EIN STÜCK IMPERIALISMUS, SONST NICHTS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1990 erschienen.
Systematik: 

Die Dritte Welt ohne die Zweite
EIN STÜCK IMPERIALISMUS, SONST NICHTS

War da nicht neulich noch was? Eine "rote Gefahr" über der 3. Welt, linke Subversion und sowjetische Interventionsdrohungen? Eine Systemalternative, gegen deren "Verlockungen" die freie Welt sich anstrengen und etwas bieten mußte?

Die Sorgen ist die westliche Staatengemeinschaft jedenfalls los. Gemeinsam mit dem Gegner von gestern liquidiert die Führungsmacht der 1. Welt vorletzte Restposten sowjetischer Einmischung ins exotische Hinterland der kapitalistischen Weltwirtschaft und der freiheitlichen Friedensstrategie; Kuba und Vietnam, zwei letzte kommunistische Eroberungen in der 3. Welt, stehen zur "Normalisierung" an. Bei neuen "regionalen Konflikten" ist der Hauptstörenfried von einst gar nicht oder mit Grußadressen und Glückwünschen an die westlichen Weltpolizisten mit dabei. Was einmal so aussah wie ein globales Ringen zwischen Ost und West um die übrige Staatenwelt, ist, weil das"sozialistische Lager" aufgegeben und sich aufgelöst hat, entschieden und vorbei.

Damit ändert sich manches für die Länder der 3. Welt. Als erstes und vor allem: der höchste strategische Gesichtspunkt, unter dem die Mächte der 1. Welt ihr Hinterland in Südasien, Afrika und Südamerika immer betrachtet, beargwöhnt, kontrolliert, beeinflußt, zurechtgewiesen, bewaffnet und gefördert haben. Diese Politik trennt sich von der Kalkulation mit dem 3. Weltkrieg, die an Dringlichkeit verliert, und von dem Aspekt, geostrategische Positionen für den globalen Machtkampf mit dem "Reich des Bösen" aufzubauen.

Sie trennt sich davon - ob und inwieweit sie sich dadurch auch ändert, ist eine andere Frage. Mit Sicherheit bleibt nämlich das globalstrategische Interesse des Westens selbst bestehen - jedenfalls solange es "den Westen" als strategisches Bündnis noch gibt -, sein weltweiter Sicherheitsbedarf und dementsprechend sein kontrollierender Zugriff auf alle bewaffneten Subjekte der Weltpolitik. Was sie bislang zur Vorbereitung eines weltumspannenden Krieges gegen die Sowjetunion getan hat, genau das betrachtet die Freie Welt auch weiterhin als ihr Recht und betreibt es als ihre unumgängliche Pflicht: die Entfaltung weltweiter Macht, zwecks wirksamer Aufsicht über alle Konflikte und Kriege - was nichts mit deren Verhütung zu tun hat! - und alle sonstigen Konsequenzen aus der Außenpolitik der vielen souveränen Nationen. Dieses Programm effektiver Weltherrschaft ändert sich nicht ausgerechnet dadurch, daß sein Hauptgegner politisch kapituliert - außer in dem Sinn, daß es sich an die prinzipiell günstigere neue Lage anpaßt und eben gewisse Sorgen und Berechnungen überflüssig werden. Erspart bleibt der 1. Welt nichts an bewaffneter Wachsamkeit: So drückt die Friedensbewahrungsideologie des demokratischen Imperialismus diese Selbstverständlichkeit aus.

Für die andere Seite dieses weltherrschaftlichen Kontrollverhältnisses, die souveränen Staatsgewalten der 3. Art, entfällt mit der 2. Welt eine interessante politische "Option": die alternative Adresse für Hilfsgesuche aller Art, vor allem im Falle von Konflikten, sei es direkt mit westlichen Interessen, sei es mit vom Westen protegierten Nachbarn. Der große andere Waffenlieferant, der gelegentlich aus eigener strategischer Berechnung sogar weitergehende militärische Unterstützung gewährt hat, steht so wie bisher nicht mehr bereit. Das vergrößert ganz sicher nicht die politische Freiheit der 3. Welt-Staaten - nur: welche Freiheit entfällt für sie mit der neuen Weltlage ?

