EINE LANZE FÜR DEN IMPERIALISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1984 erschienen.

Der Vatikan gegen die "Theologie der Befreiung"
EINE LANZE FÜR DEN IMPERIALISMUS

"Die Befreiung ist vor allem und grundsätzlich eine Befreiung von der radikalen Knechtschaft der Sünde. Ihr Ziel wie ihre Grenze ist die Freiheit der Kinder Gottes, ein Geschenk der Gnade." (Instruktion der päpstlichen Kongregation für die Glaubenslehre)

Die römische Glaubenskongregation, so heißt die Heilige Inquisition der Katholischen Kirche im aufgeklärten 20. Jahrhundert, hat unter dem Vorsitz ihres deutschen Kardinals Ratzinger die sogenannte Theologie der Befreiung, auch "Volkskirche" oder "Kirche der Armen" genannt, aus dem Kreis der Letiren ausgeschlossen, die sich des Segens der Mutter Kirche erfreuen dürfen.

Was ist vorgefallen, so daß die Hüter der reinen Lehre in Rom aktiv geworden sind: Vor allem in Südamerika haben nicht wenige Priester, Bischöfe und Theologen Zweifel daran bekommen, ob der gottverdammte Zustand der Massen so ein fruchtbarer Boden ist für den Glauben eben dieser dahinvegetierenden, krepierenden oder von der Obrigkeit abgeschlachteten Gotteskinder. Sie haben gemeint und meinen noch, daß zu echten Knechten Gottes irgendwie auch Gerechtigkeit und Menschenwürde dazukommen müssen, damit Gottes Volk überhaupt zu kirchlichem Glaubensleben fähig ist. So setzen sich beamtete Diener der Kirche dort ein venig radikaler für die Armen und Unterdrückten ein, als man das z.B. vom schrägen Kardinal Höffner gewohnt ist: In "Basisgemeinden" wird für die sonst gottgewollte Obrigkeit sicher nicht mehr so viel gebetet, eher die zum Himmel schreiende Ungerechbgkeit andiskutiert:

Der Jesus der Armen

hätte heute zur Gegenwehr aufgefordert! Einige gebildete Christen Lateinamerikas, die die "Volkskirche" predigen, schrecken auch nicht mehr davor zurück, Gewalt unter gewissen Umständen christlich zu nennen. Theologen haben diesem ganzen Ansinnen, in Südamerika auf diese Weise den Glauben unter den Massen lebendig zu erhalten, den Namen "Theologie der Befreiung" gegeben. Sehr unpassend, wenn man unter Befreiung das sich frei machen von den Ursachen der Misere dort versteht, also zunächst einmal das Wegputzen der Ausbeuter und Schlächter, der Gewaltmaschinerie, die diesen dient usw. In Basisgemeinden, Volkskirchen - und wie die demokratisch-menschlichen Titel alle heißen - soll das elende Kind Gottes sich wieder als wirklicher Mensch mit christlicher Würde fühlen und begreifen können und so ein gläubiger Christ sein. Eine Landreform, vielleicht auch Gewehre für das liebe Jesulein - wer oder was soll da wohl befreit werden, wenn es um Christi und seiner Kirche willen geschieht?

Wie dem auch sei. Der Umstand, daß die praktizierte Theologie der Befreiung bei den gläubigen Latinos einigen Anklang findet; die Tatsache auch, daß "ungerechte Machthaber" - auserwählte oder gewählte Gorillas - die christliche Bewegung an der Basis für ziemlich ordungsgefährdend halten und nicht wenige Märtyrer geschaffen haben, nehmen die Topmanager der Sache Christi im Vatikan nicht zum Anlaß, der Theologie der Befreiung ihren Segen oder zumindest das kirchenübliche opportunistische Placet zu erteilen. Im Gegenteil. Mit dem ganzen Zynismus, über den die Religion verfügt, wird der christlichen Variante in Lateinamerika eine Absage erteilt. Dabei wird keineswegs verschwiegen oder verharmlost, in welcher Scheiße die Massen der Vor- und Hinterhöfe des Imperialismus herumzupatschen haben. Für christlich gerecht hält man in Rom sogar die Sehnsucht, der durch die Schöpfungsgeschichte verbrieften Gottesebenbildlichkeit näherzukommen,

