EIN KRISENFESTER GEGENSTAND

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.
Systematik: 

Die "Wissenschaft in der Krise"
EIN KRISENFESTER GEGENSTAND

Wenn Wissenschaftler heutzutage von Krise reden, legen sie ein Bekenntnis ab. Mit den im Gang der Kapitalverwertung notwendig eintretenden Stockungen des Geschäfts und der Entwertung des Kapitals haben die Krisen, die an allen Gegenständen von A bis Z zu entdecken, heute zum leichtesten Handwerkszeug des wissenschaftlichen Geschäfts gehört, nichts zu tun. Kein Forscher will es sich nehmen lassen, seine Beschäftigung mit allem, was freiem Geist für real erscheint, ins Licht einer höheren Bedeutung zu heben und zwar durch nichts anderes als dem Hinweis auf die pure, aber bedrohte Existenz von aUem und jedem. Billiger ist uneingeschränkte Affirmation nicht zu haben - gerade weil die Realität allenfalls noch als Materialsammlung für die "Symptome der Krise" auftaucht. Die Arbeitslosigkeit als Symptom genommen, beinhaltet nämlich ein Denkverbot; sub specie Krise führt die Frage, warum 2 Millionen in der BRD ohne Geld, weil ohne Arbeit leben, in die Irre und verstößt gegen den wissenschaftlichen Anstand.

Kritik ist mit dem Krisenbewußtsein aber keineswegs ausgestorben. Umgekehrt: Sie ist so total - alles läuft verkehrt -, daß kein Subjekt, gegen das eine Anklage zu richten wäre, mehr ausfindig zu machen ist. Wenn anstelle von Begründung ein unabwendbares Schicksal ausgemalt wird, ist Kritik die leichteste Übung.

Betroffenheit

will der Geist der Nation erzeugen. Und weil er am Schicksal, das Geschäft und staatliche Gewalt heute den davon Betroffenen zumutet, immer nur feststellt, es liefere noch nicht genügend Betroffenheit für die zu regelnde Aufgabe, für die Wirtschaft und Staat einstehen, ist Übertreibung das wissenschaftliche Gebot der Stunde. Keine Lächerlichkeit scheuend, profiliert er sich als prophetischer Verkünder des absoluten Chaos, dem nur noch durch die totale Ordnung zu begegnen sei. Zeitgemäße Wissenschaftler haben sich zu Ordnungsfanatikern einer Weltgemeinschaft heraufgearbeitet, in der die Staatsgewalt keinen der Gegensätze, die sie zu ihren Untertanen aufmacht, mehr gelten lassen soll. Aber gleichzeitig ist dies nicht ihr Ernst: Es ist ja nur das Abziehbild, um ihre Betroffenheit glaubwürdig zu machen und deshalb fällt diese Anstrengung so unglaubwürdig aus. Durch Selbstmorde und Übertritte ins Kloster sind noch keine Lehrstühle verwaist. Vielmehr ruft Wissenschaft heute dazu auf, die von ihr beschworene Hoffnungslosigkeit als die Chance der Hoffnung zu begreifen - und ist stolz auf diese Pfaffenlogik. Ihr einziges Ansinnen ist die Sinnfrage. Der pure Wille zur Anerkennung der Welt, ohne noch Gründe gelten zu lassen, gibt sich gründlich und bedeutsam in der Sinnsuche, also dem Verbot, sich einfach irgendeinen Glauben zuzulegen; denn einen Sinn zu finden geht nicht, von wegen Krise. Das ist freilich auch glatt gelogen, denn eine Botschaft haben die Krisenauguren ihren blinden Mitmenschen durchaus mitzuteilen: Lebe schon vor der Katastrophe so, als sei sie bereits eingetreten, dann läßt sie sich vielleicht vermeiden!

Die Prophezeiung eines Endes der Menschheit ist allerdings nur Umweg, um auf das liebste Kind universitären Krisenbewußtseins zu kommen: Die "Krise der Wissenschaft". Ihr, also der Sorge um die Bedeutung des eigenen Treibens, das ausgerechnet mit dem Argument, daß es nichts taugt, zum Zentrum der Welt erklärt wird, gilt die eigentliche Anteilnahme. Und die Geisteskrise wird so ausgemalt, daß man fast fragen möchte, warum sie diese Wissenschaft dann nicht ganz bleiben lassen.

