EIN SCHLESIEN BIS ZUM URAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1985 erschienen.

EIN SCHLESIEN BIS ZUM URAL

Nichts geht an der Sache mehr vorbei als die SPD-Schelte am Kanzler, er habe auch im Falle des Schlesiermottos "mangelnde Entscheidungsfähigkeit" gezeigt. Auf solch dümmliches Gemoser kann nur kommen, wer Kohls Bedenken gegen die ursprüngliche Version dahingehend mißversteht, sie sei ihm zu weit gegangen. Ein schlichter Textvergleich beweist jedoch, daß Kohl dem Hupka "Verzichtspolitik" vorgeworfen haben muß:

"Die Landsmannschaft Schlesien hat das umstrittene Motto ihres diesjährigen Deutschlandtreffens im Juni in Hannover '40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unser' geändert. Es lautet nunmehr: '40 Jahre Vertreibung - Schlesien bleibt unsere Zukunft - Im Europa freier Völker'." (FAZ, 23.1.)

In der Neufassung ist das "bleibt unser" endgütrig von dem möglichen Mißverständnis bewahrt worden, hier handle es sich um eine rein ideelle Besitzanzeige. Die interpretatorische Hinzufügung "Zukunft" macht die Wiederinbesitznahme Schlesiens zu einem konkreten Auftrag. In Hupkas Brief an den Kanzler wird dieser Auftrag aus dem Eigentum abgeleitet:

"5. Schlesien. ist nicht nur die Heimat der Schlesier, sondern Eigentum aller Deutschen." (Süddeutsche Zeitung, 23.1.)

In der Neufassung des Mottos wird jetzt verdeutlicht, daß alle Deutschen nicht nur für diesen Landstrich um Breslau herum kämpfen müssen, sondern daß die Regierung sie für ein wesentlich weiter gestecktes Ziel antreten läßt: Ein ganzes Europa muß befreit werden! Wie sonst kann es in ihm nur noch "freie Völker" geben? Kohl hat also gegen das bornierte landsmannschaftliche Denken von Vertriebenenfunktionären die europäische Dimension des Kriegsziels der NATO durchsetzen können. Damit verwahrt er sich gegen den Revanchismusvorwurf: Alle nationalen Ziele der BRD, inklusive aller Territorialansprüche von wegen "Grenzen von 1937", lassen sich nämlich als Europapolitik vortragen, bei der die BRD immer schon an vorderster Front stand. Über die konkrete Grenzziehung wird hinterher verhandelt, im "Europa freier Völker", und das hört an der sowjetischen Westgrenze nicht auf! Insofern liegen die Schlesier schon wieder schief, wenn sie in ihrem Verbandsorgan die Truppen der Bundesrepublik nur die DDR, die CSSR und die VR Polen befreien, an der russischen Grenze aber haltmachen lassen. Die jetzt quasi regierungsamtlich gewordene Neufassung des Schlesiermottos ist, von allen Mißverständnissen befreit, wirklich unmißverständlich geworden - und Kohl kann hingehen.

P.S.: Deshalb ist es eine Ungerechtigkeit, den jungen Redakteur aus Goslar "pubertär" und "verrückt" zu schimpfen. Der hat doch begriffen, was los ist, und meint, es ginge auch ohne die diplomatische Heuchelei der Großen.