EINE DEUTSCHE FRIEDENSGESCHICHTE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1982 erschienen.

Friedensbewegung 1914 und 1982
EINE DEUTSCHE FRIEDENSGESCHICHTE

"Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, bloß haben wir sie nie bei ihrem Namen genannt, herrlich aber zeigte es deine größte Gefahr, daß dein ärmster Sohn auch dein getreuester war, denk es, a Deutschland." (Karl Bröger, Arbeiterpoet, 1914)

Sicher wird, wenn es dann so weit ist und der 3. Weltkrieg läuft oder beendet ist, wieder die Frage aufgeworfen werden: "Wie konnte es dazu kommen?" Das war schon damals so, nach dem 1. Weltkrieg, als man fragte, warum denn die große sozialdemokratische Friedensbewegung "umgefallen" sei, und sie "Verräter" schimpfte. Insofern ist die Friedensbewegung vor dem 1. Weltkrieg nicht nur historisch interessant. Denn sie belegte schon damals die traurige Wahrheit, daß das Eintreten für den Frieden und für eine bessere Nation, also für eine Politik, die das nationale Interesse friedlich verfolgen möge, in der "Stunde der größten Gefahr" für die bestehende Nation - mitmarschiert.

Radikale und klassenkämpferische Töne haben die erste große Friedensbewegung auf deutschem Boden nicht daran gehindert, für Deutschland mobil zu werden, als geschossen wurde. Man trat vielmehr mit Argumenten an, die den Übergang vom Kriegsgegner zum Kriegsteilnehmer nicht verwunderlich erscheinen lassen. Mit Argumenten, an die die moderne Friedensbewegung gut anknüpfen kann, und dies auch tut. Die "Kriegsgefahr" mit der Existenz der Waffen zu begründen, mit dem Rüstungswahnsinn oder in Waffen vernarrten Militaristen, diese Entschuldigung und Verharmlosung der Politik und ihrer Macher war damals und ist auch heute noch gang und gäbe. Im Namen des Friedens vor den Gefahren des Untergangs des Vaterlandes zu warnen und für die Handlungsfreiheit der eigenen Regierung, für die Stärkung der Souveränität Deutschlands einzutreten - dieser Nationalismus trägt heute die friedensbewegten Namen "Kriegsschauplatz Deutschland" und "Blockfreiheit". Und schließlich waren und sind die vielbeschworenen "Gefahren für die gesamte Menschheit" kein Hindernis, sich die Frage des "gerechten Krieges" und der "ausreichenden Verteidigung" zu stellen. Ironie der Geschichte, daß damals der Kampf gegen den Zarismus für gerecht angesehen wurde wie heute die Verteidigung der Freiheit, der Polen u.a. gegen den sowjetischen Totalitarismus eine Notwendigkeit sein soll. Es handelt sich eben um deutsche Friedensbewegungen, um die vor dem 1. und um die vor dem 3. Weltkrieg.

1. Lieb Vaterland

"Vaterlandslose Gesellen" nannte man sie, die alte sozialdemokratische Friedensbewegung, doch nichts war ungerechtfertigter als dieser Vorwurf von konservativer Seite. Sie legte damit dem politischen Gegenspieler eine Marxsche Einsicht zur Last, von der die Sozis längst nichts mehr wissen wollten.

Sozialdemokratische Gegnerschaft zur kaiserlichen Verwaltung des frisch gegründeten Deutschen Reiches, ihr Eintreten für Frieden und eine demokratische Republik im Kampf um die Macht konkurrierte mit dem Gegner um die wahrhaft vaterländische Gesinnung. Seit den Reichstagswahlen 1893 stärkste deutsche Partei und zu immer höheren parlamentarischen Ehren avanciert (ab 1912 stärkste Reichstagsfraktion), wuchs die SPD stellvertretend für das arbeitende Volk in die nationale Mitverantwortung und stand zur Alternative, das deutsche Vaterland lebens- und sterbenswerter zu gestalten:

"Für uns ist das Vaterland die Heimat, an der wir mit Liebe hängen, uns ist es das Band, das uns umschließt als Glieder einer großen Kulturgemeinschaft... Wir kennen und lieben unser Vaterland. Aber gerade weil wir nicht nur seine natürlichen Schönheiten kennen, sondern auch seine häßlichen Einrichtungen, deshalb sind wir Sozialdemokraten."

"Nur im Klassenkampfe allein wird ihm (dem Sozialdemokraten - d. Verf.) das Vaterland zuteil, das auch ihm teuer ist."

"Klassenkampf" für eine bessere Zukunft der Nation, das war der Kampfauftrag an den hauseigenen "proletarischen Patriotismus", und selbstbewußt gaben Deutschlands Friedenspolitiker die üble Nachrede von den vaterlandslosen Gesellen an die "Sippe vaterlandsfeindlicher Patrioten" zurück.

Der auf dem Berliner Parteitag (1892) beschlossene Grundsatz "diesem System keinen Mann und keinen Pfennig", der den Erfordernissen deutscher Wehrhaftmachung später Stück um Stück angeglichen wurde, weil es um das Vaterland ging, gründete sich nicht von ungefähr auf der Kritik einer "antinationalen" Gesinnung von Kapital und Staat - es sei

"das herrschende Militärsystem nicht imstande, die Sicherheit Deutschlands gegen feindliche Überfälle zu gewährleisten."

Mit dem Gespür des deutschen Sozialdemokraten wußte Bebel, daß nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Weltstellung Deutschlands beim Kaiser in falschen Händen lag:

"Wenn Deutschland Friedensstifter der Welt, wenn es der größte Kulturträger der Welt sein will, dann folgen wir ohne Widerrede; aber die Art und Weise, wie die Weltpolitik bis jetzt ausgeführt worden ist, wie sie bis jetzt definiert wurde von dem kaiserlichen Redner, die Art und Weise, wie man für diese Weltpolitik für ungeheure Rüstungen die Mittel gefordert hat, das ist nicht die Art und Weise, in unserem Sinne die Weltstellung Deutschlands zu wahren und Deutschland zur Achtung in der Welt zu bringen."