Da das nicht so ist, kommentieren wir hier wahllos herausgegriffene Fingerübungen des krisenbewußten, also schamlos-eitlen freien Geistes.

Nichts geht mehr in der BRD

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"Die Bundesrepublik steckt in einer tiefen Krise. Hohe Arbeitslosigkeit, eine bereits chronische Geldentwertung, sinkende gesamtwirtschaftliche Wachstumsraten, geringere Realeinkommen, Zahlungsbilanzdefizite, Finanznot fast aller öffentlichen Haushalte und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen um die Nutzung der Kernenergie oder den Bau von Flughäfen und Industrieanlagen sind die Symptome dieser Krise." (BRD: ratlos. Den Sozialstaat durch die Krise retten, hg. v. M. Jungblut, 1982)

Eine goldrichtige, weil unschlagbare Einführung in die wissenschaftliche Krisenlehre. Es geht nichts mehr und alle sind davon betroffen. Beweisverfahren für die Krise ist: Ihr könnt doch nicht leugnen, daß es eine gibt, wo alles darauf hindeutet.

Mit diesem Kassandra-Ruf, für den heutige Seher nicht mehr die Eingeweide von Vögeln, sondern ihre tägliche Zeitungslektüre bemühen, beruft sich Wissenschaft auf die Wirklichkeit - und verbietet jede Befassung mit ihr. Warum steigt die Zahl der Arbeitslosen, während der Staat seine Steuern erhöht, das Kapital investiert und rationalisiert und die Gewerkschaft Lohnzurückhaltung übt, um Arbeitsplätze zu schaffen; wieso gehört die Inflation zum alltäglichen Leben der "ratlosen BRD" und tut ihre erfreulichen und unerfreulichen Wirkungen, säuberlich getrennt nach Lohnempfängern und Geldbesitzern - solche Fragen verstoßen gegen die Sorge der Wissenschaft, die hierin nur Symptome der Krise erkennen mag, eines Wesens, von dem auch nur zu erfahren ist, daß es mit dem Verweis auf Symptome beschworen wird.

Mit dem heute gängigen Krisenbewußtsein hat sich wissenschaftliche Betrachtung der Mühe enthoben, erklärend - und sei es noch so falsch - zu argumentieren. Ihr einziges Argument, die besorgte Ausmalung der BRD in der Krise, beweist die Wichtigkeit dieses Staatswesens für seine Bürger gerade mit Beispielen, die - ernstgenommen - das glatte Gegenteil nahelegen müßten, wenn diese Kritik nicht eine Schicksalsgemeinschaft beschwören würde. Daß wir alle in einem Boot sitzen und deshalb verantwortlich alle "Symptome" der Politik für die uneingeschränkte Handlungsfreiheit ihrer Verursacher auszubaden habe, die bei jedem Beispiel benannt werden, davon ist diese Kritik felsenfest überzeugt. Schließlich ist die Bundesrepublik in Not.

Dieses Krisenbedürfnis der Wissenschaft kennt keine geistige Schamgrenze. Jede Übertreibung kommt recht, um aus den täglichen Fortschritten in der militärischen Aufrüstung und der von Staat und Wirtschaft betriebenen Verarmung des Volks ein Horrorgemälde von Unregierbarkeit, Zusammenbruch und Ohnmacht zu verfertigen. Die beschworene Krise, zu deren Warnern sich heutige Wissenschaftler aufschwingen, lebt so auch gar nicht von der Realität, auf die verwiesen wird, sondern von einer zu schaffenden Ordnung, die so total ist, daß sie bereits die unwahrscheinlichste Möglichkeit eines Gegensatzes von Politik und Volk fest im Griff hat. Das Schauergemälde der Krise - Startbahngegner ergreifen die Macht in Frankfurt und die Polizei flüchtet ins Exil - gelingt um so matter, je dicker es ausgemalt wird. Daß morgen die Bundesregierung den Staat für bankrott erklärt und auflöst, soll ja gar nicht geglaubt werden, wohl aber, daß hinter den "Krisen"anzeichen erst die eigentlichen, letztendlich immer geistigen, Gefahren lauern, ohne deren den Politikern angetragene Bewältigung krisenbewußte Intellektuelle ihren Wunsch nach glaubhafter Volksgemeinschaft heutzutage nicht erfüllt sehen mögen.