"jener Würde, die durch vielfältige, oft gehäufte Unterdrückungen kultureller, politischer, rassischer, sozialer und ökonomischer Art geschändet und mißachtet wird." (Instruktion)

Für notwendig erachtet man, daß Christen

"sich aus Liebe zu ihren enterbten, unterdrückten und verfolgten Brüdern im Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde einsetzen. Mehr denn je will die Kirche die Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Verstöße gegen die Freiheit verurteilen, wo immer sie begegnen und wer immer sie anzettelt, und mit den ihr eigenen Mitteln kämpfen, um die Menschenrechte, insbesondere in der Person der Armen, zu verteidigen und zu fördern." (ebenda)

Doch dann folgen, so sicher wie das Amen in der Kirche und durchaus in der

Logik des Glaubens

liegend (wenn man bei einem Bekenntnis überhaupt von Logik reden will), die christlichen Tricks, mit denen die Ideale der freiheitlichen westlichen Herrschaften, die Menschenrechte, genauso von Rom aus angemahnt werden - neben der Selbstverständlichkeit von Hunger, Not und Gewalt -, wie Reagan und seine Kumpane sie vorgesehen haben.

Trick eins ist die Sache mit der Sünde des Menschen. Diese nach dem Urteil des christlichen Glaubens jeder vor Gott armseligen Schafsnatur zukommende Erb(sünden)anlage bestätigt mit ihrer Gleichmacherei ganz schön unangenehme Unterschiede, bzw. Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse, in denen "das Böse" eindeutig - sollte man meinen - zu fixieren ist. Gegen die Theologie der Befreiung ist das Dogma von der allgemeinen menschlichen Knechtschaft der Sünde das Gebot, sich nicht auf die wirklichen Ursachen von Armut, Not und Tod konzentrieren zu dürfen (egal, ob die Boffs das jetzt so tun oder wollen).

"In der Tat, angesichts der Dringlichkeit der Probleme sind manche versucht, den Akzent einseitig auf die Befreiung von der Versklavung auf irdischem und weltlichem Gebiet zu setzen, so daß es scheint, daß diese die Befreiung von der Sünde an die zweite Stelle setzen und ihr hierdurch faktisch nicht mehr die erste Bedeutung einräumen, die ihr zukommt."

"Man darf auch nicht das Böse vorrangig und allein in den ökonomischen, sozialen und politischen 'Strukturen' orten, als hätten alle anderen Übel ihre Ursache und Quelle in diesen Strukturen, so daß die Schaffung eines 'neuen Menschen' von der Errichtung anderer ökonomischer und sozio-politischer Strukturen abhinge." (ebenda)

Klar, wenn man erst einmal

Das moralische Programm

eines "neuen" oder "nach persönlicher Vollkommenheit" strebenden Menschen aufgestellt hat und wenn in uns allen das Böse west, das wir alle zu bekämpfen haben, dann ist natürlich schon der Versuch, sich um sich zu kümmern und die Verursacher von Not und Elend abschütteln zu wollen, eine einseig Angelegenheit. Wer das tut oder will - und nicht die Diener des Herrn, die eiskalt einem Gorilla den Leib des Herrn in den Rachen schieben - "läuft Gefahr..., den absoluten Charakter von Gut und Böse zu zerstören". Die herrschenden Schlächter sind vor Gott genauso seine sündhaften Kinder wie die in Not Gehaltenen oder Abgeschlachteten. Daß die einen sich dabei relativ besser stehen, macht da nichts mehr aus - wenn sie doch um ihre Sündhaftigkeit wissen und sich von der Sünde zu befreien suchen! Haben nicht beide, die Unterdrückten und Enterbten wie die Unterdrücker, Ausbeuter und Erben der Staatsgewalt ihr jeweiliges Los zu tragen?