Eins steht jedenfalls fest: Von der Freiheit, der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung zu entkommen und ins "sozialistische Lager" überzulaufen, haben weder die Souveräne der 3. Welt - mit den bekannten Ausnahmen dauerhaft etwas wissen wollen noch die sowjetische Schutz- und Gegenmacht selbst. Wo sich die Sowjetunion zu strategisch berechnender Hilfe entschlossen hat, da hat sie sich für Kalkulationen und Unternehmungen aus pur nationalen Interessen hergegeben: für Konkurrenzinteressen, wie sie im Rahmen der freiheitlich-westlichen Weltordnung notwendigerweise aufkommen; die sich da störend bemerkbar machen, aber auch immer wieder einfügen in die von internationalem Geld und nationaler Gewalt bestimmten Weltordnungsverhältnisse. Die Sowjetmacht hat sich mit politischen Bestrebungen solidarisiert, die auf nationale Positionsverbesserungen innerhalb des vorgegebenen Systems namens Weltfrieden aus sind - und jedenfalls nicht auf dessen antiimperialistischen Umsturz oder auch nur auf dessen "Reform" im Sinn und Interesse der sowjetischen "Weltfriedensmacht". An denen ändert sich daher nichts, weder ihr Grund noch ihr Ziel, wenn die Sowjetunion nicht mehr wie bisher die antiwestliche Alternative sein will. Machthaber der 3. Welt haben jetzt anderswo die nötigen Mittel zu suchen für ihren Ehrgeiz, ihren Stellenwert in der bewaffneten Weltfriedensordnung zu verbessern und sich den Gegner zu suchen, den sie als Hindernis dafür ansehen, nämlich beseitigen können. Aber ist damit ausgemacht, daß sie entscheidend weniger bekommen? Und werden sie nicht auch mit der sowjetischen Hilfe allerlei sowjetische Vorbehalte, den freien nationalen Gebrauch der erhaltenen Waffen betreffend, los: Mit der wirklichen weltpolitischen Alternative, die das globale Wirken der 2. Welt den Machthabern der 3. eröffnet hat, ist es also so weit nicht her - zumal die überwiegende Mehrheit der souveränen Staaten es ohnehin nicht an Treue zur westlichen Sache hat fehlen lassen, nachdem die Freie Welt zuerst in Vietnam und dann immer nach Bedarf blutig klargestellt hat, wie wenig sich weltpolitisches Abweichlertum lohnt.

Hat sich umgekehrt Linientreue zur westlichen Sache für die Staaten der 3. Welt gelohnt? Zweifellos - für den Gewaltapparat der Staaten, die die Freie Welt sich zu Partnern und Helfershelfern im weltweiten Kampf gegen Kommunismus und sowjetischen Einfluß herangezogen hat. Aber warum sollten diese Mächte als Hilfskräfte für die bleibenden Notwendigkeiten globaler Sicherheit nicht mehr nützlich sein?

Wahr ist auch, daß der Westen nicht bloß seinen Waffenexport in die 3. Welt dem Kampf gegen die "sowjetische Gefahr" gewidmet hat; alles, was "Entwicklungshilfe" hieß, war als politökonomische Waffe in demselben Kampf gedacht und gerechtfertigt. Aber heißt das auch, daß mit der kommunistischen Alternative und Konkurrenz der entscheidende Grund für westliche Entwicklungspolitik entfällt und sich damit die ökonomische Lage der 3. Welt verschlechtert? Und steht deswegen auch schon zu "befürchten", daß die Chefs der freiheitlichen Finanzwelt das Interesse an ihren 3.Welt-Schuldnern verlieren und ihre Kapitalanlagen lieber in die 2. Welt schicken, die ihnen jetzt so weit offensteht?

