EIN SCHWERER SCHLAG FÜR DIE DEUTSCHE KULTUR

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1987 erschienen.
Systematik: 

Benno von Wiese, Hans Rosenthal und Gustav Knuth +
EIN SCHWERER SCHLAG FÜR DIE DEUTSCHE KULTUR

Der deutsche Literaturpapst

"Durch den Vers wurde man beinahe Gott. Ein solches Grundgefühl läßt sich nicht mehr völlig ausrotten - und noch jetzt... wird auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus, sei es auch nur darin, daß er einen Gedanken als wahrer empfindet, wenn er eine metrische Form hat und mit einem göttlichen Hoppsassa daherkommt." (F.Nietzsche)

Benno von Wiese war so ein Narr von Berufs wegen und hat beim Auslegen von Literatur Richtlinien gesetzt. Seine Interpretationen hatten die Aura des Unwidersprechlichen und galten, was fraglos daher kommt, daß Benno immer ziemlich fraglose Botschaften zu sagen wußte. Sie betrafen "den Menschen", überhaupt und in der ganzen Grundsätzlichkeit seines stäubchenmäßigen Seins, nebst dem wohl verständlichen, insgesamt aber doch eitlen Hoffen auf ein Paradies hienieden. Sie selbst erfinden mußte er dabei nur in den seltensten Fällen. Er war ja Interpret, und da bestand seine ganze Kunst darin, sich bei der anerkannten Wucht dessen, was es wieder einmal zu sagen galt, mittels des verdrechselten Wie des Sagens auch noch der Quelle zu berühmen, der solches entsprungen: Vom Zauber der künstlerischen Form wollte der Interpret sich so sehr durchdrungen wissen, daß er den Gehalt, den tiefen, um den es ihm ging, nicht bloß hersagen, sondern hymnisch gestalten wollte und sich so als Schwärmer der moralischen Idee gab:

"Es gilt, den eigentümlichen Kreis-Charakter dieses Sonettes richtig zu verstehen. Es beginnt mit einer Aussage, für die dann in den Terzetten die Begründung gegeben wird. Aber eben diese Begründung wird wiederum zur Ursache dafür, daß keiner das Leben faßt und jeder es verliert. So muß man am Ende des Sonettes gleichsam mit dem Lesen von neuem beginnen und kommt aus dieser endlosen Kreisbewegung niemals heraus. Das Ende mündet in den Anfang. Wir verlieren das Leben, weil wir auf das Glück hoffen müssen. Wir leben in dem Angewiesensein auf das Glück, weil uns das Dasein in seiner Gegenwärtigkeit entgleitet. Die Begründung der Terzette wird zur faktischen Aussage, die ihrerseits in den zunächst nur feststellenden Quartetten nachträglich ihre Begründung erhält. Dieses und nichts anderes ist Struktur und Bewegung unseres Daseins, die sich in Struktur und Bewegung des Sonettes widerspiegelt."

Das ist Schwafelei in Reinform, eine gestanzte "Kreisbewegung" um Lesen und Leben und die Gleichheit beider herum, so daß es um derentwillen auch getrost gleichgültig bleiben kann, welchem gelesenen Stoff sie abgelauscht wurde. Da hatte man im Deutschunterrich immer seine rechte Mühe, diese und ähnliche Heucheleien zeilenfüllend hinzukriegen und in Benno von Wiese wenigstens die Orientierung, was bei den verkrampfte Bemühungen zumindest vorkommen mußte, dem Sonett nachzuweisen, es bliebe ohne den eigenen geistigen Liebesdienst an ihm in seiner Tiefe gänzlich verschlossen und die Menschheit folglich um etliches ärmer. Mehr wußten die Lehrer garantiert auch nicht. Und selbst wenn man sich an die großkalibrigen Wertehämmer nicht herantraute, die das Orakel Benno noch dem blauesten Bächlein entriß: Schon die Anlehnung an die Wortschleifen, mit denen der Meister ein ums andre Mal die Einheit von allem mit jedem heschwor, mochte einem dabei Hilfe sein, vom Heideröslein zur Würdigung des Gesamtkunstwerks Mensch vorzustoßen. Solange wenigstens, wie die Kunstwissenschaftler - einem Dichterwort auch hier getreu folgend - damit froh und zufrieden waren, das als Botschaft zu verkünden, was ihnen zu erfühlen und erjagen geglückt war. Doch als dann die "Wissenschaft" so recht Einzug hielt und objektivitätsbeflissen auf "Methoden" drängte, mit denen es nunmehr vom Nutzen der Kunst fürs Gesellschaftliche zu reden galt oder die Literatur als "Text" erst erobert werden mußte, auf daß über sie geredet werden konnte, war's um das unbefangene moralische Schwätzen ein wenig geschehen. Ein kleiner Umweg über "sozialgeschichtliche", womöglich gar "materialistische" "Aspekte" des literarischen Schaffens sollte schon sein, bevor dann das übliche Trompeten des Sinns von Dichtung losging, den Leute wie Benno von Wiese zu ganzen Kompendien zusammengetragen haben. Man muß Benno schon zugutehalten, daß er diesen ganzen Unfug, auch noch "die Gesellschaft" zur Sinnträchtigkeit aufzublasen, um die Literatur groß zu machen, nicht mitmachte und wie eh und je "dem Menschen" treu blieb, wie er ihn sich ins Visier genommen hatte: Zu mehr als einem flauen Bekenntnis zum "Methodenpluralismus" mochte er sich nicht durchringen, bevor er dann genießerisch in den sinnhaften Inhalten schwelgte. Wohl wissend, daß sein in die Zeitlosigkeit der nationalen Kultur gestelltes Anliegen auf "Größeres" ausgelegt ist als den Nachvollzug konjunktureller Schwankungen wissenschaftlichen Selbstverständnisses -

"Auch das 'alte Wahre' muß immer von neuem gefunden und überprüft werden. Gerade darin bewährt es seinen bleibenden Wert."

