EINE ABRUFBARE WELTKRISE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1985 erschienen.
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Der Libanon
EINE ABRUFBARE WELTKRISE

Während Israel unter dem Titel "Eine Heimat für alle Juden!" den Nahen Osten militärisch durchsortiert hat und dafür vom Westen mit allen nötigen Mitteln ausgestattet wurde, war der Libanon lange Zeit ein friedliches westliches Bollwerk in der Region.

Vom Land der Banken und Geschäfte...

Dem Auftrag, getrennt von den politischen Konjunkturen der kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten für reibungslose und stabile Beziehungen zwischen westlichem Geschäftsinteresse und arabischem Öl zu sorgen, sind die libanesischen Staatsmänner, die sich aus ein paar führenden Familienclans rekrutieren, aus eigenem Interesse nachgekommen. Der Erfolg inmitten einer Kriegsregion war überzeugend: Der Libanon wurde das Land der Banken und Geschäfte und verdiente sich den Namen "Schweiz des Orients". Die dafür nötige politische Macht teilten sich dieselben Familien, die das Geschäftsleben bestimmten, untereinander auf. Ein souveränes Staatswesen, wie sich das ein Demokrat hier so vorstellt, ist Libanon nie gewesen. Ein Parlament gab und gibt es nominell noch, genauso wie eine Regierung, an der alle Fraktionen nach einem festgelegten Proporz beteiligt sind. Für diesen parlamentarischen Umgang hatten die Gemayels und Dschumblatts ihre hauseigenen Parteien und für die daneben ab und zu fällige Konkurrenz ihre Privatarmee. Was sich sonst noch vom libanesischen Boden nährte, war keiner Rede wert.

Aus dem festen Geschäftsinteresse, das mit dem Interesse am Staat und den führenden Familien zusammenfiel, ergab sich der überparteiliche Standpunkt des Kriegsgewinnlers Libanon. Weder sahen sich die libanesischen Staatsmänner zu einer Feindschaftserklärung gegen Israel genötigt, noch hatten sie ein Interesse daran, ein arabisches Bruderland zu werden. Weder eine von den Privatinteressen getrennte staatliche Souveränität, noch eine Parteinahme im Nah-Ost-Konflikt wäre ohne die militärische Aufkündigung der geschäftlichen und politischen Grundlagen des Libanon zu haben gewesen; für diese Bereinigung fehlte den Führern des Libanon sowohl die Macht als auch der Wille. Und als während der kurzen Existenz der "Vereinigten Arabischen Republik" aus Ägypten und Syrien sich der einvernehmliche innerlibanesische Streit um die Formeln "pro-westlich" und "pro-arabisch" bereicherte, war das den USA Grund genug, 5000 Marines vor Beirut an Land zu setzen und dem Spuk ein Ende zu bereiten.

...zum "Krisenherd" Libanon

Der Libanon ist "Krisenherd" geworden, seitdem Israel mit einigen Kriegen die Befriedung des Nahen Ostens vollendet und das gesamte Gebiet zu einer festen Zone der westlichen Sicherheit gemacht hat. Aus den ihnen beigebrachten vernichtenden Niederlagen haben die arabischen Staaten nicht nur gelernt, daß allein die Freundschaft mit der Schutzmacht Israels, den USA, ihnen einen bedingten Schutz vor weiteren Zugriffen des jüdischen Staates gewährt. Ebenso schnell haben sie begriffen, daß die Anwesenheit der vertriebenen Palästinenser in ihren Ländern kein Druckmittel gegen Israel, sondern ein Gefahrenpotential für den eigenen Staat ist. Jordanien hat im "Schwarzen September" 1970 ein Massaker an den Palästinensern im eigenen Land veranstaltet, wie es der jüdische Staat nicht besser hätte ausrichten können.

Seitdem wurde der Libanon das bevorzugte Zufluchtsland für alle im Zuge des Nah-Ost-Konflikts heimatlos Gemachten. Begeistert wurden sie dort nicht aufgenommen - für die meisten hatte. sich nur der Lagerort gewechselt -, aber der libanesische Staat verfügte nicht über die Mittel, in gleich rigoroser Weise mit "dem Staat im Staate" aufzuräumen und ihn unter Kontrolle zu halten. Ganz im Gegenteil: An der Frage, wie mit den Palästinensern umzugehen sei, ob sie als Machtfaktor und als Magnet für israelische Feindseligkeiten zu dulden, zu unterstützen oder zu bekämpfen seien - an dieser Frage zerstritten sich die staatstragenden Clans.

