EIN NATIONALES SPRACHDENKMAL AUS DER FRONTSTADT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1983 erschienen.
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Peter Schneider: Der Mauerspringer. Erzählung
EIN NATIONALES SPRACHDENKMAL AUS DER FRONTSTADT

"Ein Schriftsteller, der seit zwanzig Jahren in Westberlin lebt, beginnt Geschichten über das geteilte Land zu sammeln. Nicht das Gefühl einer unerträglichen Situation bewegt ihn, sondern das Mißtrauen in die Abwesenheit eines solchen Gefühls... Seine Trauer, sein Zorn, Sarkasmus und ein oft ätzender Witz gelten einem Zustand der Gemeinwesen, wie er absurder und deutscher kaum vorstellbar ist. Auch insofern ist 'Der Mauerspringer' ein patriotisches Buch - allerdings eines, das mit dem verordneten Patriotismus hüben wie drüben nichts gemein hat..."

Soweit ein Passage aus dem Klappentext, den der Luchterhand-Verlag dem jüngsten Opus eines linken deutschen Poeten von heute beigegeben hat. Die Waschzettel-Schreiber wissen schon, was anno 82 ff. bei bundesrepublikanischen Intellektuellen zieht: Nationalismus als Gefühlsgröße, der, als Dichterwort verkündet, nicht zu befürchten braucht, mit dem Revanchismus eines Gerhard Löwenthal verwechselt zu werden. Dabei hat Peter Schneider auf diesem Gebiet einiges zu bieten (was ihm denn auch prompt eine Goldmedaille der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als "Ankläger gegen das unmenschliche DDR-Regime" eingetragen hat): Sprüche von der Sorte, die DDR sei ein

"Gespenst, das jenseits der Elbe seßhaft geworden ist und tatsächlich zum Fürchten aussieht" (30),

finden sich in seinem Buch zuhauf. Im Stil eines fündig gewordenen moralischen Wünschelrutengängers setzt der deutsche Dichter seinen Nationalismus auch noch mit dem Gestus überlegener Sensibilität einer schönen Seele von dem Treiben der wirklichen Sachwalter des nationalen Interesses ab. Wie gut er mit dieser Tour seine Botschaft, daß moderne linke Menschen von Bildung jedenfalls das Gegenteil von vaterlandslosen Gesellen sind, an den Mann gebracht hat, zeigt die Tatsache, daß eine der Episoden von Schneiders Buch sogleich verfilmt wurde unter dem gleichfalls sehr symbolträchtigen Titel "Der Mann auf der Mauer" vom Jungen-deutschen-Film-Mann Reinhard Hauff und mit Marius Müller-Westenhagen in der Hauptrolle, der damit seinen Ruf, ein leidlich lustiger Typ zu sein, sehr erfolgreich dementiert.

Das Volk der Dichter und Denker

Standesgemäß eröffnet Schneider sein patriotisches Opus mit einem "Erlebnis", von dem er meint, für die Qualität seiner Aussage bürge allein schon die Autorität der "Erfahrung" einer sensiblen Literatenseele. Mit dem Flugzeug in Berlin (Ost) gelandet, erlebt Schneider gleich folgendes:

"...die Einheit im Bus, durch gemeinsame Sprache beglaubigt, währt nur die kurze Strecke vom Flugzeug zur Ankunftshalle. Noch bevor die Deutschen vor den beiden Türen, die den Eingang in zwei verschiedene Staaten bezeichnen, Aufstellung nehmen, entsteht ein Zwischenraum... Vor den beiden Türen zum Stillstand gekommen, sind beide Gruppen endgültig voneinander gctrennt: Westgesichter starren in Ostgesichter, wie Menschen Menschenaffen betrachten." (9 f.)

Kein Zweifel: die Vision eines Sprachkünstlers. Nur so einer kann schließlich die Ideologie ernsthaft glauben, daß die gemeinsame Sprache (und nicht die Staatsgewalt!) die "Einheit" einer Nation "beglaubige", und es dann als eingebildeter Fachmann für Sprachgestaltung als einen Widersprüch empfinden, daß "gemeinsame Sprache" den "Eingang in zwei verschiedenen Staaten bezeichnen solle. Immerhin auch eine Methode, aus der Verwendung der gleichen Sprache gleich unmittelbar die Qualität gleichen Staatsbürgerdaseins (= das Unterworfensein unter dieselbe Staatsmacht) hervorgehen zu lassen! (Was ist eigentlich mit dem Elsaß, mit Ostpreußen usw?) Ein waschechter Literat weiß auch gleich, wie er aus der Blamage seiner fiktiven "Einheit aus Sprache" an der Realität von BRD und DDR noch einen Pluspunkt für seine Sorte way of life machen kann:

"Der Blick nach drüben verkürzte sich... schließlich zum gruppentherapeutischen Selbsterlebnis: Die Mauer wurde den Deutschen im Westen zum Spiegel, der ihnen Tag für Tag sagt, wer der Schönste im Lande ist." (13)

Auch ein Vorwurf an den sehr nationalistischen Systemvergleich westdeutscher Untertanen, sich angesichts ostdeutscher Grenzbefestigung die Genugtuung zu leisten, Knecht einer erfolgreicheren (= eigenen Bürgern und fremder Obrigkeit gegenüber mit Erfolg rücksichtsloseren) Staatsgewalt zu sein: hier werde sich gegen den Gedanken nationaler Einheit durch instrumentellen Mißbrauch versündigt. Allein der poetische Mauerspringer ist noch Zeuge für die Macht der Idee einer reinen (= sich selbst genügenden) nationalen Einheit.

Dabei bemerkt die abgehobene Dichterseele, die den Rest der Welt ob ihres eigenen Tiefgangs für ziemlich seicht befindet, nicht einmal mehr, welche Maßstäbe ihrer Sehnsucht nach der wahren Einheit der Nation eigentlich zugrundeliegen. Daß dieses hehre Ziel den persönlichen Interessen der Privatleute irgendwie zugute käme, kommt vom Dichterstandpunkt aus ohnedies nicht in Betracht, der die Leute entweder als "kapitalistisch-wohlstands(!)verdorbene" oder als "komrnunistisch-deformierte" Verräter an der hohen nationalen Sache anzusehen beliebt. Daß aber auch die tatsächlichen Nutznießer des deutschen Nationalismus, die Staatsmänner der BRD, vor Schneiders nationalem Ideal nicht bestehen können -

"Zwar hat die Verfassung eine Lösung der deutschen Frage in Auftrag gegeben, aber die Erregung in Parlamentsdebatten, das Ringen um Begriffe wie 'Wiedervereinigung' und 'Nation' wirken künstlich... Daß das 'Stück über die Leiden des geteilten Deutschland trotzdem in Bonn immer wieder nachgespielt wird, scheint sich weniger einem lebendigen Interesse zu verdanken als einer stillen Übereinkunft zwischen Ensemble und Parkett... Und außerdem: Was sollte nian sonst spielen." (30 f.)

- das ist schon ein starkes Stück Literatur das nur ein progressiver Literat "in diesem unseren Lande" heutzutage zuwegebringt Unter Literaten ist man so frei, die Politik an den eigenen Geschmackskriterien zu messen und so die demokratische Gewalt als ein großes Theater zu rezensieren. Schneider hält Leuten wie Barzel, Wehner etc. zur Abwechslung mal vor, sie würden mit den höchsten politischen Werten bloß Theater spielen, und die professionelle Heuchelei von Politikern ("wirken künstlich") sei ausgerechnet dahin auszulegen, daß diese es mit der deutschnationalen Einheit gar nicht ernst meinen, sondern auf ihren Vorteil schielen. Dabei entgeht ihm völlig die Wucht der Tatsache, daß Politiker hierzulande ihren Vorteil = ihre Wahl durch die Untertanen ausgerechnet damit verfolgen, der DDR, immerhin Schützling der Weltmacht Nr. 2, die eigenstaatliche Existenz zu bestreiten! Dies haftet dem rigorosen nationalen Moralismus eben immer an: die Gleichgültigkeit gegenüber dem Sachverhalt, daß die verfassungsmäßige Selbstbeauftragung der BRD-Staatsgewält zur nationalen Einheit zu westlichen Konditionen eine permanente Zuständigkeitsund Anspruchserklärung auf das Staatsgebiet der DDR darstellt - gerade heute, in den von der NATO ausgerufenen "schwierigen 80er Jahren"!

Davon wollen Schneider und seine Anhängerschaft nichts wissen; und gewappnet mit eben dieser vornehmen Absehung von den wirklich maßgeblichen Zwecken auf der Welt - können solche Menschen mit dem Gestus moralischer Riesen ihre Sicht der Dinge auch noch als Vorbehalt gegenüber den "Niederungen" des realen Herrschaftsgeschäftes in Anschlag bringen. Schneiders Vorstellung, ganz besonders und sehr individuell mit einem "lebendigen Interesse" am "Leiden des geteilten Deutschland" ausgerüstet zu sein, wirft ungerührt von Absichten und Taten Schmidts und Kohls; Barzels und Frankes diesen nichts weniger vor als den subjektiven Verrat. an der Einheit der Nation:

"Wen kümmert die Teilung außer ein paar Politikern, die auch nur so tun, weil sie von Leuten gewählt werden wollen..." (21)

Der aller Rücksicht auf Leib und Leben eigener wie fremder Untertanen ledige imperialistische Wille von BRD-Politikern der 80er Jahre, die dafür eine ganze NATO im Rücken haben, wird da dem Verdacht ausgesetzt, partikularen Interessen zu dienen statt der Nation.

