ERSCHIESSEN STATT VERPRÜGELN - DER MORAL DER TRUPPE ZULIEBE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1988 erschienen.
Systematik: 

ERSCHIESSEN STATT VERPRÜGELN - DER MORAL DER TRUPPE ZULIEBE

Prügeln ist natürlich einerseits "besser als schießen". Die Opfer sind hinterher, wenn sie Glück haben, "nur" verkrüppelt, aber "immerhin" noch am Leben. Andererseits: Der Nahkontakt zum Feind setzt bei den israelischen Soldaten Gelüste frei, die für die telegenen Ambitionen des Generalstabs ein echtes Problem darstellen. Die demokratische Presse denkt da sorgenzerfurcht mit Israel:

"Das vergangene Wochenende hat in Cisjordanien und Gaza neun Todesopfer gefordert; es waren somit die blutigsten Tage in den elf Wochen seit Beginn der Unruhen... Mitte Januar, nach internationalen Protesten angesichts der vielen Todesopfer, die die israelischen Maßnahmen in den ersten sechs Wochen der Unruhen gefordert hatten, kündigte Verteidigungsminister Rabin an, daß die Lage in den besetzten Gebieten nun mittels Prügel unter Kontrolle gebracht werde. Das Ziel dieses Schritts war, weniger Blut zu vergießen - vielleicht weniger aus humanitärer Sorge um die Palästinenser, sondern um das Bild Israels weltweit wieder zu verbessern. Eine gewisse, zeitlich begrenzte Brutalisierung der Armee wurde dabei in Kauf genommen.

Doch die Rechnung ist nicht aufgegangen. Die palästinensische Bevölkerung ließ sich keineswegs innerst kurzer Zeit zur Ruhe bringen, und täglich wurden knüppelschwingende israelische Soldaten weltweit auf den Fernsehschirmen gezeigt. An Gewicht gewann dieser Eindruck noch durch häßliche Ausschreitungen, die das erwartete Maß der Brutalisierung um ein weites überschritten. Offensichtlich war der latente Haß vieler Soldaten gegen die palästinensische Bevölkerung weit unterschätzt worden. (General Mitzna sagte zum Beispiel, gewisse Gewaltakte seiner Soldaten hätte er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen können.) ... Die Blutbilanz vom Wochenende läßt nun vermuten, daß die Führung der israelischen Armee die Konsequenzen gezogen und Befehle erlassen hat, statt zu prügeln wieder vermehrt scharfe Munition einzusetzen. Eine solche Wendung ließe sich durch den Wunsch erklären, weiteren moralischen Schaden von der israelischen Armee abzuwenden." (Neue Zürcher Zeitung, 2.3.88)

Conclusio: Im Sinne einer freien Berichterstattung, die Israel nicht in der Nähe "menschenverachtender" Abschlachtungspraktiken ansiedeln möchte, liefert ein sauberer Blattschuß doch das akzeptablere Fernsehbild. Wie gut, daß "wir" aus Hitlers KZs gelernt haben, welche Verfahrensweisen gegenüber "Untermenschen" der Optik wegen besser zu unterlassen sind - und welche Tötungsmethoden als "saubere" das Abendessen vorm Bildschirm nicht vergällen!