ERNTEDANKFEST IN BREMEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Soziologentag
ERNTEDANKFEST IN BREMEN

"Es erhellt so, daß die Gemeinde an sich diesen Glaubensinhalt hervorbringt, daß nicht sozusagen durch die Bibel dies hervorgebracht wird, sondern durch die Gemeinde." (Hegel, Religionsphilosophie)

Mitte September unterbrachen über 2000 Soziologen ihre Semesterferien, um in Bremen ein vorgezogenes Erntedankfest zu feiern. Der öffentlich bekundete Dank und Stolz galt den Früchten der soziologischen Phantasie, die seit dem letzten Soziologentag üppig gereift waren. Die Einmütigkeit und gläubige Andacht, mit der sich vier Tage lang eine intellektuelle Gemeinde der Wichtigkeit ihrer gemeinsamen Sache versicherte und sich so im Glauben bestärkte, der beharrliche Wille, alles auf der Welt als Wirken des Sozialen zu bewundern, legt den Vergleich zu Kirchentagen nahe. Doch wollen wir den Brüdern und Schwestern in Christo nicht zu nahetreten. Ihre Entdeckungen vom Walten eines Höheren und Höchsten in den Dingen verfügen fast schon über ein gehobenes intellektuelles Niveau, verglichen mit jenem "sozialen Wesen", das Soziologen allenthalben als prima causa rerum beschwören.

Die Großkundgebung

in einem Bremer Konzertsaal diente der Demonstration, daß das soziologische Geschäft eine allenthalben nützliche Sache sei. Neu in Bremen war die Geradlinigkeit der Beweisführung, daß diese Nützlichkeit nicht an den Resultaten soziologischer Geistestätigkeit zu messen ist, sondern schlicht daran, daß es die Soziologie überhaupt gibt. Der vorab geäußerte Verdacht, in Bremen würde es zu einem Komplott zwischen Uni und Soziologenverband kommen, den Erwin K. Scheuch in der "Welt" loswerden durfte, ist allein der Geistesverfassung dieses soziologischen McCarthy geschuldet: Die Zunft ist sich längst einig darin, vom Dritten Weltkrieg bis zum Sonntagsausflug ins Grüne ein soziales Problem zu sehen, das es folglich nicht zu erklären, sondern unter einem mehr oder weniger originellen methodischen Ansatz "fruchtbar für soziologische Fragestellungen" zu machen gilt. Streitereien zwischen verschiedenen Schulen, die Soziologentage der sechziger Jahre belebten, gehören einer Vergangenheit an, die mittlerweile selbst Gegenstand soziologischer Untersuchungen ist.

Der Festredner der Großveranstaltung, der frisch preisgekrönte Jürgen Habermas, stellte Gemeindeinterna in den Mittelpunkt seines Vortrags und veranschaulichte damit, daß die Soziologenschar Subjekt und Adressat ihrer Beweihräucherung in einem ist - eben die Gemeinde, die ihren eigenen Geist produziert. Diesen rühmte er in Gestalt des verblichenen Talcott Parsons. Da angeblich kein Mensch im Saal seinen Nekrolog verstanden hat (an der Technik hat es nicht gelegen), geben wir ein wenig Originalton wieder und erlauben uns eine Übersetzung in Klartext als Kommentar.

"Parsons hinterläßt eine Theorie der Gesellschaft, die allen konkurrierenden Ansätzen, gemessen an Komplexität, durchgearbeiteter Systematik, Klarheit und methodischem Anschluß an die Theoriegeschichte überlegen ist."

Der verstorbene Zunftbruder hat dernzufolge eine Theorie des menschlichen Zusammenlebens (Die Gesellschaft, also nicht Kapitalismus, nicht Feudalismus, nicht Neandertal, sondern wo immer zwei im Namen des Sozialen irgendwie versammelt sind) hinterlassen, die den anderen auf dem Markt erhältlichen Versuchen dadurch überlegen ist, daß sie ein höheres Maß an Verwickeltheit und Klarheit (?) aufweist, weil der Autor sich bei ihrem Aufbau was ausgedacht und die Bücher, die vor den seinen erschienen sind, gründlich ausgeschlachtet hat.

"Diese Vorzüge empfehlen das Parsonsche Werk als einen exemplarischen Gegenstand, an dem sich die in der Theoriegeschichte wiederkehrenden Konstruktionsprobleme vorführen lassen."

