ERNSTER DENN JE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

Manöver 1983
ERNSTER DENN JE

Wo der Ernstfall als Manöver deklariert wird - US-Kriegsschiffe vor den Kriegsschauplätzen in Nahost und Mittelamerika - kann es nicht ausbleiben, daß auch im Manöver so scharf geschossen wird, daß es noch vor dem Ernstfall die ersten Opfer gibt.

Das vielgeschmähte Kriegsspielzeug erfüllt mit dem Schein von Schießen, Geländefahrten, Schlachten usw. seinen harmlosen Zweck. Die Kinder haben ihren Spaß. Bei den Kriegsspielen der Staaten liegt das ganze Problem genau darin, daß sie nur Simulationen sind: zwar mit dem handfesten Material an Mensch und Gerät, das zum Töten und Vernichten da ist, verunstaltet, aber eben doch immer ohne den wirklichen Feind, ohne den letzten Einsatz der Zerstörungsinstrumente, also ohne die kriegsentscheidende Rücksichtslosigtieit gegen Soldat und Zivilist, Freund und Feind.

Manöver, also "Handwerk", heißen diese Übungen schlicht, bei denen die Verwirklichung von Strategie und Taktik bis zur letzten, aber ohne die letzte Konsequenz geübt wird - mitten im Frieden, nicht nur bei den "traditionellen" Herbst- und Frühjahrsmanövern der NATO und nicht nur in Europa. Die feindlichen Angriffe und eigenen Verteidigungsoperationen, die da inszeniert werden, die Atomraketen, die zum Schein abgeschossen und in ihrer Wirkung kalkuliert werden, die Raketen, die wirklich abgefeuert werden, die fiktiven Leichen, die produziert, registriert und bestattet werden, all das dokumentiert, daß es immerhin der Krieg ist, den die militärischen und politischen Planungsstäbe üben. Und klar ist auch, gegen wen und wie sie den siegreichen Waffeneinsatz planen gegen Osten, weltweit und nicht bloß als Verteidigung gegen einen lokalen Angriff.

- Ebenso wie die NATO in der Ostsee spielen US-Verbände und japanische Truppen im Fernen Osten die Abriegelung der kriegswichtigen sowjetischen Flotten- und U-Boot-Wege durch, erkunden und testen gleichzeitig die Qualität sowjetischer Aufklärung und Abwehr. Dem erklärten Feind freilich ist die Bewertung solcher sehr ernsten Manöver als Ernstfall verboten. Da gilt ein planmäßig vom Kurs abgekommenes Flugzeug mitten über sowjetischem Hoheitsgebiet als "unglücklicher Zufall". Und die "mitten im Frieden ermordeten unschuldigen Zivilisten" bestätigen das Feindbild, mit dem die Notwendigkeit "realistischer, feindnaher Manöver" begründet wird.

Die Liste der westlichen Manöver ist stattlich, und die Übungen im zerstörerischen Machtgebrauch sind weit mehr als bloße Übungen - sie sind zugleich Machtdemonstrationen mit durchschlagender Wirkung.

- Amerikanische Flottenverbände üben die Blockade des Golfs von Nicaragua so lebensnah, daß sie sowjetische Frachtschiffe nach Nicaragua aufhalten, den Nachschub und die Versorgung behindern. Eine dem Westen gefällige Entscheidung in Nicaragua und El Salvador lassen sich die USA schon ein Dauermanöver in Honduras und Costa Rica kosten. Ein paar Tausend GI's, die mit honduranischen Truppen die "Verteidigung" des Landes üben, sorgen als wirkungsvolle "Abschreckung" dafür, daß die sandinistischen Milizen die Marodeure der Contra nicht dahin verfolgen, wo sie herkommen. Und im Schutz der "Schutzmacht" ziehen die von "Militärberatern" ausgebildeten und vom CIA ausgerüsteten Somozistas ins Feindesland, gegen das die "Manöver" erklärtermaßen gerichtet sind. Tote Nicaraguaner und die Zerstörungen in der Wirtschaft des Landes zählen also nicht als Manöverschäden.

- Im Mittelmeer wird die Schließung des dritten strategischen Nadelöhrs der Sowjetunion, der Dardanellen, geprobt. Vor der Küste des Libanon bomben amerikanische und französische Flottenverbände mit ihrer überlegenen Feuerkraft ganz generalstabsmäßig die Feinde eines westlichen Libanon an den Verhandlungstisch. Und ihre syrischen und sowjetischen "Hintermänner" werden mit der Kriegsgefahr zum Stillhalten erpreßt. Denn sie haben natürlich keine Berechtigung, auf eindeutige Kriegsmaßnahmen mit Gegenwehr zu reagieren: Expeditionscorps aus den USA und Frankreich in Beirut werden da zu wehrlosen, angeblichen Nichtkombattanten, die einem "heimtückischen Anschlag" zum Opfer fallen, wenn ihr Hauptquartier angegriffen wird.

- Und in der BRD, in der jedermann gerade über das Pro und Contra der beschlossenen Nachrüstung debattiert und mancher vor der immer bedrohlicher werdenden 'Kriegsgefahr' warnt, sind unbehelligt deutsche, britische, französische und amerikanische Truppen, Panzer, Flugzeuge, Raketen und Schiffe im vorgestellten Einsatz gegen 'die Roten'. Von der Beseitigung störender Leichen bis zum Schießen mit scharfer Munition über friedlich weiterwerkelnde Bevölkerung hinweg wird alles geprobt, was kriegs- und siegsnotwendig ist. Und wie man hört, wird auch für den Ersatzkrieg kein Aufwand gescheut: Die US-Army hat eine "neue Übungsmunition aus Plastik entwickelt, mit der das Schießtraining in dicht besiedelten Stationierungsgebieten, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland, intensiviert werden soll", damit die Soldaten wegen mangelnder Übung nicht das "Schießgefühl, die Gewöhnung an Schußgeräusche, Pulvergeruch und die Eigenarten der Waffe beim scharfen Schuß" verlieren. Erfahrungen, "die einen guten Soldaten ausmachen". Es scheint den Generälen fast schon leid zu tun, daß ihnen nur die zweitbeste Übungsmöglichkeit offensteht und nicht eine echte Feuerprobe am lebendigen Material!