Vom Sinn der nationalen Idee

Leider Gottes ist dieser Gedanke heutzutage keineswegs ungewöhnlich, auch nicht für Erben der Studentenbewegung. Denen geht kein Bekenntnis leichter von den Lippen als das zu "nationaler Identität" oder zumindest, da diese zumeist als nicht vorhanden beklagt wird, zu deren "Notwendigkeit". Solche Leute finden nichts selbstverständlicher als die Behauptung, dem Individuum fehle zu seinem Glück ausgerechnet die Gelegenheit zur fraglosen Unterwerfung unter eine (wiedervereinigte) nationale Autorität. Der Poet Schneider beruft sich immerzu auf diese moderne psychologische Fassung der alten bourgeoisen Apologie der Staatsgewalt als dem Urbedürfnis der Menschheit; den Beweis dafür macht er sich sehr einfach: Er hat ja sich selbst als Kronzeugen.

Die Erhabenheit seiner Idee von Nation über das reale Geschäft der Machtausübung beweist mittels eines Generalverdachts auch an seine eigene werte Person, vielleicht doch mehr den existierenden Staat im Kopfe zu haben als die Idee der Nation (in jedem Fall hat er sonst nichts im Kopf als "Nation"!):

Sein Ostfreund "Pommerer und ich mögen uns noch so weit in unseren Wünschen von unseren Staaten entfernen: Wir können nicht miteinander reden, ohne daß ein Staat aus uns spricht. Wenn ich ebenso spontan auf Mehrheiten poche, wie Pommerer ihnen mißtraut, erweisen wir uns gleichermaßen als lernwillige Söhne des Systems, das uns erzogen hat." (117)

Dies ist kein Plädoyer gegen staatsfromme Gesinnung - höchstens eines im Namen von (Gesamt-)Deutschland. Daß sich der Sucher nach "nationaler Identität" selbst im Reich seiner Einbildung, wo ihn doch wahrhaftig keine äußere Macht beschränkt, den staatlichen Inhalt seiner Sehnsüchte nicht wegzudenken vermag, beweist bloß seinen unbedingten Willen, anheimelnde Gesichtspunkte zur Versöhnung mit der Staatsgewalt aufzufinden. Der deutsche Dichter will keine Klassen, keine Parteien, keine Differenz von Machthabern und Untertanen und keine "Systeme" mehr kennen, sondern nur noch reine Deutsche. Und das soll dann etwas Schönes sein!

Über den harten Kern dessen, was am Deutschsein denn schön sein könnte, darüber äußert sich ein deutscher Schriftsteller bei aller Abgehobenheit der Welt, in der er lebt, unmißverständlich. Die deutschen Menschen im Osten haben für ihn den einen großen Vorzug, angeblich "ernster, solidarischer, hungriger" zu sein (115). Unter "hungrig" darf beides verstanden werden: Hunger im materiellen Sinne und Hunger nach "Sinn"; wobei jener den Sinn für diesen weckt, weshalb ein westdeutscher Erfolgsautor ostdeutsche Armut nicht nur zu schätzen weiß, sondern auch seinen Mitbürgern solche Lektion wünscht. Wünsche, im übrigen, die sich aktuell aufs schönste erfüllen.

Wir haben also ein Stück Prosa vor uns, in dem ein Poeta laureatus der alternativen Frontstadt-Scene seine eigene wiedererwachte Fähigkeit zum Nationalgefühl als Novelle zur Schau stellt und dies mit der "Kritik" an den herrschenden Figuren versieht, sie seien zu echtem Gefühl in dieser Richtung unfähig. Die dabei eingehaltene Distanz zu allen realpolitischen Inhalten und Zwecken des deutschen Nationalismus westlicher und östlicher Spielart gehört gewissermaßen zu den Spielregeln des diesmal auch von links wiederentdeckten Genres nationaler Erwekkungsliteratur. Bei solchen Produkten künstlerischer Subjektivität wird ihre Bedeutung schon vom Gegenstand gestiftet: Die empfindsamen Seele leidet nicht am eigenen, sondern an dem über jede Partikularität erhabenen Schicksal der übergeordneten nationalen Gemeinschaft. So wird ein Gemeinschaftsgefühl besungen, dessen Inhalt die Nation als Idee ist, deren Erhabenheit durch die Niederungen der Politik nicht besudelt werden darf. Also Nationalismus pur (lat. rein, lauter, unvermischt).