EINE HAND WÄSCHT DIE ANDERE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.

Adorno-Preis für Habermas
EINE HAND WÄSCHT DIE ANDERE

"Eine Verleihungsfeier als Doppelstunde strenger Reflexion, die der Versuchung, an exponierter Stelle um den Preis der Vergröberung falsche Aktualität herzustellen, nicht nachgegeben hat." (Frankfurter Rundschau)

Gerade der Kontrast zu den Grobheiten, denen der prämierte Feingeist in der Aktualität des geistig-politischen Alltags mitunter ausgesetzt ist, treibt den ihm zuerkannten Preis erst so richtig in die Höhe. Daß die bayerischen Kollegen Habermas keinen Stuhl an der Universität München einräumen wollen, da sie in ihm einen "Ziehvater linker Gewalt" ausgemacht haben, bot für OB Wallmann einen aparten Hintergrund, sich zur Zufriedenheit der anwesenden liberalen Beobachter (die eigene Hintermannschaft war dem Akt ferngeblieben, um selbst nicht in den Dunstkreis zu geraten) als "dem Anlaß gewachsen" zu erweisen. Er versah die Aushändigung der dem Geist Adornos verpflichteten 50.000 Eier mit der Versicherung, "Kritik sei nicht haftbar zu machen für das, was an Mißverständnissen aus ihr (!) abgeleitet werde", Habermas s e l b s t sei also ganz entschieden kein Terrorist. In der Tat eine dem Anlaß angemessene Weise, den geehrten Gelehrten in den Sumpf des Terrorismus zu ziehen: Einer, in dessen kritischen Kritzeleien der polizeiliche Verstand des Oberbürgermeisters nach Zustimmung erst noch suchen muß, ist für ihn ein ausgemachter Schreibtischtäter - und indem Wallmann "in der Manier eines aufrechten Demokraten" (TAZ) die Frage nach dem Tatvorsatz wälzt, weiß er dem Täter sogar obendrein noch g e r e c h t zu werden:

"Jedes Denken, das sich kritisch mlt dem Bestehenden auseinandersetzt, unterliegt der Gefahr des Mißverständnisses, das Kritik mit totaler Verwerfung gleichsetzt..."

Habermas mag sich also der mildernden Umstände erfreuen, indem er sich dessen bewußt bleibt, wie schnell ein kritischer Gedanke zum Vorschub für Gewalt wird - oft schneller, als man selbst glaubt.

Der haftverschonte Preisträger zeigte erwartungsgemäß Wirkung. Gewiß, als "jemand, der nachdenkt und nicht gleich Ja sagt" (Habermas über Habermas), hat er "wirklich gezögert, anzunehmen". Aber "gerade w e g e n der "Verdächtigung, er trage die Handgranate des Terrorismus in der Jackentasche", hielt er es schließlich für angezeigt, die fünfzig Riesen um so gerührter in dieselbe zu stecken:

"Ich habe deshalb guten Grund, für den liberalen Geist dankbar zu sein, in dem mir die Stadt Frankfurt einen Preis verleiht..." Somit hat sich der Preis, den sich in diesem Falle die Stadt Frankfurt die Freiheit kosten ließ, auch schon bezahlt gemacht: man beehrt einen unbequemen Geist, woraufhin dieser nichts eiligeres zu tun hat, als seinerseits die Herrschaft ob ihres Geistes zu preisen - dafür, daß sie "dem Widerspruch, dem kritischen Gedanken eine Chance der Darstellung gibt." Dankbarkeit befällt den Kritikus dafür, daß es ihn überhaupt noch geben darf, wobei er der Preisvergabe an seine bescheidene Person die Bedeutung eines "Offenhaltens des politischen Spektrums bis hin zu den Grenzwerten der unorthodoxen Linken" abzugewinnen weiß. Souverän denkt er den Ausgangspunkt seines "Zögerns" aus der Welt - daß allenthalben auf "die Linke" eingedroschen wird, w ä h r e n d man ihn prämiert: Indem er der Stärke seines Gedankens zutraut, "alles Linke auf seine Kappe zu nehmen", macht er sich glauben, der Philosophenpreis käme damit all denen zugute, die er im Geiste um sich versammelt hat.

