EIN VOLK MACHT SEIN PROGRAMM

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1986 erschienen.
Systematik: 

TV-Skandale
EIN VOLK MACHT SEIN PROGRAMM

Deutsche Fernsehzuschauer regt nichts auf im wirklichen Leben, nicht einmal ein Krieg anderswo oder der III. Weltkrieg, solange er noch nicht angefangen hat. Entsetzt sind sie nur, wenn im Fernsehen was passiert. Und dann engagieren sie sich, leisten sich teure Ferngespräche ans ZDF und investieren ihre kostbare Freizeit für Leserbriefe an die "Bildzeitung".

Grund zu solcher Aufregung gab's in letzter Zeit jede Menge. Daß man den schwulen Carrington-Sohn durch einen anderen Schauspieler ersetzte und per Gesichtsoperation zur ehelichen Vernunft brachte, das hat man den Fernsehgewaltigen nicht nur durchgehen lassen: Diesseits und jenseits des Atlantiks hatte das Fernsehvolk resolut nach der Beendigung der gar nicht gezeigten Sauerei verlangt. Das Hinsiechen Jock Ewings mußte man als Schicksalsschlag verkraften, nachdem der Darsteller aufgrund seines plötzlichen Todes für die Rolle nicht mehr zur Verfügung stand. Schlimmer wog da der Austausch Miss Ellies, da Donna Reed trotz sichtlichen Bemühens der zahnlosen Mutterkuh Barbara Bel Geddes einfach nicht das Wasser reichen konnte:

"Wie können Sie uns nur diesen Abklatsch von einer Miss Ellie vorsetzen. Diese Donna Reed ist doch niemals Mutter gewesen. Die alte Miss Ellie war so natürlich und herzlich. Wir wollen Barbara Bel Geddes wiederhaben", verlangt Egon Müller aus Kassel im "Gong". Aber von den Amis ist man ja einiges gewohnt. Jetzt jedoch wird der deutsche Fernsehzuschauer gar von volkseigenen Produktionen zum Narren gehalten: Mußte Köster wirklich sterben? Hätte der Mann nicht eine ordentliche Fernsehpension verdient? Wo er doch so viele Sendungen seinen Dienst am deutschen Fernsehvolk getan hatte! Und dann auch noch die Schwarzwaldklinik! Dr. Brinkmann und Gabi Dohm gehören zusammen - nicht nur im Film, sondern auch im wirklichen Leben! Steht Frau Wussow Brinkmanns Glück im Wege? Wussow dementiert: Seine Frau (Frau Wussow!) ist sein Glück, das sie ihm gönnt, und Gabi Dohm ist eine prima Kollegin, die sie ihm erst recht gönnt. Liebesbriefe an Dr. Brinkmann liest und beantwortet Familie Wussow in Teamarbeit. Auch die Zivis fühlen sich auf den Schlips getreten, weil dem penetrant sympathischen Schwarzwaldzivi ein Diebstahlsverdacht angehängt wird: "Eine Verleumdung gegenüber allen Zivildienstleistenden, insbesondere in den Krankenhäusern tätigen", mosert der Zivi Hans Hengster aus Schwabach. Ärzte beanstanden Behandlungsmethoden, und Arielfrauen monieren, daß Brinkmann zuerst den Hund und dann die Alte abknutscht - und das als Arzt! Man sieht: Vor den Bildschirmen der Nation tut sich was.

