EIN OFFENES WORT AN ALLE GEGNER DES HIRTENBRIEFS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.

EIN OFFENES WORT AN ALLE GEGNER DES HIRTENBRIEFS

Kaum greifen die deutschen Bischöfe mit ihrem Hirtenwort in den Wahlkampf ein, entsteht ein öffentlicher Wirbel, daß man meinen könnte, die Zentrale der deutschen Katholiken sei in Gewohnheiten ihrer finstersten Vergangenheit zurückgefallen, die für moderne, aufgeklärte Zeiten und erst recht für das freiheitliche Modell Deutschland unmöglich sind.

Dabei kann es doch kein Geheimnis sein, was diese guten Hirten unter ihrer schwarzen Kutte bewegt. Sie streiten für das Wohl ihres Vereins, setzen um der Bedeutung der Kirche und ihrer Prinzipien willen auf die C-Gruppen, die sie lieber an der Macht sähen als die Sozis, deren Politik sie in manchen Punkten ablehnen, weil sie eine Aufweichung christlicher Werte und damit um die geduldige Nachfolge ihrer Mitgliederschafe fürchten. Freilich haben diese Hirten trotz über zehnjähriger sozialliberaler Regierung bisher mit ihren Gläubigen noch keinen Umsturz inszeniert. Das wäre auch zutiefst unchristlich gewesen. Solange der Staat die Kirchen machen läßt und in seiner Politik keinen entscheidenden Grund bietet, daß Besitz und Anhänger der Kirchen flöten gehen, und ihr Wirken eingeschränkt wird, stehen sie zu ihrem Staat, den sie dafür mit ihren christlichen Werten gern moralisch und repräsentativ unterstützen. Und offener Widerstand der offiziellen Kirche? Nun, die deutschen Bischöfe waren gegen Ende der Naziherrschaft zwar alle Gegner des Faschismus, wie man heute sagt, aber diese Gegnerschaft muß ziemlich tief im Untergrund gearbeitet haben, damals!

Die heilige "unheilige Allianz"

Die "unheilige Allianz" der Kirche mit der Herrschaft ein Relikt des tiefsten Mittelalters zu nennen, ist also ein Blödsinn. Als wenn nach der Trennung von Staat und Kirche die säkularisierte Kirche nicht für die jeweilige Herrschaft einträte und sich aus der Politik heraushielte. Die sogenannte unheilige Allianz kann getrost heilig genannt werden. Man braucht doch nicht erst die Ergebenheitsadressen der deutschen Bischöfe an den Führer heranziehen; oder die Hirtenbriefe, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die Soldaten zu Gehorsam ermahnten und zum Sieg für das Vaterland ermunterten; oder Chile, wo ein Bischof dem Menschenfreund Pinochet den Leib des Herrn reicht, damit der so gestärkte Junta-Chef mit den noch lebenden Widerständlern fertig wird. - Reicht es denn nicht, wenn Höffner und Schmidt, Strauß und Ratzinger oder alle zusammen auf staatlichen Repräsentationsveranstaltungen erscheinen (wie jüngst in München, wo alle hohen Politiker, der Oberbürgermeister, ein katholischer und ein evangelischer Bischof gemeinsam mit dem Vater Unser die Verteidigung der staatlichen Gewalt beschworen)? Ja reicht es denn nicht, was katholische Popen und evangelische Pfaffen Sonntag für Sonntag an Geboten und Verboten und Lebensregeln von der Kanzel verkünden, um in diesen christlichen Glaubensregeln die vom modernen Staatsbürger geforderten Tugenden zu erkennen? Offenbar muß 1. Wahlkampf sein und 2. müssen die Bischöfe ganz direkt für die Union Partei ergreifen, damit sich Leute über das segensvolle Wirken der Kirche aufregen. Dann geht das Wettern los, aber sonst? Das ärgert uns und nicht nur, wenn dieser Höffner salbungsvoll seine kirchenpolitischen Reden hält, als hätte ihm das der Heilige Geist gerade auf die Zunge gelegt.

