ENTLARVUNG EINES KANZLERKANDIDATEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
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Franz Josef Strauß
ENTLARVUNG EINES KANZLERKANDIDATEN

"Die Bundesrepublik steht an einem Scheideweg. Dreißig Jahre nach ihrer Gründung sind ihre Bürger in der Entscheidung gefordert, von der sich heute schon sagen läßt, daß sie sich als weitreichend herausstellen wird." (V/S. 171)

"Es geht um unser Leben. - Die Geschichte unser Häuser liegt 2000 Jahre zurück - zerdeppert sind sie in zwei Nächten." (A. Kluge, "Der Kandidat")

Solche düsteren Prognosen finden sich als Leitsätze in den Produkten kritischen deutschen Kulturschaffens, die derzeit als intellektueller Beitrag zum Bundestagswahlkampf den Markt des höheren Genusses überschwemmen. Der Anlaß, der deutschen Geist auf die Schreibtischbarrikade treibt, um von dort aus nationale Schicksalsparolen anzustimmen, ist "der Kandidat", der sich diesmal dem Kreuz des Wählers als Alternative staatlicher Machtausübung zur Disposition stellt. Das "neue Unheil", das Schriftsteller, Plakat- und Filmemacher - ganz vom Standpunkt der Nation aus - im Anspruch des F. J. Strauß auf den Kanzlerstuhl für die Stabilität der Demokratie gewahren, entlarvt zwar nichts an diesem Politiker, wohl aber einiges Selbstverständnis seiner intellektuellen Gegner: Mit der Prophezeihung nationalen Unglücks durch einen zum Kanzler unfähigen Politiker rufen sie sich als die in Erinnerung, auf deren besonderes Gespür es in Schicksalszeiten Deutschlands schon immer (nicht) ankam.

Die Kandidatur - ein Krisensymptom...

So sieht unter anderen der Marburger Linkspolitologe Kühnl mit der Kanzlerkandidatur von Strauß die Stunde gekommen, um mit gleich zwei handlichen Heftchen im Jackentaschenformat auf dem Buchmarkt Flagge zu zeigen. Wie es sich für einen ordentlichen Professor seiner Fachrichtung gehört, führt ihn die Diagnose "sehr schlimmer, in ihrer Reichweite nicht präzis angebbarer Folgen" für den Fall eines Machtantritts von Strauß zur besorgten Problematisierung des Gesundheitszustands unserer demokratischen Ordnung. Dabei findet er sich gleich eine Reihe von Krankheitssymptomen in Form einer "Bedingungskonstellation" zusammen, die es dem bösartigen Rechtsbazillus gestattet haben sollen, in den ansonsten so gesunden Körper einzudringen:

"Das Einschwenken beträchtlicher Teile der Wirtschaft und der potitisch-ideologischen Kräfte der Rechten auf die Linie von F. J. Strauß steht in Zusammenhang mit der ökonomischen Krise und Stagnation, die 1974 begann und deren Ende nicht abzusehen ist." (II/S. 8)

Fruchtbar ist dieser von Kühnl hergestellte "Zusammenhang" insofern, als damit gleich bewiesen ist, daß Strauß als typisches Krisenphänomen nichts gemein haben kann mit dem, was ein gut funktionierendes Staatswesen auszeichnet, wo Wirtschaft und Rechte ihren schwankungsfreien Platz haben. Kühnl beruft sich auf Strauß, der einst in Sonthofen laut Gedanken über die ziemlich aussichtslose Lage seines Haufens gegen die erfolgreichen Macher in Bonn äußerte ("Es muß wesentlich tiefer sinken, bis wir Aussicht haben,... gehört zu werden"), um darüber seinem theoretischen Ansatz einer nunmehr eingetretenen Systemschwäche, aufgrund derer er sich nur die demokratische Wahlalternative eines für demokratiefeindlich gehaltenen Kandidaten vorstellen mag, den nötigen Realitätsbezug zu verleihen. Auch die andere Bedingung, die Kühnl als Nährboden undemokratischer Rechtsblüten eruiert, gibt nicht ihm, sondern dem Strauß'schen Ärger recht, ausgerechnet gegen einen rundweg erfolgreichen Staatsführer als Kandidat antreten zu müssen:

"Ein großes Produktions- und Expansionspotential des bundesrepublikanischen Kapitalismus, das zu einer Führungsstellung in Westeuropa geführt hat - ökonomisch, militärisch und deshalb natürlich auch politisch." (I/S. 4)