Gegen das Gerücht, die Kirche hätte etwas gegen Armut und Knechtschaft, wird hier wieder einmal betont, was es heißt, sich der Armen und Geknechteten um Christi willen anzunehmen: Mit der

Ideologie vom sündigen Menschen

macht sie sich stark für die Verhältnisse und Figuren, die Not und Elend erzeugen, und anempfiehlt den Opfern, sich darein zu schicken. Denn das ist der zweite Trick, der aus dem ersten folgt. Sich daranzumachen, die Scheiße umzuwälzen, widerspricht der geforderten Demut der christlichen Schafsnatur. Vertrau auf Gott, und du wirst schon sehen, wie du selig wirst!

"Von Gott allein werden Heil und Heilung erwartet. Gott, nicht der Mensch, hat die Macht, die Notsituationen zu wenden. So leben die 'Armen des Herrn' in einer völligen Abhängigkeit, die auf die liebende Vorsehung Gottes vertraut." (ebenda)

Wie tröstlich, zu wissen, daß ein Leben am Rande des Verhungerns vom lieben Gott so vorgesehen ist. Ein Fall für die römische Inquisition - und damit sind wir auch schon bei Trick drei -, wenn jemand so vermessen ist, sich einfach um das tägliche Brot zu kümmern. Wo bleibt da der Glaube, fragt Herr Ratzinger. Das wäre ja Materialismus, gottloser zumal.

"'Der Mensch lebt nicht nur uom Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt' (Matthäus 4,4; vgl. Deuteronomion 8,3). So sind manche versucht, angesichts der Dringlichkeit, das Brot zu teilen, die Evangelisierung einzuklammern und auf später zu verschieben: zuerst das Brot, später das Wort. Es ist ein tödlicher Irrtum, die beiden zu trennen oder einander entgegenzusetzen." (ebenda)

Was wohl tödlicher ist! Und vor allem: Wer trennt denn die beiden, setzt. sie entgegen und stellt das kaum sattmachende Hören auf Gottes Wort gegen und über so vermessene Bedürfnisse, wie seinen Hunger stillen zu wollen? Nichts schlimmer für die Oberpfaffen aus Rom und Deutschland als ein wohlgenährter Bauch, der das Beten vergißt. Doch, es gibt noch Schlimmeres für die Hüter der reinen Lehre. Trick vier ist nämlich die

Generalabrechnung mit dem Marxismus,

dessen Versatzstücke der Vatikan in der "Theologie der Befreiung aufgespürt hat. Doch eigenartig, man verdammt zunächst nicht einfach den Hauptfeind des Freien Westens und auch Todfeind der Kirche, indem man ihn mit dem für Christen schlagendsten Argument der Gottlosigkeit abkanzelt. Als ob man fürchtete, daß in Südamerika und sonst in der "Dritten Welt" einige Wahrheiten der Marxschen Kapitalismuskritik doch zu auffällig zutage treten, bemüht sich die moderne Inquisition zu argumentieren. Aber wie! Ausgerechnet Theologen, die ein gläubiges Bekenntnis zur absoluten Wahrheit erklären und ihre Ideologie für Wissen ausgeben, greifen den Marxismus wegen seiner Unwissenschaftlichkeit an. Man bedient sich der säkularen Wissenschaft, die verkündet, daß man nichts Genaues eh nicht wissen kann: "Vielfalt der Methoden und Gesichtspunkte... jede nur einen Aspekt einer Wirklichkeit... wegen ihrer Komplexität keine einheitliche und univoke Erklärung..." Jeder kann sich denken, was dann kommt: Marxismus einseitig, Weltanschauung, Ideologie!

"Die ideologischen Apriori werden bei der Lektüre der sozialen Wirklichkeit vorausgesetzt. So wird es unmöglich, die heterogenen Elemente auseinanderzuhalten" (wollten Sie das denn, Herr Ratzinger, Sie Heuchler?), "die dieses erkenntnistheoretisch hybride Gemisch bilden. Man glaubt, nur das aufzugreifen, was sich als Analyse darbietet, und wird dabei verleitet, gleichzeitig die Ideologie anzunehmen." (ebenda)

Der Papst und seine im Glauben sauberen Kardinäle dagegen setzen nur die über jede Ideologie erhabene göttliche Wahrheit voraus und lassen sich natürlich nie dazu verleiten, hinter jeder heterogenen Ecke der komplexen Wirklichkeit das liebe Jesulein zu entdecken. So etwas ist nämlich keine Weltanschaung: "...das letzte und entscheidende Wahrheitskriterium kann letztlich nur selber ein theologisches Kriterium sein."

