EIN SUMPF NATIONALER HEIMATLIEBE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1985 erschienen.
Systematik: 

Hainburg in Österreich
EIN SUMPF NATIONALER HEIMATLIEBE

Da naben die regierenden Österreicher mitten in der schönsten Vorweihnachtszeit ihr ganzes Volk gegen sich aufgebracht. Leute, denen die alltäglichen Taten ihrer Politiker, die sie als Arbeiter und Steuerzahler zu spüren bekommen, noch immer eine Wahlstimme wert sind, sind gegen ein Verbrechen von Sinowatz und Co. aufgestanden.

Ein Stechmückenparadies an der Donau, besser: "der letzte Auwald Mitteleuropas", in das die Regierung ein Wasserkraftwerk stellen wollte, wurde als österreichisches Nationalheiligtum besetzt und gegen den staatlichen Zugriff verteidigt.

Stellvertretend für das geschändete Unterholz und die beleidigten Lurchis hielten aufrechte Menschen den anrückenden Holzfällern und Polizeikolonnen tapfer die rot-weiß-rote Bundesfahne entgegen. Von so viel Widerstand gerührt, setzte die österreichische Regierung die Rodung der Stopfenreuther Au kurzfristig aus.

Jetzt dürfen die österreichischen Politiker beweisen, ob sie der ihnen von ihrer Volksbasis angetragenen Liebe zu Österreich auch wirklich gewachsen sind. Die Wiederaufnahme der Rodungsarbeiten wird eine Blamage vor einem Volk, das von seinen Politikern nichts anderes verlangt als die rücksichtslose Durchsetzung aller Werte der Nation. So läßt sich komfortabel regieren!

Ein Volk der Naturfreunde

"Bei Hainburg soll der letzte Auwald Mitteleuropas dem Technokratenwahn und blindem Wachrtumsstreben geopfert werden." (Lötsch)

Ein sehr aparter Gesichtspunkt, den die Aufans da für den Donauwald sprechen lassen: Daß kein Mensch dort bislang Hand angelegt hat, soll die Au so erhaltenswert machen. Ein Verstoß dagegen wird gleich als jeder Kalkulation enthobener Wahn der Technikherrschaft ("Technokratie") und von Blindheit geschlagenes Immerweiter-vor-sich-hinwachsen-wollen verurteilt.

Als würde im Menschen und seinen Ansprüchen der schlechte Zustand von Wald und Wiese seine Ursache haben. Nach 'Wachstum' zu streben ist erstens ohnehin niemandes Zweck und zweitens nur verurteilenswert, indem man dieses Resultat des 'Anspruchsdenkens' sehr prinzipiell für eine Anmaßung gegenüber einem Enthaltsamkeitsauftrag ansieht. "Technokratiewahn" ist das dazugehörige, entschuldigende Bedrohungsgemälde, wonach sich das von jedem realen Bedürfnis gereinigte Anspruchsdenken in seinen technischen Ergebnissen gegen seine Schöpfer verselbständigt und sie knechtet.

Ausgerechnet am Interesse des österreichischen Staates und seiner Energiewirtschaft an billigem Strom, dessen Kosten österreichische Bürger mit Strompreiserhöhungen zu zahlen haben, will guten Menschen auffallen, daß jeder angestrebte Nutzen für die Menschen ein Verbrechen ist, weil er der Natur schadet. Der Verzicht, den sie als Staatsbürger täglich leisten und zu leisten haben, ist diesen Naturidioten noch viel zu berechnend und nicht unbedingt genug.

Ein Volk von Heimatpflegern

Daß die Spinnereien aus den Debattierzirkeln übers Naturschöne heraus ins Bewußtsein einer ganzen kreuzbraven Nation gedrungen sind, hat seinen Grund in einem viel weltlicheren Bedürfnis. Mit dem Wunschbild einer "unberührten Natur" hält man den realen Zerstörungen, die kapitalistische Produktionsweise an Mensch und Natur zeitigt, ein Harmonieideal aller Menschen mit ihrer Umwelt entgegen. Die Kraftwerkserbauer machen sich demnach einer weiteren Verfehlung, Anmaßung gegenüber einem erfundenen, gemeinsamen Menschheitszweck schuldig. Solcherart macht sich als Naturliebe eine patriotische Sehnsucht geltend, die an ein paar ha unwegsamer Flora plus Fauna wahre Gemäßheit und Geborgenheit für sich entdeckt haben will. Besonders blöd daran ist, daß ausgerechnet die bisherige Unterlassung der Herrichtung der Au für irgendwelche Zwecke die ersehnte Gemäßheit des Naturfleckens für den Menschen ausmachen soll.

