EIN QUANTENSPRUNG IN DER ATOMKRIEGSSTRATEGIE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.
Systematik: 

Weltraumwaffen/Diplomatie aus dem All
EIN QUANTENSPRUNG IN DER ATOMKRIEGSSTRATEGIE

Wenn die Menschheit mit Untaten "sowjetischer Killersatelliten" belästigt wird, so sichert bereits die bösartige Namensgebung die Ausmalung der Gefahr, im Westen könnten schon morgen die Lichter (der Freiheit, versteht sich) ausgehen. Wenn dagegen das Pentagon mitteilt, "am Pfingstmontag habe eine experimentelle Abwehrrakete der US-Armee außerhalb der Erdatmospëe über dem Pazifik eine mit vierfacher Schallgeschwindigkeit heranrasende ballistische Interkontinentalrakete vom Typ Minuteman frontal getroffen und vernichtet", so ist das die Vollzugsmeldung über einen gelungenen Treffer, der die Kriegsaussichten des Westens in einem hellen Licht erscheinen läßt.

Das wollte auch Generalmajor Elvin R. Heiberg, Leiter des Programms "Homing Overlay Experiment", zum Ausdruck gebracht wissen, als er dem amerikanischen Volk die Bedeutung des von ihm erzielten Fortschritts so erläuterte: "Wir wissen jetzt, wir können sie erwischen, und wir können sie knacken." Im üblichen erfrischenden US-Militärjargon teilte der General so der Öffentlichkeit mit, daß man den Hauptfeind, die "Reds", im Griff habe. Mit deren Drohung gegen das amerikanische Volk, ihr heiliges Territorium in Schutt und Asche zu legen, falls es zum Krieg komme, sei es nun prinzipiell vorbei, verkündete der General patriotisch. Ein anderer General, James A. Abrahamson, Befehlshaber des US-Weltraumkommandos, ergänzt seinen Kollegen, indem er anhand des gelungenen Experiments die Unschlagbarkeit amerikanischer Militärtechnologie verdolmetscht. Zum ersten Male in der Geschichte der Waffentechnik sei es gelungen, "eine Gewehrkugel mit einer anderen" zu treffen. Damit wollte der General selbstverständlich nicht das Experiment erklärt haben, denn in ihm ging es ja gar nicht um Gewehrkugeln. Er bezog sich auf ein phantasievolles Bild, welches sich amerikanische Kriegswissenschaftler in den 60er Jahren ausgedacht haben, um die Schwierigkeit der militärtechnischen Aufgabe zu veranschaulichen, eine angreifende Rakete durch eine andere Rakete im freien Flug zu treffen, wobei die Geschwindigkeitsverhältnisse das zu lösende Problem darstellen. Die Botschaft jedoch ist eindeutig, und nur auf sie kommt es für die Unterrichtung des Volkes an: Was für unlösbar erscheinende Probleme auch immer an der militärischen Front entstehen mögen, es gibt nichts, was das Pentagon nicht in den Griff bekommt. Dieser amerikanische Kriegsoptimismus gilt für das militärische Problem Nr. 1 unserer Zeit, die Beherrschung des Atomkrieges. Für den haben sich die USA zwar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereits gerüstet; dessen erfolgversprechende Durchführung ist jedoch aufgrund der sowjetischen Gegenmacht bislang noch keineswegs zufriedenstellend garantiert. Nur muß man nicht meinen, das Programm einer Weltraumverteidigung, zu dessen Realisierung der oberste Kriegsherr Reagan seine Militärs verpflichtet hat, habe irgendwie mit der Absicht zu tun, einen Atomkrieg zu verhindern. "Schutz", "Defensive" - das sind hier militärische Vokabeln, mit denen der Zweck gemeint ist, die Gewinnaussichten eines Atomwaffenkrieges gegen die Sowjetunion zu verbessern. Und zwar dadurch, daß man sich ein zusätzliches Kampfmittel gegen feindliche Waffen beschafft. Im Rahmen solcher Anstrengungen soll den USA mit dem Experiment vom Pfingstmontag tatsächlich ein beachtlicher Durchbruch gelungen sein, der einem Quantensprung in der Atomkriegsstrategie gleichkommt.