Das war sie denn auch schon, die trickreiche Argumentation. Mehr Durchschlagskraft gegen die verirrten Schafe der Theologie der Befreiung verspricht man sich offensichtlich auch in Rom von der moralischen Aburteilung des Marxismus: Sich um sein Wohl kümmern, anstatt der trostlosen Perspektive anzuhängen, auf den Trost im Himmel zu warten - das erfüllt den Tatbestand der "materialistischen Anthropologie", bleibt der "Diesseitigkeit" verhaftet. Ein paar Wahrheiten über die Gründe des Elends der Massen darf man diesen auf keinen Fall beibringen, die brauchen nur die 'Einsicht', daß der Mensch eine Wahrheit besitzt, die "Wahrheit des Menschen" eben, die man sich bei jedem aufrechten Priester abholen kann, damit die elenden Gläubigen ihre Scheiße schlucken. Der böse Marxismus "verrät" die Armen, indem er solches hintertreibt.

Noch böser führt er sich auf: Er treibt sie zu "Klassenkampf" und "Gewalt" an. Dabei macht die Heilige Inquisition gar nicht den Versuch, zu bestreiten, daß es so etwas wie Klassen gibt - "Sie (die Kirche) ist keine Kirche der Klasse oder nur einer Kaste." Sie fordert einfach brave Untertanengesinnung, egal wie dreckig es den Leuten geht. Was wie eine Wahrheit über die Welt aussieht, meint sie von diesem Standpunkt aus als abgrundtiefe Verurteilung:

"...der Klassenkampf beinhaltet, daß die Gesellschaft auf der Gewalt aufbaut. Der Gewalt, die die Herrschaftsbeziehungen der Reichen über die Armen darstellt, antwortet die revolutionäre Gegengewalt, durch die diese Beziehung umgestürzt werden wird." (ebenda)

So etwas eigentlich Naheliegendes ist für die christlichen Propagandaabteilungen des Freien Westens, wo die gottgewollte und der Wahrheit der Person entsprechende freie Marktwirtschaft die Segnungen von Hunger, Not und Tod verbreitet, eine schwere Todsünde. Mißbraucht, verraten werden die Armen, wenn man sie auffordert, sich zu wehren:

"Dadurch wird der christliche Sinn der Armut pervertiert, und der Kampf für Rechte der Armen verwandelt sich in eine Klassenauseinandersetzung im ideologischen Sinne des Klassenkampfs." (ebenda)

Vor Gott hat eben auch Armut einen Sinn, so daß man sich vorstellen kann, wie der christliche Kampf für die Rechte der Armen - ohne alle marxistische Perversion, versteht sich - aussieht: Denen es dreckig geht, die hätten eigentlich das Recht, würdiger - vielleicht auch mit mehr Brot? - behandelt zu werden. Das hilft ihnen zwar nichts, aber die Kirche kann mit Genugtuung feststellen, daß die maßgeblichen westlichen Herrschaften auch so denken und reden.

Noch Zweifel daran, daß es sich bei der gerade wieder in Aktion getretenen katholischen Kirche (die Evangelen sind übrigens in diesem Punkt nicht besser) um eine einzige Propagandainstitution des Imperialismus handelt, auch ohne daß diese vom CIA bezahlt würde?

Vielleicht kann noch der letzte Trick überzeugen, den der Vatikan gegen die angeblichen marxistischen Umtriebe in der Theologie der Befreiung auf Lager hat. Mit der puren Feindschaftserklärung und

Verteufelung des kommunistischen Ostblocks

beendet die päpstliche Glaubenskongregation ihre diffizile Widerlegung des Marxismus und seiner sündhaften klassenkämpferischen Art. Das muß noch den letzten Christen überzeugen, der alle vor Gott gleichen Menschen liebt, auch die Herrschaften, um die Sündhaftigkeit auch derer im Osten weiß und ihre Würde achtet. Beten wir auch für die Verirrten und Verstrickten und Verstockten!

