EINE "REPLIK" DES DGB

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1982 erschienen.
Systematik: 

EINE "REPLIK" DES DGB

Es war abzusehen, daß der Deutsche Gewerkschaftsbund auf das MANIFEST GEGEN DEN DGB auf seine Weise reagieren würde. Neben dem sehr handfesten Einsatz einer Prügelbrigade gegen "Störer" auf einer Nürnberger IG-Metall-Kundgebung versandte Bayerns DGB-Chef Jakob Deffner einen Rundbrief an die Gewerkschaftsbürokratie seines Tarifbezirks. Der in ihm enthaltene Steckbrief der MARXISTISCHEN GRUPPE (MG) ist insofern bemerkenswert, als er in theoretischer Hilflosigkeit die im MANIFEST enthaltenen Argumente gegen die Gewerkschaftspolitik in ihrer unkommentierten Zitierung auch noch affirmiert. Dem Manne Deffner gehts natürlich nicht um eine politische Auseinandersetzung mit den Autoren des MANlFESTs: Ganz praktisch verlangt er wie die Herren der Politik Respekt und Gehorsam, kündigt weitere Offensiven seiner "Ordner" an und beauftragt seine Angestellten mit Spitzeldiensten. Wir drucken im Anschluß den Deffner-Brief in vollem Wortlaut ab und danach einen Kommentar der "Marxistischen Arbeiterzeitung" der MG (Allgemeine Ausgabe München vom 19. Mai)

"DGB Landesbezirk Bayern

An die/den Bezirks- und Landesleitungen der IG/G

Landesbezirksvorstand

Landesbezirksverwaltung

DGB-Kreise

IG/G Verwaltungsstellen (über DGB Kreise)

Betr.: Marxistische Gruppe (MG) und

Marxistische Arbeiter Zeitung (MAZ)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unter den zahlreichen Gegnern des DGB und selner Gewerkschaften tritt seit geraumer Zeit eine Gruppe verstärkt an die Öffentlichkeit, die sich "Marxistische Gruppe" (MG) nennt und über eine unregelmäßig erscheinende Zeitung mit dem Titel "Marxistische Arbeiter Zeitung" (MAZ) verfügt. Dieses Blatt wird, wie auch zahlreiche Flugblätter und Plakate, in München im Selbstverlag gedruckt, verantwortlich in Sachen des Pressegesetzes zeichnet Theo Ebel, Heßstraße 82, 8 München 40.

Die sich als 'links' bezeichnende MG, die bisher an verschiedenen Universitäten tätig war und vornehmlich 'Kapital-Schulungen', also die Lektüre der drei Bände des Marx'schen Kapitals betrieb, hat seit einiger Zeit den Elfenbeinturm überwiegender Theoriedebatten an den Universitäten verlassen und versucht jetzt offensichtlich, sich durch Angriffe auf den DGB als politische Kraft zu etablieren.

Der Ausgangspunkt dieser Anti-DGB-Aktivitäten war unseres Wissens ein 15 Punkte umfassendes "Manifest gegen den DGB-Politik auf Kosten der Arbeiter", das in Form von Flugblättern, Plakaten usw. in einigen Städten Bayerns aber auch andernorts relativ groß verbreitet wurde.

Die Argumente dieses 'Manifestes' waren und sind die Grundlage der Argumentation der MG, sei es gegen die Tarifpolitik der IG Metall oder IG Chemie Papier Keramik, sei es bei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen der MG gegen den DGB allgemein.

Der Tenor dieser Argumentation, der sich auch auf Plakaten mit Fotos z.B. von Heinz Oskar Vetter, Heinz Kluncker, Franz Steinkühler u.a. wiederfindet, lautet immer: Der DGB hat sich mit dem Kapital, dem Staat, dem Militär etc. gegen dle Arbeiter verbündet; eine Parole z.B. lautet: "Alle reden vom Lohnverzicht - wir setzen ihn durch."

