ENTLARVT UND AN DEN PRANGER GESTELLT DURCH DEN IDEELLEN GESAMTSPRACHWART DER DEUTSCHEN NATION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1984 erschienen.

Heinrich Böll, Bild, Bonn, Boenisch
ENTLARVT UND AN DEN PRANGER GESTELLT DURCH DEN IDEELLEN GESAMTSPRACHWART DER DEUTSCHEN NATION

Heinrich Böll hat einen Skandal ausgemacht, der keiner geworden ist: Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Boenisch als Regierungssprecher. Kein Skandal wäre es für Böll gewesen, wenn Boenisch und "Bild" weiter gemeinsam gehetzt hätten; der Skandal ist auch nicht die Regierungspolitik, die Boenisch jetzt vertritt, auch nicht, wie er das macht, sondern ausschließlich, daß r es tut.

Aus Bestürzung darüber hat Böll 200 alte "BamS"-Kolumnen durchgefleddert und daran bemerkenswert wenig festgestellt. Wenig, weil Böll, Superdemokrat, der er ist, Boenisch dessen politischen Standpunkt gleich rundum als dessen gutes Recht zugesteht und sich ausschließlich auf 'unsaubere Durchführung' verlegt. Parteienkonkurrenz, Politikerverehrung und -verunglimpfung, Opposition und Stimmungsmache, eben Meinungspluralismus, all das ist Böll heilig. Meint er doch gerade, diese feinen Institutionen gegen Benützer von der Art Boenischs verteidigen zu müssen.

"Primitiv-Bonmotismus in Meinungsmulm gehüllt... Boenischs demagogische Taktik bestand darin, nur seine Meinung zu sagen, immer so, daß man dahinter Tatsachen wittern konnte, die er nicht beweisen mußte..."

Als ob in der gesamten Öffentlichkeit jemals etwas anderes verbreitet würde als Meinungen, als die Subsumtion der Vorkommnisse unter die Maßstäbe und Ideale demokratischen Regierens, als ob sich "Zeit" oder "Süddeutsche" von "Bild" ausgerechnet durch beglaubigte Tatsachen unterscheiden ließen, pflegt Böll das hohe Ethos der ehrbaren Presse. Ob "seriöser Journalismus" die Brandt/Bahrsche Ostpolitik damals als Verrat an der Nation angiftete oder Boenisch dasselbe Urteil für seine Klientel mit Bahrs jüdischer Herkunft illustrierte - Böll will da gewaltige Unterschiede sehen. Boenisch hat bei BamS nichts anderes betrieben, als dem gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes die staatszersetzende Wühlarbeit der Linken, Ausländer, SPD, Gewerkschaften und anderer sittenwidriger Subjekte nebst ihren positiven Gegenstücken in Politik und Alltag vorzuführen. Wo aber eine SPD-sympathisierende Moralwachtel einen Könner in Sachen faschistischer Moral sezieren will, kommt etwas anderes heraus: Dem Mann fehlt das "Niveau", nämlich der politische Geschmack von Böll. Boenischs Methoden beherrscht Böll nämlich ebensogut. Boenischs Argumente unter der Gürtellinie mißfallen ihm dermaßen, daß er sie postwendend umkehrt:

"...daß er sich für den hübschesten aller Schreiber hält (Mein Gott, hat der Sorgen!)..." "Kein Intellektueller..."

Und die Untersuchung der Politik nach anständigen und verkommenen Subjekten ist schließlich Bölls ureigenes Steckenpferd. Was hat diese primitive Type im Kanzleramt verloren?

Was hat sie da wohl verloren? Daß gerade ein BamS-Kolumnist ganz ausgezeichnet zur geistig-moralischen Wende paßt und im Unterschied zum früheren amtlich-diplomatischen Habitus dem immer anspruchsvolleren deutschen Nationalismus auch schon mal mit Motten Hetzreden Ausdruck verleiht, dieser einfache Gedanke wäre Böll wahrscheinlich zu niveaulos. Er verlegt sich lieber auf dunkle Verschwörungstheorien.

"Bild regiert jetzt mit." "Weiß denn der Bundeskanzler immer noch nicht, wen er sich da angelacht hat..." "Ich wage sogar zu bezweifeln, daß er hinter der Regierung steht..."

Und der schlimme Strauß steht schon wieder als Drahtzieher im Hintergrund ohne ein einziges Argument, was denn Strauß ganz anders machen würde als Kohl, was Kohl ganz anderes meint als Boenisch. Es dräut Gefahr. Bei soviel umständlicher Unkerei ist der Verdacht nicht zu vermeiden, daß sich Böll sauwohl fühlt in dieser Republik. So wohl, daß ihn nicht mehr quält, als daß deren ehrwürdige Politik heutzutage durch das Organ eines ehemaligen Bildmachers hindurch muß. Logischerweise bleibt auch nur ein Opfer übrig: die deutsche Sprache. Nach Böll verlangt sie neuerdings, daß nur sittlich astreine Gedanken, Demokratieideale seines Zuschnitts in ihr gesagt werden.

Weil Böll sich mitten in seinem Buch beklagt, es sei ihm nicht gelungen, Boenischs Weltbild zu fassen zu bekommen, und weil ihm seine standesbewußten intellektuellen Rezensenten ausgerechnet darin beipflichten, Boenischs schriftstellerische Hauptsünde sei "griffige Schwammigkeit" (Frankfurter Rundschau), er sei "weder ein politischer Kopf noch ein begabter Schreiber" (Frankfurter Allgemeine), eine kleine Richtigstellung. Boenisch hat bzw. bekräftigte ein Weltbild, ein äußerst präzises und schlagfertiges. Eine solche moralische Unterweisung der Massen gelingt nur einem eminent politischen Kopf und einem für diesen Zweck eben auch begabten Schreiber.

"Wenn die Massen positiv zur staatlichen Gewalt stehen und zugleich unzufrieden mit der praktizierten Politik sind, dann liegen sie richtig. Die Aufgabe der Massenblätter besteht darin, ihnen die Schuldigen zu nennen... Die Entlarvung dieses Gesindels fordert geradezu den Trost heraus, den wertvolle Bürger verkörpern - die es eben auch überall gibt. Die Moral dieser politischen Berichterstattung läuft darauf hinaus, daß jeder anständige Bürger noch anständiger bleibt, mit dem Staat zufriedener und seinen Schädlingen und Schmarotzern gegenüber unversöhnlich..." (Marxistische Gruppe, Der bürgerliche Staat, Paragr. 10, Reihe Resultate Bd. 3).