"Ebenso ist der Umsturz der Ungerechtigkeit erzeugenden Strukturen durch die revolutionäre Gewalt nicht ipso facto" (soll selbstverständlich heißen: die Heuchler tun so, als hätten sie einen besseren revolutionären Fall im Sinne) "der Beginn der Errichtung einer gerechten Herrschaft. Einer der wichtigsten Fakten unserer Zeit muß alle, die ehrlich die Befreiung ihrer Brüder wollen, zum Nachdenken anregen. Millionen unserer Zeitgenossen sehnen sich legitimerweise danach" (sind etwa die Massen in Südamerika gemeint?), "die grundlegenden Freiheiten wiederzuerlangen, deren sie durch totalitäre und atheistische Regierungsformen beraubt wurden, die auf revolutionärem und gewalttätigem Weg die Macht an sich gerissen haben, und dies im Namen der Befreiung des Volkes. Man kann diese Schande unserer Zeit nicht übersehen: Ganze Nationen werden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Knechtschaft gehalten..." (ebenda)

Wohlgemerkt, gemeint sind nicht Südamerika oder andere freiheitliche Gegenden der Dritten Welt. Dort betrachtet ja gerade der Vatikan mit Unbehagen die Theologie der Befreiung und verweist sie in ihre kirchlichen Schranken, nicht zuletzt mit dem Hinweis auf Moskau. Denn mag auch in den Basisgemeinden oder sogenannten Volkskirchen Lateinamerikas von gewaltsamen, klassenkämpferischen Umtrieben, von irdischen Bestrebungen, die auf den lieben Gott pfeifen, nichts zu entdecken sein: Den Kirchenführern reichen die paar kritischen Ansätze der Theologie der Befreiung, um radikal zu werden im Sinne der reinen Lehre. Reagan und seine Gorillas in Südamerika werden dafür dankbar sein.

Leider ergeht sich die gängige

Kritik am Vatikan

mal wieder in harmlosen Angriffen auf die inquisitionsmäßigen, mittelalterlichen Verfahren der Heiligen Kongregation (kein Rechtsanwalt, nicht öffentlich, Amtsenthebung ohne Rechtsverfahren usw.); in Spekulationen über einen Machtkampf dcr Kirche des Abendlandes gegen die vielen Gläubigen in Südamerika. Auch der gute Boff beschwert sich über das ungerechte bürokratische Verfahren und meint mit der Rede, daß im Jahre 2000 zwei Drittel der Gläubigen der katholischen Kirche in Südamerika leben, ein gutes Argument für seine Theologie der Befreiung zu haben. Haben die Kritiker des vatikanischen "Feudalismus", hat Boff nicht bemerkt, daß die unangenehme Macht der katholischen Kirche in ihrer christlichen Ideologie besteht, die haarscharf den Idealen des Imperialismus entspricht, ohne daß sich dieser von ihnen leiten läßt? Offenbar wollten sie das nicht bemerken. Sonst hätte Boff dem Ratzinger seine Kutte um die Ohren gehauen (er wäre schon gar nicht nach Rom gefahren) mit dem einfachen Argument, daß es in Lateinamerika zu heiß dafür ist, anstatt mit dem Kardinal darüber zu labern, daß es auf das Herz darunter ankomme. Aber eben, auf den Glauben wollen sie alle nichts kommen lassen, für so unschuldig halten sie ihn.

Theologie mit der Armut

Die Kirche in Lateinamerika:

"Ein Großteil der Erziehungsinstitutionen der Kirche ist den Armen gewidmet. Trotzdem ist die Anteilnahme der Armen an der Kirche noch sehr gering. Der größte Teil der praktizierenden Katholiken stammt aus der Mittelschicht." ("Hirtenbrief an das Volk Gottes", Repräsentative Kommission der Nationalen Bischofskonferenz Brasiliens, 1976)

Eine neue Linie, bei der die Kirche sich auch als eine der Armen präsentiert, wäre besser - für die Kirche. Hat doch Religionsstifter Christus ausdrücklich auf den großen Fischteich hingewiesen, in dem seine Jünger die Netze auswerfen sollen:

"Gott schickte seinen Sohn Jesus als Hoffnung und Schutz für den Schwachen, den Unterdrückten den an den Rand geschobenen... Christus ist in diesen Menschen sichtbar gegenwärtig." ("Hirtenbrief...")

