"EINE BEWEGUNG OHNEGLEICHEN..."

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1981 erschienen.
Systematik: 

"EINE BEWEGUNG OHNEGLEICHEN..."

"Prawda" vom 11. Oktober:

"Für ein Europa, das frei von todbringender Bewaffnung ist"

"Massendemonstration in Bonn"

"Auf westdeutschem Boden entfaltet sich eine Bewegung ohnegleichen gegen das Wettrüsten, für die Beseitigung des Atomraketenbeschlusses der NATO, der die Gefahr einer atomaren Katastrophe im Zentrum Europas vergrößert. Zu einer neuen Etappe dieser Bewegung wurde die machtvolle Demonstration in Bonn, an der nach vorläufigen Angaben mehr als 250000 Menschen teilnahmen. Es war die grandioseste Antikriegskundgebung in der Geschichte des Landes... Bonn begrüßt sie auf verschiedene Weise. Von den Gehsteigen werden die Marschkolonnen der Demonstranten von Tausenden von Bürgern begrüßt. Doch die Schaufenster einiger Läden sind fest verrammelt - 'damit nichts passiert'.

Am Vorabend des Friedensmarsches auf Bonn machte der CDU/CSU-Block einen letzten Versuch, den Weg in die Hauptstadt zu blockieren. Im Parlament wurde eine Kampagne zur Verurteilung der Demonstration angezettelt, die angeblich 'für Moskau arbeitet'. Jedoch gerieten die Führer der 'Christen' selbst in eine schwierige Situation. Es ging darum, daß als Initiatoren des Friedensmarsches nach Bonn gerade zwei religiöse Organisationen auftraten - die 'Aktion Sühnezeichen' und die 'Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden'. Sie entstanden schon in den fünfziger Jahren und machten sich nach all dem Unglück, das Hitler-Deutschland über die Völker Europas gebracht hatte, zum Ziel, für immer die Idee des Revanchismus zu beseitigen, 'die endlose Kette von Kriegen zu zerreißen' und 'Frieden durch Abrüstung zu schaffen'. Auch die übelsten Lügen und Drohungen konnten die Bewegung nicht aufhalten... von mehr als 830 Organisationen des Landes unterstützt. Entgegen dem massiven Druck von oben waren in den Marschreihen Tausende von Sozialdemokraten, unter ihnen SPD-Bundestagsabgeordnete, die dazu aufriefen, die Demonstration zu unterstützen. In den Reihen der Demonstranten waren auch die westdeutschen Kommunisten. Sie waren immer der Idee der Völkerfreundschaft treu und hielten das Banner der internationalen Zusammenarbeit hoch.

Noch vor kurzem dominierte auf den Antikriegskundgebungen fast ausschließlich die Jugend. Auch jetzt stellt sie die Mehrheit der Demonstranten. Doch sind diesmal in den Reihen viele ältere Menschen, die die Beschwernisse eines nicht gerade leichten Marsches auf sich nehmen. Eine bemerkenswerte Besonderheit stellt die massenhafte Beteiligung von Arbeitern an der Demonstration dar. An der Schwelle der 70er Jahre sagten sie durch spontane Streiks ihr Wort zugunsten des Vertragsabschlusses mit der SU, und jetzt klingt die Stimme des Protestes gegen die Versuche, die Entwicklung zurückzudrehen, noch viel lauter. Unter den Losungen der Demonstranten, 'Nieder mit dem Atomtod!', 'Keine Moneten für Atomraketen!' stehen nicht selten die Namen der großen Unternehmen des Landes.

'Arbeiter und Frieden - beide gehören einfach zusammen', sagt Metallarbeiter W. Fehlmex aus Dortmund. 'Daß Frieden und Entspannung besser sind als Konfrontation, das fühlen wir unmittelbar an unseren Arbeitsplätzen', bestätigt sein Kollege M. Albrecht aus Hannover. 'In unserem Betrieb brauchen die Arbeiter, die mit der Erfüllung von Aufträgen aus der SU und anderen sozialistischen Ländern beschäftigt sind, Entlassungen nicht zu fürchten. Wir wollen mit unserer Demonstration auch die Regierung zu einer Politik zum Nutzen der Werktätigen aufrufen, gegen den NATO-Aufrüstungskurs!'