Inwiefern aber hat die Kriegsart der interkontinentalen Kernwaffenschlacht solche technologischen Revolutionen überhaupt noch nötig? Steht denn nicht bereits genug an Nuklearwaffen bereit? Was soll es überhaupt bedeuten, wenn vom Atomkrieg als einem Problem und von der Notwendigkeit seiner Beherrschung - für die Militärs beider Seiten, versteht sich - die Rede ist? Bedeutet eine solche Vorstellung nicht den Widersinn, daß sich eine politische Gewalt mit militärischen Mitteln ausstattet, um danach festzustellen, daß die Anwendung dieser Mittel ein Problem darstellt, welches noch erst gelöst werden muß?

Es kommt eben manchmal vor, daß eine Kriegsvorbereitung mit der Lösung eines derartigen Widerspruchs zu tun hat. Dieser Fall ist die Planung des Atomkrieges. Für die USA ist ein Kemwaffenkrieg gegen die Sowjetunion mit unkalkulierbaren Verlusten für sie selbst verbunden; insofern ist strittig, ob dieser Krieg für den Westen eine "rationale Option" sei. Weil das NATO-Bündnis diese "rationale Option" aber unbedingt besitzen will, arbeitet es Tag und Nacht an ihrer Herstellung - gegen alle Versuche der Sowjetunion, dies zu verhindern. Die militärische Problemstellung lautet dabei: Auch im Fall der Nuklearwaffen muß es möglich sein, wie bei jeder konventionellen Waffe und Kriegstaktik, das herzubringen, was der militärische Geist ein "harmonisches Verhältnis von Defensive und Offensive" nennt. Genau diesem Ziel ist das amerikanische Killer-Experiment vom Pfingstmontag ein ansehnliches Stück nähergekommen. Es müßte ja auch mit dem Teufel zugehen, wenn die Atomwaffe nicht unter die "normalen" militärischen Grundsätze zu bringen wäre, auch wenn das nun schon über dreißig Jahre lang dauert und ein in der Geschichte beispielloses Wettrüsten erfordert hat.

Sprunghafter Fortschritt in der Waffendiplomatie

Angesichts ihrer erfolgverheißenden Werke auf dem Felde der Kriegstechnik kann die US-Regierung nicht umhin, auf eine schon lange nicht dagewesene "Verschlechterung der Beziehungen" hinzuweisen. Und das mit dem Nachdruck, den die Unschuld der einen Weltmacht an diesem bedauemswerten Zustand einfach erfordert. Also wird die Schuld der anderen Seite erst einmal mit der gebetsmühlenhaften Wiederholung der Aufforderung beglaubigt, sie möge "an den Verhandlungstisch zurückkehren". Das tut immer gute Dienste, und Tschernenko nützt es gar nichts, wenn er - offenbar in Kenntnis der laufenden amerikanischen Versuche - etwas anregt, nämlich "unverzügliche Gespräche zwischen den USA und der Sowjetunion über ein vollständiges Verbot von Satellitenabwehrsystemen und anderer orbitaler Waffensysteme". Da ist er an die falsche Adresse geraten. Tags darauf weist das Weiße Haus solche Verhandlungsangebote zurück. Klarheit herrscht sofort im Westen: die "SU versuche lediglich, für sich ein Monopol auf dem Gebiet von Weltraumwaffen zu erreichen". Das Dementi folgt am gleichen Tag zwar auf dem Fuße, als der Stolz auf den gelungenen Versuch die Betonung der eigenen Leistung gebietet: "Wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte, war dies wahrscheinlich der erste erfolgreiche Versuch dieser Art auf der Welt." Aber wen kümmert das schon - außer die Russen. Die vermelden einen Protest, nach guter diplomatischer Sitte unter Berufung auf einen Vertrag: "ein offensichtlicher Bruch der SALT-1-Verträge von 1972", die ausdrücklich das Testen und Stationieren von Raketenabwehrsystemen verbieten.

Dieser Protest wird gewogen und für zu leicht, weil zu russisch befunden: "Nach amerikanischer Ansicht stelle der Versuch keinen Bruch des ABM-Abkommens dar." Außenminister Shultz beschränkte sich freilich nicht auf diese originelle Antwort, sondern kam auch noch einmal auf das entsprechende Verhandlungsangebot zurück, das er für "hinterlistig" hält; er "sagte weiter, das amerikanische Anti-Satelliten-System ASAT, das derzeitig entwickelt wird, sei besser als das sowjetische System."