Mitdenkender Gehorsam

"In dem Maße, in dem immer mehr Bereiche unseres Lebens von der Politik bestimmt werden, wird politische Orientierung zur unverzichtbaren Voraussetzung für die staatliche, wie für die private Existenz. Wer sich in der Politik nicht zurechtfindet, fühlt sich schicksalhaften Mächten ausgesetzt und reagiert apathisch oder aggressiv. Er wird vielleicht ein guter Untertan, aber kein Staatsbürger, auf den auch in Krisenzeiten noch Verlaß wäre." (M. Greiffenhagen: Ein schwieriges Vaterland, 1981)

Aufgepaßt, Bürger: Dein Leben als Steuer- und Arbeitsbürger für die Zwecke eines NATO-Staates, "von der Politik bestimmt" zu sehen, berechtigt dich nicht, dich untätig einem Schicksalsglauben zu ergeben! In Krisenzeiten hat sich die Politik zu bewähren: daß dabei über dich nicht zimperlich verfügt wird, ist deine Aufgabe, dich darin "zurechtzufinden". Eine Nation in Gefahr braucht die soldatische Tugend des mitdenkenden Gehorsams.

Mit dem Ausbruch des "Krisenbewußtseins" steht das Demokratie-Ideal nur noch für eines: Demokratie ist eine Schönwetterangelegenheit und hat damit angeblich einen furchtbaren Nachteil, sie soll das Mitmachen der staatsbürgerlichen Untertanen nicht garantieren können, wenn in der ausgerufenen "Krise" einmal der Verzicht auf sie nötig wird.

Staat in Not

"Die Krise der Entspannungspolitik führt zur Krise des Sozialrates." (J. Hickel, Bremer Ökonom und alternativer Gegen-Gutachter)

Nein, das ist nicht gemeint: NATO-Mitglied BRD hat Aufrüstung für den kalkulierten Kriegsfall auf die Tagesordnung gesetzt und behandelt das Leben ihrer Bürger entsprechend rücksichtslos. Die Kritik eines Linken am Staat trägt sich heute als absolute Sorge um das vor, was er am Staat so schätzt. Daß die ökonomische Schädigung des Ostblocks zu einem mehr und mehr überflüssigen Mittel des Ost-West-Konflikts von Reagan, Schmidt und Kohl erklärt wird, weil der Westen auf eine endgültige Lösung drängt, mag Hickel nur so sehen, daß der BRD-Staat nicht anders kann ("Krise der Entspannungspolitik") und sich damit selbst schwächt. Das praktische Dementi jenes guten Glaubens aller Linken, im Staat ein soziales Versorgungsinstitut für seine Bürger sehen zu wollen, dient Hickel noch zur glaubwürdigsten Einschwörung auf diese Weltsicht. Wie schlimm muß es um Schmidt, Genscher und Kohl stehen, wenn sie dieser ihnen von Linken - keineswegs mehr gutgläubig, sondern willig-untertänig - gestellten Aufgabe nicht mehr nachkommen können; wenn sie die Politik mühsam mit der Streichung bisher gesetzlich fixierter Ansprüche von Sozialempfängern, mit Steuererhöhung und konsequent betriebener Verarmung des Volkes über die Runden bringen. Längst vorbei ist für Linke eine Erfindung von Krisen des Kapitals und des bürgerlichen Staates, aus denen revolutionäre Hoffnungen gebastelt wurden. Vorbei auch die Mitteilung, Politiker seien an den ihnen und der Gesellschaft gestellten Aufgaben gescheitert: Diese Sichtweise verband einfühlende Sorge ja noch mit einem Vorbehalt einer schlechten Meinung. Heute gilt das Bekenntnis zum Staat in der Krise pur - und deshalb muß ihm die Krise wenigstens doppelt zugute gehalten werden. Die "Krise der Entspannungspolitik führt" zwar zu gar nichts - außer zu der Einsicht, daß diese Politik, mit der die Feindschaft gegen den Osten ausgetragen und nicht aufgehoben wurde, von NATO-Seite beendet wurde; für den Appell "Staat in Gefahr!" taugt der Verweis allemal. Die Not des Staates soll sich da ausgerechnet in der Rücksichtslosigkeit erweisen, mit der der "soziale Bereich" eingespart wird. Der Schuldige ist die "Krise der Entspannungspolitik" und bei der darf ein linker Nationalist durchaus an Reagan denken, der deutsche Politiker gängelt.