Diese Bescheidenheitsapostel kennen kein größeres Vergehen ihrer politischen Herren, als daß diese mit Zwang ihr Volk zur Unbescheidenheit verführen wollen. Da haben sie sich aber ausgegrenzt und isoliert!

"Politiker sprechen nicht mehr unsere Sprache... die oben wissen überhaupt nicht, was die Leute wirklich wollen... Zwangsbeglückungen und blinde Betoniererei, mit denen sie uns die Natur abschaffen... die Probleme der Parteien, ihre ganze Selbstgefälligkeit haben mit uns nichts zu tun." (Gespräche der Aubesetzer)

So ausgefallen die Herleitung dieser Naturverehrung ist, so alltäglich und bescheiden ist ihr patriotischer Gehalt: Nicht ein durch die Spar- und Opferpolitik der österreichischen Bundesregierung zu kurz gekommenes Interesse veranlaßt zum Opponieren. Der biedere Wunsch nach einer Volksgemeinschaft, wo man an die Politik als Exekutor eines Gemeinschaftsinteresses glauben kann, fühlt sich durch die Abgehobenheit der Regenten und Formen demokratischen Krisenmanagements verletzt.

Ein Volk von Kulturliebhabern

Österreichs geistige Elite hatte die Hainburger Au als erste entdeckt: Endlich Gelegenheit für ein verantwortungsbewußtes Engagement, das auch vom leisesten Verdacht schnöder materieller Zwecksetzung völlig frei ist! Das Wunderbare dieser Au soll ja gerade darin bestehen, bislang von jedem menschlichen Interesse verschont geblieben zu sein.

So ist es zum einen nur konsequent, daß sich die Avantgarde der Auretter leibhaftig als Viecher verkleidet - "Rothirsche", "Rotbauchunken", "Schwarzstörche" und anderes Getier sind da zugange - und ihr Anliegen als "Manifest der Tiere" vorträgt.

Andererseits ist klar da kein Lurch auf die Idee kommt, sich für den "letzten unberührten Auwald Mitteleuropas" stark zu machen. Unverwechselbar steckt unter den Tierkostümen Österreichs Intelligenzija, die mit sicherem Gespür in dem öden Stück Natur ein einmaliges Monument heimischer Kultur ausgemacht hat, in dessen Rodung also einen Akt von Banausentum, der das Ansehen der Heimat in einem Ausmaß schädigen würde, demgegenüber ein allfälliger Abverkauf der Wiener Sängerknaben vergleichsweise gar nix wäre.

Ein Volk lebendiger Demokraten

Mit der Au in ihrer ganzen Zweck- und Nutzlosigkeit haben sich die Grünpatrioten die ideale Kultstätte für ihren Kampf gegen die Verderbnis der Heimat durch "Anspruchsdenken" und "Wegwerfgesellschaft" geschaffen. Verrückt, ab er wahr: Ausgerechnet gegen Regierung, Energiegesellschaft und ÖGB landen sie den Materialismusvorwurf, weil sie in deren "Zubetoniererei" den Grund für die Zerstörung des wirklich Wertvollen ahnen.

Wie es guten Idealisten zukommt, wollen sie diese längst verlorenen Werte bei ihrem Kampf um die Au wiedergefunden haben und sich dabei als bekennenden Beweis für Glaubwürdigkeit und Notwendigkeit der Ideale vorführen.

"Wer dar Zusammengehörigkeitsgefühl und den tiefen Glauben an Natur, aber auch Recht und Demokratie erlebt hat, tut sich schwer dabei, diesen Leuten Anarchismus und Destruktion vorzuwerfen."

Nein, Gegner des schönen demokratischen Staatswesens Österreich sind diese begeisterten Opferlämmer der Nation gewiß nicht, mit ihrem Vorwurf, ihre Staatstreue und ihre Verzichtsgesinnung sei in Hainburg malträtiert worden.

"Herr Bundeikanzler, heute haben Sie den neuen österreichischen Patriotismus niederprügeln lassen" (der Maler Hundertwasser).

Das Angebot bleibt - Hainburg hin oder her - uneingeschränkt bestehen:

"Österreichs Parteien können sich alle Finger abschlecken, daß die Grünbewegung Österreichs so sehr die Demokratie unterstreicht, was in der BRD etwa ja ganz anders wäre." (Der Ober-Guru der Nation, Dr. Dr. Dr. Nenning)

Gegen die natürliche Liebe zur Staatsgewalt ist eben kein Kraut und keine Algenbrühe gewachsen!