Weniger die sich häufenden Überfälle an der israelischen Nordgrenze als die Entdeckung, daß mit dem Libanon ein ganzer Staat dem Auftrag nicht nachkam, auf seinem Gebiet für eine Israel genehme Ordnung zu sorgen, hat dem jüdischen Staat die Gewißheit verschafft, daß hier noch eine Befriedungsaktion ausstand. Mit Überfällen, Flugzeugbombardements, der Schaffung einer proisraelischen Christenmiliz im Südlibanon und zuletzt einem Blitzkrieg bis Beirut, hat Israel die bisherigen Verhältnisse im Libanon grundlegend aufgemischt. Bloß auf die Vernichtung der Palästinenser, ersatzweise ihre Vertreibung, die unter zustimmender Überwachung einer NATO-"Friedenstruppe" stattfand, war der Libanonkrieg nicht angelegt. Er war gleichzeitig eine Strafaktion gegen die libanesischen Gruppen, die sich unfähig und unwillig erwiesen hatten, stellvertretend für die Verhältnisse zu sorgen, die Israel bei seinem Nachbarn beansprucht. Seitdem ist von einem Staat Libanon und dessen geschäftlicher Basis nichts mehr übrig außer Milizen, die im gegenseitigen Kampf das Mittel sehen, bei einer "Lösung" der Libanon"krise" - die von ihnen gar nicht abhängt, weil sie längst in verantwortlicheren Händen ist -, Berücksichtigung zu finden. Die tägliche Leichenration ist am Frühstückstisch nachzulesen.

Was "uns" das "Chaos" im Libanon angeht

Tote, die anfallen, wenn Staaten ihre Sachnotwendigkeiten mit einigem Nachdruck untereinander und am eigenen wie am feindlichen Menschenmaterial geltend machen, sind immer gut für eine Botschaft. Die lautet im Fall Libanon schlicht und einfach: "Sinnloses Morden!" Bebildert wird sie durch Fotos getöteter Menschen ("schrecklich"), verbrannter Autos und zerschossener Hausruinen ("furchtbar"), wie durch Berichte über Selbstmordkommandos und Entführungen ("verrückt"). Laufend Leichen - und kein einleuchtender Zweck dahinter -, so erledigt sich von vornherein jede Frage, worum es den Schiiten, Drusen, Christen, Sunniten und Palästinensern geht, wenn sie in wechselnden Konstellationen aufeinander schießen. Um so mehr kann dann über den "religiösen Fanatismus", jahrhundertealte "ethnische Gegensätze", persönliche Feindschaften und den puren Machthunger der Gemayels, Berris und Dschumblatts spekuliert werden.

So wird mitgeteilt, daß die Regelung der Libanon"krise" denen nicht überlassen werden darf, hinter deren Schlächtereien "politische Vernunft" nicht zu entdecken ist. Daß dies kein frommer Wunsch ist, sondern daß sich längst anerkanntere zuständige Instanzen an der Lösung des Falles Libanon zu schaffen machen und darüber das Sterben in Beirut munter weitergeht, wird nicht einmal verschwiegen man soll es nur anders sehen:

"Bisher istjeder Versuch gescheitert, die Lage im Libanon von außen unter Kontrolle zu bringen. Die USA und Frankreich mußten diese bittere Erfahrung machen. Israels Libanonabenteuer endete mit hastigem Rückzug, und auch Syrien trägt zumindest finanziell schwer an den Machtgelüsten seiner Führungsschicht, ohne einer Lösung näherzukommen" (Frankfurter Rundschau, 5.10.85)

Wie endgültig soll man sich die "Kontrolle" eigentlich vorstellen, damit der israelische Libanonkrieg und die vor der Küste Libanons versammelte US-Mittelmeerflotte gleich als leere Drohgebärde und als "ohnmächtige Reaktion" auf einen "Bürgerkriegswahnsinn" erscheint, an dem sich allen voran selbst die Weltmacht Nr. 1 die Zähne ausgebissen haben soll? Am libanesischen "Sumpf" sollen alle die Mächte gescheitert sein, die den Journalisten beim Libanon nicht ohne Grund einfallen. Die Lüge vo "Scheitern" macht aus dem israelischen Blitzkrieg und Vernichtungsfeldzug 1982 gleich auch noch eine leider mißglückte "Friedenslösung". Für aufgeklärte Beobachter ist "Frieden für den Libanon" offensichtlich dasselbe wie eine politische Regelung, die mit allen störenden Elementen aufräumt - mit der Vernichtung und der Verschickung der Palästinenser in ferne Exillager ist es eben noch lange nicht getan. Daß diese End-Lösung noch aussteht, dafür steht das bedauerte "Scheitern". Daß die für die Region zuständigen westlichen Mächte sich die Bereinigung dieses Restpostens einer Friedensregelung im Nahen Osten noch vorbehalten und sie im Augenblick nicht aktiv betreiben - schließlich spricht der Libanon dafür, wie weit der Erfolg des Westens im Nahen Osten gediehen ist -, soll als "Ohnmacht" genommen werden.