Was aber - so darf man fragen - hätte man davon, auf der Kappe eines preisgekrönten Methodosophen zu hocken? Welcherart "Signale" sind es, durch die dieser "gegen die gefährliche Verengung des politischen Spektrums anzuwirken" versucht?

"Eine Verstärkung der Einmischung in die aktuelle politische Diskussion würde sich nicht mit meinen Bedürfnissen decken; ich habe mich durch Forschung zu legitimieren: sie ist wichtig, im Kopfe ein bißchen klarer zu werden."

Die etwas schmeichelhafte Charakterisierung seiner geistigen Tätigkeit mag Habermas aus Anlaß des freudigen Ereignisses zugestanden sein. Jedoch erstaunt immerhin, wie wichtig der Kopf dieses Mannes ist, daß die Welt an dessen Klarheit zu genesen hätte - zumal doch "Philosophie jetzt keine Kompetenz-Kompetenz mehr beanspruchen" könne, zu deutsch: kein Hahn nach ihr kräht? Die verblüffende Auskunft des Philosophen: Gerade deshalb bin ich so wichtig.

"Insofern Philosophie diesen Vernunfts-Prospekt (Postkarte genügt) bildet, setzt sie sich doch noch in ein Verhältnis zum Ganzen"

- und nicht etwa bloß zum Halben oder Viertelten, wie der sich in "Teilsystemen" entfremdende Rest der Welt es tut. Die Sinnfrage nur aufgeworfen, und schon zerfällt die Welt in lauter Stäubchen - woran sich zeigt, um wieviel bedeutender es für sie ist, daß wenigstens einer noch die ebenso billige wie heilsame "I d e e eines Kontextes" hochhält, indem er sie sich in den eigenen Kopf setzt.

Solchen Gedanken wollte auch Wallmann einen gewissen Reiz nicht absprechen: Indem er aus dem Anlaß der Stunde heraus für einen Moment selbst die Vogelperspektive des Philosophen einnahm, wollten ihm die "Schritte" seiner eigenen Praxis so "klein" erscheinen, wie seine Beine kurz sind. Allerdings enthüllt sich gerade in der Koketterie mit der "Kühnheit des Denkens" (Wallmann über Habermas) die "Vorsicht des Handelns" (Wallmann über Wallmann) als die ganze Verantwortlichkeit des Politikers:

"Die historische Erfahrung gebietet dem handelnden Politiker Bescheidenheit bei Eingriffen in den gesellschafttichen Organismus."

Nicht nur steht er als Handelnder ganz auf dem Boden der Tatsachen; angesichts seiner M a c h t, selbst solche zu schaffen, erweist sich sein Realitätssinn auch als die wahre Tugend des Handelns: das "Augenmaß", dem er die Welt als Politiker unterwirft, verböte es schließlich, den losgelassenen Gedanken eines Philosophen zu folgen. So undenkbar es also wäre, die "Ideale" des sehr geehrten Phantasten "umzusetzen" - u n n ü t z ist seine Spezies deshalb noch nicht, kann sich der Politiker in der Freiheit von deren Spinnereien doch trefflich selbst bespiegeln:

"Andererseits sei jedoch Potitik ohne Reflex auf den utopischen Entwurf nicht möglich."

So bleibt auch in der Verwechslungskomödie "maßvoll-strenger Reflexion" ersichtlich, wer hier der nützliche Idiot i s t, und wer sich einen h ä l t.

Zuguterletzt ließ man den Meister des kühnen Gedankens mal machen und übte sich in der Kunst des Zuhörens. Auch hier wurde er den Ansprüchen vollkommen gerecht, indem ihn keine Laus verstand. Seine Gedanken kreisten um die Frage:

"Ist 'postmodern' ein Schlagwort, unter dem sich unauffällig jene Stimmungen beerben lassen, die die kulturelle Moderne seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gegen sich aufgebracht hat?"

Ist der "Bedeutungsverlust der Philosophie" ein Schlagwort, unter dem es den Philosophen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts unauffällig gelingt, sich bei bester Stimmung zu halten?