Seit einigen Monaten versuchen Anhänger der MG auch, DGB-Veranstaltungen und öffentliche Kundgebungen lautstark zu stören. Zuletzt so geschehen bei der Kundgebung der IG Metall gegen die neue Zumutbarkeitsregelung in Nürnberg wo sich mehr als 100 Störer inmitten der Teilnehmer der Abschlußkundgebung aufgestellt hatten und mittels preßluftgetriebener Sirenen nachhaltig störten. Erst nach einiger Zeit gelang es unseren Ordnern diese Störer aus der Mitte der Versammlung durch ein Spalier von Ordnern nach außen abzudrängen.

Im Hinblick auf die bevorstehenden Maifeiern bitte ich, die Ordnerdienste entsprechend zu informieren und um Mitteilung, wo Aktivitäten dieser antigewerkschaftlichen Gruppe feststellbar sind.

Mit freundlichen Grüßen

Jakob Deffner"

Andere Sorgen habt ihr wirklich nicht?!

1.

Was hat der DGB eigentlich gegen Studierte? Schließlich haben Schmidt und Genscher, Strauß und Genscher doch auch irgendwann mal "den Elfenbeinturm überwiegender Theoriedebatten an den Universitäten verlassen" - ach so, das sind eure eigenen oder Leute, denen man gehorchen muß. Seine 30-Jahr-Feier hat der DGB doch selbst im Kreise von lauter Wissenschaftlern begangen - ach so, die waren weder "links", noch haben sie etwas anderes als soziologisch verdrechselte Komplimente zu Protokoll gegeben.

Soll der DGB doch gleich sagen: Studierte sollen Herren werden oder arbeiten gehen - Arbeiter wollen gehorchen, nicht kritisieren. So meint er es doch - oder?

2.

Nein: Der Zweck unserer Gewerkschaftskritik ist nicht, "uns durch Angriffe auf den DGB als politische Kraft zu etablieren". Wie sollte das denn wohl auch gehen? Wir machen Arbeiter darauf aufmerksam, daß sie sich mit dieser Gewerkschaft einen schlimmen Fehler leisten. Einen Verein nämlich, der ihre Interessen nicht durchsetzen will, sondern in das "Konzert" der "gesellschaftlichen Kräfte" einordnet. Bei wem könnten wir uns damit "etablieren wollen"? Bestenfalls doch bei Arbeitern, die sich an ihre wirklichen Interessen erinnern.

3.

Zu der Parole "Alle reden vom Lohnverzicht - wir setzen ihn durch. Euer DBG" stehen wir. Wir sehen auch gar nicht, wie dieses Urteil dadurch widerlegt sein soll, daß der Landesbezirksvorsitzende es in vorwurfsvollem Ton zitiert. Ist der Reallohn mit Zustimmung des DGB gesunken - ja oder nein?! Und ist es inzwischen soweit, daß Gewerkschaftsfunktionäre damit sogar öffentlich angeben - ja oder nein?!

4. Wir protestieren, mit unseren paar Mitteln - hauptsächlich Gedrucktem -, gegen manches, was uns nicht paßt. Auch dagegen, daß Gewerkschafter sich alles gefallen lassen: Rationalisierungen, die den Betroffenen oft genug eine härtere Arbeit zu geringerem Lohn bescheren und Entlassungen einschließen; daß Arbeitslosigkeit für die Betroffenen noch immer eine finanzielle Katastrophe bedeutet; die Zumutungen beim Zwang zu einer neuen Arbeit; um dann am hinterletzten Punkt, wenn alles vorbei ist, bei einer neuen offiziellen "Zumutbarkeitsregelung", die bloß die bisherige Praxis festschreibt, ganz furchtbar aufzutrumpfen. So etwas finden wir verkehrt, lächerlich und - berechnend: Ohne Staat und Wirtschaft weh zu tun, will der DGB sich da kämpferisch darstellen.

Daß der DGB gegen diesen Protest gleich seine aus Stuttgart eigens mitgebrachten ortsfremden Schlägertrupps losschickt, wundert uns nicht besonders. Diejenigen, die sich dafür abkommandieren lassen, möchten wir aber doch einmal fragen:

Was habt Ihr eigentlich davon?