Ein stupider Materialismus

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1991 erschienen.
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"Biermann, Gremliza etc."
Ein stupider Materialismus

macht natürlich blind für Regungen eines kollektiven deutschen Unterbewußtseins, dessen sichtbarster Ausdruck die Regungen friedensbewegter Linker hierzulande waren. Das solipsistische Gemüt derselben ist so strukturiert, daß der Krieg gegen den Irak angesichts des verlorenen Zweiten Weltkriegs als bedrohlich empfunden wurde, und darüber hinaus wieder ein latenter Antisemitismus zum Vorschein kommen konnte. Letzterer steckt z.B. in der Vorstellung, die Juden müßten, da sie Opfer des Holocaust waren, durch Leiden gewissermaßen geläutert und deshalb als Staat besonders tugendhaft sein.

W. P., z. Zt. in Bremen

Antwort der MSZ-Redaktion

Wir entnehmen Deiner Zuschrift, daß Du unsere Kritik an Linken, die sich selbst und ihresgleichen während des Golfkriegs vor Antisemitismus gewarnt haben, nicht eingesehen hast und schwer mißbilligst. Wir haben ein paar Zeilen darauf verwandt, das Verfahren und die Argumente zu charakterisieren, die linke Zeitgenossen zu dem Schluß führen, daß eine Befürwortung des Krieges, den die USA im Namen der Völkergemeinschaft durchgezogen haben, in Ordnung geht. Wir haben Gründe für unsere Verwunderung aufgeschrieben darüber, daß die Ablehnung dieser flotten Freiheitstat von Antisemitismus zeugen soll bzw. auf ihn zurückgeht. Und was müssen wir uns jetzt, lieber W.P., von Dir sagen lassen? Daß wir das gar nicht sehen können, was Du entdeckt hast!

Nun ist "Ich sehe was, was Du nicht siehst" ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel für minderjährige Freizeitgestalter - aber recht unergiebig für den Nachweis, daß sich andere bei einem Gedanken vertan haben. Über die Wiederholung Deiner Entdeckung - um die sich andere Linke auch verdient gemacht haben geht die Botschaft erst einmal gar nicht hinaus. Zusätzlich teilst Du uns diese Bekräftigung Deines Standpunkts in der Weise mit, daß unser Standpunkt den Tatbestand einer ernsten Behinderung erfüllt. Aber als Entschuldigung scheinst Du das gar nicht gelten zu lassen; vielmehr kommt uns die Sache mit dem Stupiden Materialismus wie eine Beschimpfung vor. Liegen wir da richtig? Dann verrate uns aber auch das alternative Vorurteil, mit dem wir sehend werden!

Es kommt uns so vor, als wolltest Du uns zumindest in zwei Belangen auf die Sprünge helfen. Einmal sollen wir uns mit Deinem intakten Gesichtssinn an die Optik gewöhnen, die in Bewußtseinsäußerungen - richtigen oder falschen - anderer Leute allemal ein Unterbewußtsein feststellt. Das würde uns die Unterscheidung von Einsichten und Fehlern ersparen, weil es die Frage der gestörten Wahrnehmung aufwirft. Zum anderen sollen wir uns besagte Hintergrundmacht doch wieder als eine nationale Parteilichkeit vorstellen, aus der sich die guten Leute aber eben nicht schlicht ihre Meinungen zurechtlegen, sondern der sie - ohne es zu merken - ausgeliefert sind. Das ist uns, mit Verlaub, wieder ein wenig zu zuvorkommend gegenüber den nationalistischen Ansichten, die von Genscher bis zum Stammtisch, unter wohlgeratener Vermittlung von "Spiegel" und "Bild", so kursieren. Umgekehrt wünschen wir uns auch kein Unterbewußtsein, daß uns wie Deines selbst in Affären, wo es nun einmal nicht um die "Judenfrage" geht, in hemmungslosen Philosemitismus stürzt. Angesichts der heutigen Weltlage wäre uns auch eine Gemütsstruktur samt Unterbewußtsein äußerst lästig, die uns bei allen Schlachten, die Geld und Gewalt schlagen, immerzu auf den Jammer mit dem Zweiten Weltkrieg festlegt. So können wir auch ohne Beeinträchtigung durch eine uns befangen machende Instanz mit stupidem Materialismus eines unterscheiden: den herrschenden Nationalismus und ein paar von ihm zur Raison gebrachte "friedensbewegte Linke", auf die Du ein so erstaunlich scharfes Auge geworfen hast.