Mit dem kleinen liebenswerten Zusatz, "wirkliche, echte deutsche, europäische Kultur und Zivilisation in der ganzen Welt zu verbreiten, wo immer es daran fehlt, ist eine große und schöne Aufgabe". Das fand der Kaiser auch. über immer großzügigere Wehrvorlagen, mit denen er sich vom Reichstag sein wachsendes Bedürfnis an Geld und Menschenmaterial gewähren ließ, gestaltete das kaiserliche Deutschland seinen Dreibund gegenüber der Entente zu einer kriegsfähigen Weltmacht.

Demgegenüber verstand sich der revolutionäre Anspruch, "die Arbeiter hätten nur einen Feind" und somit die "Bekämpfung und Vernichtung dieses einen Feindes, des Kapitalismus" zu besorgen - Vokabeln, die für die heutige Friedensbewegung ein Ausschlußgrund wären, - als demokratische Absicht, die "versäumte Arbeit der Bourgeoisie nachzuholen" und dabei gleichzeitig darauf zu achten, daß das deutsche Haus, das man instandbesetzen wollte, von außen nicht eingerissen wird.

Die sozialdemokratische Friedensbewegung stand so im klassischen Zweifrontenkampf um das deutsche Vaterland:

Sowohl gegen eine "verbrecherische Politik" ihres "unfähigen" Kaisers, "die unbekümmert die Völker Europas an den Rand eines verheerenden Weltkrieges führen möchte", dem das Vaterland geopfert würde:

"Deshalb muß für jeden wahren Freund des Vaterlandes, des Volkes und des Weltfriedens in diesen Tagen die Losung heißen: Kampf der Wehrvorlage!"

Als auch gegen die Bedrohung Deutschlands von außen, durch die von demselben Kaiser in anstrengenden Recherchen ausgemachte "russisch-französische Zange", in welchselbiger das arme Vaterland übel gequetscht werden sollte:

"Es gibt in Deutschland überhaupt keinen Menschen, der sein Vaterland fremden Angriffen wehrlos preisgeben möchte. Das gilt namentlich auch von der Sozialdemokratie, der ihre Gegner oftmals den Vorwurf der 'Vaferlandslosigkeit' gemacht haben. Die Sozialdemokratie hat niemals verkannt, daß die geographische und politische Lage des Reiches die Vorbereitung einer starken Schutzwehr notwendig macht.

Wir müssen in Deutschland mit der Möglichkeit eines Angriffskrieges von außen leider einstweilen noch rechnen, namentlich von Osten her. Wenn einmal ein solcher Krieg ausbrechen sollte, dann würde er zum Weltkrieg werden und unser Vaterland vielleicht vor die Frage von Sein oder Nichtsein stellen. Infolgedessen rechtfertigt sich nicht nur die Wehrhaftmachung des letzten Mannes bei uns, sondern sie ist eine notwendige Forderung. Die Sozialdemokratie war die erste Partei, die das klar erkannt und daher in ihr Programm den Satz aufgenommen hat, der die Erziehung des Volkes zur allgemeinen Wehrhaftigkeit ausspricht."

Und der deutsche Imperialismus nahm die Vorbereitung einer offensiven Schutzwehr ernst. In einer militärischen Vorrunde mit den internationalen Konkurrenten - mal mit Frankreich, mal mit Rußland - versah er seine diplomatische Offensive demonstrativ mit der Bereitschaft, mit Waffengewalt nicht nur zu drohen, sondern sie auch zu gebrauchen: 1906 Marokko, 1909 Bosnien, 1911 Marokko, 1912/13 Balkankriege. Von einer sozialdemokratischen Macht in spe und ihrer Friedensbewegung sind hier natürlich Stellungnahmen gefragt, ihre Stellung zu Krieg und Frieden mußte zugleich konkret und flexibel als auch prinzipienfest sein. Und ihr Prinzip war einfach und zudem allgemein anerkannt: "Angriffskrieg" ist schlecht und ungerecht, "Verteidigungskrieg" ist gut und gerecht.

Eine Kategorisierung, durch die die kriegsführenden Parteien nicht mehr befürchten mußten, den Grund ihrer Kriege vorgehalten zu bekommen, sondern sich begeistert gegenseitig in der üblichen hohen Kriegskunst überbieten konnten, nur noch gerechte Kriege vom Zaun zu brechen. Mit ihrem ganzen politischen Selbstbewußtsein bekräftigte die sozialdemokratische Friedensbewegung in den Worten ihres Führers, daß in punkto Vaterland die Verantwortung bei ihr in guten Händen lag:

"Sie können künftig keinen siegreichen Krieg ohne uns schlagen. Wenn Sie siegen, siegen Sie mit uns und nicht gegen uns; ohne unsere Hilfe können Sie nicht auskommen. Wenn der Krieg ein Angriffskrieg werden sollte, ein Krieg, in dem es sich dann um die Existenz Deutschlands handelte, dann ich gebe Ihnen mein Wort - sind wir bis auf den letzten Mann und selbst die ältesten unter uns bereit, die Flinte auf die Schulter zu nehmen und unseren deutschen Boden zu verteidigen, nicht Ihnen, sondern uns zuliebe, selbst meinetwegen Ihnen zum Trotz (!)."

Kein Zweifel,

"In der Beurteilung von Angriffskriegen auf Deutschland stimmen wir absolut überein! Es gibt da keinen Unterschied! Angriffe würden wir Sozialdemokraten mit ebenso großer Entschiedenheit zurückzuweisen bemüht sein, wie das irgendein Angehöriger der bürgerlichen Parteien tun könnte und wollte... Im übrigen erkläre ich noch einmal: Wir wünschen, daß Deutschland möglichst wehrhaft ist, wir wünschen, daß das ganze deutsche Volk an den militärischen Einrichtungen, die zur Verteidigung unseres Vaterlandes notwendig sind, ein Interesse hat."