Er liebte in diesem Zusammenhang die leisen Töne, mit denen er der deutschen Jugend und ihren schulischen Betreuern sein krachertes Hauptwerk offerierte - den Sammelband "Deutsche Gedichte, von den Anfängen bis zur Gegenwart". In den Strom deutscher Kultur als einen zeitlicher Unabkömmlichkeit gestellt, sollte

"ein jeder erstaunt sein, wie viele äußere und innere Wandlungen im Schicksal unserer Nation sich hier abzeichnen."

Es gehört zu dieser Erstaunen heischenden Tour des Altmeisters nationaler Schicksalszuweisung, definitive Bestimmungen dessen, woran nationaler Anteil genommen werden sollte, ins Wolkige zu verflüchtigen - seine Gemeinde verstand ihn auch bei den übrigen deutschen Dichtungsgattungen. Man muß Herrn Benno eben einfach erlebt haben, wie er auf kleinen Füßen mit vom Hochwasser seiner weiten Hosen geschickt enthüllten zierlichen Gelenken die Fülle seiner Persönlichkeit durchs Audimax der Bonner Universität schob und Widersinniges feinsinnig platttrat. Der raunende Ton machte die Melodie seiner Botschaft aus, die man deshalb auch nie besonders verstehen mußte, um sie jedenfalls als echt zu empfinden. Sein Weggang ist schon ein Verlust, besieht man sich die verbleibenden Vertreter seiner Zunft.

Die Spitzenkraft der deutschen Unterhaltung

Hans Rosenthal wurde auch in den einzelnen Etappen seines Verscheidens und en detail von der liebevollen Aufmerksamkeit seines Fernsehpublikums nicht alleingelassen. Das ist gerecht und hat vermutlich bei ihm auch bis zuletzt für die frohe Laune gesorgt, die einem die Auffassung so beschert, im Leben alles goldrichtig gemacht zu haben. Grund genug für diese hatte er ja auch: Von seinem Beruf des Volksunterhalters hat er schon ganz zu Beginn gewußt, daß das Publikum ein Recht darauf hat, von Irritationen, gar kritischen Tönen verschont zu werden. Entsprechend wußte er es auch dadurch zu unterhalten, daß er in Spiel- und Spaß eine Gemeinschaft lauterer Menschlichkeit arrangierte, als deren Vorbild er selbst herumhüpfte. Nie ging ein Spaß daneben, weil auf Kosten anderer, und nie verfiel einer der Beteiligten darauf, der Quizmeister wäre doch noch schlauer als er selber. Das stiftete beim breiten Fernsehpublikum naturgemäß das sichere Gefühl, in Rosenthal jemanden zu haben, der es ganz für voll nimmt und es in dem ehrt, was es in all seiner Gewöhnlichkeit ist. Der immer fröhliche Frontstadt-Insulaner hat den inzwischen wieder jedem Deutschen verordneten Optimismus auf dem Feld der Massenerbauung vorgelebt und ihm auch mit seinen christlichen Beziehungen zu Kohl und Berlin-Filz die passende parteipolitische Spitze verliehen. Das hat ihn als Showmenschen geehrt und den Kanzler umgekehrt noch menschlicher gemacht. Auf Rosenthals wohlverdiente Popularität fiel nur einmal ein Schatten, als er die deutsch-jüdische Versöhnung, die er nebenberuflich auch noch leibhaftig darstellte, als Auftrag mißverstand, ein Treffen blitzsauberer SS-Burschen doch lieber abzusagen. Aber übelgenommen haben sich beide Seiten nichts weiter, so daß schon stimmt, daß das deutsche Volk in Hans Rosenthal etwas Wichtiges verloren hat.

Der deutsche Charakterdarsteller

Gustav Knuth ging ganz leise von uns, was durchaus einen gewissen Kontrapunkt zu dem scheppernden Charakter darstellt, der er Zeit seines künstlerischen Schaffens war. Wohl begann es 1944 thematisch noch verhalten, als Gustl in "Unter den Brücken" echt menschlich die Probleme eines verliebten Schlepperführers verkörpern durfte. Doch zum richtig beliebten Volksschauspieler machte ihn seine Auslegung des deutschen Familienvaters, der hemdsärmelig und immer ruck-zuck die Sachen anging und dabei prustend für gute Laune allenthalben sorgte. Unvergessen bleibt sein "Härr Studäänt" in "Ich denke oft an Piroschka", aber auch die leise menschliche Tragik, die sich bei seinem letztlich dann doch vergeblichen Bemühen abzeichnete, sich selbst wieder von der Rolle zu unterscheiden, die er spielte, und auf dem E-Sektor des Theaters Fuß zu fassen. Damit ist's wohl nun vorbei.