EINE FLEXIBLE GEWERKSCHAFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1984 erschienen.
Systematik: 

Nach der Tarifrunde
EINE FLEXIBLE GEWERKSCHAFT

Die Unternehmer äußern sich nach erfolgtem Tarifabschluß über dessen Inhalt - niedrige Lohnkosten auf längere Sicht und Arbeitszeit nach Unternehmermaß - ausgesprochen zufrieden, was sie natürlich nicht daran hindert, der Gewerkschaft vorzuwerfen, der vorangegangene Streik habe "der Wirtschaft", also ihnen, unnötigerweise geschadet.

Das nehmen sich deutsche Gewerkschaften tatsächlich als Vorwurf zu Herzen und haben nichts Eiligeres zu tun, als sich öffentlich zu rechtfertigen.

Streikbewältigung a la IG Metall

Die von der Gewerkschaft bezahlten Wirtschaftsforscher berechnen, daß der Produktionsausfall nur "0,18% des Sozialprodukts" beträgt. Wie ein ertappter Sünder bekennt die Gewerkschaft, daß sie das heilige "Wachstum" doch ein bißchen gestört hat, um gleich zu beteuern, daß ihr Fehltritt aber nur ganz klein gewesen sei. Ausgerechnet der Gewerkschaft geht eben nichts über "unsere Wirtschaft". Obwohl die doch den Gewerkschaftsmitgliedern gar nicht gehört, sondern für diese immer bloß ruinöse Arbeit für niedrigen Lohn bereithält oder keine Arbeit und noch mehr Sorgen um den Lebensunterhalt.

Dann gehen die Wachstumsfans von der Gewerkschaft in die Offensive: Auch an dieser geringen Beeinträchtigung des Wachstums tragen die Untemehmer die Schuld, denn

"nur ein Drittel des Arbeitsausfalls war streikbedingt, zwei Drittel beruhten auf Aussperrungen durch die Unternehmer."

Erst führt die Gewerkschaft den Arbeitskampf extra so, daß die Unternehmer davon möglichst nicht geschädigt werden, und dann wundert sie sich darüber, daß die Kapitalisten dies ausnützen und für ihren Teil mit aller Härte gegen die Arbeiter vorgehen. Und anstatt daraus die Lehre zu ziehen, daß unsere Untemehmer sehr ökonomisch kalkulieren, wenn sie als Kapitalistenklasse gegen Arbeiter und Gewerkschaft vorgehen, erfindet die Gewerkschaft lauter "Streikschäden" für die Wirtschaft. So sehr ist sie um deren Wohl besorgt.

Bei der 'Wiedergutmachung' zieht dann die Gewerkschaft auf alle Fälle wieder mit den Aussperrem an einem Strang:

"Durch entsprechende Mehrbeschäftigung wird der Arbeitsausfall nach DGB-Berechnungen im weiteren Jahresverlauf wieder aufgeholt." (Pfeiffer vom DGB-Vorstand)

Überstunden in den Betrieben, neuen Schichtplänen, Sonderschichten wollen sich DGB-Gewerkschaften - entgegen ihren Parolen gegen Überstunden! - nicht in den Weg stellen. Im Gegenteil Wenn's "unserer Wirtschaft" dient und die Unternehmer fordern, der Streik müsse "ungeschehen" gemacht werden, dann ist die Gewerkschaft sofort dafür, alle Rationalisierungs- und Intensivierungsprogramme mitzumachen. Daß dies ihrer Mitgliedschaft auf die Knochen geht, das ist dem DGB doch ganz selbstverständlich.

"Arbeitskampf und Tarifergebnis haben an den bundesdeutschen Wettbewerbsvorteilen nichts geändert. So hat der Arbeitskampf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verschlechtert, sie in wichtiger Hinsicht verbessert." (Der Gewerkschafter, Funktionärszeitung der IG-Metall)

Und dies ist dann der Gipfel gewerkschaftlicher Streikbewältigung: Die Gewerkschaft will nicht nur den Vorwwf des Wirtschaftsschädlings weit von sich weisen, in Wirklichkeit waren der Streik und sein Ergebnis überhaupt nichts anderes als ein wichtiger Beitrag zw Förderung der deutschen Wirtschaft! Das ist schon wahr: Eine Gewerkschaft, der auch noch bei einem Streik so sehr am weltweiten Wegräumen aller Konkurrenten der nationalen Wirtschaft gelegen ist, haben andere Länder nicht zu bieten. Eine ziemlich bittere Wahrheit ist das; denn die Arbeiter, für die der DGB so gerne spricht, kriegen es zu spüren, wenn sie - gerade nach dem 84er Arbeitskampf! - die "bundesdeutschen Wettbewerbsvorteile" ausbaden müssen.

