlage zum Anlaß nimmt, für sie öffentlich einzutreten! Will man sich dadurch selber Mut machen? Wohl kaum: Ein praktisches Anliegen der westdeutschen Linken, für das sie aus einem eingebildeten Erfolg der PLO eine ebenso eingebildete Hoffnung schöpfen könnte, gar ein zielbewußter Antiimperialismus, ist weder in den Aufrufen noch in den drumherum verfaßten Artikeln noch irgendwo auszumachen. Die Erwähnung einer vorgeblichen "palästinensischen Revolution" -

"Stillschweigende Duldung erfährt dieser Vernichtungsfeldzug durch verschiedene arabische Regimes, die damit hoffen, verhindern zu können, daß der Funke der palästinensischen Revolution auf ihre Länder überspringt." -

liegt von vomherein jenseits jeder, sei es auch falschen, Vorstellung irgendeines sachlichen Zusammenhangs zwischen Antiimperialismus und Revolution oder gar zwischen den Abwehrgefechten der Palastinenser und den Aufgaben einer linken Opposition hierrulande; wie aus Nostalgie wird die radikale Vokabel nur mehr aufgenommen, um die Sache in die Gefilde des arabischen Feudalismus zu verweisen. Der eigenen Obrigkeit kommt diese "Opposition" nicht mit einer Klarstellung und Kritik ihrer imperialistischen Interessen im Nahen Osten und ihrer zynischen Bequemlichkeit, was die Durchsetzung dieser Interessen durch Israel betrifft, sondern mit dem vernichtenden Vorwurf, sie richtete sich ja gar nicht nach großherzigen Sprüchen:

"Auch die Bundesregierung, die manchmal von Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes redet, ist durch ihre militärische, politische und wirtschaftliche Unterstützung Israels mit dafür verantwortlich, daß Israel diese Aggression weiterführen kann." - Sie wird wohl wissen, warum! Das interessiert eine westdeutsche Linke aber nicht, sondern folgendes Verbrechen: "So weigert sie sich selbst heute noch (!), die PLO als einzig legitime Vertretung des palästinensischen Volkes ancuerkennen."

Da wird ganz nebenher als stillschweigende Voraussetzung anerkannt, daß das exklusive Vertretungsrecht, das die PLO für sich beansprucht, nur so viel zählt, wie die imperialistischen Staaten, darunter die BRD, ihm aus ihren Kalkulationen heraus Anerkennung zollen - und gleichzeitig wird die Regierungskalkulation, daß eine solche Anerkennung die westdeutschen Interessen derzeit nicht fördern würde, als Unehrlichkeit gegeißelt, die noch dazu anachronistisch sei. Darauf will die neue westdeutsche Linke heutzutage also hinaus, wenn sie, ohne noch daran zu glauben, alte revisionistische Sprüche über die Unvermeidlichkeit und Siegessicherheit des revolutionären Fortschrittskampfes aufwärmt: sie will der eigenen Regierung die Realitätstüchtigkeit des bißchen Moralismus vorrechnen, zu der sie deren Außenpolitiker ermuntern möchte!

Anklang finden mit ihrer hslosen Kriegskritik: daran ist diesen Linken so sehr gelegen, daß sie selbst gleich die nationalistische Gretchenfrage jeder Israelschelte hierzulande stellt, noch ehe sie von den anderen Saubermännern der Republik, den philosemitischen Rechten, darauf festgenagelt werden:

"Darf man als Deutscher überhaupt Israel kritisieren?"

