EINE ZENSUR FINDET NICHT STATT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1985 erschienen.

In Freiheit gleichgeschaltet
EINE ZENSUR FINDET NICHT STATT

Gut erzogene Demokraten stellen dem System, in das es sie verschlagen hat, immer wieder gerne ein kleines Kompliment aus. Sie bilden sich die Furcht vor Zuständen ein, in denen Nachrichten unterdrückt oder ausgerichtet werden. Damit leisten sie sich freilich nur eine lächerliche Untertanenpose. Wer nämlich den Anspruch aufs Bescheidwissen und Prüfen der Weltenläufte ernst meint, braucht sich vor Manipulation und Einheitspropaganda nicht zu ängstigen - er würde ja ohnehin nicht darauf reinfallen. Versorgt mit Erfahrungen und einem Kopf, würde er sich schon seinen Reim auf die Welt machen, so daß er auch die Absichten der Manipulateure durchschauen könnte.

Wer allerdings daran gewöhnt ist, die Bildung seiner eigenen Meinung nach Kräften an jenen Angeboten zu orientieren, die berufsmäßige Meinungsbildner in die Zirkulation werfen, dem ist nicht zu helfen. Er hat nämlich sehr viel übrig für die tägliche Anleitung durch die Zeitung und das Fernsehen, die er aus einem höchst formalen Grund für einen Dienst an seiner Freiheit hält. Es gibt sie, und die Auswahl bleibt den zahlenden Kunden überlassen. Diese hartgesottenen Zeitgenossen genießen denn auch auf nüchternen Magen ihr Leib- und Magenblatt. So wissen sie dann ganz genau, wie (un-)zufrieden den jüngsten Meinungsumfragen zufolge das Volk mit der Regierung ist. Und umgekehrt, was aus der letzten Äußerung des Kanzlers hervorgeht, die korrekt zitiert und dann im Radio stündlich wiederholt wird, bis sie die erste Meldung der Tagesschau abgibt.

Nachrichten-Technik

Diejenigen, die sich berufsmäßig der Versorgung ihrer Mitbürger mit Nachrichten widmen, haben sich irgendwann einmal gleich dafür entschieden, ihre Aufgabe als Anleitung zur Meinungsbildung wahrzunehmen. Die Verbreitung von Mitteilungen, die schlicht Geschehenes vermelden, kommt zwar vor. Was da aber in Umlauf kommt, ist außer bei Verkehrsberichten alles andere als der "Rohstoff" für Urteile. Ein Halbfabrikat soll es schon sein, und in den meisten Fällen gehen schon hübsch verpackte Fertigprodukte auf den Markt. Das ist auch gar nicht verwunderlich. Denn auf eine Liste von Wörtern, die Fakten bezeichnen, verfällt kein normaler Mensch, der es zur Fertigkeit gebracht hat, ganze Sätze zu bilden. Insofern diese Gebilde schon der Form nach auf Urteile zielen, ist das Ideal von Objektivität, welches Fakten und nichts als Fakten dargeboten haben will, von vorneherein lächerlich. Es gehört zu Recht in die Problemkiste jener Theoretiker des Journalismus, die sich fragen, wie sie am besten die Betreuung des Publikums vomehmen sollten. Die kindische Frage, ob die Meldung "Kohl trinkt mit Terroristen pfälzischen Wein" sauberen Joumalismus darstellt, wenn der gute Mann gerade in Washington an amerikanischen Ehrenkompanien vorbeiläuft, ist also gleichgültig. Wer nach Objektivität fragt, sollte sich schon wegen der Nachrichtenmoral, die er damit bequatscht haben möchte, nach dem Begriff der Sache erkundigen, der jeweils vermittelt wird.

Sicher sind Nachrichten keine Wissenschaft. Gerade deswegen geraten sie aber auch so penetrant, wenn sie als fix und fertiges Verständnis von der und für die vermeldete Angelegenheit daherkommen. Die monatlich frisch nachgezählten Arbeitslosen erscheinen in den freien Medien ja durchaus als Subjekt von Urteilen, das sich "Arbeitslosigkeit" nennt und Gründe wie "Struktur", "Saison" und "Region" verpaßt kriegt. Dasselbe Subjekt erhält auch ein ums andere Mal das ehrenvolle Prädikat "des Kanzlers größte Sorge" - und zwar aus dem Munde des Regierungschefs selbst. Nachrichten? Das Mittel, um besagtes Subjekt aus der Welt zu schaffen - was als Zweck der gesamten Nation nachrichtenübermittelt wird -, wird als "Aufschwung" erschlossen. Und der ist enorm und stiftet Optimismus. Dies Urteil wiederum vom Kanzler. Nachrichten? "Rüstung", ein anderes logisches Subjekt höchsten Informationswerts im freien Meinungskampf, verfügt schon per Vor- und Nachsilbenkunst über dermaßen viele Gründe, daß einem informierten Bürger die Bildung eines "eigenen" Urteils allein durch seinen Wortschaftz erspart bleibt. "Auf-", "Ab-", "Nach-", "Vor-", "Über-", "Hoch-" konkurrieren mit "-swettlauf", "-swahnsinn", "-skontrolle".