Theoretische Krisenerfindung

"Das politische System wird zum institutionellen Ausdruck von Perspektivlosigkeit und Lernunfähigkeit. Für die Amtsstuben und Parteibüros wird immer ferner, was sich 'da draußen' im Lande tut. ... Die komplere Spaltung der Gesellschaft, das Austrocknen der traditionellen staatlichen Vermittlungsorgane, die Verlagerung von materialer Interessenartikulation, von sozialer Phantasie und politischem Weitblick aus den Institutionen heraus ist es, was diese Gesellschaft 'unregierbar' gemacht hat." (J. Hirsch, in: Links 1/82)

Wovon redet dieser Mensch eigentlich? Die Zustände in der BRD 1982, auf die sich Hirsch beruft, können nicht gemeint sein, denn die Lächerlichkeit eines Vergleichs zwischen Realität und seinem politologisch bebilderten Chaos scheint er nicht zu fürchten. Wo die Inpflichtnahme der Bürger für die laufend höher geschraubten Ansprüche des staatlichen Haushalts täglich Fortschritte macht, weiß er davon zu berichten, daß die Bonner Amtsstuben auf dem Mond liegen, während das Leben "da draußen im Lande" pulsiert. Fragt sich nur, warum das ein Unglück für die Bevölkerung sein soll? Wo die neue Regierung verstärkt die schon unter der alten Koalition praktizierte Zukunftsvision einer Endabrechnung mit dem Feind der Menschheit, der im Osten sitzt, auf Kosten der Untertanen wahrmacht, haben "Perspektivlosigkeit" und "Lernunfähigkeit" die Macht ergriffen und "das politische System" zu ihrem Ausdruck erklärt. Dummheiten, deren Überzeugung sich darauf gründet, daß freier wissenschaftlicher Geist seine tiefe Sorge um das politische Wesen BRD damit glaubwürdig macht, daß er nur noch Krisen erfindet. Schließlich soll seine Verantwortung geglaubt werden, die er für alles, was politisches Regieren in ihrer hoffnungslosen Ohnmacht anrichtet, übemimmt. Je mehr der Staat die Leute beutelt, um so mehr gilt ihm die gefühlsechte Nestwärme, in der die Unterschiede zwischen Politik und Untertanen aufgehoben sind, als die Realität der BRD. Den Staat als vorgesehenen Vermittler einer wirklichen Volkseinheit zwischen Politik und Leben vermag sich dieser linke Politologe nur noch als den guten Menschen Hirsch vorzusstellen, der so "materiale Interessen" wie "soziale Phantasie" und "politischen Weitblick" zu seinem Herzensanliegen hat. So lange der wissenschaftliche Nachweis für die Exissttenz des Fabelwesens "Krise" - in der BRD geht Politik nicht mehr! - auf Arbeitslosigkeit, Lohnsenkung und anderes hindeutet, bleibt ein Rest Unglaubwürdigkett für die besorgte Anteilnahme nicht zu vermeiden: Es werden ja nur Schädigungen für die von dieser Politik Betroffenen aufgezählt. Das will sich ein Krisentheoretiker wie Hirsch nicht zuschulden kommen lassen und deshalb gilt ihm die Lüge von der Unregierbarkeit Hamburgs und Hessens als die Wahrheit, die seinem Willen, keinen Unterschied zwischen Herrschaft und Volk zu dulden, letzte Glaubwürdigkeit verleiht.

Memento mori

"Hungerkatastrophen werden von nüchternen Fachleuten noch für dieses Jahrzehnt, ökologische Krisen größeren Ausmaßes für das nächste und kriegerische Verwicklungen unter Einsatz von Atomwaffen mit unabsehbaren Konsequenzen mit statistischer Wahrscheinlicnkeit - einschließlich der von 'Unfällen' - vor Ablauf dieses Jahrhunderts erwartet. Angesichts der Größenordnungen dieser auf uns zukommenden Gefahren für das menschliche Überleben überhaupt, müssen wohl die akkumulierten vielfältigen und wissenschaftlich begründeten Einsichten in den grundsätzlichen Zusammenhang von Kapitalismus - Weltmarkt Unter- bzw. Überentwicklung - Inflation - Rüstung - Ressourcenverknappung - Ausbreitung von Gewalttätigkeiten genügen, um vor Augen zu führen, daß dieser Weg in die Katastropbe endet." (E. Krippendorff: Internationale Beziebungen als Wissenschaft, 1977)

Ist dieser Mensch besoffen, wenn er vor einer Entwicklung warnt, deren Unausweichlichkeit "nüchtern" und statistisch nachgewiesen zu haben, ihn mit wissenschaftlicher Befriedigung erfüllt?