Bloß keine Unterhaltung

Was tut sich da eigentlich, wenn 200 empörte Zuschauer beim ZDF anrufen, weil sie sich ganz ohne Zwang eine 30sekundige Vergewaltigung auf dem Bildschirm zu Gemüte geführt haben? Die bloße Darstellung von Gewalt kann ihnen die Sonntagsabendunterhaltung kaum verdorben haben. Bezeichnenderweise richtete sich der Volkszorn ja nicht gegen das Gemetzel an den Eiern des liebeshungrigen Täters. Im Namen von Ordnung und Freiheit geht auch sonst allerhand reales und fiktives Blutvergießen mit viel Beifall über die Bühne. Gewalt findet der fernsehende Staatsbürger sogar ausgesprochen unterhaltsam, wenn sie als Recht daherkommt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob sie nun irgendeine Uniform trägt oder Zivil - für den Fall, daß den offiziellen Gewalttätern "Versagen" attestiert werden muß. Es ist eben auch gar nicht das Bedürfnis nach bloßer Unterhaltung, das hier angemeldet wird. Hinter geballter Publikumsempörung steckt ein "höheres" Streben: Die Unterhaltung soll in erster Linie den moralischen Ansprüchen gerecht werden. Wo man sich selbst allen Zwängen unterordnet, da dürfen Verstöße gegen sie nicht ungestraft über die Bühne gehen. Die angeblich unmoralischen Serien aus den USA genügen diesen Ansprüchen durchaus: J.R. und Alexis sind nun mal hauptseitig Ekel, die keiner mag und die zu Recht in und durch ihren Reichtum nie zufrieden = glücklich sind. An den beiden Bösewichten kann sich das Gute nach altem Rezept erst so richtig abarbeiten und bewähren. Die Kritik an "Denver" und "Dallas" ist durchwegs - gerade in den gebildeten Schichten - so beschränkt, daß sie sich vor lauter Nationalismus ausgerechnet hier den reinsten, weil grundlosen Antiamerikanismus leistet. Wo dann eine Serie schon im Titel zum Ausdruck bringt, daß sie dem Anspruch auf heimatliche Geborgenheit des deutschen Fernsehpublikums Rechnung trägt, und angeblich nichts anderes will, als das "Karussell des Lebens" darzustellen, da wird die moralische Meßlatte noch etwas höher gesetzt. Was moralisch nicht einwandfrei ist, hat in einer Sendung, die als Spiegel des deutschen Volkes goutiert wird, nichts zu suchen. Da ist es schon ein Verbrechen gegen die Moral, einen Verstoß gegen sie einfach so zu zeigen.

Von 16-24 Uhr flimmern die banalen Botschaften - "Was Hänschen nicht...", "Unrecht Gut...", "Was du nicht willst...", "Lieber arm ..." - in die Fernsehstube und bedienen die anspruchsvolle Menschheit mit der verlangten Moral: Der Standpunkt der theoretischen Unzufriedenheit dessen, der sich praktisch den beschissenen Bedingungen unterworfen hat, kommt zu seinem Recht. Eine Unzufriedenheit, die darauf beruht, daß man zum eigenen Schaden den moralischen und sonstigen Imperativen folgt, und darauf abzielt, alle mit fürchterlichen Strafen zu verfolgen, die sich ihnen nicht - oder auch nur angeblich nicht - fügen.

Ein Vorbild muß leben

Trotz alledem soll der Abend vor der Glotze den Genuß, den das Verlangen nach Volkserziehung verdirbt, bringen. Die Einlösung dieses widersprüchlichen Ansinnens erfolgt zunächst mal nicht über das Wie und Was dessen, was auf der Bühne dargestellt wird. Vielmehr über die subjektive Stellung der Zuschauer dazu. Er will die Fiktion für bare Münze nehmen können, sich also gerade den Standpunkt des Erwachsenen, der zwischen Dichtung und Wahrheit zu scheiden weiß, verbieten. Wohl wissend, daß Karin Hardt oder Siegfried Lowitz leben, wenn Käthi oder Köster sterben, stimmt "Käthis schneller Tod viele traurig" (tz, München). Und die Schauspielerin beeilt sich zu sagen, wie gern sie das Kind von Wussow (oder war es Dr. B.) noch erlebt hätte. Vehement ergreifen sie Partei für eine gerechte Behandlung der Figuren, die sie sich zur positiven Identifikation erwählten, wie auch derer, die das Feindbild darstellen. Die hier stattfindende Verwechslung von Film und Realität hat Methode: Wenn sie sich wie trotzige Kinder in der Welt des bloßen Scheins aufführen, dann wissen sie sehr wohl um die Differenz, die sie gerade nicht wahrhaben wollen. Sie pochen auf die umstandslose Bestätigung ihres Weltbilds, weil sie ihrer Unterhaltung eine enorme Bedeutung für das wirkliche Leben beimessen. Das Publikum wird nicht einfach getäuscht, es erhebt selbst den Anspruch auf glaubwürdige Illusion, will sich täuschen lassen. Mit der Betonung des Vorbildcharakters der Figuren werden an diese Maßstäbe angelegt, die der dichterischen Phantasie Schranken auferlegen - ein Idol darf nicht einfach abnippeln! - und den sie darstellenden Schauspielern Konsequenzen fürs Privatleben abverlangen, denen diese willig nachgeben.