Was - so- möchte man fragen - ist an einer Bundesrepublik, deren ökonomische Stärke sie inzwischen wieder tatkräftig auf dem Erdball bei der Eröffnung von Geschäften und Konflikten mitmischen läßt, kritikabel? Das Symptom eines Kanzlerkandidaten Strauß - meint der Professor: Wenn man nämlich davon ausgeht, daß dieser Politiker der personifizierte Anschlag auf alles Schöne, weil Demokratische an unserem Gemeinwesen ist, dann muß letzteres schon ganz schön geschwächt sein, damit sich ein solcher Systemfeind überhaupt als Kanzleraspirant aufspielen darf. Umgekehrt muß es Strauß als besondere Unverfrorenheit angerechnet werden, sich auch noch anzuschicken, die extra für ihn erfundene Krise im Bündnis mit den "rücksichtslosesten Wirtschafts- Finanz- und Militärkreisen mit allen innen- und außenpolitischen Konsequenzen" zu "lösen".

...und eine Chance

Die Krise, auf die der politologische Straußgegner ja schließlich erst gekommen ist, indem er seine Idealvorstellung von einer funktionierenden Staatsgewalt durch das Stauß'sche Programm einer

"qualitativen Veränderung des politischen Systems nach rechts in Richtung auf einen autoritaren Staat" brüskierte, will er nun auch in seinem Sinne als Chance genutzt wissen.

"Eine tiefere und länger andauernde Krise erschüttert bisher herrschende Orientierungen, veranlaßt viele, nach anderen, neuen Orientierungen zu suchen, setzt also Teile der Bevölkerung politisch in Bewegung. Die Frage (ist), in welcher Richtung die Alternative gesucht wird." (I/S. 17)

Das kritische Hirn des Professors beweist seine geniale Souveränität gegenüber allem, was sich auf der Welt abspielt. Nicht nur stürzt er die ganze oder zumindest "beträchtliche Teile" der Gesellschaft in eine "Perspektiv- und Orientierungslosigkeit", er bricht auch gleich einen alles entscheiden den Streit darüber vom Zaun, wer jetzt - Strauß oder "die fortschrittlichen Kräfte" -wen mit welcher Alternative ("Irrationalismus oder Rationalismus") zuerst vom krisenhaften Herumirren ab- und auf seinen Weg bringt. Strauß als Konkurrenz in Sachen Perspektivenhandel erhält so rum ungeahnte positive Qualität. Wie jedermann weiß, haben gegen einen Supermarkt viele kleine Tante Emmas keine Überlebenschance. Man muß sich nur die "fürchterlichen Folgen" ausmalen, und schon hat man, was die Stunde geschlagen hat: Gemeinsames Handeln in der Bewegung "Stoppt Strauß"! Während Kühnl keinerlei Verständis für die "inhomogenen demokratischen Potentiale" aufbringt, die entgegen seiner einmaligen Wettbewerbsbedingung des Zusammenschlusses weiter eigenbröteln, und ihnen mit dem Leibhaftigen Strauß droht -

"Es ist sehr zu hoffen, daß diejenigen, die solche Positionen vertreten, nicht eines Tages gemeinsam hinter Gefängnismauern diese Fragen 'ausdiskutieren' müssen wie es der zerstrittenen Linken nach 1933 in Deutschland, nach 1922 in..." (I/S. 21) -,

empfiehlt er in bezug auf die verängstigten Adressuten erstens Verständnis: es

"sind in besonders starkem Maße politische und ideologische Traditionen wirksam, die die rechtsgerichteten Kräfte begünstigen"

(womit auch gleich einer prophylaktischen Erklärung des eigenen Mißerfolgs genüge getan ist), und zweitens intensive Kundenwerbung.

Strauß - ein Widerspruch zur Realität

Kühnl geht dabei mit gutem Beispiel voran. Er beweist mit der aktualisierten Veröffentlichung eines von ihm erstellten Gerichtsgutachtens ("Die von Strauß repräsentierten politischen Kräfte und ihr Verhältnis zum Faschismus", mit dem er einen Richter schon 1971 zu dem entlarvenden Eingeständnis zwang, daß zwischen Strauß und Hitler keine vollständige Identität bestehe, nicht nur, daß sein Kampf gegen das Wiedererstehen der Rechtskräfte Tradition hat, sondern auch die Handlichkeit seiner Methode: Man entwerfe sich eine "Typologie des Faschismus", stelle dieser als moralische Norm den zutiefst demokratischen Sinn unseres Staatswesens gegenüber und Strauß mit seinem reichen Zitatenschatz dazwischen - und siehe da: Er schwankt und zwar in eine eindeutige Richtung. So wirft zum Beispiel die von Strauß vom Standpunkt der Gewalt geäußerte Hochachtung für die militärische Tugend der bedingungslosen Pflichterfüllung im Dienste nationaler Notwendigkeiten für den Professor ein Zuordnungsproblem auf, dessen Resultat schon feststeht:

"Ein solcher Militarismus verletzt nicht nur das im Grundgesetz gewährleistete Recht auf Kriegsdienstverweigerung, sondern erinnert sehr deutlich an die Reden faschistischer Führer." (II/S. 26)

Der an allen Betätigungsfeldern der Staatsgewalt geführte immer gleiche Beweis, daß das Programm des Kandidaten Strauß

"der mit dem Grundgesetz etablierten Verfassungsordnung... nicht entspricht"

und es somit

"in entscheidenden Fragen im Widerspruch zu den innergesellschaftlichen als auch vor allem zu den internationalen Realitäten an der Schwelle der 80er Jahre (steht)" (I/ S. 26) -

ist die in Intellektuellenmanier vorgetragene Zurschaustellung der Besorgnis und Verantwortungsbereitschaft für die von den Inhabern der Herrschaft geschaffenen "Realitäten".

Ein Charakterschwein wird entlarvt

Darin unterscheidet sich ein Kühnl in nichts vom Haufen der Intelligenzler, die, wie er, Strauß zum Anlaß nehmen, um sich zur Sprache zu bringen. Dabei versäumt es keiner von ihnen, zu betonen, daß er auf ganz anderem Niveau steht, als jenes

"breite Feld von Unpolitischen, von ängstlich gewordenen Kleinbürgern, von mit Minderwertigkeitskomplexen Behafteten und gegen die Demokratie Aufhetzbaren." (III/S. 13)

Die Pose des Wagemuts, die einem Mahner wie K. Hirsch in einer Umwelt von Eingeschüchterten und Desorientierten zufällt, finden die Vertreter des geistigen Lebens für sich so kleidsam, daß sie sich gleich alles Menschtum unter ihnen als ein

"Potential von Anfälligen, die sich der Gefahren für unsere Demokratie, in dem Augenblick, wo sie einem rechten Rattenfänger nachlaufen, gar nicht bewußt sind" (III/S. 14),

zurechtdefinieren. Mit der Distanzierung von bewußtlosen Ratten, die einem Radikalinski hinterherrennen (der verantwortliche Geister als Ratten zu beleidigen pflegt), weil sie sich laufend durch die

"vielen Gewänder und Larven, hinter denen er sich zu verbergen pflegt",

täuschen lassen, verschafft die schreibende Intelligenz nicht nur ihrem abgehobenen Selbstverständnis des Durchblickers den nötigen Respekt, sie erteilt sich zugleich den Auftrag zum Volksaufklärer.

Wo das Gefährliche an F. J. Strauß seine Versteckkünste sind -

"Nur auf diese Weise kann er überhaupt zu einer breiten Bewegung werden, denn natürlich besteht das deutsche Volk in seiner Mehrheit nicht aus Rechtsradikalen." (III/S. 13) -

da ist es geradezu eine moralische Verpflichtung, ihm dadurch die Maske vom Gesicht zu reißen, daß man Einblick in seinen Lebenslauf gewährt, der allein schon der eines ausgemachten Charakterschweins ist. Ob dabei beim Metzgersohn oder beim Kanzlerkandidaten als höchstem Stadium angefangen wird, ist egal. Der wahre Franz Josef, von dem sich bislang nur die geistige Elite eine Vorstellung machen konnte, steckt in beiden. Ohne einen B. Engelmann hätte man nie erfahren, daß Strauß, der sich

"vor Industriearbeitern gern als aus kleinen Verhältnissen stammend"

bezeichnet, in Wirklichkeit wegen des in Metzgereien üblichen Fleischvorrats

"den Hunger und das Elend allenfalls vom Hörensagen kennt".