Aber das ist eben die Kluft, die zwischen uns klafft. Der eine macht sich überall an das Studium der latenten Boshaftigkeiten, die anderen widmen sich - stupide - den evidenten politischen Geistesleistungen ihrer Zeit. Mit der Entschuldigung des Staates Tsrael für alle seine inneren und äußeren Großtaten wg. Auschwitz haben es letztere natürlich nicht, schon gleich gar nicht in Form einer unterbewußten Erwartung; wie sollten die Opfer von damals denn das bewirken, daß ihr Staat tugendhaft gerät? Du sagst ja selbst, daß das gar nicht geht, es sei denn mit latentem Antisemitismus. Bloß warum kämpfst Du so selbstgerecht und in Kennerschaft fremder Unterbewußtseine so forsch für jene Nation und einen speziell deutschen Respekt vor ihr? Seltsam, was die Konstruktion eines nationalen Gewissens einem gewissenhaften Nationalismus entgegensetzt. Und als linke (!) Sünde anprangert!

Licht aus...

Die Geschichte bietet in ihrem Verlauf bekanntlich keine Wiederholungen, wohl aber Parallelen. Was sich gerade in Zeiten bewahrheitet, wie sie über die DDR-Bürger hereingebrochen sind, als die weiter sich zu fühlen die meisten von uns gezwungen, weil vom Status eines Bundesbürgers meilenweit entfernt sehen. Berufs- und Amateurhistoriker, Parteivorsitzende und ReprasentantInnen von Bürgerbewegungen, Schriftsteller und Journalisten unterschiedlicher politischer Couleur haben mit unterschiedlichen Intentionen ein beachtliches geistiges Potential in Bewegung gesetzt, um solche, meist heftig umstrittene Parallelen zu verdeutlichen. Unrechtshandlungen unter der SED-Herrschaft werden mit den NS-Verbrechen verglichen oder gleichgesetzt, die Ereignisse des Herbstes 1989 mit der Französischen Revolution von 1789, der Anschluß der DDR an die BRD mit der Annexion Österreichs und des Sudetenlandes durch Hitler, die Wahlbetrüger vom 2. Dezember 1991 mit den Wahlfälschern des 7. Mai 1989, der Trenchcoat des Bundeskanzlers mit dem Mantel der Geschichte. Ein SPD-Bürgermeister gibt im "extra MAGAZIN" vom 7.3.1991 die Ungeheuerlichkeit von sich, 1945 hätten die Menschen auch nichts gehabt, und trotzdem wäre es weitergegangen, weshalb er sich von dem "Medienspektakel" über Arbeitslosigkeit und gebrochene Wahlversprechen nicht verrrückt machen lasse. Auch Querdenker melden sich zu Wort, die an den von den Nazis spektakulär angekündigten, jedoch aus allgemein bekannten Gründen (Görings Blamage bei der Kontroverse mit Dimitroff vor dem Leipziger Reichsgericht!) niemals stattgefundenen Prozeß gegen Thälmann erinnern und daran die Frage knüpfen, warum das ebenso spektakulär angekündigte Verfahren gegen Honecker nicht eröffnet wurde, als man seiner noch habhaft werden konnte. - Parallelen wie gesagt, die heftig umstritten sind.

In einem indes bestand bei allen Beteiligten bzw. Betroffenen weitgehend Übereinstimmung: daß die Herren Kohl und Waigel im Reichskommissariat Ost eine Besatzungspolitik betreiben, wie sie im (Geschichts-)Buch steht, und das Wirken der allerdings nicht von ihnen, sondern noch von DDR-"Experten" erfundenen Treuhandanstalt mit der Abwicklung jüdischen Vermögens unter Hermann Göring durchaus gleichzusetzen sei. Alles Schnee von gestern. Heute liegt die Vermutung nahe, daß in Ostdeutschland eine Politik der verbrannten Erde betrieben wird, um im Falle eines (freiwilligen oder erzwungenen) Rückzuges aus dem Besatzungsgebiet, nachdem es restlos ausgeplündert wurde, dessen Bewohnern nach bewährten historischen Vorbildern ein Chaos zu hinterlassen, den Wiederaufbau zu erschweren und die Wiederholung des sozialistischen Experimentes nach einem dann vielleicht besser durchdachten Konzept unmöglich zu machen. Diese Vermutung haben keine SED-/Stasi-Seilschaften aufgebracht, wie man annehmen sollte, sondern die Rohwedderschen Truppenteile selber, in deren Rostocker Niederlassung laut "Berliner Zeitung" vom 25.3.91 der Spruch kursiert: Einer muß da sein, der das Licht ausknipst: wir, die Treuhand.