Worum es im Libanon nicht geht

Um die Familien, Frauen, Kinder.und sonstigen "unschuldigen Zivilisten", die in Beirut und anderswo seit Jahren unter Kriegsbedingungen dahinvegetieren, geht es schon gar nicht. Die mitleidsvollen Berichte über die Lebensbedingungen und das Sterben der libanesischen Bevölkerung vermelden immer nur eines: Eine "unkontrollierbare Lage" schreit nach Kontrolle und Regelung. Deshalb fängt das so richtig "sinnlose" Sterben auch erst dann an, wenn Soldaten und Diplomaten einer der Mächte, die wegen ihres Kontrollbedürfnisses vor Ort sind, umgelegt werden. Mit solchen Toten wird die nationale Ehre einer ganzen Friedensmacht verletzt, und der "Bürgerkriegswahnsinn" findet seinen schlagendsten Beweis darin, daß selbst ein Reagan nicht in der Lage sein soll, die fällige Vergeltung an den Richtigen zu vollstrecken. Die hämische Schadenfreude, daß jetzt auch die Russen dem libanesischen "Sumpf" Blutzoll entrichten müssen, dient einer anderen Lehre: Was haben die eigentlich dort zu sichern?

Um einen Bürgerkrieg libanesischer Parteien um die politische Macht im Staat geht es auch nicht. Die Christen- und Allah-Milizen verfolgen gar nicht das Ziel der Wiederherstellung einer politischen Einheit, wenn sie sich auf Leben und Tod bekämpfen. Daß es im Libanon darum gehen sollte, ist allenfalls dann propagandistisch verkündet worden, als Israel und eine NATO-"Friedenstruppe" die für den Frieden überzähligen und deshalb störenden Elemente im Libanon gekennzeichnet und als Feinde behandelt haben.

Nur zu offensichtlich geht den libanesischen Führern die Macht ab, eine so weitgreifende Lösung der Libanon"krise" überhaupt ins Auge zu fassen. Der Einfluß der verfeindeten Gruppen besteht allein in den bewaffneten Verbänden, die sie aufbieten können, und er reicht so weit, wie die Maschinengewehre treffen. Das sorgt zwar dafür, daß das Schießen nicht aufhört, aber bei all den Gefechten zwischen Schiiten und Palästinensern, zwischen sunnitischen Fundamentalisten und prosyrischen Truppen, all den Kämpfen zwischen christlichen und moslemischen Häuserblocks in Beirut kommt nie mehr zur Geltung als der Anspruch der jeweiligen Führer, sich als Machtfaktor zu behaupten; und dieser Anspruch fällt mit dem politischen Überleben zusammen.

Es geht eben überhaupt nicht darum, wie sich Gemayel, Berri und andere eine ihnen passende Lösung für den Libanon vorstellen. Von wegen, die Schiiten, Christen, Drusen und Pasfinenser würden die Spielregeln der Libanon"krise" setzen! Ohne die fürsorgliche Bewaffnung der diversen Milizen, für die aus aller Welt gesorgt wird, wären dem "Bürgerkrieg" längst seine Mittel ausgegangen. Besonders Israel hat sich hier sehr freigiebig gezeigt, und das nicht nur gegen die mit ihm "befreundeten" Christenmilizen.