Diese Menschen müssen es nur merken können. Der Kirche fallen Menschen unangenehm auf, die anscheinend vor lauter Sorgen andere Sorgen haben als ihr Seelenwohl, und hält das für einen unhaltbaren Zustand:

"Für einen Menschen mit leerem Magen, der sich in einem Zustand körperlichen Elends, in Wohnungsnot und im Kampf ums Überleben befindet, gibt es keine Öffnung zur übernatürlichen Ordnung. Es gibt einfach ein Mindestmaß an materiellen Bedingungen, das erfüllt sein muß, damit man überhaupt vom Glauben sprechen kann." (Positionspapier des chilenischen Episkopats bei der römischen Bischofssynode 1974)

Wohlgemerkt ein Mindestmaß - für den Glauben. Bohnen für ein Hallelujah? Keineswegs will die Kirche ausgerechnet in Südamerika ein Reich der Freiheit und des Wohlstands aüf dieser Welt erkämpfen helfen:

"Aufgrund der unverletzlichen Würde jeder einzelnen Person müssen wir die Armut bekämpfen, und zwar nicht, um sie dem Reichtum entgegenzusetzen und Reichtum als Ideal vorzuschlagen, sondern um gerechtere Beziehungen zwischen den Menschen zu erreichen, die den Notstand von Reichen und Armen beilegen." (L. Boff, Theologie der Knechtschaft und der Befreiung, Petropolis 1980)

Auch der "linke" Bischof von Recife, Dom Helder Camara, mahnte, daß "das Übermaß an Komfort entmenschlicht" (in: "Revolution für den Frieden", Freiburg 1969) und L. Boff formuliert als Ideal der Befreiungstheologie:

"Wir müssen die materiellen Bedingungen liefern, die eine Lebensweise in gottgefälliger Armut ermöglichen." (a.a.O.)

So geht die "Befreiungskirche" in die Slums, weiht sie zu Basisgemeinden und erzählt den Armen, daß sie an sich schon die eigentlich Reichen sind:

"Die Armen sind seliggesprochen nicht einfach deshalb, weil sie arm sind, sondern weil sich gemäß der Offenbarung das Reich Gottes auf ihre Seite stellt, in seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe." (G. Gutierrez, "Arme und Befreiung in Puebla", Sao Paulo, 1971)

Wo es beim "Kampf um die Veränderung der Welt" um etwas Höheres geht, nämlich um ein "Treffen mit Gott" (L. Boff), ist die "Befreiung" vorwiegend ein inneres Erlebnis:

"Denkt daran, liebe Arbeiter, daß die wichtigsten Lebensnotwendigkeiten von christlichem Standpunkt aus zu beurteilen sind, daß die materiellen Güter, mögen sie auch noch so nötig sein, nicht vollkommen das Herz des Menschen erfüllen, daß es auch Werte gibt wie Würde, Zurückhaltung, Ehrlichkeit und Leistung, die innig angestrebt werden müssen." (Erzbischof Romero in: "La Voz sin Voz", San Salvador 1980)

Daraus folgt eine Absage an Klassenkampf:

"In einer gespaltenen Welt haben christliche Basisgemeinden die Funktion, gegen die trennenden Mächte und die Ursachen dieser Trennung zu kämpfen. Der entschlossene Kampf gegen gesellschaftliche Parteiungen ist das Zeichen der Präsenz von christlicher Gemeinde." (G. Hartmann, "Christliche Basisgruppen und ihre befreiende Praxis", München 1980)

Und ein klarer Missionsauftrag gegen die Revolution:

"Der Versuchung, gesellschaftliche Änderungen mit Gewalt anzubahnen, gilt es zu widerstehen, denn die Waffe der Kirche ist das Kreuz. Ihre Kraft ist die Gnade Gottes. Um das Reich nicht dieser Welt, sondern Gottes zu bauen, müssen wir glauben, beten und vor allem leiden, ja sogar sterben..." ("Hirtenbrief...")

Eben: Theologie der Befreiung.