Nachrichten oder "Increase your word power!" oder was? Der "Streß" kann als Subjekt zunehmen und die Volksgesundheit einer ganzen Generation in Frage stellen, wenn die Regierung die Krankheitskosten - nein, nicht "dämpft", sondern "dämpfen muß"! Notwendigkeit, eine Kategorie, die wahrlich nichts mit beobachteten und weitererzählten Fakten zu tun hat, beherrscht das Nachrichtenwesen Tag und Nacht: Und meist künden von ihr und vom (Un-)Möglichen die maßgeblichen Politiker, weil sie gerade "Arbeitsplätze", die "Umwelt", "Europa" oder "unsere Sicherheit" retten.

Die Logik der Betreuung

Was sich so schiebt im Lande, zwischen Staat und Bürger, Unternehmern und Gewerkschaften, Mann und Frau, Schule und Kind - nichts von alledem wird objektiv berichtet. Ebensowenig wie von den internationalen Affären, die der Journalistenzunft das Äußerste an dem ihr eigentümlichen "Urteils-"Vermögen abverlangen.

Dank ihrer Begabung, von der niemand so recht weiß, ob sie Anlage oder Umweltprodukt ist, schaffen es die Volksbeauftragten der Meinungsbildung jedoch. Wie in einem täglich fortgesetzten Gerichtsprozeß gelangen sie zu ihren Urteilen, die als Meinung aller die Runde machcn sollen. Als hätten sie die maßgeblichen Personen in Staat und Wirtschaft vor dem Rest der Welt zu verteidigen, trennen sie deren gesamtes Tun in Absicht und Handlung. Die Absichten lassen sie, da ohnehin eine naturgemäß subjektive Sache, von den Hauptakteuren der nationalen Angelegenheiten selbst definieren. Ergebnis: gut und ehrenwert, wie die Titel der offiziellen Sorgen bezeugen. Die Taten messen sie einerseits an diesen Absichten, wodurch auch sie in Ordnung gehen. Andererseits aber konfrontiert ein Meinungsbildner - dies die kritische Seite seiner "Kompetenz" - jede Tat mit den zu Gebote stehenden Mitteln und Widerständen, welche eine mehr oder minder feindliche Welt den ständig zitierten Kämpfern für Frieden, Frauen und freiheitliche Arbeitsplätze in den Weg legt. Und konsequent ermitteln die Nachrichtenverweser der Nation manches "Scheitern". "Vorsatz" scheidet wegen "Absicht gut" als Bcschuldigung aus, "Fahrlässigkeit" und andere Versäumnisse, auch "Unfähigkeit" sind der äußerste Vorwurf - und das Plädoyer für die Zurückziehung jeglicher Anklage lautet "unschuldig, weil andere schuld und Problem zu groß"!

In der Anerkennung von "Problemen" der Politik und von "Sachzwängen" der Wirtschaft und des Geldes vollendet sich die verständnistriefende Anti- Kritik, die weder den hofierten Repräsentanten noch dem "System" aus irgendeinem Anlaß etwas anhängen will. Ganz im Unterschied zu denen anderswo, für die der Grundsatz gilt, daß Absicht, Handlung und Wirkung allemal dasselbe sind.

Völkische Beobachter

Die ideologische Anteilnahme am erfolgreichen "Bewältigen" der von Staats wegen gültigen "Probleme" ergeht sich, quasi als Ersatzveranstaltung für das Beurteilen, in wahren Orgien des Personenkults. Nachrichten, die schon in der Presse aus lauter respektablen An- und Absichtsäußerungen der führenden Figuren bestehen, werden durch das Femsehen endgültig ihrem Begriff gemäß. Das offensichtlich abgesprochene Fragen von Fragen, das Problematisieren von Problemen erhebt die Eitelkeit der Beteiligten zum Stoff für eine contradictio in adiecto: politische Unterhaltung. Der Verzicht der Medien-Vertreter darauf, auch nur einen einzigen Fetzen aus dem christlichen Grundwerte-Schmarrn eines C-Politikers, aus dem Glaubwürdigkeits- und Solidaritätsgefasel eines SPD-Mannes, aus dem mehrheits-schaffenden echt-liberalen Grundüberzeugungszeug von Genscher zu kritisieren - dieser Verzicht wird gar nicht erst als solcher empfunden. Verdolmetschung durch Wiederholung ist gefragt - und die breit dargelegte Sorge, das Volk möge das alles hoffentlich auch würdigen und verstehen.