Postscriptum für Redaktionen aus dem Alt-Bundesgebiet:

Der Titel der Glosse und der Inhalt des Treuhandspruches beziehen sich auf den zu Erich Honeckers Zeiten wohl populärsten DDR-Witz in welchem der Landesvater bei der nächtlichen Rückkehr von einem Staatsbesuch beim "Großen Bruder" eine zwar taghell erleuchtete, ansonsten aber verödete, völlig menschenleere Hauptstadt und am weit geöffneten Brandenburger Tor einen mit Spucke befestigten Zettel vorfindet, auf dem zu lesen ist: Erich, knips das Licht aus. Du bist der letzte! "

K.-H. R., Berlin

Antwort der MSZ-Redaktion

Du willst die gesamtdeutsche Anschlußpolitik gegen die alte DDR bzw. für die neue Ostzone schlechtmachen und bietest dafür ein herzlich schlechtes "Argument": die Idee der geschichtlichen Parallele. Ereignisse und Errungenschaften der Gegenwart sollen sich daran blamieren, daß sie so etwas Ähnliches - "parallel" - wären wie anerkannt abscheuliche Geschichten der Vergangenheit. Die Blamage klappt unweigerlich - für jeden, der die schlechte Meinung sowieso teilt und deswegen der herbeizitierten und logischerweise "meist heftig umstrittenen" Parallele zustimmt. Wer anderer, besserer Meinung über das neue Deutschland ist, sucht sich - und findet mit derselben Leichtigkeit - seine Parallelen. Das Verfahren klappt immer. Seine Beweiskraft allerdings ist gleich Null; und beides aus demselben Grund: Wirklich gleichartige Vorgänge sind es ja sowieso nie, die da für ziemlich gleichgelagert- erklärt werden, bloß um den Konsens in der Wert- oder Unwertschätzung von dem einen Vorkommnis auf das andere zu übertragen. Der Wunsch, den guten oder schlechten Ruf früherer Ereignisse auszunutzen, ist allemal der Leitfaden für das "beachtliche geistige Potential", das sich aufmacht, um deren prinzipieUe Übereinstimmung mit gegenwärtigen Ereignissen zu behaupten.

Darin liegt auch die Unehrlichkeit des Verfahrens. Der Lage, die man nicht leiden kann, wird so nämlich eine Verurteilung angehängt, die sich aus dieser Lage gar nicht mehr begründen will. Statt Kritik auch nur zu versuchen, wird mit dem Gestus der Empörung um den Beifall von Gesinnungsgenossen nachgesucht. Über die Wirksamkeit dieser Art von Überzeugungstätigkeit ist damit übrigens auch schon alles gesagt: Soweit sie sich nicht sowieso bloß an längst Überzeugte richtet, findet sie dort am meisten Anklang, werden am ehesten solche Parallelen akzeptiert und für gültig befunden, wo hinter der Absicht, die Sache in ihrem Sinn zu bewerten, der meiste praktische Nachdruck steht. Diejenigen, die nicht zu argumentieren brauchen, deren Wort sowieso gilt, weil sie die Macht haben, bedienen sich gern dieses billigen Verfahrens - so bequem wird die Meinung der Herrschenden zur herrschenden Meinung.

Du willst dagegen ausgerechnet in einer denkbar schlechten Meinung über die herrschenden Verhältnisse in der Ostzone "weitgehende Übereinstimmung bei allen Beteiligten bzw. Betroffenen" ausgemacht haben. Wo, bitte, hat es einen solchen breiten Konsens in der Frage westdeutscher "Besatzungspolitik" gegeben? Bei der Masse der "Betroffenen" wohl kaum: Die haben sich mit Mehrheiten wenig unter den alten SED-Ergebnissen (keine Parallele übrigens! ) die westdeutschen Parteien samt Chefs und Beamtenapparat herbeigewählt. Und wenn jetzt der Ärger über die "Besser-Wessies" zunimmt und das Schimpfwort von den "Besatzern" aus dem Westen ein bißchen Anklang findet, spricht das wirklich nicht für die Richtigkeit und Überzeugungskraft der Parallele zwischen dem DDR-Anschluß und einem faschistischen "Reichskommissariat Ost", sondern bezeugt nur das beleidigte Selbstbewußtsein ostdeutscher Nationalisten, die sich in ihrer über alles begehrten Eigenschaft als Deutsche nicht genügend gewürdigt finden, vielmehr "gezwungen" sehen, sich weiter mit dem Status eines Ex-DDR-Bürgers abzufinden, den niemand so heftig als minderwertig verachtet wie sie selber. Und dieser Ruf nach mehr deutscher Nationalehre für Zonis: das ist doch wohl kaum Dein Anliegen?!