Je deutlicher sich für unsere nationalbewußte Friedensbewegung der Ausbruch des Ersten Weltkriegs abzuzeichnen begann, desto galanter formulierte sie ihre Kritik an den militärischen Vorhaben Deutschlands als Einspruch gegen undemokratische = sicherheitsgefährdende Militärpolitik des Kaisers: Verantwortungslosigkeit nach außen, Mißbrauch des Militärs nach innen ("Wir halten es nicht für notwendig (!), daß diese Wehrmittel gleichzeitig dazu benutzt werden sollen, das deutsche Volk selbst niederzuhalten.").

Der Stolz, zum "tragenden Pfeiler der deutschen Politik" geworden zu sein, paarte sich mit der Bereitschaft, für alle ihre Konsequenzen einzustehen. Die lautstarke internationalistische Warnung: "Wir wollen keinen Krieg!" trug von vornherein den Stempel der einen kleinen Besonderheit sozialdemokratischer Friedensbewegung - eine deutsche zu sein.

Die 1914 über eine Million Mitglieder zählende SPD, der 1912 über ein Drittel aller deutschen Wähler 4,2 Millionen Stimmen verpaßten und sie damit zur größten Reichstagsfraktion bestimmten, mobilisierte eine Woche vor der deutschen Generalmobilmachung ganze 300.000 Friedenskämpfer auf ihre machtvollen Friedensdemonstrationen. Die restlichen Millionen "Stimmen für den Frieden" bereiteten sich zu Hause auf den Krieg vor. Einen Tag vor der deutschen Mobilmachung legte das Friedensgewissen der deutschen Nation die gerechte und die ungerechte Seite fest und warnte

"Rußland, durch eine Mobilisierung einen Zustand zu schaffen, der den blutigsten Völkermord heraufbeschwört, aber auch das Ende des Zarismus bringen kann! Wir beschwören Frankreich, seinen ganzen Einfluß auf Rußland auszuüben, damit es nicht durch seine plumpe Kosakenpolitik auch Frankreich in die unabsehbaren Schrecknisse des europäischen Krieges hineinreißt." Das offizielle Votum vier Tage später war nur noch eine formale Angelegenheit, die Friedensbewegung war ihrer vaterländischen Verantwortung gerecht geworden und schloß zum Zwecke des Krieges totalen Frieden - mit dem Kaiser, zur Wiederherstellung der Freiheit des Vaterlandes:

"Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Vaterlands erforderlichen Mittel. Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despntismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volks befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich."

Im Angesicht des nationalen Feindes wird aus dem heimischen Despoten eben der oberste Repräsentant angegriffener deutscher Souveränität. Das bessere Deutschland beweist sich allein noch in der bedingungslosen, aufopfernden Treue und Verteidigungsbereitschaft für Deutschland.

II. Die Menschheit in Gefahr

Doch nicht nur der Bestand des Vaterlandes, das Überleben der Menschheit war der Friedensbewegung durch eine Sorte Zukunftskrieg in Frage gestellt, deren Schlachten "so blutig sein werden, wie sie in der Kriegsgeschichte noch nicht verzeichnet sind."

Grund genug für das "Handbuch der Friedensbewegung" des Friedensnobelpreisträgers Alfred Fried, die Frage aufzuwerfen,

"ob zivilisierte Menschen der europäischen Kulturwelt genügend starke Nerven besitzen werden, um den psychischen Eindruck des Mordens und der Vernichtung ertragen zu können, ohne dem Wahnsinn zu verfallen."

Zudem weiß das "Handbuch", daß im Kriegsfalle

"mindestens so viel Sanitätspersonal aufgestellt werde(n müsse), als streitbare Soldaten im Felde stehen, eine Forderung, deren Durchführung natürlich unmöglich ist."

Die Friedensbewegung warnte davor,

"daß ein Weltkrieg das furchtbarste Unglück wäre, das die Menschheit treffen könnte", eine "Weltkatastrophe" "mit Massenelend und Massenvernichtung im Gefolge."

Die Sorge, der Staat möge doch die außenpolitische Wahrnehmung der Interessen seiner Nationalökonomie so gestalten, daß Vaterland und Menschheit dabei nicht völlig draufgehen, ist so alt wie der Weltkrieg.

Die Kritik der sozialdemokratischen Friedensbewegung am "Wahn-/Unsinn" solcher Kriege trägt deshalb den Hinweis immer in sich, durch den Vernichtungsgrad der bereitgestellten Waffen den eigentlichen Sinn einer Kriegsführung nicht aus den Augen zu verlieren, wonach das Opfer an Menschen mit dem Fortbestand von Nation und Menschheit belohnt würde.

Weil "totale Vernichtung" Kriegszweck nicht sein kann, gilt der Friedensbewegung heute wie damals die Warnung als Argument, "eine Sicherheitskonzeption, die mit dem Selbstmord ganzer Nationen droht, bringt keine Sicherheit."

Soll sie auch gar nicht! Schon Bismarck kennzeichnete mit den oiiginellen Worten "Selbstmord aus Furcht vor dem Tode" nichts anderes als den - Präventivkrieg. Die Friedensbewegung aber, die aus Sorge um den Bestand der Nation die Sinnlosigkeit des nationalen Suizids beschwört, unterstreicht ihr Anliegen mit einem militärischen Argument, das - wenn es stimmen würde - jeden Feldherrn erschrecken müßte: Es gibt keine Sieger mehr. Nach Alfred Fried teilte selbst Wilhelm II. die Auffassung,

"daß der Zukunftskrieg zwischen den gleichmäßig gerüsteten großen europäischen Militärstaaten ein Selbstmord wäre, bei dem es keinen Sieger geben kann. Die Heere würden sich solange bekämpfen, bis beide Teile erschöpft und unfähig werden, den Kampf fortzusetzen."