Eigentlich darf man nämlich nicht - so lautet der Beschluß der bundesdeutschen Nationalideologie, mit dem die Linke sich beflissen "auseinandersetzt". Weil der Vorgängerstaat der BRD einen Völkermord an den Juden begangen hat, deswegen soll ein braver Untertan der BRD den Staat Israel mit jeder Kritik verschonen - diese "Logik" leuchtet natürlich voll einer Linken ein, die Kritik nicht als Bloßstellung der tatsächlichen politischen Zwecke versteht und betreibt, sondern als eine Pflicht und als ein aus dem Pflichtbewußtsein erwachsendes Recht, auf alle Fälle also als Angelegenheit des eigenen guten Gewissens. Wenn man schon, statt zu sagen und zu begründen, was man von Israels Palästinenserschlächterei hält, eine fiktive moralische Konkurrenz gegen die israelische Regierung anzettelt, im Namen der eigenen moralischen Gutheit gegen die Selbstgerechtigkeit der von Begin und Sharon geführten und vertretenen Nation antritt, dann können die Zweifel an der unanfechtbaren Redlichkeit solchen Beginnens ja gar nicht ausbleiben. So wurde, kaum hatte die Linke pflichtschuldigst ihren Protest abgeliefert, von Dany Diner und Micha Brumlik in einer Zeitung mit dem interessanten Titel "Arbeiterkampf" die kämpferische Frage breitgetreten,

"inwieweit sich nicht auch unter Teilen der deutschen Linken bewußt oder unbewußt antisemitische Argumentationsmuster finden; Argumentationsmuster, die vor allem darauf zielen, die Kinder ehemaliger Täter gewissensmäßig zu entlasten."

Ja, das gibt schöne Debatten, wenn ein Moralist dem anderen mit dem finsteren Verdacht kommt, er wollte sich ja bloß, im Zweifelsfalle unbewußt, von Untaten freisprechen, die er zwar nicht begangen hat, seine Eltern ihm aber als spezielle deutsche Erbsünde mit in die Wiege gelegt haben. Und woher kommt der "jüdischen Gruppe" innerhalb der BRD-Linken, für die Brumlik da psychoanalysiert, besagter Verdacht?

"Das beste Beispiel, das mir dazu einfällt, ist das bekannte Plakat, auf dem Begin gleich groß neben Adolf Hitler abgebildet ist. Ein anderes Beispiel sind einfach Sprüche wie: 'Ihr seid ja auch nicht besser' oder 'Endlösung der Palästinenserfrage' usw."

Sicher, Begins eigene Sprüche - über die Notwendigkeit z.B., den Libanon "von Terroristen zu säubern", oder über Coventry, ausgerechnet!, und Dresden, deren Bombardierung den verantwortlichen Regierungen von ihren Völkern auch nicht übel angekreidet worden sei, weshalb das eigene ihn auch mit West-Beirut in Ruhe lassen solle - sind für die Bloßstellung der israelischen Schlächtermoral (die sich neben den Feindbildern eines korrekt erzogenen Bundeswehrsoldaten durchaus sehen lassen kann!) ein geeigneteres Material. Und das Verfahren, einen Greuel durch Gleichsetiung mit einem anderen, allgemein und offiziell verabscheuten Greuel zu "kritisieren", enthält immer das mißliche Vertrauen auf eine begriffslose Verurteilung und bietet mit jeder faktischen Differenz der verglichenen Heldentaten gleich einen Ansatzpunkt zur Verharmlosung und Entschuldigung. Bloß: Was soll an diesem Vergleich eigentlich "antisemitisch" sein? Läßt sich das denn wirklich nicht auseinanderhalten: den Staatsmann Begin als Kriegsherrn hinzustellen - oder einen "semitischen" Volkscharakter zu fingieren, der dem Juden Begin seine militanten Entschlüsse diktiert hätte? Und: Hat denn nicht die israelische Staatsgewalt selber ihre Kriegserklärung gegen Leute in die Tat umgesetzt, die sie selber zuvor zu Opfern gemacht, als Gegner definiert, zur Gegenwehr gezwungen und darüber erst zu einem "Volk" zusammengetrieben hat; eine Kriegserklärung, die auch dann auf einen Völkermord hinausläuft, wenn von dem für hinderlich erklärten Volk die Mehrheit überlebt? Muß denn ausgerechnet an dieser Stelle der Kritiker skrupulöser sein als die Praxis, die er anprangern will? r muß! so lautet der Beschluß der westdeutschen Linken, die sich so oder so den Verdacht auf finstere nationalistische Motive ihrer Kritik zu Herzen genommen hat. Zwar nicht immer und überall: Die Anführer des "realen Sozialismus" bei jeder Gelegenheit unter den Augenschein des Hitler-Stalin-Pakts zu subsumieren, hat noch keinem westdeutschen Linken außerhalb der DKP Gewissensschmerzen verursacht; und ob ein deutscher Undogmat sich mit seinem Abscheu vor der östlichen Unfreiheit nicht vielleicht bloß von der "Schuld" seiner Eltern an 20 Millionen toten Russen freisprechen will oder mit seinem Antikommunismus sein Gewissen von der Auslöschung der reichsdeutschen Kommunisten entlasten: Ein solcher Verdacht ist weder dem "Arbeiterkampf" noch der "taz"-Gemeinde je gekommen. In bezug auf Israel respektiert man aber die merkwürdige Logik:

"In Relation gesetzt zu Begriffen wie Vernichtung oder Völkermord, mit denen die Operationen der israelischen Armee im Libanon von der westdeutschen Linken benannt werden, nehmen diese in der Tat mörderischen Operationen sich eher niedlich und harmlos aus. ... Selbst wenn dieser Krieg 10.000 Zivilisten das Leben gekostet hat: Um solche Bagatellfälle in der deutschen Geschichte zu finden, muß man weit zurückgreifen in die Vergangenheit..." (W. Polest in der "Tageszeitung").

In dem Vorwurf "Völkermord", wenn die anderen Linken ihn denn schon bloß im Sinne eines selbstgerechten Moralismus verwenden, als linker Gegenkritiker gleich gar keinen Hinweis auf das politische Prinzip einer Massenschlächterei mehr auszumachen, sondern ein quantitatives Kriterium, nach dem dann auch das Ausmaß erlaubter Kritik sich zu richten hätte; aus dem Überblick über mörderische Großtaten, wie sie in der Staatenwelt üblich sind, kein Urteil über die bedingungslose Rücksichtslosigkeit nationaler Staatsgewalt herzukriegen, die den Anfall von Leichen nach Zweckmäßigkeit einrichtet, sondern einen Vergleich zu drechseln, der Israels Palästinenser-"Operation" als "Kavaliersdelikt" erscheinen läßt: das ist doch 'mal ein weltmännischer Standpunkt! Wer sich in solchen interessanten Vergleichen zu Haus fühlt, der ist der dummen und brutalen moralischen Unterscheidung zwischen "normalen" und anderen, besonders verwerflichen Kriegen - in deren Namen Westdeutschlands Linke sich überhaupt Kritik an Israel getraut haben! - natürlich lässig in umgekehrter Beweisabsicht mächtig:

"Dieser Krieg ist schrecklich - aber er ist nicht schrecklicher als andere Kriege, die von einer Armee geführt werden gegen einen Gegner der im klassischen Sinne einen 'irregulären' Krieg führt"

Der hat dann auch durchschaut, daß die linke Empörung über Israel, weil sie in der "Größenordnung" gar nicht stimmt, auch gar nicht auf Israel zielt, sondern auf die nationalistische Idiotie, die mit den Tagen der Entnazifizierung "Vergangenheitsbewältigung" heißt:

"Wenn sich auf der anderen Seite so viele Leute, die sich Linke nennen, so echauffieren," statt sich mit der Erinnerung an Auschwitz zu beruhigen, "dann habe ich den Eindruck, es geht gar nicht um die Palästinenser, sondern sie kämpfen selber auch einen Krieg: einen Krieg der Geister und Gespenster. ... ich habe die Vermutung, daß sie auf der Seite ihrer Eltern stehen. Ohne es zu wissen, indem sie die Schrecken des NS-Regimes und der Massenvernichtung der Juden dahingehend umzudeuten wünschen, daß es sich um einen ganz normalen Krieg gehandelt habe." - Der wohl irgendwie harmloser oder jedenfalls moralischer ist als der Nazi-Krieg gegen den selbsterklärten inneren Feind? Der vielleicht bessere Gründe auf seiner Seite hat als Hitlers russischer "Befreiungskrieg Großdeutschlands"? "Sie wünschen sozusagen, daß die nationalsozialistischen Vernichtungskriege ganz normale Kriege waren," - bei denen wohl nicht fremdländisches (und eigenes!) Menschenmaterial großindustriell und technisch perfekt vernichtet wird, bis die feindliche Staatsmacht kapltuliert?! - "und dabei möchten sie, daß der israelische Vernichtungsfeldzug gegen die PLO eigentlich ein Ausrottungskrieg im Sinne der Natio nalsozialisten wäre." - Wo die israelische Armee doch den Kunstgriff erfunden hat, die PLO zu vernichten, ohne ihre Basis kräftig auszurotten, oder wie?! Wie dem auch sei: "Das ist der Punkt." (D. Diner im "Arbeiterkampf")