Was die schlechte Meinung über die Treuhandanstalt betrifft, so stellt sich uns die breite Übereinstimmung der Betroffenen auch etwas anders dar als ausgerechnet so, daß alle Welt sich an die NS-Politik der "Arisierung" jüdischen Vermögens erinnert fühlen würde. Nach allem, was man hört, kommen sich die Opfer des neu eingeführten Kapitalismus nicht wie enteignete Juden, eher als die nach wie vor von "Stasi-Seilschaften" Drangsalierten und Verfolgten vor - sind also mit einer ganz anderen "geschichtlichen Parallele" zufriedengestellt, die freilich auch den festen Willen verrät, keinen einzigen sachlichen, politökonomischen Gedanken über die eigene beschissene Lage zu fassen. Statt dessen versuchen sie, sich bei allem Elend wenigstens moralisch ins Recht zu setzen. Insofern, das müssen wir Dir zugeben, ist es auch schon egal, ob sie ihr Gejammer über unberechtigt schlechte Behandlung mit der Selbstdarstellung als Stasi- oder als so etwas Ähnliches wie NS-Opfer aufpeppen - sie könnten sich demnächst auch als die "Kurden Deutschlands" vorstellen: Das alles ist gleichermaßen verkehrt, berechnend, hoffnungslos, wirkungslos, erbaulich und bescheuert.

Das Schlimmste kommt aber erst noch: Ganz ohne historische Parallele, außer der sehr allgemeinen mit einer verschiedentlich probierten militärischen Rückzugs-Strategie, diagnostizierst Du im Osten Deutschlands eine "Politik der verbrannten Erde", die letztendlich einen neuen, besseren Sozialismus verhindern soll. Wir können Dir diese Verschwörvngstheorie schwer widerlegen, weil Du keine diskutablen Gründe dafür anbietest, sondern einfach - vermutungsweise, wie sich das für den Gestus der Aufgeklärtheit gehört - daran glaubst. Vielleicht hilft es aber zu ermitteln, wie Du darauf verfallen bist.

Tatsache ist, daß die Treuhandanstalt die Mehrzahl der Ost-Betriebe im Endeffekt schlicht liquidiert: Sie "knipst das Licht aus" ein Scherz, über den Treuhand-Mitarbeiter sich wahrscheinlich totlachen können. Warum, wozu macht sie das? Du glaubst einfach nicht, daß dieses Zumachen einen ökonomischen Grund und Zweck haben kann - obwohl die Sache so schwierig eigentlich nicht ist: Die DDR-Wirtschaft ist zur Unterabteilung des bundesdeutschen Kapitalismus herabgesetzt worden - und der hat weder für so eine Unterabteilung, also für den realsozialistischen Laden als ganzen irgendeine, noch für seine vereinzelten Trümmer sonderlich viel Verwendung. Die Hinterlassenschaft des DDR-Sozialismus ist nicht kompatibel mit dem Kapitalismus deutscher Nation; sie läßt sich nicht einfach umwandeln und erhalten, sondern geht zugrunde, mit all ihrem produktiven Inventar; und das heißt in unserem ordentlichen Staat: Sie wird säuberlich "abgewickelt". Da wundert sich dann mancher Ex-DDRler, weil er meint, so schlecht wären die alten VEBs doch auch wieder nicht gewesen; immerhin war doch auch das Treuhand-Konzept ursprünglich einmal davon ausgegangen, irgendwie wäre das DDR-Wirtschafts-"Potential" doch erhaltenswert. Ist es aber nicht: Die kapitalistischen Erfolgsmaßstäbe verlangen anderes, und eine fertige kapitalistische Nationalökonomie wie die bundesdeutsche läßt nichts anderes zu. Das ist der ganze Grund für die "Zerstörungspolitik", die Du in Deiner alten Heimat entdeckst.

