EIN LEBENDER LEICHNAM - ZUM TODE VERURTEILT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1982 erschienen.

Die Sowjetunion aus amerikanischer Sicht
EIN LEBENDER LEICHNAM - ZUM TODE VERURTEILT

"Die militante Rhetorik der Reagan-Administration, ihr Versuch, antisowjetische Bündnisse zu konsolidieren und ihr Programm umfassender Aufrüstung verfolgen die Absicht, der Sowjetunion klarzumachen, daß sie die Wahl hat. Sie kann ihr Verhalten mäßigen - was auch heißt, moderate Führer zu wählen - und sich dadurch eine Atempause in auswärtigen Konflikten verschaffen, die ihre letzte Chance sein könnte, sich um ihre häuslichen Probleme zu kümmern. Oder sie kann ihren aggressiven Kurs fortsetzen und dabei eine fast unvermeidliche, potentiell vernichtende Konfrontation mit den USA riskieren. Darüber hinaus wird die Stagnation und der Verfall ihrer Wirtschaft zunehmen, wenn weitere Ressourcen für einen Rüstunqswettlauf verschwendet werden, den die UdSSR sich weder leisten noch auf lange Sicht gewinnen kann."

So beginnt ein "Time"-Kommentar, der anläßlich des Führungswechsels im Kreml ein "Dilemma" der Reagan-Politk gegenüber der UdSSR konstatieren will. Diese der eigenen nationalen Interessen und Macht gewisse Feindschaftserklärung, macht aus dem eigenen aggressiven Kurs kein Hehl und bemüht für die Gegnerschaft gar keine anderen Gründe mehr als das eigene Ultimatum, daß die Sowjetunion sich aus der Weltpolitik zurückzuziehen hat, sowie die Drohung, ihr dafür mit der eigenen Übermacht eben die häuslichen Probleme an den Hals zu schaffen, auf deren Anerkennung man sie verpflichten will. Nicht das Pathos von Freiheit und Demokratie, die für die Berechtigung der eigenen Weltmachtansprüche so gern ins Feld geführt werden, führt da die Feder, sondern die anmaßende Siegesgewißheit der weltweiten Freiheitsmacht, welche die Einmischung in die inneren Verhältnisse der Sowjetunion und die Drohung mit westlicher Wirtschaftskraft und westlichem Militär längst für selbstverständliche Rechte hält. Daß die SU nur zwischen Selbstaufgabe und Behandlung als Aggressor zu wählen hat, steht da ebenso fest wie der Wille, ihr dies durch die Macht der eigenen Politik immer wieder aufs neue "klarzumachen", ihr also keine Wahl zu lassen. Wer sich dagegen eine Wahl vorbehält, ist der eigene nationale Standpunkt, der theoretisch (und praktisch) darüber entscheidet, daß die eigenen Weltherrschaftsansprüche noch nicht befriedigt sind, weil mit dem souveränen Willen einer feindlichen Macht überhaupt noch kalkuliert werden muß, und der nur noch vom idealen Maßstab sowjetischer Willfährigkeit aus nach den besten Methoden fragt, dieses Ideal wahr zu machen. Vor diesem absoluten Anspruch blamiert sich nicht nur die europäisch-deutsche Tour, sich nur mit einigem Wenn und Aber zur Erpressung der SU zu bekennen, alle möglichen politischen, ökonomischen und militärischen Sondergesichtspunkte in Anschlag zu bringen, die man von den USA gern mehr berücksichtigt sehen möchte, und den erstrebten Zweck der NATO immer noch mit einem irgendwie doch auch im sowjetischen Interesse liegenden west-östlichen neuen "Verständnis"-Klima anzugeben. Mit diesem - nur durch Krieg zu erreichenden - Amerika im allgemeinen Rechnung tragenden Zustand läßt sich auch die Reagan-Politik mit einem großen "Aber" versehen:

"In Abwesenheit von klaren, konsistenten Vorstellungen darüber, wie das sowjetische System wirklich funktioniert, waren amerikanische Versuche, das System mit amerikanischen Interessen und Werten kompatibel zu machen, dazu verdammt, alte Fehler zu wiederholen und neue zu begehen."