Das lautstarke und bewußte Verlangen nach Täuschung ist nicht zu verwechseln mit dem Bedürfnis nach Ablenkung, schon gar nicht mit dem Blödsinn "Realitätsflucht" (so etwas entdeckt nur der "Spiegel", dem die komplizierte Veranstaltung wie immer zu primitiv ist.); selbst da nicht, wo die Leserbriefmeute gern so tut, wenn sie von Intellektuellen extra fürs einfache Volk erdachte und aus dessen Leben überspielte Sendungen (von der "Lindenstraße" bis zu Kroetz) als "langweilige Fortsetzung des Alltags" ablehnt. Ist es doch gerade das permanente Geltendmachen der gültigen Maßstäbe der Alltagsmoral, das hier in das TV-Geschehen eingreift, als gelte es die Wett aus den Angeln zu heben.

Selbstzensur

Das Publikum, das sich willig zum Statisten der Wirtschaft und zum Zuschauer der Staatsgeschäfte machen läßt, erfährt hier etwas sehr Eigenartiges: seine Macht. Die Fernsehgewaltigen beugen sich dem Druck der Straße, dem Politiker sonst tapfer und wehrhaft widerstehen. Eilfertig versprechen sie Besserung, setzen Sendungen ab und die Schere der Zensur an - und das alles im Namen des Volkes. Im Nachbarland Österreich erhebt gar der Gesundheitsminister die Fernsehklinik zum Vorbild seiner Gesundheitspolitik und avanciert so geschickt zum vorbildlichen Gesundheitsminister. Ein wahrhaft demokratischer Traum: die Oberen werden in ihren Äußerungen durch des Volkes Änderungen am Drehbuch beschnitten.

Der offizielle Standpunkt, daß Fernsehen insgesamt und Unterhaltung im Fernsehen im besonderen mehr als "bloße" Unterhaltung zu sein habe, hat sich eben nicht nur in einem Apparat institutionalisiert, der sofort tätig wird, wenn er den öffentlichen Anstand gefährdet sieht, sondern auch noch in einer Zuschauergemeinde, die ebenso kritisch über die Sauberkeit des Volksempfängers wacht. Natürlich greift da nicht das ganze Volk zu Hörer und Bleistift. Das sind schon immer dieselben beschränkten Typen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich da aufzublasen. Politikern wie Medien kommen solche Figuren gerade recht. Ihre eigene Volksbelehrungssucht können sie da als Volkes Stimme präsentieren, indem sie das gelehrige Echo ihrer Indoktrination mit Namen und Wohnort besiegeln.

Die Propagandaamateure tun dabei den Profis nicht nur inhaltlich den Gefallen, das zu schreiben, was die Presse zu Gehör bringen will. Sie führen sich auch noch auf wie gelernte Fernsehkritiker, indem sie ihre Beschwerden gar nicht vorbringen als welche, die sie selbst betreffen. Ihnen würde das ja gar nicht schaden, aber moralisch weniger gefestigten Naturen! Daß jemand sich seine sexuelle Lust mit Gewalt befriedigt, weil ihn das Vorbild des Fernsehens draufgebracht habe, glaubt keiner von sich selbst - am wenigsten der Moralapostel, der auf die Erfüllung der ehelichen Pflichten nicht selten mit mehr oder weniger Nachdruck dringt. Die heuchlerische Frage, ob eine Szene nicht als schlechtes Vorbild wirken könne, ob Gewalt im Fernsehen zur wirklichen Gewalt verführe, ist nichts anderes als die Sorge um die Nation, vor allem um deren Zukunft. Deshalb muß auch die "gefährdete Jugend" immer als Begründung herhalten, weil man da das Ideal der Bevormundung sowieso für selbstverständtich hält. Die mit der inszenierten Erbauung Beglückten fragen sich ganz methodisch, ob sie ihnen auch bekäme, indem sie sich für den Zweck, dem Unterhaltung eh bloß Vehikel sein sollte, stark machen. So bringen "Gong" und "Bild" unters Volk, was von Aristoteles über Lessing bis Brecht die idiotische Manie der Gebildeten gewesen ist. Alle wollten sie die moralische Indoktrination des Zuschauers und nahmen zur Kunst keine andere Stellung ein als die Hauptschullehrerin zum Wandertag, auf dem nicht geraucht und auch sonst nichts gemacht werden darf und dessen Beschreibung den Kindern noch nachträglich den Spaß daran verdirbt. D