Nein. Dieser Prediger der apokalyptischen Endzeit ereifert sich über die Blindheit, mit der die Menschheit so vor sich hinlebt, ohne sich auf den Standpunkt der Größe der Gefahr für ihr Überleben zu stellen, vor der das Treiben der Politiker und die Versuche der beherrschten Untertanen, damit zurechtzukommen, für belanglose Nichtigkeiten und darin für einen Hochmut des Menschen vor dem Schicksal erklärt werden. Diese Kritik ut so inhaltsleer wie maßlos: Vor der Größe des angekündigten Memento mori gibt es nicht den geringsten Grund zur Unzufriedenheit mit den augenblicklichen Verhältnissen, zu Unterscheidungen zwischen Regierung und Regierten, zu Gegnerschaft, sondern zu gemeinsamer Betroffenheit. "Es kommt noch viel schlimmer", weiß der wissenschaftliche Sachverstand und liefert eine Idylle des heutigen Lebens ab, die keine Begründung nötig hat, weil sie vom Vergleich mit "den auf uns zukommenden Gefahren" lebt. Harmloser kann man sich das weltweite Wirken des Imperialismus kaum vorstellen: Die Jahr für Jabr anfallenden Leichen der für das Geschäft des Kapitals Untauglichen und deshalb für lebensunwert Erklärten reichen wohl nicht für eine "Hungerkatastrophe"? Von wegen "unabsehbaren Folgen" eines aus "Verwicklungen", also zufällig eintretenden und von niemand gewollten Atomkriegs: Die Berechnungen, wieviele Millionen Tote die geplante und zugerüstete Erledigung der UdSSR kostet, hat die amerikanische Regierung längst veröffentlicht.

Irgendwie soll die nüchterne Bestandsaufnahme einer unausweichlichen Katastrophe einen Schuldigen durchaus noch erahnen lassen. Der "grundsätzliche Zusammenhang", der den Kapitalismus mit anderen Bezeichnungen seiner selbst oder mit wissenschaftlich beglaubigten Ideologien über ihn ringen läßt, versteht ihn freilich als ohnmächtiges Opfer seiner eigenen Untaten und macht ihn zu einem ebenso fiktiven Gespenst wie die (mehr oder weniger) - "Entwicklunq" und die "Knappheit", die als erdachte Weltprinzipien den Weg in den Untergang steuern sollen.

Ordnung total

Entropie - ein Naturgesetz zerstört die Vorstellung, daß Wissenschaft und Technologie eine geordnete Welt schaffen. Entropie - erklärt, warum in allen Bereichen Krisen, Verfall, Zerstörung und Chaos zunehmen. Entropie - ein Weltgesetz bietet die entscheidende Orientierungshilfe für die Zukunft der Menschheit." (J. Rifkin: Entropie, 1982, Klappentext)