"Ich muß sagen, daß ich nicht daran glaube, daß es irgendwelche Sieger gäbe. Jedermann würde verlieren, wenn es zum Atomkrieg käme.", bekräftigt 70 Jahre später der Präsident der Weltmacht Nr. 1 und zieht aus dieser verfahrenen Lage- den gleichen politischen Schluß, wie einst der deutsche Kaiser - militärisch eben stärker zu werden als der Gegner.

Wirklich ärgerlich wurde der Friedensbewegung die ganze Angelegenheit jedoch erst unter dem Gesichtspunkt, daß Regierungen "n unerhört leichtfertiger Weise" alles zur Vernichtung anbieten, "was in Jahrzehnten mühsamer Kulturarbeit errichtet worden ist." Angesichts einer "läppischen" Balkankrise (1912/13) wäre ein Weltkrieg (die Friedensbewegung bedient sich hier der Worte des 'Realpolitikers' Bismarck) "die größte Schandtat der Weltgeschichte durch den schreienden Gegensatz zwischen der Größe der Katastrophe und der Geringfügigkeit der ins Spiel kommenden Interessen", "ein Krieg zwischen den drei großen führenden Kulturvölkern wegen des serbisch-österreichischen Hafenstreits wäre verbrecherischer Wahnsinn."

Weil die Menschheit der Friedensbewegung viel bedeutet, hat sie feinsinnig zwischen einem kleinen, ohne Deutschland geführten, also harmlosen Krieg und einem die Menschheit opfernden, Deutschland einbeziehenden Krieg unterscheiden gelernt; eine Unterscheidung, die gerade - unter wirklich stillschweigender Teilnahme der Friedensbewegung - an den Falklands durchgespielt wird. Sollen die Kanaken auf dem Balkan sich doch für die Interessen der Großmächte schlachten lassen, solange Deutschland und die Menschheit nicht in Mitleidenschaft gezogen werden! Deutsche verteidigen nur wichtige, nur deutsche Interessen. Muß es dazu kommen?

"Wird's bei diesem Krieg bleiben? Wird er 'lokalisiert', also auf Österreich und Serbien beschränkt werden können? Wird Rußland sich nicht gezwungen sehen, Serbien zu unterstützen? Und kann das geschehen, ohne daß auch die mit Österreich verbündeten Mächte, Deutschland und Italien, fechten müssen? So lauten jetzt die bangen Fragen, und die ganze Welt harrt mit größter Spannung ihrer Lösung."

Wenn es zum Weltkrieg käme, dann (!) bedeutet dies "ein Morden und Zerstören, wie es die Welt noch nicht sah. Wer mag" (dann!) "die Not und das Elend malen, die ein solcher Krieg nach sich ziehen müßte!"

Die damaligen guten Deutschen haben also die Dialektik des Arguments "sinnlos" schon voll beherrscht. Einerseits jeden Krieg ohne unmittelbar deutsche Interessen und Beteiligung für sinnlos zu erklären, und andererseits an der Sinnlosigkeit der "Massenvernichtung" für vorgestellte nationale Absichten von der anderen Seite her genau das als Kriterium zu reflektieren, was einen "Sinn" hat: die Verteidigung "unserer" Interessen.

Der Gedanke an das riesige Ausmaß des Mordens und Zerstörens soll aber auch sein Gutes haben, die Qualität der Mordwerkzeuge würde in eine friedenssichernde Funktion umschlagen:

"Und in der Tat können wir damit rechnen, daß, wenn auch in einer fernen Zukunft, die Technik, die leichte Beherrschung der gewalttätigen Naturkräfte durch den Menschen, eine Stufe erreichen wird, die eine Anwendung der Mordtechnik überhaupt unmöglich macht, weil sie Selbstvernichtung des Menschengeschlechts bedeuten würde, und die Ausnützung der technischen Fortschritte aus einer gewissermaßen plutokratischen wiederum in eine gewissermaßen demokratische, allgemein menschliche Möglichkeit wandelt."

Obwohl weder damals noch heute die Masse der Waffen und ihre Durchschlagskraft Kriege verhindert haben und verhindern, hat sich die klassische Ideologie der Friedensbewegung gehalten, die ihrer Angst und Hoffnung zugrundeliegt: Nicht die Politik, die Waffen entscheiden über Krieg und Frieden.

III. Im Banne des Molochs

Weil ohne militärisches Rüstzeug Kriege schlechterdings unmöglich sind, was kein vernünftiger Mensch bestreiten kann, machte die Friedensbewegung die kühne These auf, die Waffen seien der Grund militärischer Konfrontation und die Politik, die sich ihrer bekanntlich als Mittel bedient, in Wahrheit Opfer derselben.

Die Bedingung wird zum Grund, das Subjekt zum Opfer - und möglich macht das Unmögliche der "Moloch Militarismus", der, "ursprünglich ein besonders preußisches Gewächs, heute zu einem internationalen Übel geworden ist", zum schlechten Charakterzug der bürgerlichen Gesellschaft.

Entschlossen packte die sozialdemokratische Friedensbewegung die Wurzel bei ihrem Übel:

"Der Militarismus ist der Würgeengel der Kultur; er barbarisiert die Zivilisation und frißt, das Volk aussaugend, alle Mittel auf, die einem gewaltigen Fortschritt dienen könnten. Er ist die Quintessenz und die Summe aller Volksfeindlichkeit, der brutale Exekutor und blutig-eiserne Schutzwall des Kapitalismus."

"Der Militarismus, der die besten Kräfte des Volkes schon im Frieden verbraucht, bedeutet eine Gefahr für den Bestand des Staates in Zeiten des Unglücks."

Und das in vielerlei Hinsicht:

1. "Tausende junger Männer sollen ihrer nutzbringenden gesellschaftlichen Tätigkeit entrissen und dem militärischen Drill unterstellt werden." Man will sie "als Kanonenfutter mißbrauchen."