Daher fällt die politische Bedeutung der verschiedenen Fraktionen schon längst mit ihrer Kennzeichnung als "pro-israelisch", "pro-syrisch", "pro-libysch", "pro-ägyptisch", "proirakisch" und "pro-iranisch" zusammen. Ihre Selbständigkeit - und das ist dasselbe wie der Beweis, daß es sich für ausländische Interessenten am Libanon lohnt, auf sie zu setzen beweisen sie, indem sie sich auf dem libanesischen Schlachtfeld gegen die Miliz von der Konkurrenz behaupten. Ihre Entscheidung, die im Land anwesende Hilfstrupppe einer der am Libanon interessierten Staaten zu sein, ist zwar in den meisten Fällen weniger aus Überzeugung und mehr aus taktischen Überlegungen geboren, so daß des öfteren "überraschende" Frontwechsel gemeldet werden, wie zuletzt der des Falangistenführers Hobeika, der vom Schlächter der Palästinenserlager Sabra und Shatila jetzt zum Freund Syriens geworden ist - obwohl es im Libanon doch nur um den richtigen Allah und um Jesus gehen soll! Dennoch ist noch nicht einmal diese Entscheidung ein taugliches politisches Mittel für sie: Was die Milizenführer als politischer Machtfaktor taugen, erfahren sie allemal dann, wenn sie fallengelassen werden, weil sich ihr bisheriger Unterstützer mehr von einer anderen Konstellation verspricht.

An den Anschlägen einiger Selbstmordkommandos auf amerikanische und französische Soldatenquartiere, die für den Beweis herhalten mußten, daß der Libanon die Heimstatt des "unerträglichsten Verbrechens an der Menschheit" namens "Internationaler Terrorismus" ist, könnte man statt dessen durchaus bemcrken, wie die Machtverhältnisse im Libanon längst klargestellt sind. Bei diesen Attentaten kürzt sich das Kampfprogramm der schiitischen Milizen auf ihre tatsächliche Ohnmacht zusammen. Da wurde aus dem Wissen um die politische Erfolglosigkeit der trostlose Beweis angetreten, daß man dennoch einige der verhaßten Besatzerfiguren erwischen kann mit dem letzten verbliebenen Mittel, der Aufopferung des eigenen Lebens.

Wer die Maßstäbe des "Bürgerkriegs" setzt

Die Lüge von der "undurchsichtigen und verworrenen Lage" im Libanon sollte man nicht glauben. Darüber, daß dort seit einigen Jahren Krieg geführt wird, hat sich der Libanon sehr säuberlich sortiert. Einmal in eine Bevölkerung, deren Lebensgrundlage zerstört ist und die immer wieder zwischen feindliche Fronten und unter Beschuß gerät - und in Milizen, die einzigen Libanesen, die noch einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Zum anderen in eine gültige Ordnung, mit der Israel dem Land vorschreibt, welche Umtriebe in ihm Konsequenzen haben - und in den Erfolg Syriens, als bedingte Schutzmacht gegen Israel eine politische Position im Libanon behalten zu haben.

Laut gängigem Urteil westlicher Beobachter soll der Rückzug der Israelis aus Beirut von einem "gescheiterten Abenteuer" künden, bei dem sich der jüdische Staat übernommen habe. Bleibt nur die Frage: woran eigentlich gescheitert: An einer weltöffentlichen Verurteilung, die sich solche Gedanken macht, sicher zuallerletzt - und an den Palästinensern und Schiiten vor Ort sicher auch nicht. Die sind mit wenig Federlesen und ohne großen Aufwand fertig gemacht worden, wobei manche innerlibanesische Mannschaft eine gewisse Kooperationsbereitschaft an sich entdeckt und bewiesen hat. Eine Besitznahme des Libanon hatte Israel ohnehin nicht vor. Schon immer hat dieser Staat seinen einen Anspruch, im Nahen Osten eine "Heimstatt für alle Juden" zu schaffen - für den im Gefolge verschiedener "Selbstbehauptungskriege" das Staatsgebiet Israels um einige Landstriche gewachsen ist -, säuberlich getrennt von dem anderen, sehr viel ausgreifenderen Anspruch: mit den vom Imperialismus gelieferten Waffen und ihrem Blitzkriegeinsatz für einen westlichen Vorstellungen genügenden Frieden im Nahen Osten = "Frieden für Galiläa" zu sorgen.