Umgekehrt kann der Kapitalismus "drüben" nicht viel erben; er muß schon mit seinen eigenen Mitteln "nach drüben" gehen - und die kriegt er dafür ja auch: -zig Milliarden für ein Ding namens "Aufschwung Ost" zeugen von dem unerbittlichen Willen der Regierenden im größeren Deutschland, ihre Ostzone zum Standort lohnender Weltmarktgeschäfte und so zur erweiterten Basis ihrer entsprechend wachsenden Macht herzurichten. Diesen Zweck des ganzen Unternehmens siehst Du aber schon gar nicht mehr; wahrscheinlich hättest Du daran auch so wenig auszusetzen, daß Dir darüber Deine schlechte Meinung von der Bonner Anschlußpolitik gleich vergehen würde. Du hältst Dich lieber an die negative Seite, die absichtsvolle Beseitigung der alten DDR-Nationalökonomie, nimmst sie als Endzweck der ganzen Sache und machst Dir einen Reim auf die schlechte Absicht, die Du damit dingfest gemacht haben willst: Wenn die Treuhänder und ihre Auftraggeber bloß alles "ausknipsen", dann - so folgerst Du - rechnen sie gar nicht damit, daß sie dableiben; dann bereiten sie, kaum angekommen, ihren " (freiwilligen oder erzwungenen) Rückzug" vor. Ein Staat der frisch angegliederte Provinzen gar nicht haben will (und dafür mit aller Macht und Gewalt in sie hineingeht... ): Kommt Dir diese Vorstellung nicht doch ein wenig seltsam vor? Oder meinst Du das mit dem "unfreiwillig" etwa so, eine Bevölkerung, die kein, höheres Anliegen als die Gleichstellung mit den Alt-Bundesbürgern kennt und jetzt tatsächlich derselben Obrigkeit gehorchen darf wie diese, wäre womöglich bereit (von der Fähigkeit ganz zu schweigen), ihre neue Gesamt-Staatsmacht wieder hinauszuwerfen?

Du weigerst Dich einfach, zur Kenntnis zu nehmen, daß die staatliche Zweiteilung unwiderruflich weg und gar kein Staatsgebiet zweiter Klasse mehr vorhanden ist, aus dem die neu zugeschnittene deutsche Staatsgewalt sich zurückziehen könnte (ganz zu schweigen davon, daß sie es wollte). Du siehst die Lage lieber so, als wäre - irgendwie, untergründig - die DDR doch noch da, bloß besetzt, und als wäre die bundesdeutsche Politik immer noch ihrer Beseitigung gewidmet. Oder noch nicht einmal ihrer Beseitigung, sondern ihrer "Plünderung" - ein bizarrer Einfall, wo die Kapitalisten in all ihrer Profitgier die Hinterlassenschaft der DDR-Wirtschaft noch nicht einmal geschenkt haben wollen (scharf sind sie ausgerechnet auf Grundeigentum, das sich nun wirklich schlecht davontragen läßt). Und eine böse Absicht dazu kannst Du Dir auch schon wieder voistellen, die damit verfolgt würde; nämlich die, einen Schlag zu führen gegen den "Wiederaufbau" von was eigentlich: Für Dich ist die DDR anscheinend einfach nicht totzukriegen; sie überlebt ihr eigenes Ende - als Wiederaufbauprojekt, dem die Bösen aus dem Westen die Bedingungen kaputtmachen wollen. Oder, noch besser: als neu aufzulegendes "sozialistisches Experiment nach einem vielleicht besser durchdachten Konzept", das "unmöglich" gemacht werden soll. Es tut uns leid: So ein Opfer der neuen Aufschwüng-Politik im Osten können wir beim besten Willen nicht entdecken.

Eins muß man Dir lassen: Ein geistiger Überläufer bist Du nicht. In Dir hat die DDR-Staatsideologie so tiefe Wurzeln geschlagen, daß Du selbst die brutale Herrichtung der neuen deutschen Ostzone zum Standort kapitalistischen Geschäfts und gesamtdeutscher Macht wie eine besonders schwierige Phase in der Geschichte der DDR auffassen willst - und das ausgerechnet deswegen, weil die Herrichtung so brutal vonstatten geht und die Ex-DDR-Bürger in ihrem Nationalstolz beleidigt. Oder, noch besser: Du nimmst die Gegenwart als Zwischenphase in der Geschichte sozialistischer Experimentierfreude, als deren Werk die letzten Freunde der DDR diesen Staat noch rechtfertigen möchten. Darüber kriegst Du gar nicht mehr mit, was wirklich gespielt wird und worum es tatsächlich geht im neuen Deutschland - eine sehr schlechte Bedingung für das "bessere Durchdenken" eventueller neuer "sozialistischer Konzepte"!

Aber wir wollen Dir nicht Unrecht tun: Du hast mit Deinen "historischen Parallelen" ja sowieso ganz andere Sorgen.