Daß der Staat den Nutzen seiner Leute jetzt in einer anderen gesellschaftlichen Tätigkeit entdeckt, sollte er sich also dreimal überlegen. Zumindest sollte auch der Soldat etwas davon haben -

"Natürlich wird auch jetzt die Sozialdemokratie der Erhöhung des Mannschaftssoldes freudig zustimmen, sind es doch gerade Arbeitersöhne, die im bunten Rock stecken!" -,

wenn er schon von seiner 'normalen' gesellschaftlichen Tätigkeit nichts hat.

2. "Weil das Militärwesen so ungeheuerliche Summen frißt, darum leiden bei uns alle Kulturaufgaben...", ja, "diese gewaltigen Neurüstungen führen zur Zerrüttung der Kultur."

Aber was einem Staat die Kultur bedeutet, die damals noch nicht mit dem modernen Namen "Grün" oder "Bildung statt Rüstung" daherkam, davon weiß natürlich der Militarismus nichts, der überall "seine wüstesten Orgien feiert."

3. Die Militärausgaben "treiben das Deutsche Reich dem finanziellen Bankrott zu", mußten doch "für die Militärzwecke immer umfangreichere Anleihen aufgenommen werden, die es soweit brachten, daß die Reichsschuld im Jahre 1911 rund 5 Milliarden 100 Millionen betrug."

Dabei nahm die Friedensbewegung weniger Anstoß daran, daß der Staat sich souverän mit dem Geld versorgt, das er braucht, sondern brandmarkte, daß er dieses - entgegen seinem "eigentlichen Zwecke" - für "sinnloses Wettrüsten" verschleudere, und erklärte "die Milliardenvergeudung für militaristische Zwecke für eine nachhaltige Schädigung der deutschen Volkswirtschaft."

So "absurd und grotesk" einerseits der Friedensbewegung solcherart staatliches Tun im Banne des Militarismus anmutete, so reell war ihr das gesetzmäßige Resultat, das der Moloch Militarismus dem Staat aufnötigte:

4. "Kriege ergeben sich mit Naturnotwendigkeit aus den unaufhörlichen Wettrüstungen des Militarismus."

Ungeachtet der Tatsache, daß der Staat als Vollstrecker einer Politik fungiert, die ihre internationale Durchschlagskraft immer dann im militärischen Vergleich demonstriert, wenn die friedliche Drohung mit dem Kriegsapparat ihrem Zweck nicht mehr genügt, wird an seine 'Vernunft' appelliert, sich aus der militaristischen Zwangsjacke zu lösen. So verlangte die Friedensbewegung

"von der deutschen Reichsregierung, daß sie sich nicht immer wieder dem verbrecherischen Treiben gewissenloser Kriegshetzer unterwerfe (!), sondern Raum schaffe für eine friedliche, freiheitliche Entwicklung des deutschen Volkes und für eine Verständigung mit den anderen Völkern."

Das Subjekt der Kriege, der Schuldige, ward damit nicht angegriffen. Erst waren es die Waffen, jetzt sind es Kriegshetzer, in Waffen vernarrte Fanatiker, also Personifikationen des Militarismus, böse Moloche, die Kaiser und Kanzler im Nacken sitzen.

"Um die Vernichtung der Blüte aller Völker zu verhindern", haben die Friedenshüter "die Regierung davor gewarnt, sich in kriegerische Verwicklungen hineintreiben zu lassen", und noch wenige Tage vor der deutschen Kriegserklärung analysierte der "Vorwärts":

"Das beispiellose Treiben der unverantw ortlichen Kriegshetzer sucht Kaiser und Kanzler mattzusetzen und die Kriegsfurie skrupellos zu entfesseln!"

Ausgerechnet der deutschen Politik, die angestrengt auf einen Anlaß für einen deutschen Verteidigungskrieg hinarbeitete, wurde empfohlen, "sich jeder Einmischung in die Kriegswirren zu enthalten" und "strikte Neutralität" zu üben. Ja, die Friedensbewegung wußte gar:

"Was kann die Gefahr eines europäischen Krieges noch abwenden? Wenn vor allem Deutschland sich mit dem ganzen Gewicht seiner europäischen Stellung für den Frieden ins Mittel legt."

Höchstens das mächtige Deutschland kann es, natürlich nur, wenn die besten Deutschen - die Friedensbewegung - dem Reich den Militarismus austreiben. Doch wie groß der Einfluß des Molochs geworden war, sah die Friedensbewegung nicht nur mit Bedauern an den anderen Parteien:

"Die bürgerlichen Parteien sind durchweg in den Bann des Imperialismus geraten, sie bewilligen widerstandslos alle Forderungen für Heer und Marine."

Sie sah es mit Erschrecken auch an sich selbst, wollte doch der Moloch

"die Völker von ihren Kulturbestrebungen und ihrem Befreiungskampf" (Klassenkampf jetzt für die deutsche Kultur!) "im Innern ablenken."

Das aber durfte nicht sein. Die sozialdemokratische Friedensbewegung wollte nämlich am deutschen Staat korrigieren, worin seine Anfälligkeit gegenüber militärischer Vergewaltigung begründet lag: im Mangel an Souveränität.

IV. Stamokap früher

Weil der Staat durch seine Maßnahmen die Schädigung seiner Bürger nicht gleichmäßig besorgte, sondern sich die Reichtumsproduktion seiner Lieblingsbürger ebenso zum Anliegen machte wie die hierfür nötige Tauglichkeit der vom Reichtum Ausgeschlossenen, entdeckte die Sozialdemokratie an ihm ein Souveränitätsdefizit: die Fremdbestimmung staatlicher Gewalt durch das Kapital, besonders auf dem Felde der Kriegsvorbereitung.