Über das zweite Wärmegesetz braucht man nicht Bescheid zu wissen, um sich sicher sein zu können, daß Chaos, Unordnung und Zerstörung keine Naturgesetze sind. Wären sie es, bräuchte sich niemand willentlich als Orientierungshilfe an sie zu halten. Er wäre ihnen unterworfen, ob er will oder nicht. Was hier mit der Unausweichlichkeit eines Naturgesetzes vorgeschrieben wird, ist ein Staatsideal, das an Radikalität nichts zu wünschen übrig läßt. Ordnung total ist das Weltgesetz, dem sich die Menschheit zu beugen hat, will sie noch eine Zukunft haben; und von dieser Sehnsucht, daß Politik nichts aus ihrer regelnden Gewalt entläßt, ist dieser Ordnungsfanatiker so überzeugt, daß er allen Ernstes meint, Wissenschaft und Technik wären mit der Produktion von Ordnung und nicht mit nützlichen Erfindungen und verkäuflichen Waren beschäftigt. Jetzt weiß man endlich, warum die Erfindung von Krisen in der heutigen Wissenschaft das leichteste Geschäft ist und warum keiner der Erfinder sich vor den ausgemalten Schrecken, die er verbreiten will, fürchtet. Es sind ja nur Bebilderungen seines Glaubens an die Leistungen der Politik. Jede Zugverspätung und jedes Parteiengezänk sind im Namen der vom Staat geforderten Ordnungseinheit Symptom des krisenhaften Chaos. Glück und Zukunft der Menschheit liegt in der Unterordnung unter die Ansprüche des Staates, der als Orientierungshilfe der Ordnung verlangt ist. In einer Welt, in der der Reichtum der Nation und die Gewalt des Staates auf der erfolgreichen Benutzung und Aufrechterhaltung des Gegensatzes von Kapital und Arbeit, von Staat und Untertan beruht, ist die Forderung, keine Gegensätze mehr gelten zu lassen, ein Aufruf zu einer ordnungsstiftenden Gewaltanwendung ohne jede Einschränkung. Freilich ist dieses Ideal mit dem guten Glauben verbunden, Ordnung als Lebensprinzip überhaupt wäre ohne Gewalt zu haben; und das Dementi dieser Vorstellung wird der Menschheit zur Aufgabe gestellt. Der ökologische Verfechter von Verzicht und Selbstbeschränkung fordert zur bedingungslosen Umkehr auf, damit der staatliche Garant der Zukunft "in Ordnung" die gewünschte Gewalt hat, ohne sie erst noch einsetzen zu müssen.

Krise gegen Allmachtsphantasien

"Bisher waren es stets nur Naturkatastrophen und Kriege, die über die traditionellen sozialen Barrieren hinweg kooperative Solidarität in großem Rahmen hervorzurufen vermochten. Nun sieht es so aus, als seien wir nicht mehr weit von einer globalen Notlage entfernt, die in der Tat alle psychischen und sozialen Abwehrmechanismen unseres kulturellen Allmachts-Ohnmachtskomplexes aufbrechen könnte. Das Gespenst einer ökonomisch-ökologisch-atomaren Weltkatastrophe könnte sich als der gemeinsame Riesenfeind erheben, dem gegenüber wir uris plötzlich alle aufeinander angewiesen und voneinander abhängig fühlen würden. Wahrhaftig eine unheimliche Perspektive, daß eine sich scheinbar zu immer mehr Intelligenz, Größe und Macht aufschwingende Gesellschaft von der Wahnhaftigkeit ihrer Selbstvergötterung wenn überhaupt, erst am Rande des unbewußt präparierten Suizides überzeugt werden könnte." (H.E. Richter: Sich der Krise stellen, 1982)

Das ist eine Botschaft! Naturkatastrophen und Kriege als bisher leider untauglich gebliebene günstige Gelegenheiten und die Weltkatastrophe hoch drei als letzte hoffnungsvolle Chance - wofür: daß der Mensch seine Allmachtsphantasie, Gott zu sein, wenn er in der Frühe in die Fabrik geht und sein Leben nach Maßgabe seines Geldbeutels einteilt, endlich ablegen darf. Der Nutzen dieser Umkehr von Hochmut zur Demut? Sich in der begeistert begrüßten Gleichheit vor dem Tode solidarisch zu bewähren! So wenig ein Krisenfanatiker vor dieser Frontbewährung noch Gegensätze zwischen Herrschaft und Untertan, zwischen Geschäft und Armut gelten lassen will, so sehr legt er Wert auf den Unterschied, daß Gewalt und Herrschaft den einzigen Maßstab praktischer Tugend abgeben und deren Opfer ein einziges Risiko für die Rettung der Welt vor der Katastrophe ist, weil es unsicher bleibt, ob sie die Bewährungsprobe bestehen. Die praktische Botschaft, dem "Gotteskomplex" - noch irgendwie an sich selbst zu denken - abzuschwören, ist freilich eine ganz und gar unpraktische Angelegenheit. Die "unheimliche Perspektive", die uns unheimlich bekannt vorkommt, droht ja mit einer naturwüchsigen Sicherheit des Schritts in den Untergang - und will gerade darin ein Appell an den freien Willen sein, mit einem bloßen 'Pater peccavi' die Rettung in letzter Stunde doch noch zu erreichen. Gefragt ist also eine inhaltsleere Einstellung auf alle für notwendig erachteten Schädigungen des eigenen Lebens als Chance, sich unterzuordnen. Ohne die Befriedigung eines solchen absoluten Sinnbedürfnisses läuft nichts mehr!

