EIN LAND MIT FÜNF BUCHSTABEN - WIE HEISST DER KÖNIG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

Nepal
EIN LAND MIT FÜNF BUCHSTABEN - WIE HEISST DER KÖNIG

Ein Land, das dem gebildeten Bundesbürger als einer der Wohnsitze des Yeti und Paradies für Bergsteiger und Haschfreunde bekannt ist, hat es geschafft, in die politischen Seiten der deutschen Tagespresse zu kommen und das, ohne daß die Russen einmarschiert sind.

Ein "Referendum über die zukünftige Staatsform" hat es freilich schon gebraucht, um einem Land die Aufmerksamkeit der deutschen Intellektuellenblätter zu sichern, in dem tagaus tagein nichts anderes passiert, als daß 93,5 Einwohner pro Quadratkilometer Himalaya bis zu einem Durchschnittsalter von 44 dort ansäßig sind, unseren Himalayabezwingern den Krempel ins Basislager schleppen und mit einem mickrigen Jute-, Arzneipflanzen- und Fellexport nicht einmal die Herrschaft eines Königs Maharajadhiraja Birendra Bir Bikram Shah Dev und seines Clans finanzieren können, weswegen fast die ganzen Staatskosten aus der reichlich fließenden Entwicklungshilfe für diesen "Pufferstaat" zwischen Indien und China finanziert werden.

Nun hat dieser König also beschlossen, sein Volk zu fragen, ob es statt einer Ratsversammlung (Panchayat), in dem die maßgeblichen Figuren des Landes sitzen, ein Mehrparteiensystem will, und gleich hinzugefügt, daß er unabhängig vom Ausgang des Referendums seine Herrschaft etwas zeitgemäßer einzurichten gedenkt und die Nepalesen Zukunft ihre Dorfhäuptlinge gleich direkt in diesen Rat wählen lassen will.

Demokratie auf dem Dach der Welt?

Die Journaille nimmt das zum Anlaß, einen Konflikt allerhöchster Staatsprinzipien zu konstatieren: Steht "Nepal auf der Schwelle zur Demokratie"? Kapituliert eine der "am stärksten absolut geprägten Monarchien" vor der Haupttendenz der Welt? Ist Birendra ein "Gott, der sich dem Volke stellen muß"? Daß über 80% der Nepalesen Birendra für eine Inkarnation des Gottes Vischnu halten, belächelt ein Zeitungsschreiber, dessen Beruf es ist, alles auf der Welt zum schwierigen Problem für die politische Macht zu mystifizieren, als reichlich archaische Form der Staatsverehrung. Daß dieser Gott nun von seinen Anbetern demokratisiert wird, ist eine so kuriose Vorstellung, daß die Journalisten sie sich einfach machen mußten. Ein so schöner Fall, an dem man seine Ideen über die sozialen und politischen Menschheitsprobleme einmal ganz locker betätigen kann, gerade weil für die freie Welt gar nichts auf dem Spiel steht, ist einen Hintergrundbericht auf jeden Fall wert. An Lokalkolorit darf es also nicht fehlen, weshalb die Zeitungsfritzen ihrem selbstfabrizierten Staatsidealkonflikt nicht einfach auf den Leim gehen, sondern ihn durch eine Latte von "Informationen" differenzieren.

Zunächst ist zu vermelden, daß Birendra in Wirklichkeit "ein scheuer, introvertierter Herrscher" ist, der "sich bei seinen raren öffentlichen Auftritten meist hinter schweren Sonnengläsern verbirgt". Ein schöner Gott! Aber immerhin ganz zivilisiert im Vergleich zu seinem Vorfahr aus dem 18. Jahrhundert, dem die "Süddeutsche Zeitung" "subtile (!) Grausamkeit" attestiert:

"Er ließ den Unterworfenen Nasen, Lippen und Brüste abschneiden."

Mit solch historisch vermitteltem Schauder im Rücken kann es niemand mehr überraschen, daß es heutzutage dort oben auch nicht gerade gemütlich ist. Daß "40% der Nepalesen" "unter der Armutsgrenze vegetieren", soll zeigen, daß ausgerechnet der König damit ein Problem haben soll - der Herr Korrespondent findet es nämlich "eigentlich erstaunlich", wie geduldig das Bergvölkchen sein Elend erträgt. Da kann er sich den Hinweis natürlich nicht versagen, daß die Weltgeschichte das von ihm entdeckte "soziale Problem" neuerdings bestätigt hat:

"Wie labil die politischen Verhältnisse in Nepal sind: ... Als es zu Massendemonstrationen kam..., ließ der König seinen getreuen Gurkha-Regimentern Schießbefehl erteilen."

Angesichts einer Labilität von hundert toten Studenten mußte sich der König "mit dem Wind beugen", womit er "wie mit einem Zauberstab die Ruhe wiederhergestellt hatte" und das nach Fortschritt rufende "soziale Problem" des Beobachters auch wieder für einige Zeit entfällt.

Nicht einmal die Tatsache, daß die oppositionelle Kongreßpartei der Rana-Familie den Massen ein Jahr lang erzählte, daß sie für eine echt nepalesische Monarchie, die über den politischen Wirren stehe, unbedingt ein Mehrparteiensystem brauchen wollen sollen, veranlaßt die Journalisten zu dem prosaischen Gedanken, daß es sich hier um eine Auseinandersetzung innerhalb der herrschenden Kreise handelt, für deren Wohl das Volk diesmal nicht nur in Frieden hungern, sondern auch ein blaues Kärtchen in eine Kiste stecken sollte.

Zugkraft überschätzt?

Die "Wahlüberraschung" - 55% der Nepalesen lehnten die "Magna Charta" ab, so einer der dortigen Chefs, der wohl in Oxford studiert hat - kann so einen Asienexperten nie und nimmer überraschen, hatte er doch immer schon geahnt, daß die Opposition "ihre Zugkraft überschätzt" hat. Eine klassische Hintergrunderhellung: Zieht etwas nicht, woran liegt's? - an der fehlenden Zugkraft natürlich! über die Absonderlichkeiten des örtlichen Wahlverfahrens konnte man dem Mann vor Ort noch nie etwas vormachen:

"So wird berichtet, die Pancha-Seite habe aus dem indischen Bihar Fachleute für den Raub von Wahlurnen herangezogen..."

Und schließlich steht auch noch ein wenig Bewunderung für den "raffinierten" König an, war er doch erfolgreich, und politischen Erfolg betet ein aufgeklärter Journalist sogar bei einem gelben "Gott - auf tönernen Füßen" an. Und wenn ein rivalisierender Clan morgen die getreuen Gurkhas dazu bringt, in die andere Richtung zu schießen, dann wird das auch niemand überraschen. Schließlich hat die "Süddeutsche Zeitung" Birendra rechtzeitig vor einem "Pyrrhussieg" gewarnt, und auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" behält bei ihrem politischen Stadt-Land-Fluß mit dem salomonischen Urteil auf jeden Fall recht:

"Nepal ist in Bewegung geraten, es ist längst nicht mehr das verträumte stille Königreich in den hohen Bergen und friedlichen Tälern..."

Nachdenklich stimmt nur, daß sich alle Berichterstatter um einen Hauptaspekt der Angelegenheit berumdrücken: Wie wird sich die "demokratische Durchlüftung" des Dachs der Welt auf R. Messmers nächste Expedition auswirken?