Auch ist es eine grobe Verkürzung, wenn man den Anfang der zwielichtigen politischen Karriere von Strauß erst 1945 ansetzt, wo doch schon 1923 Heinrich Himmler nachweisbar Stammkunde in der elterlichen Metzgerei war. Umgekehrt muß man die "sprachlichen Entgleisungen" des heutigen Franz Josef im Zusammenhang mit seiner Musterschülerlaufbahn an einem "Elitegymnasium" sehen. Wie auch sein Opportunismus in Sachen vierter Partei erst Hand und Fuß erhält, wenn man weiß, daß sich Strauß schon 1943 mit erfrorenen Zehen vor Stalingrad gedrückt hat. Ganz zu schweigen davon, daß er es unter Adenauer nur deshalb so schnell zum Bundesminister für besondere Aufgaben bringen konnte, weil er bereits als 19jähriger Primaner süddeutscher Straßenmeister im Radfahren war, etc. Und während der Verfasser des 'Schwarzbuches!' nicht von seinem Faible ablassen will, weiter nach Hintergrundmaterial für den äußerst brisanten Nachweis zu fahnden, daß Strauß doch nicht nur aus Liebe zum Motorradfahren zu den Nazis gegangen ist, erfreuen sich auch die Affairen des Kandidaten wieder wachsender Beliebtheit. Angefangen von Vettern-Wirtschaft ('Onkel Aloys'/FIBAG ), über Korruption (Hauptstadtaffaire/Starfighter) und Amtsanmaßung (Spiegel). In ihnen kommt zwar absolut nichts Neues, aber mehr als genügend Material vor, um in staatsgeiler Saubermann-Manier Sprüche wie

"Das Vertrauen in die Demokratie aber lebt von der Vertrauenswurdigkeit derer, die sich als ihre Diener verstehen sollten." (V/S. 29)

loszuwerden und der unheimlichen Begeisterung für das Ideal ordentlicher Herrschaftsrepräsentation Ausdruck zu verleihen.

Vaterlandsverteidigung gegen ein Sicherheitsrisiko

Die Rolle des kompeten Schiedsrichters darüber, wer in unserem Staat das Sagen haben darf, hat es diesen Literaten so angetan, daß sie sich ein ums andere Mal in die Kulisse eines mit Strauß vom Untergang bedrohten Vaterlands versetzen, um allen Anfechtungen trotzend und mit dem ganzen Arsenal zum Geschäft der Macht gehöriger Ideologien bewaffnet den Kampf um dessen Rettung anzutreten. Nicht jeder von ihnen ist dabei in der glücklichen Lage wie B. Engelmann, auf eine namentliche Erwähnung im bayerischen Verfassungsschutzbericht verweisen zu können und so sein Buch als den riskanten und selbstvergessenen Einsatz für das bedrohte "Schicksal von 60 Millionen Menschen" zum Ladenknüller zu machen. Aber noch jeder legt Wert auf das kritische Image, angesichts eines Unionskanzlerkandidaten Strauß -

"Nicht wir sind gegen Strauß, er ist gepen uns" -

einfach nicht länger schweigen zu können und zu dürfen.

Unter dem Druck dieser besonderen Verantwortung zwingen sich die letzten Vertreter eines

"friedlichen, geordneten, sauberen und ein Höchstmaß an Liberalität garantierenden Staatswesens"

zur abermaligen

"minutiösen Beschreibung Strauß'scher Affairen"

um gerade unbedarften Jungwählerseelen den rechten Weg in Richtung Schmidt zu weisen, der schließlich kein Strauß ist. Eine entsprechende Kommentierung ist zu diesem ernsten Zweck unerläßlich:

"Zusammenfassend ist festzustellen, daß der damalige Bundesminister der Verteidigung, Strauß, durch Vergabe des bis dahin größten Rüstungsauftrags an eine dafür absolut ungeeignete Firma... die Kampfkraft und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr stark beeinträchtigte, ihren Aufbau um mindestens drei, wahrscheinlich sogar fünf Jahre verzögerte." (IV/S. 65)

Jedem und gerade dem Jungwähler muß hier schlagend einleuchten, daß ein Mann, der einem - wenn's drauf ankommt - nicht einmal garantieren kann, daß man auch auf neuartigen und voll funktionsfähigen Panzern in den Krieg geschickt wird, als Kanzler absolut unerträglich ist. Ein echtes Sicherheitsrisiko, dieser Strauß! Was sich im übrigen auch 1962 an der Kubakrise schon zeigte: Nicht nur hatte es Strauß schon vor "jener kritischen Nacht" verstanden, mittels der Einkäufe untauglicher Kriegsgeräte (Starfighter!) die Vernichtungskapazität des deutschen Heeres mutwillig zu schwächen; er drückte sich auch im entscheidenden Moment, wo das ganze Volk nichts mehr als einen tatkräftigen Oberbefehlshaber gebraucht hätte, vor dieser schweren Verantwortung und schlief seinen Vollrausch im Gebüsch des Schloßparks von Bühl aus:

"Er sollte dann nur nicht von sich behaupten, der beste Krisenmanager zu sein, der sich finden ließe; er sollte nicht den starken Mann markieren, dessen eiserne Nerven ihn befähigen, jede Lage zu meistern." (IV/S. 146)

Faszination vor einem Kung Fu der Politik

Berufene Vertreter des Zeitgeists haben es mit der kritischen Gebärde der Entlarvung eines Strauß, mit der sie ihm die Befähigung zum Politiker absprechen, offenbar auf nichts mehr abgesehen, als ihre Vorstellung von den besonderen Qualitäten eines wirklichen "starken Mannes" - und den gibt's ja bekanntlich schon! - unter die Leute zu bringen. Wenn erst einmal der vertrauenswürdige Kanzler im Amt bestätigt worden ist, kann man sich - im stolzen Bewußtsein der eigenen Verantwortung und Selbständigkeit, die einen zu den eigenen unbedingten Zweifeln an der Befähigung Straußens veranlaßte - auch wieder zu den bedingten Bedenken gegen Schmidt bekennen, an dem einem freien Geist noch nie alles gefallen hat. Bleibt bloß noch die Frage, wie es ein Roßtäuscher, dem offensichtlich alles zum Profil eines Kanzlers fehlt, trotz aller Warnungen von kpmpetenter Intellektuellen seite dennoch geschafft hat, sich zum Kandidaten auf dieses Amt vorzurangeln. So einer muß schon, meint der Bodenseeliteraturpreisträger M. Bosch, über einen ganz abgefeimten Charakter verfügen, dem man einen heimlichen Respekt nicht versagen kann:

"Mit einer nahezu perfekten Anpassungsbereitschaft und Instinkten, auf die richtigen Pferde zu setzen, hat dieser Mann nicht nur alle Krisen und Affairen nahezu unbeschadet überstanden - diese nehmen sich im Rückblick fast als Beiträge zu seiner Popularität und Unaufhaltsamkeit aus." (V/S. 30)

Da es beim aufhaltsamen Aufstieg dieses zweiten Arturo Ui mit demokratisch sauberen Dingen nicht zugegangen sein kann, müssen schon Wesenszüge am Werk sein, die ihn zum einen erneut disqualifizieren, zum anderen aber auch Grund genug sind, sich von dieser

"zweifellos gerissensten und agilsten Politikerpersönlichkeit der Westdeutschen Nachkriegsgeschichte"

faszinieren zu lassen. Strauß wird entweder zur politischen Stilfrage, die seiner Karriere als einer langen Stufenleiten von Rücksichtslosigkeit, Intrigen, Lügen und Verteufelung moralisierend die Echtheit bestreitet -

"Es gebricht ihm offenkundigsten all jener Fähigkeiten, die man gerade vor dem Hintergrund des demokratischen Nachholbedarfs der Deutschen erwarten müßte, jene auch in Stilfragen unabdingbare Integrität und Untadeligkeit" (V/ S. 29) -

oder zum Lustobjekt einer sich in psychologisierenden Plattitüden gefallenden Betrachtungsweise gemacht, die vor keinem Stilbruch bei der dichterischen Ausmalung dieses Negativs der eigenen Demokratieideale zurückschreckt:

"Von der demagogischen Furie gepeitscht, reißt sich Strauß in solchen Situationen selber mit und wird zu einem Kung Fu der Politik." (V/S. 31)

Was treibt einen Strauß an? Was Strauß tagtäglich treibt, was er den Leuten unmißverständlich als ihre Konsequenzen für ein starkes Deutschland erzählt, ist absolut vordergründig, wenn man dahinter nach der peitschenden Furie mit dem faschistischen Karateschlag forscht. Geistesgrößen machen sich ihre Anti-Strauß-Haltung zur Grundlage, um sich über das luxuriöse Problem, ob nicht alles an diesem Mann

"weniger bewußtes Verhalten als Eigenschaft"

sei, einen wissenschaftlich aufgespreizten Zugang zur "schillernden Persönlichkeit" des Kandidaten zu verschaffen.