Die Öffentlichkeit nimmt lebhaften Anteil - und sorgt so für die Öffentlichkeit des Soldatenhandwerks. Gelingen und Mißlingen der Übungen, die Moral der Truppe, die Anteilnahme der politischen Dienstherren vor Ort, solche Gesichtspunkte machen deutsche Journalisten kritisch oder froh. Pannen bei der Pershing-Erprobung, unplanmäßig ausgeklinkte Raketen, ein Flugzeugabsturz beim Schulfliegen, der eine brave Pfarrersfamilie das Leben kostet, ein Granatschuß zum falschen Zeitpunkt an den falschen Ort mit Opfern in den eigenen Reihen - da fragt man sich doch, ob Gerät und Mannschaft in Schuß sind und gegen den Richtigen reibungslos funktionieren. Waffenschauen und Manöver - aber immer, aber doch nicht mit Gefahren für die berufsmäßigen und freiwilligen Schaulustigen aus dem eigenen Lager. Politikerbesuche - natürlich, aber doch nicht dauernd und auf Kosten der täglichen Übung für den Ernstfall.

Daß das Mittelmeermanöver unter griechisch-türkischen Streitigkeiten leidet, das gehört sich gar nicht. Und daß die Amerikaner Massengräber ausheben, während hierzulande gerade mit der Verunmöglichung eines Atomkrieges durch Atomraketen für die Pershings Propaganda gemacht wird, das muß auch nicht gerade sein, meinen die feinfühligen Stilkritiker. Nicht, daß der Krieg mit allen Schikanen geprobt wird, regt im Stationierungsjahr '83 die Öffentlichkeit auf, sondern die für die Kriegsübungen "überflüssige" "Instinktlosigkeit", die dabei vorkommt. Das könnte die Moral der Zivilisten aufweichen und denen Auftrieb geben, die sich noch über die Vorbereitungen für einen Weltkrieg 3 aufregen.

Fragen des Takts, der Zielsicherheit, der präzisen Planung, der Güte des Geräts, der politischen Einigkeit des Westens - die Journalisten machen sich um die Wehrbereitschaft an der Heimatfront nach Kräften verdient. Die Bild-Zeitung gibt stellvertretend dem entsprechenden Geist der Völkerfreundschaft Ausdruck, der da nebenbei mitgedrillt wird: "Bei den US-Herbstmanövern in Hessen werden die 'Amis' mit Beifall von der deutschen Bevölkerung empfangen..., und die Soldaten, unter ihnen viele Farbige, revanchierten sich mit 'echten' Ami-Zigaretten und Kaugummi." Vor dem nächsten Krieg ist es fast schon wieder wie nach dem letzten. Mit solchen geistigen Manövern wird das Volk auf die brüderlichen Waffeneinsätze eingestimmt, für die die Manöver das notwendige Vorspiel sind.

CSU-Bundestagsabgeordneter Wittmann

Der erste deutsche (Vor-)Kriegsheld

Die Bundeswehrmacht veranstaltete am 3. Oktober bei Münsingen (Kreis Reutlingen) vor starker Zuschauerkulisse einen Waffentest. "Ich wollte allen Soldaten und Zivilisten ein gemeinsames Schießen der Brigade im scharfen Schuß vorführen, so etwas hatten die meisten Soldaten inoch nie gesehen." (Ein Bundeswehrsprecher) Gesehen hat es auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Wittmann - und war sichtlich beeindruckt:

"FRITZ WITTMANN, CSU-Bundestagsabgeordneter, ist voll des Lobes über die Münsinger Schießübung der Bundeswehr, bei der er in der vergangenen Woche durch eine zu früh abgefeuerte Sprenggranate ein Bein verloren hatte. Wittmann beteuerte vor Journalisten, die Anlage des Manövers, das zwei Tote und zwei Dutzend Verletzte gekostet hatte, sei 'bis ins fetzte ausgetüfteft' und die beteiligten Einheiten hervorragend ausgebildet gewesen. Er selber habe sein Verhältnis zur Bundeswehr in keinster Weise geändert, bleibe Reserveoffizier und werde an Übungen wieder teilnehmen 'sobald ich meine Prothese habe'. Die Bundeswehr solle sich auch nicht davon abbringen lassen, zu solchen Übungen mit scharfer Munition Zuschauer einzuladen." (Frankfurter Rundschau)

Der Mann muß es ja wissen! Er ist schließlich Politiker und Offizier zugleich. Daß er selber ein Opfer der gelungenen Gewaltdemonstration geworden ist und daß er diese nichtsdestotrotz gerade deswegen feiert, indem er sein abgeschossenes Bein zum Argument für das Kriegsgeschäft macht, zeigt, daß ihm der gewalttätige Inhalt seines Doppelberuf's zum allerpersönlichsten Anliegen geworden ist. Wenn dieser Volksvertreter mit seinem abgebrühten Fanatismus auch noch wirbt, indem er sich als soldatisches Vorbild präsentiert, dann zeigt das obendrein, wofür er und seinesgleichen das Volk gegenwärtig präparieren!