EINE MORALISCHE METAMORPHOSE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1985 erschienen.
Systematik: 

Wie aus links grün-alternativ wird...
EINE MORALISCHE METAMORPHOSE

In deutsclnen Landen hat es einmal eine Studentenbewegung gegeben, die dann auch keine solche mehr bleiben wollte. Sogar Frauen ist damals die Frage gekommen, wodurch sich der regierungsamtliche Umgang mit Leuten in der "Dritten Welt", die Ruinierung von Lohnabhängigen in den modernen Fabriken, die widerwärtigen Leistungen von Erziehung und Wissenschaft eigentlich unterbinden lassen. Die durchaus einleuchtende Arntwort, daß die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse erforderlich ist, daß dies den Kampf gegen den bürgerlichen Staat einschließt und daß ein solches Programm allein durch die arbeitende Klasse zu vollführen ist, wurde eine Zeitlang von einer ansehnlichen Minderheit für korrekt gehalten.

Doch schon bei der Gründung von Organisationen, die für dieses Programm geradestehen wollten, machten sich erhebliche Unarten bemerkbar. Das Proletariat, das durch Klassenkampf dem Kapital und seinem Staat das Handwerk legen sollte, galt plötzlich als enorm gut. Die Agitation und Aufklärung, die ihm von den konkurrierenden Parteien verabreicht wurden, setzten das Interesse dieses gebeutelten Menschenschlags an der Beseitigung seiner Abhängigkeit voraus. Als elitär galt die Anstrengung, die für die Arbeiter schädlichen Notwendigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft zu erklären, um sie von der Notwendigkeit der Revolution zu überzeugen. Statt dessen setzte eine agitatorische Schulterklopferei ein, die vom Lob der Arbeit(er) über die Feier ihres praktischen Sinns bis zur Beschwörung von Perspektiven reichte, die sich noch in den gewöhnlichsten Formen des Mitmachens zeigen sollten.

Die Enttäuschungen, die den Vertretern einer ausgerechnet mit Marxismus titulierten Morallehre zuteil wurden, sind von diesen sehr gründlich verarbeitet worden. Statt sich Rechenschaft darüber abzulegen, was das verehrte Proletariat tut, wozu es gezwungen wird und was es ganz frei mit den ihm aufgeherrschten Leistungen anstellt, kam die Frage in Mode, ob Revolution möglich sei. Damit war man schon meilenweit von dem Vorhaben entfernt, die Notwendigkeit des Klassenkampfes geltend zu machen. So schlichte Argumente wie: Wer sich die Ausbeutung, die ebenso gesundheitsschädlich wie armuterhaltend ist, die staatliche Gewalt bis hin zum Krieg nicht mehr gefallen lassen will, muß sich organisieren und kämpfen! - solche Gedanken sanken enorm im Kurs. Eine Zeitlang noch tat die Berufung auf die Arbeiter und ihre schlechten Erfahrungen ihre Dienste, die Hoffnung auf augenöffnende Krisen dazu. Doch dann war der Spuk theoretisch und praktisch vorbei. Diejenigen, die das Mitmachen der Arbeiter, ihre tätige Unterwerfung unter das Kapital und ihren Nationalismus nie kritisieren wollten, weil sie das für böse hielten und ihre Adressaten mit dem Kompliment "manipuliert" bedachten, lernten um.

Konsequent deuteten sie ihren Mißerfolg: Wenn sich niemand für die Probleme des Klassenkampfs erwärmt, so sind eben andere "Probleme" auf der Tagesordnung - lautete der Beschluß. Geübt darin, ihren Adressaten Recht u geben, machten sich die Liebhaber von "Bewegung" auf die Suche nach einer Sorte Kritik, bei der ihnen mehr Leute, so wie sie gehen und stehen und unzufrieden ihre Pflicht tun, zustimmen als bei ihren früheren revisionistischen Unternehmungen.

In "Frieden" und "Umwelt" haben die deutschen Ex-Linken die "lnhalte" von Kritik entdeckt, bei denen wüklich niemand mehr nein sagen kann. Ihr Opportunismus ist am Ziel - er hat sich nur etwas verändem müssen in Richtung auf die vorgefundene Moral guter Bürger, und schon gibt es die ersehnte Bewegung. Die Weltverbesserer müssen sich nicht mehr unter 1% aufhalten - und Deutschland-West hat seine Alternative, zum Klassenkampf und zur theoretischen wie praktischen Kapitalismuskritik!