Streikfrüchte für Gesamtmetall

Mittlerweile haben Gewerkschaften und Unternehmer einen neuen Streit angefangen: Letztere berufen sich auf den neuen Tarifvertrag und klagen ihr Recht auf Flexibilisierung ein - die freihändige Gestaltung der Arbeitszeit mit der einzigen "Auflage", daß in zweimonatlichem Schnitt (bei der Berechnungsweise sind noch vielerlei Kunststücke unentdeckt) 38,5 Stunden pro Woche herauskommen; die Gewerkschaften leugnen glatt ab, das im Tarifvertrag zugestanden zu haben, und geben Anweisungen an ihre Betriebsräte heraus, sich dagegen zu sträuben. Kein Wunder, daß aus den Zugeständnissen, die die Gewerkschaft den Unternehmem in Sachen Flexibilität gemacht hat, jetzt ein öffentlicher Streit wird, in dem die Gewerkschaft ihre Verantwortung für die Folgen des Tarifvertrags leugnet. Dabei geht es nicht um die Folgen für die Arbeiter, sondern um das hohe volkswirtschaftliche Ziel "Kampf gegen Arbeitslosigkeit" -, unter das die Gewerkschaft diesen Tarifvertrag gestellt hatte.

Interpretationen eines "Jahrhundertwerks"

Gegen eine Anklage will sich die Gewerkschaft schon jetzt wappnen, daß nämlich das Jahrhundertwerk des "Einstiegs in die 35-5tunden-Woche" keinen einzigen Arbeitsplatz "geschaffen" hat, obwohl es doch angeblich genau dafür erdacht war. Umgekehrt: Die Gewerkschaftsfunktionäre wissen genau, daß die Arbeitslosen eher noch zunehmen werden und daß man dann wieder mit Fingern auf sie deuten wird. Ihre ziemlich hilflose Gegenwehr besteht darin, jetzt schon einmal das Terrain vorzubereiten, um diese Beschwerde an die Untemehmer weiterleiten zu können. Das durchsichtige Verfahren geht so:

a) Mit unschuldigem Augenaufschlag wird beteuert, daß sie niemals der Flexibilisierung zugestimmt hätten.

b) Den Betriebsräten, denen sie die Aushandlung der Arbeitszeit überantwortet haben, wird die allgemeine Aufforderung mit auf den Weg gegeben, gegen die vertraglich zugestandene Flexibilisierung Widerstand zu leisten.

c) Diese Anweisung läßt man an die Öffentlichkeit gelangen, so daß die Unternehmer sofort das Zetern anfangen und die "Basis" daraus ableiten soll, daß die Gewerkschaft es mit dem Vertrag doch ganz furchtbar ernst meint im Sinne von Arbeitszeitverkürzung und Arbeitsplatzbeschaffung.

d) Alle "konkreten Fälle" der Zustimmung zum unternehmerischen Umgang mit dem Tarifvertrag werden als Erpressung der Betriebsräte oder als Ausnahme dargestellt.

e) In ein paar ausgesuchten Fällen zieht man vors Arbeitsgericht oder sonstige Schiedsstellen und verliert.

Am Ende kann die Gewerkschaft zumindest behaupten - glauben werden es sowieso nur unverbesserliche Gewerkschaftsidealisten -, einseitige Rechtsprechung und kapitalistische Willkür hätten die gute Absicht kaputtgemacht. Der simple Tatbestand, daß die Gewerkschaft mit ihrem Tarifvertrag kräftig mitgeholfen hat, das kapitalistische Überflüssigmachen der Arbeitskraft voranzutreiben, kann nun wenigstens mit ein paar herbeigeschwindelten Belegen genau umgekehrt dargestellt werden: Das Jahrhundertwerk sei von der Gegenseite vergewaltigt worden und nur deswegen ins Gegenteil umgeschlagen.