Die gerade vor 1914 so souverän demonstrierte Bereitschaft der Staaten zur Austragung von Gewalttätigkeiten im Interesse ihrer Nationalökonomien, deren politisches Subjekt sie darstellen, wird von den Sozialdemokraten auf den Kopf gestellt. Nicht der freie Wille des Klassenstaats setzt auf den Krieg, nein, der Staat - so lautet dessen Entschuldigung - kann seinen "eigentlichen Zweck" nicht mehr verfolgen, Denn Kapitalisten zwingen ihren Kaiser, der sich dagegen nicht zu wehren vermag, militärisch zuzuschlagen, Kapitalisten, deren "Gier nach neuen Ausbeutungsobjekten und nach neuen Absatzgebieten bestimmend auf die Staatsgewalt einwirkt und deshalb die Regierung zu einer Politik der gepanzerten Faust, des Länderraubs und der Unterdrückung des eigenen Volkes treibt." Besser wäre ein absoluter, ein mächtiger Staat.

"Die Diplomatie der sogenannten Großmächte hat durch ihre Unfähigkeit und ihre aus den widerstreitenden imperialistischen Interessen der regierenden Kapitalistenklasse resultierende Ohnmacht die Erweckung der Kriegsfurie selbst mit verschuldet."

Nun dokumentiert sich jedoch nirgends so deutlich wie im Kriegsfalle die Emanzipation der Politik vom Profit, für den sie gemacht wird, die staatliche Souveränität nämlich, ökonomische Gesetze auch einmal auf den Kopf zu stellen und eine gehörige Portion des nationalen Reichtums seiner Vernichtung preiszugeben, wenn sich dadurch politische Hindernisse beseitigen lassen, die seiner Vermehrung im Wege stehen. Die guten Anwälte der Verteidigung von Frieden und Vaterland, die Sozialdemokraten, zeigten auf die Bösewichte der Nation:

1. Allgemein:

"Wer will Krieg?... Kapitalisten, Industrielle, Rüstungsinteressenten aller Art, die sich durch den Krieg bereichern wollen." Das mag für Kriegsgewinnler zutreffen, aber so sicher nicht: "Im Kriegsfalle erhöht. sich der Gewinn der Reichen zu gewaltigen Summen" - man höre und staune!

2. Im besonderen entdeckte man unter den Kapitalisten eine besonders üble Sorte, die Rüstungsindustrie -

"deren Interesse und deren Nahrung der Völkerunfriede, der Völkerzwist, der Krieg ist";

"nicht gedeihend bei Glück, Freiheit und Frieden der Völker, sondern bei Zwietracht, Kriegsgefahr, Krieg, die ihre Nahrung bilden: je mehr Völkerhaß, umso mehr Profit!" -,

die deshalb ihren Politikern die Aufträge für ihre eigene Waffenproduktion erteilen.

"Es ist bekannt, daß die auswärtige Politik unserer jetzigen Epoche schon längst nicht mehr in den auswärtigen Ämtern gemacht wird, sondern in den Fabrik- und Bankkontoren."

Was lag also näher für die Friedensbewegung, als diesem Kapitalzweig den Garaus zu machen - indem der Staat wieder in sein Recht gesetzt wird: Verstaatlichung der Rüstungsindustrie war die Friedenslosung.

"Meine Herren, und dann noch das eine - und darauf weise ich besonders hin -: Kämpfen wir nicht gerade - um ein näheres Ziel ins Auge zu fassen - um die Verstaatlichung der Rüstungsindustrie? Richtet sich unser Kampf nicht gerade gegen die Schäden in der Rüstungsindustrie, soweit sie aus ihrem Charakter als einer Privatindustrie mit all ihren bösen kapitalistischen Eigenschaften hervorgehen? Dem, der es anstrebt, eine Art Staatsmonopol auf dem Gebiete der Rüstungsindustrie in Deutschland im Interesse der Allgemeinheit zur Durchführung zu bringen, dem wollen Sie zum Vorwurf machen, daß er damit den deutschen Arbeiter schädigen wolle!"

Denn Rüstung ist ein zu hohes Gut, als daß es Privaten übertragen werden könnte.

V. Die ideale Abschaffung der "Mißbrauchs"

Die Friedensstrategie der Demokratisierung Deutschlands, mit der die Sozialdemokratie der außenpolitischen "Abenteurerlust" des Deutschen Reiches ihr Demokratieideal entgegenhielt, kann man getrost unter das Motto: "Völker hört die Ideale" stellen.

- Da wollte die sozialdemokratische Partei an die Macht und gab dies als Volksherrschaft gegen den Krieg aus: Denn "gegen den Willen der breiten Volksmassen ist heute kein Krieg mehr möglich."

"Aber auch wir Sozialdemokraten sind lebhaft daran interessiert, vielleicht mehr als Sie von allen anderen Parteien, daß in Deutschland Regierungs- und politische Verhältnisse eintreten, die eines Kulturvolks würdig sind... Dazu ist notwendig eine Verfassungsänderung, die der Volksvertretung die Entscheidung über Krieg und Frieden in die Hand gibt. Denn in allerletzter Linie sind es doch die Kriege, die als Gespenst am Horizont stehen, die möglich werden, deren Gefahr erhöht wird, wenn die unvernntwortliche Politik, dieses persönliche Regiment in Deutschland weitergetrieben wird. In letzter Linie hat doch das deutsche Volk Leben, Gesundheit, Gut und Blut zu Markte zu tragen, wenn sich dutrh solche unverantwortliche Politik ... die Situation zugespitzt hat."

Und wer schon seinen Kopf hinhält, sollte an der Entscheidung über seinen Schaden auch beteiligt werden. War er dann auch sehr schnell - mit der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten.

- Da wollte die deutsch-nationale SPD aus dem Junker-Stand Militär eine totale Sache des ganzen Volkes machen - und tatsächlich: Der "Ersatz des stehenden Heeres durch das Milizsystem, um die Armee aus einem Werkzeug der Klassenherrschaft und des Krieges zu der Schutzwehr des Volkes und des Friedens zu machen", "die Einführung einer Volkswehr auf demokratischer Grundlage, die nur der Landesverteidigung zu dienen hat", entsprach der Forderung allgemeiner Wehrhaftmachung - unter sozialdemokratischem Vorzeichen.