Von der Tribüne wenden sich im Lande bekannte Politiker, gesellschaftliche und religiöse Vertreter, Wissenschaftler, Schriftsteller, Gewerkschaftsführer an die Versammelten. Alle Auftritte sind durchdrungen vom Bestreben, das Wettrüsten zu stoppen, der Verwandlung der BRD in eine 'amerikanische Atomkolonie' vorzubeugen.

'Die größte nationale Demonstration' und 'einen einmütigen Ausdruck des Volkswillens gegen die Atomraketenpläne der NATO' nannte die Bonner Demonstration der DKP-Vorsitzende Herbert Mies. Und das, bemerkte er, kann man einfach nicht mehr verdrehen, obwohl es natürlich noch viele Versuche geben wird, sie auf falsche Wege zu führen. Die Demonstration in Bonn hat wirklich gezeigt, wie groß das Friedenspotential des Landes ist. Sie war auch ein Ausdruck davon, daß sich nun die Menschen zusammenschließen und - über alle Schranken verschiedener Weltanschauungen hinweg - ihre Verantwortung für die Bewahrung, des Weltfriedens deutlich machen." (Geringfügig gekürzte, eigene Übersetzung, MSZ Red.)

Liebe Kollegen von der Prawda,

bei allem Respekt vor eurem Agitprop ("das Banner der internationalen Solidarität hochhalten", nicht übel!) -, daß in der Presse gelogen wird, was das Zeug hält, sind wir ja gewohnt, aber doch nicht so!

1. Die Christen

Seit wann soll denn unsere Christenpartei furchtbar in die Klemme geraten, wenn sie anderen Christenvereinen klarmacht, wie das "die andere Backe hinhalten" heute zu verstehen ist? Nämlich mit der NATO aufrüsten bis zum gehtnichtmehr, um euch vor der Versuchung zu schützen, uns zu über fallen. Und daß die Christen die Demonstration hätten verbieten wollen, ist ja auch ein bißchen gelogen. Daß Demos nur als welche für die bundesdeutsche Politik erlaubt sind, war der Sinn der Bundestagsdebatte, und an diese Anweismng hat sich doch die Demo im großen und ganzen sehr vorbildlich gehalten. Über die gemeinschaftliche Auswertung "Friedenssehnsucht verlangt nach einer CDU/CSU/FDP/SPD-Friedenspolitik" beschwert sich doch keiner von den Christenverbänden. Überhaupt, daß ihr euch auf die Christen stützen wollt! Als ob die nicht schon genug Kämpfer gegen euer "gottloses, menschenverachtendes Regime" auf die Beine gebracht hätten und die allerchristlichste Absegnung der neuen Pershings etc. werden die Militärpfaffen aller Kirchen demnächst wohl auch mit bestem Gewissen und Vertrauen in christo zu standebringen. Und ein letztes: Wenn demnächst einer vom "CDU/CSU-Block" in den Kanzler-Bungalow einzieht, dann ist doch wohl euer Botschafter als erster zur Stelle und wirbt um "vertrauensvolle Zusammenarbeit" und ihr pinselt eure Artikel zusammen, um was für einen respektablen Staatsmann es sich da handelt.

2. Die Arbeiter und der friedenssichernde Osthandel

Daß die Ausbeutung im Kapitalismus bei euch nur höchst selten zur Sprache kommt, na ja. Aber für euch als Arbeitsplatzerhalter Reklame zu machen, als ob ihr nicht genau wüßtet, daß unser DGB die deutschen Textilarbeiter mit einem bösen Blick auf die Billigimporte aus dem Osten genauso gut antreten läßt. Daß eure Geschäfte gut für deutsche Arbeiter wären, ist schon eine ziemlich bescheuerte Lüge. Wie die Arbeitsplätze aussehen, danach habt ihr eure Fehlmexe wohlweislich nicht gefragt. Was für Folgen diese hochlöblichen Geschäfte nicht nur in eurem westlichen Nachbarstaat, sondern auch in eurem eigenen Plan haben, sollte euch bekannt sein, und daß durch den Osthandel weniger deutsche Arbeiter mit Arbeitsplätzen bestochen werden als deutsche Kapitalisten mit Profiten, ebenso. Und wenn das gut für den Frieden sein soll - wieso waren eigentlich die Chefs von Mannesmann, Salzgitter und Hoechst nicht in Bonn? Wieso ist von denen nie ein böses Wort gegen die Aufrüstung in der NATO zu hören? Woher nimmt der deutsche Staat denn das Geld für die vielen neuen Leos und Tornados, wenn nicht von den guten Geschäften seiner Kapitalisten, zu denen ihr soviel Friedenssicherndes beitragt!