Der große Atomdroh

"...nicht die Sowjetunion ist der Feind, der atomar ausgelöscht werden muß! Nicht Caspar Weinbergers Amerika ist die Front, gegen die wir Bürger Mitteleuropas allein zu opponieren haben! Der Feind ist die atomare Drohung als solche. Was wir bekämpfen sollten, ist nicht diese oder jene Supermacht, sondern bekämpft werden sollte die Militarisierung unseres Bewußtseins, die ein Zusammenleben der Völker nur noch barbarisch denken kann, auf dem steinzeitlichen Niveau des Einanderumbringens. Verfolgungswahn auf beiden Seiten, in den wir selber verstrickt sind, das ist der große Gegner vor uns und in uns:" (H.E. Bahr: Was heißt für mich Frieden?, 1982)

Mal im Ernst! Davor sollte man sich fürchten? Vor einer atomaren Drohung, die es neben und jenseits der Kriegsvorbereitungen, für die Pershings und Cruise Missiles aufgestellt werden, geben soll? Vor einer "Militarisierung des Bewußtseins", die es ohne Politiker geben soll, die sich eine Bundeswehr halten und im Ernstfall den Frontbefehl ausgeben? Mit sich selbst fertigzuwerden, ist ja wohl die einfachste, weil täglich auszuübende Leistung, zumal der von Staat und Kapital vorgegebene Lebensrahmen dem Ausleben der von Bahr den Menschen angedichteten "Unfriedenspotentiale" nur sehr geregelte Bahnen läßt. Irgendwie macht er sich als Verantwortungsphantast schon lächerlich - schon einmal befehlend in das "Zusammenleben der Völker" eingegriffen? -, nur um seinem Glauben an die Wissenschaftlern eigentümliche Verantwortung mit lauter Dummheiten freien Lauf zu lassen.

"Oder man verwandelt die große, unheimlich existentielle Angst durch einen unbewußten Abwehrprozeß in die harmlosere Furcht vor irgendeiner begrenzten konkreten Gefahr." (H.E. Richter. Sich der Krise stellen, 1982)

Was ist schon die bloße Wirklichkeit vor einer Angst, die keinen Grund und Anlaß hat und die in ihrer Erfindung auf die Größe der Sorge verweist, die sich ein Wissenschaftler um Chimären wie die Menscheit, das überleben, die Katastrophe machen will? Für wirklich erachtet ein heutiger Wissenschaftler nur noch die von ihm in die Welt gesetzten letzten, weil durch die drohende Katastrophe beglau bigten Weltprinzipien. Die Herrschaft des "Gotteskomplexes" führt in den Untergang - und das bringt Richter so zur Verzweiflung, daß er seinen Wahn zum Maßstab der Welt erklärt - und sich in den Kreis seiner Kollegen einreiht, die glatt bekennen, sie seien ihren eigenen Phantasien nicht gewachsen: Krise der Wissenschaft.

Der Atomschlag ein Symptom

"Der Nachrüstungs-Doppelbeschluß läßt sich nach unserer Auffassung als ein alarmierendes Symptom für das kritische Stadium verstehen, in das die Mechanismen der Angst- und Aggressionsabwehr getreten sind." (Friedensappell der deutschen Psychoanalytiker, 1982)

Man sollte lieber gar nicht erst versuchen, den hier vorgeschlagenen Einfall zu fassen. An die "Aggressionsabwehr" der NATO-Politiker, den Osten mit neuen Raketen totzurüsten und mit dem überzeugenden Argument 'Pershing' dem erklärten Feind eine Kapitulation auf dem Verhandlungsweg abzunötigen, will er den Atomkrieg vermeiden, mögen wissenschaftliche Seelsorger nicht glauben. Der geplante und beschlossene Atomschlag ist schon wieder ein Symptom.

Wofür? Daß irgendwie die Triebsicherungen der Menschheit durchgebrannt sind! Geradezu kleinlich wäre es, auf dem Fortschritt der westlichen Befriedungsliebe herumzuhacken und Carter und Reagan, Schmidt und Kohl etwas anzukreiden, was in uns allen steckt! Damit ein "dem Menschen" angedichteter Todestrieb ausgerechnet auf Raketen verfällt, braucht es allerdings einen politischen Zweck und staatliche Mittel, über die nicht einmal ein Psychologe, der "mea maxima culpa" schreit, verfügt.