Der Kandidat als Kunstobjekt

Kein Wunder also, daß Strauß auch als Kunstobjekt kritische Liebhaber fand. Führende Kulturschaffende machten in der Anti-Strauß-Szene mit dem Gedanken Furore, daß eine wirkliche Entlarvung des Kandidaten nur durch seine künstlerische Verfremdung zu schaffen sei. Erst wenn man Strauß als Romanhelden mit dem geänderten Namen "Franz Xaver Triumphator" in der fiktiven Welt eines "Maßbieriens" zum Handeln bringt oder ihn in einem "Pflichtfilm" "jenseits der augenfälligen Mitteilungen in der Verschleierung, in Andeutungen, in einem sozusagen unterschwelligen Überbau" anbietet, erschließt sich die ganze Vielschichtigkeit dieses Politikerwesens:

"Er wird zum Schauspieler eines Kraftmenschen im aussichtslosen Versuch, den Stillstand zu dramatisieren. Seine fadenscheinige, unglaubhafte Chance ist die Leere, die er sich und uns nicht gewünscht hat." (Spiegel)

In der Welt der Kunst hat eben nichts mehr einen Grund, sondern noch jede Aktion des Kanzlerkandidaten ihren tieferen Sinn. Kein Einzug in eine Wahlversammlung, wo der triumphale Empfang durch die Massen nicht eigentlich Zeichen für "Alptraum"; keine Rede, in der Strauß - wurscht, was er sagt - nicht eine "Botschaft" von sich selbst verkündet -

"Der Kandidat strengt sich an, er ist kein Wolf, er ist kein Nationalsozialist. Er ringt mit seinem Bild. Das hält ihn in Atem." (Zeit) -;

keine Tat aus dem reichhaltigen Politikerleben, die nicht der assoziativen Deutung bedürfte:

"Die vierte Partei war ihm nicht Taktik, sondern (mindestens unbewußt) ein grotesk tragischer Traum." (Spiegel)

In der Entdeckung des Franz Josef als Leinwandhelden dokumentiert sich die Souveränität gegenüber der Person der Kritik in ihrer Reinform. Gleich vier Filmemacher nutzen ihr anerkanntes Image als Straußgegner (so mußte Schlöndorff seinen Oscar für Deutschland ohne die Strauß'sche Gratulation nach Hause tragen) und die Gunst der Zeit, um ihre Weltsicht am Material des Kandidaten in einem gleichnamigen Werk auszutoben. Was dabei herauskommt ist kraftvolles Intellektuellenfutter. Noch jeder, der auf sich hält, weiß an der kunstvollen Verschlüsselung der Politikerfigur hochzuhalten, daß damit die besondere Strauß'sche Qualität einer "Denkaufgabe" grandios herausgearbeitet sei. Und die geistige Elite der Nation gerät über den "Mythos" eines zum Rätsel seiner selbst vermanschten Strauß ins von allen lästigen Bindungen ans Reale freie interpretatorische Schwadronieren ("nicht Strauß ist an der Entleerung der Politik schuld, eher die Leere an Strauß."). Und in jeder Verrücktheit am Wunschgegner Strauß bestätigt sie sich selbst die Extraordinarität ihrer Existenz. Darin haben alle intellektuellen Beiträge zum Wahlkampf ihren Zweck. Ein Helmut Schmidt braucht in ihnen schon deshalb nicht vorzukommen, weil er ohnehin überall als der vorkommt, der die Gewalt hat, auf deren Grundlage und für die deutsche Kulturerzeuger sich die vorgestellte Störung ihres unkritischen Einvernehmens mit dem "Modell Deutschland" als eine Bedrohung der Demokratie ausdenken. Wie drückt es doch einer ihres Stands so treffend aus:

"Auch kritische Intellektuelle sind identisch mit ihrem Land, wenn auch auf eine oft schmerzliche, aber desto bestimmtere Art." (V/S. 55)

Das wollten sie nur wieder einmal gesagt haben.

Nachweis der Zitate:

I. Reinhard Kühnl, Konzeption und Funktion des F. J. Strauß.

II. Reinhard Kühnl, Die von F. J. Strauß repräsentierten politischen Kräfte und ihr Verhältnis zum Faschismus.

III. Kurt Hirsch, Die heimatlose Rechte, die Konservativen und F. J. Strauß

IV. Bernt Engelmann, Das neue Schwarzbuch, F. J. Strauß.

V. Manfred Bosch, Der Kandidat F. J. Strauß.