Was da als Dilemma und Versagen der eigenen Regierung vorgehalten wird, resultiert aus dem scheinbar ungläubigen, maßlosen Erstaunen, daß die Sowjetunion, obwohl sie doch von den USA unter den Zwang gesetzt worden ist, ihre Unterlegenheit freiwillig einzugestehen, diese Wahl nicht so ergreift, wie man sich das denken will. Wenn jetzt in den USA anläßlich von Breschnews Tod beständig das "Rätsel Sowjetunion", die "geheimnisvolle Sowjetmacht" entdeckt wird, die auch Reagan noch nicht entschlüsselt hat, dann resultiert das aus der Logik bedingungslosen amerikanischen Erfolgsdenkens: Die selbstsichere Forderung nach weltweiter Führerschaft wird zuerst als "Krise der Sowjetunion" ausgemalt, um dann in der puren Existenz des Gegners das Scheitern der eigenen Forderung zu entdecken und daraus eine rätselhafte Überlebensqualität eines doch schon totgesagten Systems zu machen. Dieser Logik genügt kein Fortschritt in der Erpressung der SU, weil sie jeden begrenzten Maßstab, an dem sich die USA in Sachen Gefügigkeit messen lassen würde, dementiert und so die eigene frühere Ideologie, man hätte bestimmte Änderungen des Verhaltens der SU im Sinn, ad acta legt.

Der Chefkremlologe im Weißen Haus, Richard Pipes, hat ganz im Sinne dieser Logik noch vor Breschnews Tod in einem programmatischen Vortrag den Reagan-Kritikern die gemeinsamen Grundsätze vorgehalten und daraus die Richtlinien der gegenwärtigen US-Ostpolitik "klar" und "konsistent" vorgestellt. Nach der Devise: Wenn sie sich nicht zu ihrer von uns beschworenen Krise bekennen, müssen wir sie eben dazu zwingen! Ohne große Rücksicht auf handgreifliche Widersprüche produziert die feindliche Absicht gleich drei Systemkrisen in der UdSSR, eine historische Tendenz zu ihrer Auflösung, eine politische Führung, die sich dieser Tendenz widersetzt - und einen Westen, der sich zum Anwalt der Geschichte machen muß.

Die wirtschaftliche Krise

entspringt der Umkehrung der westlichen Praxis, der SU einen ökonomisch immer mühsamer zu bewältigenden Rüstungswettlauf aufzuzwingen, also die überlegene Wirtschaftsmacht der versammelten kapitalistischen Staaten in ein siegversprechendes Militärpotential umzumünzen. Eigentlich ist die Rüstung für die SU wirtschaftlich untragbar, weil sie keine militärtaugliche Wirtschaft hat, lautet die gehässige Diagnose:

"Die Wirtschaft der SU kann, so wie sie gegenwärtig organisiert ist, den Anforderungen des Militärs nur auf Kosten des Verbrauchs und durch drastische Senkung der Wachstumsrate der Kapitalgüterinvestitionen genügen... Der Hauptschuldige an diesen unheilkündenden Zahlen ist die niedrige Produktivität."

Damit ist Pipes auch schon beim Vorwurf, eigentlich beherrsche die SU das Geschäft der Ausbeutung gar nicht, weil sie sich zwischen dem politischen Zwang zur Arbeit, genannt "Stalinismus", und dem ökonomischen Zwang, genannt "sinnvolle Anreize" oder auch "Freiheit", nicht entscheiden kann:

"Verallgemeinernd läßt sich sagen, daß der Mensch entweder aus Angst oder aus Hoffnung arbeitet... Stalins Nachfolger haben den Apparat des wirtschaftlichen Terrors weitgehend abgebaut, ohne ihn allerdings durch ein System sinnvoller Anreize zu ersetzen - mit dem Ergebnis, daß sich die sowjetischen Arbeiter und Bouern von heute nicht mehr fürchten, aber auch keinen Anlnß haben, größere Leistungen zu erbringen."

Wenn es darauf ankommt, der Staatswirtschaft die Effektivität zu bestreiten, dann läßt ein US-Chefideologe die Lüge von der SU als einem großen Zwangsarbeiterlager auch einmal fallen und wirft ihr - mangelnde Rücksichtslosigkeit vor. Ein "Leading Expert on Soviet Economy" assistiert da Pipes öffentlich im Lob westlicher Wirtschaftsfreiheit:

"Nach meiner Kalkulation ist das Bruttosozialprodukt in mindestens einem Jahr gefallen. Für die Sowjets ist das besonders bedeutsam wegen der ernsten Folgen für die Nahrungsmittelversorgung und weil es dort keine Rezessionen geben soll. So etwas soll sich da nicht ereignen können." (Marshall Goldmann, in: "US News and World Report")