Warum uns das ärgert? Also,

Werte Sozialdemokraten,

was wäre denn wohl gewesen, wenn die Bischöfe sich in ihrem Wort (wie z.B. einige protestantische Theologen) für Solidarität, partnerschaftliche Ehe, Ost- und Friedenspolitik und sonstige sozialdemokratische Programmpunkte stark gemacht hätten? Wäre Euch dann auch eingefallen, daß das alles nicht in der Bibel steht, was jetzt aus dem C-Programm nicht in der Bibel steht oder dem II. Vaticanum widersprechen soll? Ihr Heuchler, Ihr! Wäre der Brief nicht so "einseitig" gewesen, hättet Ihr schön die Klappe gehalten, was Eure Gustav-Heinemann-Initiative so schön zum Ausdruck bringt:

"So findet sich in dem Hirtenwort keine Aussage zur Partnerschaft mit der Dritten Welt, über Wege zur Bewahrung des Friedens, zur sozialen Gerechtigkeit, zur Erhaltung der bedrohten Schöpfung" (inzwischen haben die Bischöfe nach ihrem Hirtenwort und gleichermaßen aus taktischen Gründen zur "Solidarität mit der Schöpfung" aufgerufen. Opportunismus kennen diese Gottesvertreter natürlich auch?) "zur Behandlung von Asylsuchenden. Die Bischofskonferenz beschränkt sich auf Wahlkampfthemen und Wahlparolen der Unionsparteien."

Und dann ja keine Diskussion über Sinn und Unsinn der staatlichen Eintreibung der Kirchensteuer aufkommen lassen - Ihr Liberalen von der FDP seid damit auch gemeint -, weil das Wähler verschrecken könnte! Da lieber Widersprüche zwischen eigentlicher Kirche, die sich aus der Politik heraushält (aber mit Schmidt konferiert), zwischen christlicher Soziallehre (diese Übersetzung von Ausbeutung in Nächstenliebe für das Proletariat, damit es sozial friedlich und in der Kirche bleibt) und dem Hirtenwort erfinden. Die Kirche ist Euch doch recht, solange sie neben Helmut Schmidt sitzt oder mit Willy Brandt über die Schwierigkeiten der armen Neger im Nord-Süd-Dialog plaudert. Und tut doch nicht so, als ob Ihr nicht wüßtet, daß das dieselbe ist, wie die, die jetzt das Hirtenwort verkündet hat: gar nicht "neutral", sondern einfach für die Partei an der Macht, von der sie sich mehr verspricht. Warum habt Ihr denn nicht eine Kampagne entfacht, die ganzen Rechte der Kirche im Staat (von der Kirchensteuer bis zum Religionsunterricht und die Bezahlung der Pastoren durch den Staat und dem päpstlichen Nuntius) abzuschaffen? Das wäre doch mal ein Wahlkampf mit Sachargumenten gewesen! Ach so, Ihr wäret eigentlich auch echte Christen, deshalb gegen... Verzeihung, das haben wir nicht bedacht in der Hitze des Wahlkampfes. - Übrigens, zu Eurer Beruhigung: Die paar CDUler, die den Hirtenbrief ungut finden, denken ähnlich wie Ihr, nur umgekehrt. Sie fürchten, er könne dem Wahlerfolg der Unionsparteien schaden. Selbst der 90jährige Nell-Breuning muß an so etwas gedacht haben, als ihm das Wort "Glatteis" einfiel.

Bei allem Respekt vor Eurer kritischen Distanz zur Amtskirche, können wir auch gegenüber

Euch hochwürdigen Theologen,

die Ihr gegen den Hirtenbrief seid, unser Mißfallen nicht zurückhalten. Ihr kennt Euch - nehmen wir an - in der Bibel aus und kommt zu dem Resultat:

"Die katholische Theologie kann keine parteipolitisch zwingende Entscheidung darüber abgeben, in welcher demokratischen Partei gegenwärtig diese befreiende und erlösende Botschaft von der 'Gerechtigkeit', Barmherzigkeit und Treue (Matthäus 23, 23) beachtet und realpolitisch umgesetzt wird."