Tatsächlich ist gar nicht abzusehen, warum das Kapital und eine global operierende Wirtschaftspolitik Wirtschaftspartner und Kredite abschreiben und warum sie nicht beides zugleich können sollten: die ökonomischen Dienste der 3.Welt-Länder eintreiben und das ehemals "sozialistische Lager" ihrem Weltmarkt unterwerfen. Und was die politischen Berechnungen betrifft, die mit westlicher "Entwicklungshilfe" stets verbunden waren: Dazu haben sie doch nie geführt - und zweieinhalb Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel -, daß die kapitalistischen Weltwirtschaftsmächte mit ihrem Hinterland politökonomisch irgend etwas anderes angestellt hätten als das, wozu Handel und Kredite und Kapitalinvestitionen nun einmal einzig und allein taugen, nämlich die Herrichtung ihrer Partner für nützliche Dienstleistungen am Wachstum des Kapitals. Mit ihrer antisowjetischen Zielsetzung ist die westliche Entwicklungspolitik in nichts von dem Programm abgewichen, das aus dem weltwirtschaftlichen Interesse an der Benutzung fremder Länder ohnehin folgt. Die Freie Welt hat die souveränen Herren der 3. Welt auf die politische Ökonomie des Weltgeldes festgelegt; und sie hat mit den entsprechenden Wirtschaftsbeziehungen Eingriffsrechte und -möglichkeiten angesammelt, nötigenfalls auch immer nachdrücklich wahrgenommen, die für Konsens und Kooperationsbereitschaft gesorgt und sich außerdem immer auch wirtschaftlich gelohnt haben. Das war schon, neben den paar blutigen Klarstellungen, der im Endeffekt erfolgreiche Kampf gegen die "sozialistische Alternative". Mit dem Erfolg dieses Kampfes braucht sich umgekehrt an seinen Mitteln, der "Entwicklungspolitik" des Westens, nichts zu ändern - solange jedenfalls, wie es "den Westen" als kombinierte Weltwirtschaftsmacht noch gibt, die konkurrierenden Weltmächte also nicht dazu übergehen, ihre Konkurrenz auch mit dem Mittel der Abgrenzung exklusiver Einflußsphären in der Welt auszutragen.

Das heißt nicht, daß in den 90er Jahren keine Neuerungen im wirtschaftspolitischen Umgang der 1. mit der 3. Welt anstünden. Unter dem Titel "Wirtschaftsreformen" setzen die Gläubiger alles durch, was ihnen zur Sicherung, Bedienung und ertragreichen Fortführung ihrer Kredite nützlich erscheint. Dabei wird unter anderem das alte Ideal der "Entwicklung" nach und nach aus dem Verkehr gezogen und durch das neue und genauso verkehrte der "Sanierung" und "Strukturanpassung" ersetzt. Damit wandeln sich freilich weniger die Techniken des Weltgeschäfts mit der 3. Welt als die politökonomischen Ideologien darüber - und vielleicht ist dieser Wandel noch die eindeutigste Auswirkung davon, daß es die 2. Welt mit ihrem sozialistischen Idealismus nicht mehr gibt. Ideologien der "Entwicklung" waren aktuell, als es noch darum ging, die 3. Welt strategisch richtig einzuordnen und ökonomisch herzurichten; denn diesem freiheitlichen Anspruch stand es gut zu Gesicht, daß er sich mit Blick auf die "sowjetische Gefahr" als Verpflichtung des Westens vortrug. Jetzt ist die Subsumtion gelaufen, die Alternative weg, und das demokratische Bewußtsein denkt in Bezug auf die 3. Welt nichts als Rechte der demokratischen Vorbildnationen. Liberale kosten ihren ideologischen Triumph so aus, daß sie auch noch im Elend der 3. Welt nichts als "sozialistische Mißwirtschaft" erkennen können, die vor allem durch ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen in Ordnung gebracht werden müßte. Die ehemaligen Kritiker einer "ungerechten Weltwirtschaftsordnung" kritisieren mittlerweile ihre eigenen frommen Wünsche als stalinistische Wohlfahrtsutopie, die gleich doppelt widerlegt sei, nämlich durch die Bekehrung des Ostens und durch die verheerende ökologische Schadstoffbilanz, die eine Besserstellung der verelendeten Menschheit ergäbe. Alle sind sich einig in der Selbstverständlichkeit, daß die Freie Welt schon allein aus demokratischer und ökologischer Verantwortung die Verhältnisse in der 3. Welt auf gar keinen Fall dieser selbst überlassen darf, sondern am besten gleich selber in die Hand nehmen muß - ohne die Sowjetunion hat eben auch das völkerrechtliche Ideal der "Nicht-Einmischung" keinen Anwalt mehr.

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Die 2. Welt zieht sich selbst aus dem Verkehr; und von der 3. bleibt nichts als haargenau das, was sie schon immer bloß war: ein Stück Imperialismus.