Der Libanonkrieg von 1982 war allerdings nicht bloß auf die Erledigung der von Israel aus ihrer Heimat vertriebenen Palästinenser berechnet. Eine neue Friedensordnung im Libanon sollte schon bei dem Ganzen herausschauen, und deshalb gerieten neben den Palästinensern auch diverse andere Fraktionen unter Beschuß. Nach dem Vorbild des von Israel ausgehaltenen christlichen Milizenführers Haddad sollte die Protektoratslösung auf ganz Libanon übertragen werden. Daß der dafür vorgesehene und unter UNO- und NATO-Friedensschutz gestellte Staatspräsident Gemayel nicht in der Lage war, aus eigener Kraft dafür zu sorgen, alle Israel störenden Fraktionen und Einflüsse in Schach zu halten, war Pech, aber keine Niederlage, die Israel zum Rückzug gezwungen hätte. Ohne Not und in der Gewißheit, daß die bewiesene Demonstration israelischer Handlungsfreiheit für die Klarstellung gesorgt hat, daß alle Auseinandersetzungen im Libanon unter der Kontrolle Israels stehen, zogen sich die israelischen Truppen aus dem Libanon zurück. Den militärischen Aufwand und die Kosten, um für und an Stelle von Gemayel das Befriedungswerk zu vollenden, zu dem ihre Figur im Land nicht in der Lage war, hat sich Israel (noch) gespart.

Dementsprechend vollzog sich der phasenweise Rückzug der israelischen Truppen in diesem Frühjahr als Strafexpedition. Nach dem Prinzip der 'Verbrannten Erde' hatte die zionistische Armee bei ihrem Abzug noch allerhand zu säubern. Die Leichen bewiesen dann allemal, daß es sich um Terroristen gehandelt haben mußte.

Aus dem Land ist Israel deshalb noch lange nicht. Nicht nur, daß seine Panzer und Truppeneinheiten weiterhin für Überraschungscoups sorgen; auch weiterhin ist der südliche Libanon eine besondere Sicherheitszone, in der eine von Israel ausgerüstete Christenimiliz für eine besondere Ordnung sorgt. Schon gar nicht hat der jüdische Staat mit dieser Frontbegradigung politisch seinen Abschied vom Libanon erklärt. Die Sicherheit, die Israel den Bewohnern des Libanon verspricht, besteht in nichts anderem als dem feierlichen Versprechen der israelischen Regierung, ordnend in dieses Land zurückzukehren, wann immer es ihr geboten erscheint.

Was da vor allem einer Regelung bedarf, teilt Israel auf seine Weise, militärisch nämlich, immer schon mit. Die Bombardierung von Milizlagern und syrischen Raketenstellungen in der Bekaa-Ebene ist da für zwei Botschaften gut: Auch ohne einen Krieg zu führen, betrachtet Israel den Staat Syrien und dessen Einfluß im Libanon für einen Kriegsgrund und demonstriert die Nichtanerkennung syrischer Souveränität durch die Beschießung von Gegenden, in denen syrische Truppen stehen. Die andere Botschaft geht an die Schiiten: Einen Schutz vor dem militärischen Willen Israels sollen sie sich bei Syrien erst gar nicht versprechen können.

Was am Libanon stört

Einen libanesischen Babrak Karmal hat noch niemand unter den Milizenführern Libanons entdeckt; daß Syrien ein ziemlich unberechenbarer Bündnispartner der Sowjetunion ist, und daß die taktischen Bündnisse libanesischer Fraktionen keine Liebeserklärung an Assad sind, weiß auch jeder. Dennoch entdecken alle besorgten Begutachtungen der Libanon"krise" zielstrebig immer wieder eine "Gefahr": Das libanesische Machtvakuum habe einen einzigen Gewinner, den geschickten Assad, und darüber sei die Rolle der Sowjetunion im Nahen Osten wieder beträchtlich gewachsen. Natürlich mischt sich Syrien in die Kämpfe im Libanon ein, weil es darüber seinen Einfluß in der Region vergrößern will. Nur ist nicht zu übersehen, daß dieser Staat dabei ein Ziel verfolgt, das vom israelischen Befriedungsprogramm sehr absticht. Spätestens seit dem Sechs-Tage-Krieg, der mit dem Verlust der syrischen Golanhöhen an Israel geendet hat, stellt Syrien seine Außenpolitik unter die selbst auferlegte Beschränkung, dem übermächtigen Staat im Nahen Osten keinen Anlaß für einen erneuten Blitzkrieg auf syrischem Boden zu geben. Die Schutzmachtrolle Syriens im Libanon übt Assad dadurch aus, daß er mit militärischer Macht auf eine innerlibanesische Vermittlung drängt. Auch das geht nicht ohne Gewalt. Gegner müssen aus dem Weg geräumt werden, die Syriens Interesse, sich so als Verhandlungspartner für den Fall Libanon aufzuwerten, behindern. In letzter Zeit hat diese Präsenz Syriens im Libanon einige Erfolge zu verzeichnen. Damaskus ist mittlerweile zur ständigen Anlaufstelle aller libanesischen Politiker geworden, die über Milizen befehlen, also noch etwas politisch zu melden haben. Jetzt hat Syrien sämtliche bedeutenden, miteinander verfeindeten Fraktionen zu Friedensregelungen an den Verhandlungstisch gebracht.