Wie aus dem weiter oben gesagten bereits ersichtlich, soll man sich nicht deshalb mit Parsons befassen, weil er irgendeinen richtigen Satz hingeschrieben hat, sondern weil bei ihm der gesammelte Schwachsinn der Soziologie in komprimierter Form enthalten ist.

"Ich möchte die Inkonsistenzen zwischen Handlungs- und Systemtheorie weniger nach der einen oder anderen Seite hin auflösen als vielmehr radikalisieren..."

Als Soziologe denke ich natürlich nicht daran, die Unstimmigkeiten zwischen zwei konkurrierenden Theorien zu klären, vielmehr besteht meine persönliche Leistung darin, mit ihnen mein eigenes Systemchen auszuspinnen...

Die Gemeinde vernahm's ergriffen, und es war nur gerecht, daß die einzige Forderung, die der Soziologenverein aufstellte, darauf zielte, Habermas endlich die Gastprofessur in München zu verschaffen.

Die Komplexität soziologischer Kleinarbeit

wurde in den folgenden Tagen breit und bunt vorgestellt. Es ging zu wie auf einer Handwerksmesse für soziologische Kopfarbeit. Im folgenden stellen wir ein paar Glanzleistungen in rein zufälliger und unsystematischer Auswahl vor, um dem Leser Einblicke in die wissenschaftliche Werkstatt zu vermitteln.

Mr. Anthony Giddens aus Cambridge hatte einigen Raum überwunden und keine Zeit gescheut, um das Folgende zu berichten:

"(Er) unterstrich in seinem brillanten Vortrag 'Time and Space in Social Theory', daß soziale Systeme stets als Prozesse zu begreifen sind, da alles soziale Handeln sich in der Zeit vollziehe."

Wer wollte das bestreiten, daß die Uhr läuft, wenn gehandelt wird, noch dazu sozial?

"Soziologie könne sich daher nicht mit Momentaufnahmen des sozialen Geschehens begnügen..., sondern müsse vielmehr Theorien und Modelle entwickeln, die der geschichtlichen Dynamik sozialen Handelns gerecht werde, ohne diese allerdings wiederum auf mechanische oder evolutionäre Gesetzmäßigkeiten zu reduzieren." (Frankfurter Rundschau)

Extra übern Kanal gejettet, um mitzuteilen, daß ein "Geschehen", ein soziales zumal, dauert und nicht nur einen Moment steht, das wäre zu billig, weswegen Mr. Giddens noch eine Warnung hinterließ, deren Wirkung allein schon deshalb eine ungeheure ist, weil sich von ihr mit Recht niemand betroffen fühlen muß: Welcher Soziologe ließe sich denn nachsagen, er versündige sich gegen die "Komplexität sozialen Handelns", indem er es ausschließlich "mechanisch" oder "evolutionär" betrachte? Und was seine Gesetzmäßigkeit betrifft, so wird sie auch und gerade in der deutschen Soziologie ausschließlich auf das Grundgesetz reduziert.

Ein Herr Kleinspehn aus Göttingen hatte mit der aufdringlichen Penetranz seines Faches, die selbst den natürlichsten menschlichen Verrichtungen ihre Unschuld nimmt und sie als "sozial" entlarvt, im Essen und Trinken ein gefundenes Fressen für die soziologische Betrachtungsweise gefunden:

"Angesichts der zunehmenden Bevölkerungodichte und der damit verbundenen räumlichen und sozialen Abhängigkeiten der Menschen untereinander kann die Bedeutung von Essen und Trinken nicht allein im Rahmen des gesellschafttichen Reproduktionsprozesses verstanden, sondern muß auch im Zusammenhang eines Wandels der Affektstrukturen gesehen werden und erhält verstärkt eine symbotische Bedeutung im Prozeß interpsychischer Abhängigkeiten."

Die Vermehrung der Leute verdichtet für diesen Herrn vor allem die soziologische Theorie, für die Essen und Trinken nicht mehr Essen und Trinken ist weil Hunger und Durst und/oder schmeckt, sondern "Affektstruktur" und "Symbol". Spricht dieser Gedanke für eine wohl nur noch psychologisch zu erklärende Abhängigkeit des Soziologen vom Standpunkt seines Glaubens, so legt er ebenfalls Zeugnis ab von der praktischen Irrelevanz solchen Spekulierens: Munter und als ob er nichts gesagt haben wollte, verkehrte Herr Kleinspehn aus Göttingen während der Tagungspausen in Bremischen Gasthäusern, wie wenn es rein gar keinen "Wandel" gegeben hätte.