Wenn im übrigen "Arbeiter und Frieden einfach zusammengehören" - von Arbeitern und Krieg läßt sich das genausogut sagen. Zum Kriegführen sind nämlich die Kapitalisten zahlen- und auch charaktermäßig einfach nicht tauglich. (Das mit den "Streiks der 70er Jahre" hätten wir ja lieber einfach überhört. Ihr könnt doch nicht allen Ernstes die 10-Polen-Aussöhnungs-Gedenkminuten meinen, zu denen damals Friedens-Willy und der DGB die deutsche Arbeiterklasse in ihren Fabrikhallen haben antreten lassen. Polen-Aussöhnung! Das wird uns ja stellvertretend für euch noch kotzübel.)

3. Die vielen Freunde der Sowjetunion,

die ihr hier habt und die allesamt nicht moskauhörig sind. Ihr seid ja wohl nicht ganz dicht, was ihr euren Lesem alles zumutet. Demonstranten, Bürgern, Antifaschisten, Sozialdemokraten, Bundestagsabgeordnete, Jugend, Alter, Arbeiter, Politiker, Wissenschaftler, Schriftsteller, Gewerkschaftsführer, summa summarum "Menschen - über alle Schranken hinweg" - wer war denn eigentlich außer Strauß und Reagan nicht in Bonn? Wer ist denn eigentlich nicht für die gute Sache und für euch oder warum sind denn die Zeiten so stürmisch, wie ihr euch ja auch immer wieder beklagt? Und das ist ja wohl eine einzige Peinlichkeit, daß ausgerechnet ihr meint, die Demonstranten vor dem Verdacht in Schutz nehmen zu müssen, "für Moskau zu arbeiten"! Daß diese das gar nicht nötig haben, weil sie selbst oft genug SS 20 und Sacharow gesagt haben, das wollt ihr euren Lesern lieber nicht mitteilen! Schon mal was davon gehört, daß euer Herbert Mies bei den jetzt anstehenden nationalen Säuberungsaktionen der Friedensbewegung, die diese ganz von alleine und unter wohlmeinender Anleitung von Kirchen, Parteien und DGB einleitet, als erster auf der Abschußliste steht? Wenn die DKP aus der Friedenseinheit herausfliegt, dann schreibt ihr wohl auch noch Artikel zur Verteidigung, sie hätte bloß die ganze Menschheit hinter sich und würde Moskau zutiefst verabscheuen!

4. Die Demonstration

Wie kommt ihr eigentlich drauf, euch mit Begeisterung hinter die Sprüche "Atomraketenbeschluß - Gefahr einer atomaren Katastrophe in Europa" zu stellen und die bürgerliche Übersetzung der Politik in eine "Gefahr" die dann überhaupt kein Subjekt mehr hat, einfach mitzumachen: Vor allem, wo doch diese Redensarten einzig die Waffe eurer Gegner sind, die wegen solcher "Gefahren" ganz viel Sicherheit und Rüstung brauchen! Daß die "machtvolle Demonstration" eine "neue Etappe" gewesen sein soll, ist zwar guter alter Revi-Stil, aber eine der dümmsten Arten und Weisen, etwas zu beurteilen. Auf dem Weg zu welchen großartigen und garantierten Erfolgen ist denn diese Bewegung, wenn ihr auf der anderen Seite peinlich verschweigt, zu welcher Kundgebung sie sich in Bonn bewegt hat und welchen Applaus dort die gar nicht einäugige Verurteilung eurer Unfreiheit kasiert hat!

