EINE LEICHE ZUM GEBURTSTAG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1988 erschienen.
Systematik: 

EINE LEICHE ZUM GEBURTSTAG

"Der Untersuchungsausschuß stellte fest, daß der Überfall auf Wasirs Haus Terrorismus der Art war, den zu verüben nur Staaten in der Lage sind." (Süddeutsche Zeitung, 19.4.)

In einer gemeinsamen Operation des israelischen Geheimdienstes Mossad mit Sondereinheiten von Armee und Marine wurde der PLO-Führer Abu Dschihad in seiner Wohnung in Tunis samt Leibwächtern und Chauffeur erschossen. Das ist inzwischen so gut wie amtlich, keine großen Dementis aus Israel, dafür Glückwünsche von kompetenter Seite und weiter so:

"Seit vielen Jahren habe ich wiederholt erklärt, daß wir uns um die Chefs der mörderischen Terroristenorganisation kümmern und sie verletzen und beseitigen müssen." (Scharon, nach FAZ, 19.4.)

Die demokratische Presse in der BRD bringt hierzu Schlagzeilen, die sich wie Urteilsbegründungen für eine Hinrichtung lesen, und listet alle möglichen "Drahtzieherschaften" des Ermordeten, vom Olympiamassaker (bei dem man sich allerdings immer die Münchner Polizei wegdenken muß) bis hin zum aktuellen Aufstand, auf.

Die geglückte Militäraktion wird bestaunt, es gibt für sie volles Verständnis, wenngleich keine rückhaltlose Billigung: Schließlich will man in seiner Verurteilung "jeglichen Terrorismus" glaubwürdig bleiben.

In den Kommentaren dann die Spekulationen, ob das nicht dem "Friedensprozeß" im Nahen Osten einen schweren Rückschlag versetzen würde; wieso Abu Dschihad, der doch ein "Gemäßigter" war; und warum gerade jetzt, wo's doch in den besetzten Gebieten am Dampfen ist?

Die unbeirrbare Parteilichkeit für Israel und die Propagandalüge, alle Welt arbeite an einer "friedlichen Lösung" für das "Palästinenserproblem", sieht auch im Mord an Abu Dschihad nur "Probleme" statt einen konsequenten Beitrag Israels zu seiner Palästinenserpolitik: Shamir, Rabin und Peres, die nach einem Bericht von "Time" (17/1988) die Aktion angeordnet haben, bestellten bei ihren Spezialisten die Leiche des populärsten Palästinenserführers, dessen Funktion für die PLO sicherlich nicht leicht zu ersetzen sein wird. Das schwächt erstens den Feind, zweitens demonstriert es den Protestierern in den besetzten Gebieten die Macht Israels, die bis Tunis reicht und die sich von ein paar Steinewerfern zu nichts "bewegen" lassen braucht. Und drittens stärkt dieser Erfolg seiner Streitkräfte die Moral der eigenen Bürger, die zum 40. Geburtstag des Staates noch einen Grund zum Feiern haben:

"Israelische Militärexperten meinten, die 'exzellente Ausführung' der Operation in Tunis spreche für eine israelische Aktion." (SZ)