Wie gut, daß im goldenen Westen solche Maßstäbe nicht gelten, sondern allein der Maßstab wachstumsnützlicher Kapitalkonjunkturen und ihrer Bewältigung durch rücksichtslose Nutzbarmachung der lohnarbeitenden Reichtumsproduzenten. So gesehen - und so rücksichtslos gegen alle holden Ideale von Wohlstand sehen es amerikanische Politikberater - scheint der größte Fehler im Osten darin zu liegen, ihrem Volk überhaupt anderes zu versprechen als gelungene Ausbeutung. Die sieht Pipes andererseits als destabilisierendes Moment von unten wirksam:

"Neben der staatlichen Wirtschaft entwickelt sich eine umfangreiche 'zweite Wirtschaft'. ... Die produktivste Form besteht aus frei gegründeten Partnerschaften von Arbeitern und Bauern unter gewählten Vorstehern, die sich den staatseigenen Unternehmen verpflichten und die erzielten Gewinne unter ihren Mitgliedern aufteilen."

Der Arbeiter als sein eigener Unternehmer - ein wahres Eden der produktiven Menschenrechte, und das alles unter der Aufsicht des KGB? Andererseits kämpft der KGB für dieses Unternehmertum gegen seine eigene unterdrückte Bevölkerung:

"Die Anziehungskraft des Gulaschkommunismus besteht darin, daß er die Produktivität zu steigern vermag, ohne die politische Autorität der Partei zu schwächen... Eine weniger attraktive Seite resultiert aus der Tatsache, daß eine leistungsgemäße Entlohnung, Grundvoraussetzung jeder wirtschaftlichen Rationalisierung, unausweichliche soziale Unausgewogenheiten nach sich zieht, die die sowjetische Bevölkerung strikt ablehnt."

Wiederum andererseits aber bekämpft der Apparat nach Kräften eben die Initiativen, die die Bevölkerung strikt ablehnt. Kurz, Wirtschaftsfreiheit und -gleichheit werden je nach Gusto des amerikanischen Kritikers dem einen Urteil untergeordnet: Das sind - Regierung und Volk - Amateure in Sachen Staatsreichtumsproduktion - natürlich letztendlich wegen der Bürokratie:

"Trotz der solchermaßen erwiesenen Leistungsfähigkeit behindern Bürokraten den privaten Sektor und suchan ihn abzuschnüren. ... Eine der Tragödien des zeitgenössischen Rußland besteht darin, daß seine herrschende Elite ein tiefverwurzeltes Interesse an wirtschaftlicher Ineffizienz hat."

So fallen schließlich ohne große Umschweife Unfreiheit und Ineffizienz der Wirtschaft für den Staat einfach zusammen - und übrig bleibt der Angriff auf die Verantwortlichen in der SU, daß sie nicht können, was sie sollen, daß sie andererseits nicht wollen, was sie gar nicht können, daß sie also nicht wollen, was sie sollen. Als geschichtliche Tendenz heißt das dann "Gedeihen eines freien Unternehmertums innerhalb einer im wesentlichen als Sklavenwirtschaft einzustufenden Wirtschaft"; als Kritik am zu wenig freiheitsliebenden Volk echot es von Goldmann zurück:

"Daß die Russen so weitermachen können wie bisher, liegt daran, daß das Volk es gewohnt ist, schweigend zu leiden.",

während ja die westlichen Völker unter dem System der "wirtschaftlichen Effizienz " und unter ihren deswegen immer enttäuschten Hoffnungen nichts zu leiden haben.

Eine "Tragödie" schließlich ist das System drüben nur deshalb, weil es trotz der Ineffizienz darauf beharrt, Militärmacht zu sein, die es eigentlich gar nicht sein könnte = darf:

"Frage: 'Wie erklären Sie den Erfolg der Sowjets im Aufbau modernen Militärs mit den kompliziertesten Waffensystemen, während der Konsumsektor so rückständig bleibt?'

Antwort: 'Es ist ein Wunder, daß sie das schaffen, insbesondere, weil die meisten Fabriken, die Militärgüter produzieren, auch zivile Produkte herstellen. ... Sie nehmen ihre besten Ingenieure, Maschinenarbeiter, Erfinder, setzen sie in eine Ecke und sagen: O.K., jetzt macht mal.'