Eine "machtvolle Bewegung" mit Singsang, öffentlich gewobenen Friedensteppichen und alternativer Blasmusik: Da wird "machtvoll" doch bloß die eigene Harmlosigkeit demonstriert und wie soll so eine Bewegung jemals noch "gegen" die NATO sein können: Daß es eine gelungene Bezeugung von unendlichem Friedenswillen gewesen ist, da habt ihr recht. Nur veranstalten 250000 Leute; die der Auffassung sind, daß der Frieden bei ihnen selbst anfängt und deshalb gleich auch noch die Abfälle wegräumen, nie mehr in ihrem Leben eine Opposition gegen irgendetwas. Und das müßtet ihr selbst am besten wissen: Wäre die Gegnerschaft gegen die NATO so groß, wie ihr sie der Demo unterjubelt, dann könnte doch die NATO euch nie und nimmer so zusetzen. Und die begeisterten Bürger auf den Gehsteigen! Hättet ihr mal lieber deren "Begrüßungen" wörtlich zitiert, "Geht doch nach drüben!", "...erstmal arbeiten gehen" , "Unter'm Adolf hat es das nicht gegeben", dann wären euch vielleicht auch mal ein paar Argumente gegen die demokratischen Errungenschaften und deren vorzügliche Eignung für freiwillige faschistiiche Ordnungsliebe und Staatshetze eingefallen, anstatt euch immer wieder die peinlichen Entschuldigungen aus den Fingern saugen zu müssen, daß ihr keine Demokratie wie der Westen habt, eure aber eigentlich viel demokratischer ist. "Persönlichkeiten" waren auf der Tribüne, sehr interessant. Nur, welche das waren und was die gesagt haben, wenn ihr das erwähnen würdet: Und "Sozialdemokraten". Seid ihr wirklich zu blöd, zu begreifen, daß das vielleicht für Friedensfreunde ein Kompliment ist, wenn auch ein paar Politprofis auf ihrer Demo mitlatschen und ihnen die dann gleich viel reputierlicher vorkommt, aber doch nie und nimmer für die Demo spricht! Was treiben denn Sozialdemokraten ihr sozialdemokratisches Leben lang? Schon mal was vom Klassenstaat gehört? Schon mal was davon gehört, daß die Sozialdemokratie eine Volkspartei ist, bei uns seit über 10 Jahren regiert, ihren Kanzler die Raketenlücke in Europa hat entdecken lassen und für deren Beseitigung mit ihrem Volk einen Sparhaushalt veranstaltet, daß das Soziale Netz nur so kracht? Schon mal von deren Vorstand Eppler ein Wort gegen die SPD-Herrschaft vernommen, anstelle der vielen Reden, daß Deutschland von den Amis sich irgendwas nicht gefallen lassen braucht?!

Wie gesagt, daß im Namen der journalistischen Sorgfaltspflicht die Welt so zusammengelogen werden muß, daß sie einer politisch erwünschten Meinungsbildung dient, das kennen wir. Aber wie soll denn ein Sowjetbürger mit eurem Weltbild zurechtkommen, in dem die große Sowjetunion lauter Freunde auf der Welt hat und zugleich furchtbar um deren guten Ruf besorgt ist, daß die mit Moskau nichts im Sinn hätten? Wie sollen denn eure Leser eine Welt kapieren, die von glücklichen deutschen Arbeitsplatzbesitzern, treuen Kapitalistenfreunden, tapferen friedensliebenden Christen, aufrichtigen Sozialdemokraten und wertvollen Persönlichkeiten nur so strotzt, gleichzeitig eine "Atomgefahr" gebiert und dieselbe rund um die Grenzen der Sowjetunion plaziert? Es ist,ja nicht so, daß ihr es nicht besser wüßtet, was mit den Freunden los ist, schließlich schickt ihr doch treu und regelmäßig eure Vertreter zum Frühschoppen und anderen Veranstaltungen, um die dort nach allen Regeln freiheitlicher Russenhetze in der Luft zerfetzen zu lassen. Wie wäre es denn, wenn ihr mal von eurer Linie Optimismus, "die Zeiten sind zwar schwer, aber der Fortschritt unaufhaltsam und das Vertrauen in die Sowjetmacht groß und unerschütterlich" abgingt und euren Lesem mitteiltet, was in der Welt los ist?

Macht nur so weiter mit eurer Bewahrung des Weltfriedens und euch fallen demnächst die Pershings auf den Kopf.

Ganz ohne Banner, eure MSZ