Daß jedoch notfalls auch ein stehendes Heer unter sozialdemokratischer Mitwirkung seinen nationalen Verteidigungspflichten nachzukommen in der Lage ist, bekräftigte sie noch Ende 1918 (!) in der Einheitsfront aller Kriegsparteien:

"Wir sind deutsch bis auf die Knochen und wollen deutsch bleiben... Sollte unsere Regierung gezwungen sein, das Volk zum Entscheidungskampfe aufzurufen, um die Vernichtung unseres Reiches abzuwehren, dann müssen alle wie ein Mann aufstehen und auch das Letzte hergeben für die Freiheit und die Zukunft unseres Vaterlandes!"

- Da wollte die deutsche Friedensbewegung nicht auf das Ideal der Staatenkonkurrenz verzichten, dachte sich "internationale Schiedsgerichte" aus, aber nicht ohne den Realismus, daß internationales Recht auch eine entsprechende Gewalt benötigt, um durchgesetzt zu werden: den Superimperialismus als europäisches Sicherheitsmodell, der auf Krieg verzichten kann, weil seine Politik auch so durchsetzbar ist:

"Die Verheerungen, mit denen ein europäischer Krieg den ganzen Erdteil bedroht, sind so unsagbar große geworden, die Volteile, die er bringen kann, für die Volksmasse so bedeutungslos, daß selbst die Bourgeoisie sich dem Eindruck dieses Mißverhältnisses nicht verschließen kann. Die Abneigung gegen den Krieg nimmt nicht nur unter den Massen des Volkes, sondern auch unter den herrschenden Klassen rasch zu. Es ist denn auch seit 40 Jahren immer gelungen, jeden Konfliktstoff zwischen europäischen Mächten, und mochte er noch so drohend sein, ohne gewaltsame Explosion aus der Welt zu schaffen." (Dagegen hat die NATO erst etwas über 30 Jahre Friedenssicherung vorzuweisen.) "Im entscheidenden Moment schreckt jeder vor der Verantwortung zurück, die furchtbaren Schrecken des modernen Krieges zu entfesseln. Indes traut doch keiner dem anderen, und jeder will bei allen auftauchenden Konflikten soviel als möglich in die Waagschale zu werfen haben, damit er bei der Auseinandersetzung möglichst viel einheimse. So wachsen gleichzeitig mit der Friedenssehnsucht die Kriegsrüstungen... Es ist ein Zustand, der noch lange den Frieden erhalten kann, in dem wir aber über Nacht aus dem tiefsten Frieden und der stärksten Friedenssehnsucht in den blutigsten Krieg hineintaumeln (!) können, den die Welt noch gesehen..."

Das zu verhindern "gibt es heute nur einen Weg: Die Vereinigung der Staaten der europäischen Zivilisation in einem Bunde mit gemeinsamer Handelspolitik, einer Bundesregierung und einem Bundesheer - die Herstellung der Vereinigten Staaten von Europa.

Gelänge dies, so wäre Ungeheures erreicht." (Ist es heute, und wie!) "Diese Vereinigten Staaten besäßen eine solche Übermacht, daß sie ohne jeglichen Krieg alle anderen Nationen, soweit sie sich ihnen nicht freiwillig anschlössen, dazu zwingen könnten, ihre Armeen aufzulösen, ihre Flotten aufzugeben. Damit hörte aber auch für die neuen Vereinigten Staaten selbst jede Notwendigkeit einer Bewaffnung auf. Sie könnten nun nicht bloß auf alle weiteren Rüstungen, auf das stehende Heer, auf die Angriffswaffen zur See verzichten, deren Aufgeben wir heute schon fordern, sondern auch auf jegliches Mittel der Verteidigung, auf das Milizsystem selbst. damit wäre die Ära des ewigen Friedens sicher begründet."

- Da wollte die Friedensbewegung auch die heute noch moderne Verrücktheit dazusetzen, daß die Herrschenden beim Krieg Angst bekommen vor der Gefahr der Störung des sozialen Friedens, damals noch "Revolution" und nicht: "Die Friedensbewegung wird immer stärker..." genannt. Damals schon endete diese Hoffnung in der nationalen Mobilmachung:

"So sehr jedoch die Versammelten den Krieg verabscheuen und für den Frieden eintreten, so sehr sind sie davon überzeugt, daß die herrschenden Klassen einen Weltkrieg mehr zu fürchten haben als das Proletariat. Ein Weltkrieg würde alle die gewaltigen sozialen Gegensätze, die die modernen bürgerlichen Gesellschaften zerreißen, zum Austrag bringen und einen revolutiönären Umwälzungsprozeß einleiten..."

"Das ist ein starker, ja vielleicht der stärkste Beweggrund für die herrschenden Klassen, Frieden zu halten und nach Abrüstung zu verlangen."

VI. Die Sache mit der Friedensliebe der Massen

Die Friedensbewegung schwört auf die Friedensliebe der Massen als natürlichste und menschlichste Emotion schlechthin:

"Rastlos nach ehernen Gesetzen arbeitet der Mensch an der Vervollkommnung seines Werkzeuges; um den Erdball seinen Bedürfnissen anzupassen, vervollkommnet er die Technik. Aber noch ist es ihm unbewußt, daß er mit der Befriedigung seiner nächstliegenden materiellen Bedürfnisse noch andere, höhere Werte schafft. Er glaubt, nur für den Magen zu sorgen, und schafft damit immer höhere Kultur und höheren Frieden. Jede neue Vereinfachung und Kraftersparnis am Werkzeug wird zum Friedenswirken. Jede Schraube, die ein Maschinenglied an das andere festigt, ist Friedensbetätigung (!). Denn jeder technisctie Fortschritt fördert die gesellschaftliche Ordnung. Und die vollkommene gesellschaftliche Ordnung wird jener Zustand sein, der die tierischen Triebe aus den Beziehungen der Menschen untereinander vollkommen ausgeschaltet haben wird.