So geht Verharmlosung des israelischen Kriegs durch das Verbot einer Verharmlosung des nationalsozialistischen Weltkriegs; und die so zur Ordnung gerufene Linke weist die ihr unterstellte oder zugemutete Vergleicherei weder zurück, noch führt sie den Vergleich korrekt durch, sondern sie ist moralisch tief beeindruckt!

"Problemlösungen von unten"

So tief ist sie beeindruckt, daß sie, was das Geschehen im Nahen Osten selbst betrifft, von antiimperialistischer Parteilichkeit gleich gar nichts mehr wissen will. Wenn sie sich überhaupt zu einer demonstrativen Kritik entschließt, dann achtet sie "vor allem" darauf,

"einen Ton zu finden, der es auch der jüdischen und israelischen Linken möglich macht, den Aufruf zu unterzeichnen." (Tageszeitung)

hat man denn nun eine Kritik anzumelden, der sich jeder Mensch mit Verstand, unabhängig von seiner Nationalität, anschließen kann, oder möchte man Behutsamkeit walten lassen, um einen leibhaftigen Israeli vorzeigen zu können, dem auch schon mal ein Einwand gegen seine Regierung gekommen ist? Offenbar letzteres; und das ist nicht nur die Konsequenz eines gouvernantenhaften Höflichkeitskodex, an den die Linke sich ausgerechnet in ihrem Protest gegen eine ansehnliche Menschenschlächterei zu halten beschlossen hat. Mit ihrer Achtsamkeit auf den rechten, nämlich auch innerisraelisch-national zulässigen Tonfall hat man sich auch prinzipiell für eine politische Sichtweise entschlossen, die der offiziellen des israelischen wie des gesamtwestlichen Imperialismus "alternativ" sehr nahe kommt: Die gesamte Region stelle ein Problem dar, das durch eine Neuregelung der Herrschaftsverteilung zu "lösen" sei. Und ehe die Linke auf dle Idee kommt, dle weltherrschaftlichen Interessen anzugreifen, die dort dafür sorgen, daß Menschen in ihrer Eigenschaft als Menschenmaterial staatlicher Gewalten andere abschlachten, möchte sie lieber mit dem Ideal der "Völkerverständigung" eine "Problemlösung von unten" in Angriff nehmen:

"Wenn die deutschen Linken etwas konkret tun können, dann ist es dies: kontinuierlich - und nicht nur aus so fürchterlichem Anlaß wie der Belagerung von Beirut - zu Begegnungen und Diskussionen zwischen Palästinensern und Israelis beizutragen, die in einer gegenseitigen Anerkennung einen Schritt auf dem Wege nicht nur zu kurzfristiger Ko-Existenz, sondern zu langfristigem Zusammenleben seben." (N. Kadritzke in der "Tageszeitung")