Und zur Bekräftigung der feststehenden, also objektiven Meinung, daß die journalistisch umhegten Macher das Vertrauen des Volkes verdienen, wird sich um dieses noch einmal extra gekümmert. Erstens durch die peinlich übertriebene und inszenierte Frage, wie es den mit diesem Vertrauen gerade wieder steht und ob es nicht einer "Staatsverdrossenheit" gewichen sei. Zweitens durch Nachrichten darüber, was das liebe Volk im Winter und Sommer und in der Fabrik und im Straßenverkehr so treibt. Dabei wird genau darauf geachtet, daß auch in dieser Abteilung, in der Sphäre des bürgerlichen Proletkults, jede "Beurteilung" nur nach einem Muster erfolgt: Alle "Schwierigkeiten" der Massen, alles, was sie tun, gilt als Zeichen für die mehr oder minder gründlich funktionierende Moral dieses Menschenschlags. Bewiesen ist diese Moral immer dann, wenn ein strebendes Zurechtkommen mit den Problemen sichtbar wird, die der Mehrheit von oben aufgeherrscht worden sind. Wenn der Glaube funktioniert - der an Gott und der an die Zuständigen, die letztlich die Menschheit nach Kräften zu bedienen suchen. In ihren Exkursionen ins Volk organisieren studierte Bildjournalisten und Illustriertenfritzen schließlich auch noch professionell die Massenkultur. Die Massen selbst hätten ja aus naheliegenden Gründen gar keine Zeit dafür...

Das Ideal der Manipulation

ist ein fester Bestandteil dieser aufgeklärten demokratischen Öffentlichkeit. Es äußert sich nicht nur in dem gelegentlich vorgebrachten Wunsch von Politikem, man möge mehr "gute Nachrichten" unter die Menschheit streuen. Es gehört zum Berufsethos aUer anständigen Journalisten, die schon von weitem merken, wenn sich jemand anschickt, die Prinzipien der Gleichschaltung zu verletzen. Teilnehmer an einer TV-Diskussion, selbst am lächerlichen Samstag-Quiz gehören handverlesen, Leserbriefe sorgfältig ausgewogen, Redaktionen gesäubert - und nicht so ganz linientreuen Demokraten muß man gar nicht erst die Gunst widerfahren lassen, erwähnt zu werden.

Eine Zensur braucht gar nicht stattzufinden.

Eine ganz gewöhnliche Tagesschau '85

Die Nachrichtensendungen des deutschen Fernsehens machen ernst mit dem Prinzip Objektivität. Alles, was passiert, ist das, was unsere nationalen Großveranstalter davon halten.

- Kohl ist stellvertretend für uns in Moskau. Er steht grinsend in der Kondolentenschlange. Der Begleittext zum Film informiert deshalb darüber, daß diesmal alles nicht so "streng", sondern "ganz auf Übergang ausgerichtet" sei. Anschließend sagt Kohl selbst seine eigene Meinung über den neuen Kremlmann:

ganz patent wie ich.

- Bangemann war wegen uns bei Honecker und sagt gleich selbst, das wären z.Z. seine guten innerdeutschen Beziehungen.

- Genfer Verhandlungsauftakt: Die Amis sind in unserem Auftrag vor Ort und nennen gleich selbst den ersten Verhandlungstag "ernst und geschäftsmäßig".

- Libanon: Normale Trümmerbilder, neben denen unsere israelischen Freunde, die da wieder einiges zertrümmert haben, auf hebräisch mitteilen, daß man sich für Landesgrenzen nicht interessieren darf, wenn man Feinde verfolgen muß.

- Auschwitzlüge: Dregger sagt der Kamera gleich selbst, daß er im Unterschied zur FDP eine andere Meinung zu deren Gesetzentwurf vertritt als die FDP.

- Opposition: In indirekter Rede darf uns Vogel sagen, wie relativ gerne er mit der Regierung zusammenarbeiten würde.

- Klassenkampf: Einer vom Bundesarbeitsgericht behauptet glatt, daß verhältnismäßige Aussperrung notwendig und deswegen erlaubt ist.

- Vier Jahreszeiten: Der Frühling behauptet von sich - mit Blumen natürlich -, er sei erwacht: Großaufnahme eines blühenden Mandelbaumes in Darmstadt.

- Bürgerrechte: Der DGB hat Angst. Angesichts der neuen Privatsender fürchtet er um die Befriedigung des Informationsbedürfnisses der Bürger. Breit darf es selbst in die Kamera sprechen.

- Wetter: Das einzige, was kritisiert wird, wenn auch falsch: "zu kalt für die Jahreszeit".