Diesen Vorgang erkennbar zu machen, ist das Ziel der Friedensbewegung. Sie schafft den Vorgang nicht, sie weist nur auf ihn hin. Sie will die Erkenntnis für ihn wecken, damit die Menschen aufhören, gegen ihre natürliche Entwicklung zu arbeiten, einen Irrtum ablegen, der sie hindert, zum Höchstertrag ihrer Arbeit zu gelangen." (Handbuch der Friedensbewegung)

Der Mensch, dessen Natur sowohl Aggression, also Krieg, als auch Liebe und somit Frieden in sich trüge, muß umdenken.

Er selbst hat seine eigene Natur, ohne es zu wissen, zu Höherem entwickelt. Der ehemals schöpferische 'bellum omnium contra omnes' ist passe:

"Die Friedensbewegung gibt zu, daß der Krieg im Leben der Völker bis zu einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung ein kulturfördernder Faktor gewesen sein mochte. Sie erkenht aber auch, daß der Krieg, sobald ein Staat eine gewisse Kulturstufe erreicht hat, in das Gegenteil umschlägt und ein kulturhindernder Faktor wird."

Mit scharfem Blick wird die Doppelzüngigkeit von Regierungen enttarnt, die solcherart natürliche Gefühle zweckentfremden, um ihre eigenen widernatürlichen, kriegerischen Ambitionen umsetzen zu können:

"Es gibt keine Gelegenheit, bei der die Regierenden nicht ihre Sorge um die Erhaltung des Friedens betonen; bei der sie nicht mit freudiger Genugtuung jeden Schritt, der dazu dienen könnte, einen Krieg vermeidbar zu machen, triumphierend verkünden. Ja, dieser ganze ungeheure Kriegsapparat selbst, die ganze Einrichtung der Armee, wird in allen Ländern mit dem Hinweis auf die Friedensliebe, mit dem dringenden Wunsch, den Krieg zu verhüten, begründet."

Weil die Friedensliebe der Massen als ihr innerstes Naturell feststeht, sieht auch der sozialdemokratische Kriegsgegner in der 1914 demonstrierten Kriegsbereitschaft seiner Mandanten einen Beleg für den Mißbrauch ihrer Friedenssehnsucht. Der Kaiser nämlich hatte das deutsche Volk ausgetrickst, um einen ganz anderen Krieg zu führen, als er vorgegeben hatte:

"Die Parole 'Gegen den Zarismus' diente nur dem Zweck, die edelsten Instinkte des deutschen Volkes für den Kriegszweck, für den Völkerhaß zu mobilisieren, nicht aber (!) einen Befreiungsfeldzug für das russische Volk oder die Fremdvölker Rußlands."

Die Sozialdemokratie nämlich trat dafür ein, "die größte Gefahr für den Weltfrieden zu beseitigen, die Machtstellung des Zarismus":

"Ist doch der Zarismus auch die Hoffnung aller reaktionären Mächte Europas, der grimmigste Feind der Demokratie der von ihm beherrschten Völker selbst, dessen Untergang herbeizuführen die gesamte Internationale als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen muß."

Daß solch eine Aufgabe der Friedensliebe in keiner Weise widerspricht, wird heute erneut deutlich gemacht:

"Wir betrachten die Ereignisse in Polen mit Betroffenheit und mit Sympathie für den Freiheitswillen des polnischen Volkes. Der Wille von uns Westeuropäern, einen eigenen Weg zum Frieden zu suchen, ist eng verbunden mit dem Willen der Polen, ihren eigenen Weg in der Ordnung ihrer inneren Angelegenheiten zu finden. Die Ereignisse in Polen sind deshalb auch kein Argument gegen, sondern für die Friedensbewegung. Nur in einem durch Abrüstung befriedeten (!) Europa können die Völker ihre Freiheit erringen und bewahren."

Die Erkenntnis, daß die Friedensliebe der Massen sich sehr wohl mit untertänigem Patriotismus verträgt, eine Kritik am deutschen Bürger also, der sich für seine Nation den Rock anzieht, weil er mit dem Staat sein Vaterland verteidigen will, das ginge in der Tat an den Lebensnerv der Weltanschauung einer Friedensbewegung.

Nein, der deutsche Arbeiter ist gar obendrein verraten worden, von seinen eigenen Führern. Das ist das Urteil der Friedensbewegung nach dem ersten Weltkrieg. Und wie geduldig der Mann sich dabei als Manövriermasse für den Machtkampf der alten sozialdemokratischen Friedensbewegung benutzen ließ, zeigte sich in der Behandlung, die die Sozialdemokratie ihm nach dem Krieg zuteil werden ließ, nachdem sie ihr Weimarer Ziel erreicht hatte; an der Regierung zu sein, 1918.

"Schäme Dich, deutscher Arbeiter! Du verdienst Deine Freiheit nicht! Du hast lieber Schandtaten unter der Peitsche des Militarismus verrichtet, als jetzt Arbeit zu leisten aus freien Stücken.

Deutscher Arbeiter, arbeite!" (Dieses Flugblatt der sozialdemokratischen Führung wurde nach Protesten von der Basis geändert. Gestrichen wurde: "Schäme Dich deutscher Arbeiter!")

Damit ist klar, was ein friedliebender deutscher Bürger zu tun hat:

Zu arbeiten für den Frieden, sich im gerechten Verteidigungskrieg zu opfern, wenn es sein muß, und wenn er das überlebt, wieder dort weiterzumachen, wo er vor dem Kriege aufgehört hat.

Alle Zitate aus:

Handbuch der Friedensbewegung, Alfred H. Fried, 1. und 2. Teil, Berlin/Leipzig 1911/13

Die deutsche Arbeiterbewegung 1848-1919 in Augenzeugenberichten, dtv 1976

Dokumente zur deutschen Geschichte, 1905-1919, 4 Bände, Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1977

Illustrierte Geschichte der deutschen Revolution, Internationaler Arbeiterverlag, Berlin 1929

Karl Liebknecht, Reden und Aufsätze in zwei Bänden, Band 2, Verlag marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1972

Deutsche Geschichte in drei Bänden, Band 2, VEB, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967