Solche Jugendaustauschprogramme sollte die Linke wirklich besser den professionellen diplomatischen Heuchlern überlassen, die damit ihre Jugend zu einem patriotischen Selbstbewußtsein anleiten und zu sonst gar nichts. Oder glaubt ein Linker inzwischen wirklich schon, daß Kriege geführt werden, weil die Untertanen der diversen Staatsgewalten die jeweiligen Ausländer zu wenig liebhaben?! - daß Ko-Existenz "von unten wächst", wie die Ideologen staatlich gesetzter Unterscheidungen zwischen In - und Ausländern es so gerne verkünden, weil sich so das Menschenmaterial herrlich bequem für alles verantwortlich machen läßt, was die nationale Obrigkeit mit ihm anstellt - ?! Ist man als bundesdeutscher Linker inzwischen schon so weit, daß man das Festhalten einer nationalen "Identität", diesen Inbegriff völkischer Untertanengesinnung - hie Israeli, da Palästinenser! -, überhaupt nicht mehr kritisiert, sondern als Grundlage für hoffnungsfrohe "Versöhnungsprogramme" begrüßt?! (Und solche Programme sollen dann besser geeignet sein "realistische Lösungen" "für die Lebenden" zu bewerkstelligen als "die Revolution" - unter der die Linke hierzulande sich sowieso nichts anderes mehr vorstellt als etwas, was ohnehin nicht geht!)

Bekenntnisse zum Deutschtum

Es ist tatsächlich so: Daß die "nationale Identität", die Einreihung des Menschen in "sein Volk" und dessen Geschichte so, als wäre kollektive Untertänigkeit seine erste Bestimmung und wichtigste Pflicht, eine imperialistische Zumutung ist, dieses Wissen hat sich unter Westdeutschlands Linken, wie es scheint, vollständig verflüchtigt. Gar zu gern lassen sie sich als Deutsche ansprechen, und zwar ausgerechnet im Hinblick auf einen Geschichtsabschnitt, der, wenn schon sonst nichts, einem Patrioten - und nicht einmal nur einem deutschen! - den Patriotismus, das liebevolle Bekenntnis zu dem kollektiven Monstrum, das noch jede politische Herrschaft aus ihren Untertanen schmiedet, abgewöhnen könnte. Gar zu interessant scheint es zu sein, eine geheime, mit der Muttermilch eingesogene völkische Solidarität mit "der Elterngeneration" als seelischen Abgrund in sich zu vermuten - so daß schon gleich bei der "Elterngeneration" zwischen Machern und Untertanen, zwischen Patrioten und Mitmachern gar nicht mehr unterschieden, geschweige denn ein Fehler bemerkt zu werden braucht, vor dem man selbst sich hüten sollte. Eine Linke, die sich früher einmal in eine zurechtidealisierte "Geschichte der Arbeiterbewegung" einreihen, später wenigstens noch die vorgestellte Tradition einer ziemlich "fundamentalen Opposition" fortführen wollte, läßt sich jetzt von ihren Wortführern, wie von unzufriedenen deutsch-nationalen Geschichtslehrern oder dem neuen Bundeskanzler Kohl, eine moralisch gefährliche "Geschichtsvergessenheit" vorhalten - und die angeblich vergessene, redlich anzueignende Geschichte ist die nicht endenwollende Scheiße, in die die Nation ihre Mitglieder hineinreitet:

"Wenn die deutsche (!!) Vergangenheit in der deutschen (!!) Seele nicht aufgearbeitet wird, dann wird jeder Konflikt, der dort stattfindet, wieder die Vergangenheit verlebendigen." (D. Diner im "Arbeiterkampf")

So landen linke Moralisten, nicht ohne Folgerichtigkeit, bei den auserlesenen Freuden einer "geschichtsbewußten" patriotischen Gewissenserforschung; und statt den Imperialismus der eigenen Nation und ihrer Verbündeten anzugreifen, pflegen sie ihr von eingebildeter Schuld belastetes deutsches Seelchen, als wäre ausgerechnet das der Nabel der bundesdeutschen Staatenwelt. Fast möchte man fragen, was ein Mensch, ein linker zumal, von solchen luxuriösen Räsonnements denn eigentlich hat - wäre die Antwort nicht so fatal klar und eindeutig: das gute Gewissen des Beichtkinds, das sich die leichte Mühsal auferlegt hat, an seinem patriotischen schlechten Geiwssen öffentlich herumzuleiden und henmzuproblematisieren. Moralische Methodiker sämtlicher Dummheiten der Vaterlandsliebe: So sehen heute, ganz auf der Höhe der Zeit, die "guten Menschen von links", die allerbesten "besseren Deutschen" aus.