Das muß Euch neutralen Realpolitikern doch nach ausgiebigem Studium klargeworden sein, daß Eure angeblich unchristlichen Bischöfe für ihren C-Gruppen-Katalog auch ihre biblischen Stellen finden, wenn sie wollen. Wenn nicht, brauchen sie doch nur das kirchliche Lehramt ins Feld führen:

"Die katholische Soziallehre läßt sich nicht, wie in den letzten Tagen irrtümlich behauptet worden ist, auf das einschränken, was im Alten und im Neuen Testament steht. Sie muß sich heute Aufgaben stellen, die Folgen moderner Entwicklung sind." -

und benutzen dafür noch Euer kritisches Gelaber vom Wandel der Zeiten. Ihr könnt doch nicht behaupten:

"Das Gesetz, die Propheten und das Evangelium Jesu Christi treten für die Gedrückten, Ohnmächtigen, Leistungsschwachen, die Gefangenen und die Fremden in erster Linie ein. Die Christen nehmen Partei für die Entblößten (das könnt Ihr doch nicht machen, gegen den zugeschnürten Höffner für FKK einzutreten!), die Unterentwickelten und Abgedrängten ('Du sollst dich nicht abdrängen lassen!' Udo Lattek zu Flankengott Abramzcik), weil sich der Herr der Geschichte selbst mit den unteren Klassen identifiziert (Matthäus 26,31 bis 46)."

Hat denn der alte/junge Jesus schon die Ideale der Jusos im Sinn gehabt? Ihr könnt doch nicht einerseits feststellen, aus der Bibel sei keine parteipolitische Richtung herauszuholen (was nicht stimmt, wie man sieht), und dann so offen mit der Bergpredigt für Helmut Schmidt eintreten. Sollten wir einigen von Euch mit dieser Unterstellung (für Helmut Schmidt und die SPD) Unrecht getan haben, so sei Euch folgendes ernste Wort ans Herz gelegt: Befreit Euch doch endlich von dem zermürbenden Zwiespalt, ein kritischer, politischer Theologe sein zu wollen. Das erste ist doch, daß die Kirche nicht unpolitisch ist - also was soll Eure Demo, politisch sein zu wollen, sie läuft doch nur auf anders politisch hinaus. Das zweite ist, daß die Lehre Jesu oder die Freiheit des Christenmenschen (egal), also das Christentum zur demokratischen Herrschaft paßt wie der Strauß zum Höffner oder der Schmidt zum Ratzinger. Von wegen, die Amtskirche sei nicht die eigentliche Kirche. Bildet Euch mal nichts ein: Ob Ihr sagt "Gott ist tot" und ihn in der Nächstenliebe entdeckt, in Euch selbst, wenn Ihr ganz bei Euch selbst seid, oder an der Bettkante zwischen zwei Liebenden - irgendeinen höheren Typen sucht Ihr doch auch, egal wie psychologisch oder soziologisch versteckt. Und wer an so etwas glaubt, ist von Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß nicht sehr weit entfernt, mag er noch so sehr gegen Amt und Herrschaft wettern. Stimmt doch, oder!? Kein kritischer Theologe - selbst nach dem Hirtenwort nicht - kommt auf die Idee, den Papst Papst, die Bischöfe Ratzinger und Gott Gott sein zu lassen. Ihr möchtet alle weiter gute Diener der wahrhaft christlichen Kirche bleiben. -

Ihr Spiegel- und Stern-Leser

sollt nicht vergessen werden. Euch, die Ihr Euch wie Atheisten und nasenrümpfende Durchblicker der kirchlichen Macht aufführt, mit der Ihr angeblich nichts zu tun haben wollt und die Euch scheinbar völlig gleichgültig ist, Euch haben wir gefressen. Total liberal und aufgeklärt daherkommen und dann für Helmut Schmidt Propaganda machen! Merkt Euch, dieser Helmut hat mehr mit Kirche und Christentum zu tun, als Ihr mit uns zu tun habt! Ihr solltet Euch mal ganz einfach Gedanken darüber machen, warum es diesen ganzen Apparat - katholisch und evangelisch - heute, 1980, im Atomzeitalter usw. immer noch gibt, statt ewig den Glauben für veraltet zu erklären und damit bloß Eure fortschrittliche und ganz weltliche Staatsmoral zu beweihräuchern. Sonst seid ihr doch für jeden höheren Blödsinn zu haben, wenn er nicht gerade als Amtskirche auftritt. Im Vertrauen auf Euren vielleicht doch nicht ganz sozialdemokratuch verkorksten Geist drucken wir einfach eine Analyse aus unseren Resultaten zum - wohlgemerkt - bürgerlichen Staat ab. Die Parteimitglieder der SPD und FDP und die kritischen Theologen dürfen sie ruhig auch lesen:

"Die Moral ist also alles andere als ein überflüssiges Beiwerk im bourgeoisen Zirkus, sondern die Versubjektivierung des Zwanges auf den man um des eigenen Erfolgs willen eingeht, die Einstellung, die man benötigt, um mit dem Verzicht, den der Erfolg fordert, zurechtzukommen. Sie überdauert sogar längere Perioden, in denen sich partout kein Fortkommen abzeichnet, und erweist sich als ihrem Zweck gemäß auf der Sonnen- wie auf der Schattenseite der Gesellschaft. Den einen dient sie als willkommene Ergänzung ihres Vorteils - legerement verkünden sie, daß ihnen um Höheres zu tun sel, mit Sprüchen über das Gute, Wahre sowie Schöne; den anderen bietet sie in ihren vulgären Formen Trost angesichts ihres Elends: und beiden Seiten ist sie praktizierte Enthaltsamkeit in Sachen Veränderung.

So nimmt es nicht wunder, daß in der modernsten aller Gesellschaften radikale Kritik im Moralismus ihrer Adrensaten eine harte Nuß zu knacken hat, und dies nicht nur im Moralismus als theoretischem, als Form des falschen Bewußtseins. Die Ideale des Altruismus, der Bescheidenheit, der Ehrlichkeit, des Mitleids, der Nächstenliebe etc: zu praktizieren, drängt es das Volk, von der Näherin bis zur Präsidentengattin; und alle tragen ihr Scherflein zur Krebshilfe bei; in der Aktion Sorgenkind kann man dasselbe mit dem Anreiz eines möglichen Gewinns tun. Sie versammeln sich in Vereinen zur organisierten Verdummung und Verwahrlosung der Jugend, in dem festen Glauben, hier hätten sie Gelegenheit zu dem, was ihnen das normale Leben versagt: Gemeinsamkeit der Zwecke mit anderen, Solidarität, Freundschaft - sie kompensieren den Zwang zur Konkurrenz gegen andere mit der widerlichen Vereinigung auf Basis ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie Ihr Idealismus weitere Opfer kostet.

Die Religion nimmt bel alledem den ersten Rang ein. Das Christentum ist von Marx als dem Kapitalismus entsprechende Religion bezeichnet worden. Der Kult des abstrakten Christenmenschen praktiziert die Vorstellung von Gott als dem obersten allmächtigen Richter, dem man so gut wie alles verdankt von dem man andererseits auch nichts geschenkt bekommt - außer der Gnade, auf sich als Erbsünder höllisch aufpassen zu dürfen. Jeder sündigt, bekennt sich reumütig dazu und spielt sich ganz bescheiden als Richter über die Taten anderes auf. Kleine Unterschiede sind auch bei dieser Form der "geistigen Unterwerfung" in der Gemeinde Christi nicht zu übersehen: die einen predigen und erziehen anderen die gebotene Moral an, was ein echter Beruf geworden ist - die anderen machen sie sich zueigen, und ihre Heuchelei auf dem Felde christticher Maßstäbe nimmt eher amateurhafte Züge an. Der neben dem Materialismus der kapitatistischen Gesellschaft praktizierte Idealismus der Religion kann die schwindende Botmäßigkeit der Menschen - die aus der Kirche austreten, weil diese sich nicht auf die theoretische Propaganda der Moral beschränkt, sondern aus dem Glauben ihrer Gemeinde die Vorschrift zu weltlichem Engagement gemacht hat; der mangelnden Attraktivität säkularisierten Glaubens entspricht die Einmischung der Institution quasi als Interessenverband - um so mehr verkraften, als der Staat im christtichen Krankenpfleger und Jugendpfarrer längst die nützliche Seite des Glaubens entdeckt hat und Kirchensteuer verlangt. Der Eifer christlicher Caritas gestattet ganz nebenbei den Haß gegen Leute zu erwecken, die weder tiertieb sind noch praktisch den Fortbestand des bürgerlichen Elends unterstützen, indem sie die anderen abverlangten Opfer um ihr eigenes bereichern." (aus: Der bürgerlsche Staat, Resultate Nr. 3/1979, Theoretisches Organ der MARXISTISCHEN GRUPPE, S. 28/29)