Aber in dieser Haltung hat die US-Regierung offensichtlich nicht damit gerechnet, daß sie demokratischer Kontrolle unterliegt. Der Kongreß verlangt vom Präsidenten einen "ernsten Willen zu Verhandlungen", wenn er mit den vorzüglichen Techniken der Raketenabwehr fortfahren wolle. So in die Enge getrieben, bekundet der Führer der Weltmacht Nr. 1 den verlangten Willen. Also darf er weitermachen.

Mitten in diese "schlechten Beziehungen" zwischen den Supermächten dringt eine Meldung an die Öffentlichkeit, über die sich niemand aufzuregen braucht, weil die angemessene Aufregung aus Anlaß des koreanischen Jumbo längst erledigt ist: Die 500-km-kleine Routenabweichung über Sachalin war ein Auftrag; es ging um die Beobachtung des russischen Alarmsystems, und zwar durch das in der Höhe befindliche Spionageflugzeug und durch die zufällig gerade oben befindliche Challenger-Raumfähre. Das Opfer der 263 Leutchen war also nicht umsonst. Auf diesem Wege darf weiter vorwärts gegangen werden.

Die US-Luftwaffe "sichert sich zivile Jumbo-Jets". Sie kann "im Spannungsfall auf fünf der 44 Jumbo-Jets" von PanAm "zurückgreifen". Mit einer anderen US-Fluggesellschaft besteht ein "ähnlicher Vertrag". Das Pentagon finanziert die Umrüstung und den "erhöhten Treibstoffverbrauch" der umgerüsteten Zivilmaschinen. Ob die US-Luftwaffe auch den Zusatzsprit jenes koreanischen Verkehrsflugzeugs für seinen Spionageumweg über die Sowjetunion bezahlt hat, wurde nicht mitgeteilt. Ein weiterer Grund für die Russen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Schonende Vorbereitung auf die Routine der weiteren Rüstung

Die westdeutsche Öffentlichkeit kann sich über mangelnde Rücksichtnahme ihrer Rüstungsplaner nicht beklagen. Nur 10 Tage nach der Erklärung der Einsatzbereitschaft der ersten amerikanischen Pershing- II- Batterie in der BRD mag man ihr die bevorstehende Ausrüstung der Bundeswehr mit dem kleinen Bruder Pershing 1 B, der mit der gleichen Zielgenauigkeit und Sprengkopfausstattung nur die kurze Strecke bis jenseits der russischen Westgrenze schafft, nicht zumuten.

"Bonn: Neue Kurzstreckenrakete kein Thema

Die Bundesregierung denke nicht an den Erwerb einer neuen Kurzstreckenrakete in den USA, versicherte der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Kurt Würzbach gegenüber ddp, nachdem der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karsten Voigt, erklärt hatte, nach seinen Informationen plane die Regierung den Erwerb einer neuen Kurzstreckenrakete Pershing-I-B in den USA. ... Diese Pershing-I-B solle eine entsprechende Variante der Pershing-2 darstellen und die Pershing-1-A ersetzen. Die Raketen sollten im deutschen Besitz sein, während der Sprengkopf unter amerikanischem Verschluß bleibe". (Süddeutsche Zeitung, 9.1.84)

Vier Monate später passiert diese Mitteilung als 20-Zeilen-Routinemeldung:

"1,1 Milliarden für Ablösung der Pershing I A vorgesehen

Die Bundeswehr will von 1987 an 1,1 Milliarden Mark für die Ablösung ihrer Pershing-I-A-Raketen durch die moderneren Pershing-I-B ausgeben. ... Aus Geldmangel sollen auch weniger Systeme angeschafft werden als ursprünglich beabsichtigt war. Man spricht jetzt von einem ersten Los aus 65 Systemen. Ein zweites Los, über dessen Umfang nichts bekannt wurde, wird unter der Voraussetzung der Freigabe zusätzlicher Mittel erwogen. Die Luftwaffe verfügt derzeit über 72 Pershing-I-A-Startgeräte mit etwa 100 Raketen von rund 750 km Reichweite. Die zugehörigen Atomsprengköpfe stehen unter amerikanischer Kontrolle. Die Pershing-I-B ist eine Variante der Pershing-II-Rakete mit verkürzter Reichweite (rund 750 Kilometer; Pershing-II: etwa 1800 Kilometer." (Süddeutsche Zeitung, 9.5.84)