Frage: 'Und warum können sie dasselbe nicht auf dem Zivilsektor?'" (Pfiffiges Bürschen, dieser Journalist!)

"Antwort: 'Sie haben Angst, daß die Wirtschaft außer Kontrolle geraten würde, wenn sie insgesamt so laufen würde. Man kann nur hinsichtlich einer bestimmten Zahl von Dingen Prioritäten einrichten, und bei ihnen ist die Priorität eben das Militär." (Goldmann)

Für die Weltmacht Nr. 1 ist dagegen klar, daß sie auch im zivilen Sektor "O.K., jetzt macht mal!" sagt und dadurch ihre Wirtschaft unter Kontrolle hält und daß sie sich ein Militär als bestenfalls dritte Priorität und nur wegen der Intransingenz des Feindes hält, also auch unbegrenzt halten muß.

Die politische Krise

besteht in einem Sittengemälde über

"die Unfähigkeit der herrschenden Schicht..., die Bevölkerung davon zu überzeugen, daß sie ein verläßlicher Verwalter und wahrer Hüter der nationalen Interessen ist."

Da tauchen in bunter Reihenfolge all die Phantasiegebilde faschistischer Gemüter auf, mit denen man daheim die Sorge um das Gelingen der Herrschaft bebildert: Aufgrund "um sich greifender Korruption" werden die Machthaber als "Pack von Parasiten" angesehen, zumal in Polen von der Regierung selbst Regierungsvertreter "unter der Beschuldigung der Bestechlichkeit und des Diebstahls in Haft genommen wurden"; die Jugend ist "verbrauchshörig", "gleichgültig und zynisch"; die Intelligenz wendet sich zum Westen oder zurück in "slawische" Zeiten; die Russen pflanzen sich gegenüber den sonstigen Nationalitäten nicht genügend fort, wegen "schätzungsweise zehn Abtreibungen" der "Durchschnittsrussin" und wegen "Alkoholvergiftungen und Betriebsunfällen" der "Männer slawischer Herkunft"; die "Sowjetregierung ist gegenüber den nationalen Erfordernissen sehr gleichgültig". Die kunterbunte Horrorbilanz eines Herrschaftsfanatikers dient allerdings nur zu einem Beweis, der nationalistischen Gemütern, die außenpolitische Feindschaftserklärungen für ein schlagendes Argument für bedingungslosen Einsatz des Volkes halten, so eingängig ist: daß die Diktatoren, die sich schon immer nur als nationale Kraft darstellen konnten, indem sie sich "häufiger" eine auswärtige Bedrohung "künstlich konstruiert" haben, aus Schwäche aggressiv sind:

"Das sowjetische System hat einen immanenten Hang zu imperialistischer Expansion - zum großen Teil deshalb, weil der Nomenklatura eine legitime politische Basis abgeht, so daß sie sich nur durch Ausweitung ihrer Machtbasis halten kann."

Weil die russische Führung kein gehorsames Volk hat, schickt sie es als brave Soldaten in Kriege! Damit ist dem Nachweis des "russischen Expansionismus" Genüge getan, und der zufriedene US-Imperialist hat das Wort, um die Dialektik von Aggression und Schwäche im Kapitel

Die imperiale Krise

auszukosten, nach der Devise: Die sowjetischen "imperialistischen Abenteuer" kranken an der inneren Schwäche, deshalb sind sie besonders gefährlich: "Die sowjetische Regierung legt traditionsgemäß bei imperialistischen Abenteuern große Vorsicht an den Tag - aus Furcht, daß eine Demütigung ihrer Streitkräfte durch ausländische Mächte Zweifel im Denken der Sowjetbürger erwecken könnte, ob sie wirklich so vollmächtig ist, wie sie vorgibt."

Daß die weltpolitischen Ambitionen der SU gegenüber dem US-Imperialismus matt ausfallen, wird ihr hämisch zur Last gelegt mit dem Gedanken, daß am Krieg nur die Niederlage unverzeihlich ist und das Volk auf die Barrikaden bringt. Hämisch rechnet der Fan imperialistischen Profitums den Russen ihre Zurückhaltung angesichts der amerikanischen weltweiten Bedrohung als Unvermögen vor, lohnende Herrschaftsausweitung zu betreiben, ohne daß er deswegen davon abrückt, die behauptete Anwesenheit "auf vier Kontinenten" (wem gehören die eigentlich?) für einen untragbaren Affront zu halten: Der bleibende Maßstab für sowjetische "Aggressivität" ist eben der gültige Weltmachtanspruch der USA, gerade dann, wenn der Sowjetunion siegessicher vorgehalten wird, daß sie es gar nicht schaffe, ihre "Ausdehnung" tatsächlich zu einer Machterweiterung auszubauen:

"Welche militärischen oder politischen Vorteile solche anachronistischen, imperialistischen Abenteuer auch einbringen mögen - und sie sind zweifelhaft" (= dafür sorgen wir schon!); "fest steht, daß sie die angespannte sowjetische Wirtschaft schwer belasten. Die sowjetischen Machthaber begreifen allmählich, daß der Imperialismus, entgegen den amateurhaften Spekulationen Lenins, kein Geschäft ist..."

Das macht nämlich der Westen, bei dem sich jeder Dritt-Welt-Herrscher darum bemüht, als "strategisch wichtiges Gebiet" der NATO-Aufrüstung Beachtung zu finden. Allerdings "spekulierte" Lenin ja wohl auf das Interesse der internationalen Arbeiterklasse, solchen Zuständen ein Ende zu bereiten.

Man muß sich eben nur auf den Standpunkt eines uneingeschränkten amerikanischen Rechts auf alle Erdenwinkel stellen, dann erscheint die sowjetische Vorsicht vor einer Konfrontation, die die Gegenseite beständig aufmacht, nicht als Widerlegung des Dogmas: "Die SU ist aggressiv", sondern als erfolgreicher eigener Schritt auf dem Weg, sie davon abzubringen:

"Es muß einigen Leuten in der sowjetischen Führung aufgegangen sein, daß ihre spärlichen finanziellen Hilfsquellen nicht ausreichen, ein ehrgeiziges imperialistisches Expansionsprogramm durchzustehen. ... Die ungewöhnliche Passivität der SU jüngst im Libanon-Kontikt und die praktisch völlige Preisgabe der PLO, Hilfsempfänger und arabischen Degen zugleich, könnten durchaus Manifestationen wachsender Zweifel an der Weisheit der Entscheidung sein, ausgehend von der Basis einer rückläufigen Volkswirtschaft eine rücksichtslose Weltpolitk zu betreiben."

Die Zukunftsaussichten,

die Pipes entwirft, und in denen er seine "erkenntnisleitenden Interessen" niederlegt, sind deshalb alles andere als gemütlich. Denn was er der eigenen Nation als Fehler vorwirft, der die Sowjetunion zu ihren Abenteuern verleitet hat "Unter Ausnutzung der amerikanischen Wendung nach innen begann die SU weltweit eine imperialistische Politik zu betreiben, die hinsichtlich Intensität und Reiehweite in der russischen Geschichte" (ein schöner Vergleichsmaßstab!) "ohne Beispiel ist." -

genau das möchte er der Sowjetunion jetzt durch eine konsequente imperialistische Politik der USA als ihr Erfolgsrezept vorschreiben: eine erzwungene "Wendung nach innen", viel radikalerer und vernichtenderer Art, als sie nach seiner Einbildung die USA aus falschem freien Ermessen in den 70er Jahren betrieben hat. Nur zum Schein wirft er deshalb die Frage auf: "Welcher Weg führt aus der Krise heraus?" und erwägt die Alternative "Rückkehr zum Stalinismus" oder "liberale Wirtschaftsreform". Das typisch amerikanische Zerrbild von "Stalinismus" dient nur zur Beruhigung, daß es angesichts der erfolgreich ausgenutzten sowjetischen Öffnung zum Westen längst kein "wahrscheinliches " = gefahrloses Anliegen der Sowjetunion mehr sein kann, sich den westlichen Erpressungen zu entziehen:

"Bauern, die nicht für den Staat arbeiten, mögen ruhig verhungern, und Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz aufgeben,... werden sich alsbald in einem Arbeitslager wiederfinden, korrupte Beamte werden schwer bestraft... In den außenwirtschaftlichen Beziehungen kommt es zu einer verminderten Importabhängigkeit und verstärkten Autarkiebestrebungen... eine so vielschichtige (Kreditrestriktionen und Embargos!) Wirtschaft wie die der Sowjetunion kann sich kaum in die Autarkie flüchten. Unwahrscheinlich erscheint ferner, daß sie die Ernten angesichts des Mangels an kräftigen Männern auf dem flachen Land... mit Drohungen oder Strafen verbessern könnten..."