Der Festgottesdienst

fand in würdigem Rahmen statt, im Alten Rathaus, wo sonst der Senat seine Gäste bewirtet. Zelebrant des Abends war Norbert Elias (83). Dieser Mann hatte nicht nur seinen Urlaub, sondern auch ein Stück seines Lebensabends geopfert, um ganz ohne Honorar die Hommage an jenes allerhöchste Wesen zu erbringen, das die Soziologengemeinde ganz weltlich verehrt. So alt wie er muß man allerdings als Soziologe nicht werden, um folgendes Lob der öffentlichen Gewalt als Stifter privater Friedfertigkeit zu ersinnen; das bringen schon die jüngsten Eleven der Zunft im Proseminar. Dennoch war das Publikum sichtlich ergriffen, daß man auch in diesem gesegneten Alter eine so überaus originelle Antwort auf ein brennendes Problem der Jugend geben kann:

"Man stelle die Frage falsch, meinte der Redner, wenn man frage, wie es möglich ist, daß es Terroristen gebe." (Das hieße ja auch nach Gründen zu fragen, und dann gäbe es keine Soziologie mehr!) "Man müsse vielmehr fragen, wie es dazu komme, daß so viele Menschen relativ friedlich miteinander leben können." (Das ist doch einmal eine schöne Frage!) "Noch nie zuvor hätten so viele Menschen so friedlich gelebt wie in den großen Städten und Staaten unserer Tage." (Während das Mittelalter eine einzige Prügelei, selbst auf dem Lande!) "Das Primäre sei doch, daß Menschen, die auf andere wütend seien, sie schlagen oder ermorden. Wenn sich dennoch die Menschen dem zivilisatorischen Kanon fügen, so sei das durch die Organsationsform des Staates ermöglicht." (Genau: Treibendes Motiv der Soldaten zweier Weltkriege war die Wut auf andere und hätte der Staat dieses ihr "Primäres" nicht "kanonisiert", eine Ordnung in der kämpfenden Truppe wäre undenkbar gewesen!)

Versöhnlich der Schluß des Elias zur Lösung der Terroristenfrage:

"Nur wenn man diesen jungen Menschen Zukunftchancen und einen Sinn des Lebens eröffne, könne man dem Terrorsmus von heute den Boden entziehen." (Weserkurier)

Nur gut, daß der Staat "diesen jungen Menschen" in Stammheim und anderswo "Zukunftschancen und einen Sinn des Lebens" eröffnet und ihnen damit die Möglichkeit bietet, sich "dem zivilisatorischen Kanon" zu fügen. Damit ihre "Wut" etwas abkühlt, können sie zusätzlich bei Elias einen "Sinn des Lebens" nachlesen. Literaturangabe in den soziologischen Bestsellerlisten, von denen dieser Prophet den zu "komplexen" Habermas langsam aber sicher verdrängt.

Häretiker und schwarze Schafe

waren auf dem Bremer Soziologentag nicht vertreten. Hier war der Fortschritt der Disziplin so unübersehbar, daß selbst Meister Buschbeck von der "Süddeutschen Zeitung" nicht am sich halten konnte und mit süffisant geheuchelter Wehmut schrieb:

"Die abrupte Abkehr von den großen Theorien, von manch einem bereits mit Wehmut registriert, hat den einstigen marxistischen Furor sanft und emotionslos einschlafen lassen. Ein Hauch von Biedermeier überdeckt heute die Soziologieszene, der stille Winkel avanciert zum bevorzugten Forschungsobjekt."

Das ist natürlich feuilletonistischer Quatsch, denn selbst aus dem stillsten Forscherwinkel bricht in der Soziologie die "große Theorie" hervor, zwar nicht marxistisch, aber immerhin in Gestalt einer soziologischen Furie mit Sprüchen der folgenden Art:

"Mütterlichkeit ist also die Quadratur des Kreises, in der sich die individuelle Mutter in ihrer Beziehungsfähigkeit gegen das Prinzip Mütterlichkeit und damit das der Pflicht und Leistung setzt." (Soviel zum Thema "Maschinerie und Mütterlichkeit"!)

Unser Urteil

es habe sich bei der Veranstaltung um eine einzige geistige Katastrophe gehandelt, mußten wir allerdings angesichts des Diskussionsergebnisses der ad-hoc-Gruppe auf dem Soziologentag "Zum Stand der Katastrophensoziologie in der Bundesrepublik Deutschland" revidieren: Sie hat uns belehrt, daß auch Katastrophen letztlich nur soziales Handeln sind.