Wie immer das ausgeht - entgegen früherer Hysterie betrachtet der Westen den jetzigen Aufstieg Syriens zur Regelungsmacht im Libanon mit fast desinteressierter Gelassenheit -, solche Regelungen haben nur eine sehr bedingte Geltung. Was sich da beide Seiten voneinander versprechen, ist nämlich sehr gegensätzlich. Die Unterstützung, die Syrien seinen libanesischen Verbündeten verspricht, zielt auf die Errichtung eines einigermaßen stabilen status quo im Libanon und ist gar nicht auf die Durchsetzung berechnet, die jede libanesische Mannschaft sich aus der syrischen Unterstützung für sich verspricht. Umgekehrt verschafft sich Syrien darüber auch nur bedingte "Freundschaften", die so lange gelten, als Israel und der Westen keine neuen Regelungsansprüche an den Libanon stellen.

Über sein Engagement im Libanon ist Syrien dahin gelangt, seine eigenen Sicherheitsinteressen in Abhängigkeit von israelischen und westlichen Positionen wahrzunehmen. Darüber ist dieses Land für die Gegenseite sehr berechenbar geworden. Bei der Entführung eines TWA-Flugzeuges war es Reagan ganz selbstverständlich, die Ordnungsrolle Syriens als Dienst an den USA einzufordern. Der Dank für die geleistete Hilfestellung im Kampf gegen den Terrorismus hat nebenbei auch noch den "Beweis" erbracht, daß letztlich Assad "hinter dem Terrorismus im Nahen Osten" steckt. Auch wenn inzwischen Syrien der "Achille Lauro" das Anlaufen eines syrischen Hafens verboten und die Leiche des erschossenen Klinghoffer pflichtschuldigst den USA überstellt hat - das steht unverbrüchlich fest: Syrien ist ein Regelungsfaktor zuviel in dieser Region.

Genauso wenig kann der Westen dem Interesse der UdSSR, die am Libanon überhaupt nur über Syrien beteiligt ist und die mittlerweile auf diplomatische Beziehungen zu Israel gesteigerten Wert legt, abgewinnen. Wieso sollte ausgerechnet im Nahen Osten noch eine Zone geduldet werden, die als Aufmarschgebiet des Westens prekär ist, weil die Machtverhältnisse noch nicht eindeutig entschieden sind?

Wenn sich die Sowjetunion ausrechnet, über eine gemeinsame Zuständigkeit in Sachen "friedliche Nah-Ost-Regelung" noch verhandeln zu können, so hat sie sich verrechnet. Entscheidungen in dieser Region werden vom Militär vorgegeben, und Verhandlungen sind die Kodifizierungen von Niederlagen der anderen Seite: Dies ist die von Israel jüngst wieder an Tunis ergangene und von Reagan gebilligte Botschaft für den Nahen Osten. Die ausgemalte neue Situation: "Bei Verhandlungen über den Frieden im Nahen Osten wird man jetzt kaum um die Russen herumkommen!", ist dasselbe wie die Aussage: "Verhandlungsbedarf besteht keiner, denn sonst müßte man ja mit den Russen verhandeln." Sonstigen Handlungsbedarf entdecken der Westen und Israel, sein entschiedenster Vorposten in dieser Region, auch keinen. Die Berichterstattung über den Libanon ist daher sehr 'normal' geworden. Gestorben wird zwar immer noch in ausreichender Menge, aber eine aktuelle Lösungsnotwendigkeit ist augenblicklich nicht aufzufinden.

Der Libanon ist eben ein Restposten in einem tendenziell befriedeten Nahen Osten; und zur Zeit sind die Friedensmächte schwer damit beschäftigt, Panzer und Flugzeuge als immer neue Stabilitätsgarantien in die Region zu schaffen. Auch der Bundesregierung gehen ihre "moralischen Bedenklichkeiten" aus. Prognosen darüber, welche "Krisen" den Ordnungskräften der Weltpolitik aus dem Hin und Her im und um den Libanon erwachsen, sind jedenfalls nicht angebracht.