Natürlich weiß auch Pipes, daß in der Sowjetunion die Ernte mit Mähmaschinen eingefahren wird; doch geht es ihm sowieso nur darum, die Vorteile einer "vernünftigeren Option in einer liberalen Wirtschaftsreform" deutlich werden zu lassen - und diese Vorteile haben nichts mit Arbeitern und Bauern, Autarkie und kräftigen Männern zu tun, sondern sind Ausgeburten eines Beraterhirns, das jede innenpolitische Entwicklung am weltpolitischen Nutzen mißt. "Überwindung der Krise" durch Liberalisierung, das fällt für Pipes mit den positiven Wirkungen einer notgedrungenen Verabschiedung der SU von einer Weltmachtrolle zusammen, das ist sein Wunschtraum nach einer Destabilisierung des politischen Systems und des politischen Willens der SU, vorgestellt als Stabilisierung seines gesellschaftlichen Systems durch die Politik:

"Die Annahme eines Programms liberaler Reformen würde die Ursachen der Ost-West-Spannungen auf mannigfaltige Weise verringern. Sie würde zwangsweise Rußlands Ressourcen stark in Anspruch nehmen - eine Verlagerung des Haushaltsschwerpunktes vom militärischen Scktor auf den Bereich der Investitionen und des Verbrauchs bedinden. Sie würde des weitern eine beträchtliche Verringerung der militärischen und anderweitigen Verpflichtungen in der 3. Welt erforderlich machen..., Dezentralisierung des Managements... größere Zugeständnisse an die Privatinitiative... ein gewisses Maß an politischem Pluralismus würde die Politiker zu verstärkter Konzentrierung ihrer Energien auf die Sorge im eigenen Land zwingen ... Ein RußIand, das sich nach innen wendet, das Größe nicht in Eroberungen, sondern im Aufbau einer selbstbewußten und lebensfähigen Gesellschaft sucht, wird eine weniger größe Bedrohung für sich selbst (!) und seine Nachbarn (!) darstellen."

Die Dreieinigkeit von Wirtschaftsfreiheit, Pluralismus und weltpolitischer Ohnmacht läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig - und die Konsequenzen dieses amerikanischen Anhängers von Lib eralismus im Ostblock dementsprechend auch nicht. Schließlich hat er das Szenario eines am mangelnden politischen Willen der Führung zur Reform krankenden Systems, einer die Politik schwächenden historischen Tendenz und einer sich gegen diese Tendenz sträubenden und deswegen aggressiven Politikerriege eigens zu dem Zweck entworfen, um damit der Ideologie der Entspannungsphase, so wie sie heute in ostgeschäftsinteressierten und auf einer eigenständigen Rolle pochenden europäischen Kreisen und bei amerikanischen Reagan-Kritikern verwendet wird, zu begegnen - der Ideologie, man müsse dem Ostblock Gelegenheit zur Liberalisierung und zu Reformen geben.

"Unerreichbare Ziele" erreichen!

Während vom Standpunkt einer längst selbstverständlich gewordenen feindlichen Einmischung n den Osten die Debatten über "Entspannung" und "Wirtschaftshilfe", die den Osten gefügiger machen, längst in Auseinandersetzungen übergegangen sind, wie man der Sowjetunion das Leben mit Wirtschaftsmaßnahmen schwer macht, und in welche neue Abhängigkeit sie sich mit dem Erdgas-Röhren-Geschäft begibt, subsumiert Pipes zuguterletzt jede geschäftliche und diplomatische Beziehung und jedes dabei geltendgemachte europäische Sonderinteresse unter das "Ziel..., der sowjetischen Führung das Leben leichter" zu machen, unter"Wirtschaftshilfe" zur "Aufrechterhaltung eines verhaßten und auf gefährliche Weise aggressiven totalitären Regimes". Vom Standpunkt des Kalten Kriegers, der den feindlichen Block abschaffen will, entdeckt er in den gegenwärtigen Verlaufsformen der Erpressungen, die sich inzwischen hergestelle Abhängigkeiten zunutze machen, die falsche Absicht, das System drüben ändern zu wollen; und vom Standpunkt der erfolgreich hergestellten Abhängigkeit der SU entdeckt er in den Resultaten der Entspannung gerade die Mittel, dem System drüben einen totalen kalten Krieg auch nach innen anzusagen. Nicht Veränderung von außen, sondern Zwang zur Reform durch die Kampfansage mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, so liest sich die praktische Schlußfolgerung des Reagan-Theoretikers:

"Kein verantwortungsbewußter Mensch darf sich heute der Illusion hingeben, es stände in der Macht des Westens, das sowjetische System zu verändern oder 'die Sowjetwirtschaft in die Knie zu zwingen'. Das wären unerreichbare Ziele. Was man anstreben kann und sollte, ist, das Sowjetregime zu zwingen, die Konsequenzen seiner eigenen Prioritäten selbst zu tragen. Wir sollten es der Nomenklatura nicht zu einfach machen, ein leistungsunfähiges System zu stützen, dessen Fehler die Macht und Stabilität des Regimes gefährden, und ihm gleichzeitia helfen, eine aggressive militärische Streitmacht aufzubauen und sie über die ganze Welt zu verteilen. Jeder Versuch, der SU aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten herauszuhelfen, vermindert den Druck in Richtung innere Reformen und andererseits die Notwendigkeit einer weltweiten Mäßigung."

Wer alle Beziehungen zum Osten und selbst feindliche Wirtschaftsbeziehungen als untaugliche Totaleinmischung interpretiert, weil er in ihnen immer nur die noch vorhandenen Beziehungen entdeckt, wer dagegen den Gegner zum Eingeständnis zwingen will, den Zusammenbruch des eigenen Systems einzugestehen, der konstruiert sich ein Weltbild in Sachen innere Verhältnisse der UdSSR, das absurd wäre, wäre es nicht die Äußerung des unbedingten Willens zur Beseitigung der todgeweihten Herrschaft und die theoretische Suche nach Umständen im Machtbereich des Gegners, die dafür taugen, sowie nach Mitteln und Wegen im eigenen, ihm klarzumachen, daß er keine Wahl hat. Und wer dieses Ansinnen als Stabilisierung der Sowjetunion bezeichnet, der wendet sich nur noch gegen die Befürchtung, "eine stärker prinzipienverhaftete Politik sei geeignet, Rußland auf gefahrvolle Weise zu 'destabilisieren'", der verbreitet also die Sicherheit, die eigene Überlegenheit ließe der Weltmacht Nr. 2 wirklich keine andere Wahl als die Selbstaufgabe; der will also auch den fälligen Nachweis um jeden Preis führen.

Kein Wunder, daß US-Außenminister Haig in einem Nachruf auf Breschnew ziemlich dieselbe "Theorie" über die bedrohliche Schwäche der SU und die notwendige Führungsstärke der USA vertritt:

"Breschnews Respekt vor der amerikanischen Stärke, bisweilen an mangelndes Selbstbewußtsein grenzend, paarte sich fatalerweise mit deutlichen Expansionsgelüsten. Wie sich dieser Zwiespalt in Breschnews Denken auswirkte, hing freilich weniger mit seinen Absichten als vielmehr mit der Entschlossenheit des Westens zusammen... Moskau hat nur noch begrenzte Möglichkeiten, etwa Meinungsverschiedenheiten im Lager des Westens zu schüren oder die Unzufriedenheit der Chinesen anzustacheln. Die Pläne für ein asiatisches Gegenstück zum Warschauer Pakt sind tot, und nach zwei Jahrzehnten enormer Anstrengungen im Nahen Osten spielt die Sowjetunion in der Frage von Krieg und Frieden keine Rolle... Insgesamt gesehen hat Breschnews eigene Errungenschaft - der Aufbau der Militärstreitkräfte - seine politischen Absichten unterminiert."

Der Gegner, eine schwache Militärmacht ohne politischen Rückhalt nach innen und außen - ohne Recht in der Weltpolitik, also auch ohne Recht auf sein Militär! Diese Betrachtung der Sowjetunion aus amerikanischer Sicht ist keine moralische Verurteilung, keine Rechtfertigung der eigenen Gegnerschaft, keine Spekulation auf sowjetische Angebote zur Entschärfung des Gegensatzes, keine Reflexion auf Kosten und Folgen der beschlossenen Konfrontation auf die eigene Nation - das ist die Einschwörung des Westens auf eine siegreiche Kalkulation mit der eigenen Überlegenheit, auf bedingungslose Entschlossenheit bis zum letzten.

(Die Zitate von Dr. Richrud Pipes stammen aus seinem Vortrag: 'Die Sowjetunion in der Krise' vom 5. Okt. 82 im Amerika Haus, Köln)