Es ist eben viel schlimmer: Die von Analytikern für einzig real gehaltenen, weil von ihnen erfundenen "Mechanismen der Angst- und Aggressionsabwehr" haben sich selbst außer Kraft gesetzt. Die Raketenbunker beweisen, daß das Phantasieprodukt des freien Geistes in der Krise steckt und daß Psychologen ohnmächtig vor ihrem krisengeschüttelten Glauben an sich selbst stehen, sie wären der einzige menschheitliche Garant zur Abwehr vor den destruktiven Wünschen, die nach der Hilfe der Psychoanalyse rufen. Und diese selbst erklärte Abdankung eines praktischen Anspruchs, den sich diese Wissenschaft einst angedichtet hat, ist - die letzte Hoffnung der Menschheit in der Krise, wenn sich nur der letzte Vertreter dieser Gattung der psychologischen Sichtweise anbequemt, um die sich deren berufsmäßige Vertreter so vorbildhaft sorgen.

Philosophie der letzten Sekunde und...

"Und wenn es - bis zu dieser letzten Sekunde - die Philosophie gar nicht gäbe. Könnte sie - in dieser letzten Sekunde - beginnen, wenn es sie noch nicht gäbe... Könnte erst in letzter Sekunde die Philosophie - denn wäre es dies, was sie tut - fragen. Wie zu fragen sei." (W. Hamacher, In letzter Sekunde; in: W. Bolz, Wer hat Angst vor der Philosophie, 1982)

Gottseidank gibt es sie, die Philosophie, und Gottseidank gibt es "die letzte Sekunde", die für die fraglose Wichtigkeit ihrer Botschaft einsteht. Philosophischer Sinn muß sein, und mit der untertänigsten Anfrage an den Weltgeist: darf noch gefragt werden, ob gefragt werden darf? zimmert sich der Philosoph ein Selbstbewußtsein zurecht, vor dem er alle Nicht-Seinesgleichen blamiert. Während der normale Mensch zu allem, was ihm abverlangt wird, sich die Anstrengung zumutet, darin einen Sinn zu entdecken, der ihm einleuchten will, und der Glaube an die eigenen nationalen Politiker in dem Maße zunimmt, wie deren Wille, ihre Untertanen für die Zwecke det Politik zu schädigen, maßlos wächst - und die Kirchen sich auch wieder füllen -, führt sich der philosophische Sinnhuber als der radikale Sinnsucher auf, vor dessen Prinzipienreiterei sich jeder bestimmte Glaube der Lächerlichkeit überführt. Die eingestandene und selbstbewußt vorgeführte Dummheit, dem eigenen Kopf auch nicht den Schein einer - und sei es noch so falschen - Erklärung zumuten zu lassen, nimmt Hamacher nicht in Kauf, sondern damit profiliert er sich. Das sind die Kosten, mit denen heute die höhere und höchste Verantwortung des Wissenschaftlers vorgeführt wird.

Literatur des Unsäglichen

"Afghanistan und Persien, die Neutronenbombe und die Energiekrise, die junge Laborantin... und das Spießerpärchen...; kleine Prosastücke, ganze Romane... Ja, das können wir eben noch zeigen: wie die Worte näher zusammenrücken, um der Bedrohung durch das Unsägliche zu widerstehen." (Lüdke, Frankfurter Germanist)

Das mag eine Bedrohung sein, der sich hier gestellt wird! Aus der Tatsache, daß Romanseiten immer noch mit Worten vollgeschrieben sein wollen, wird hier gleich ein Widerstand, dem "Unsäglichen" zu "widerstehen". Unsäglich! Und daß liturarische Phantasie über die Wiedergabe der Tagesschau nicht hinausgeht, wird zum Zeichen einer unvergleichlichen Bedeutsamkeit der Literatur. Worin die höhere Botschaft der Literatur besteht, diese Frage erledigt sich ja wohl vor der Chance der "endzeitlichen Situation", die das Schreiben gerade dadurch adelt, daß es den Literaten zwingt, jeden Zusammenhang einer sinnstiftenden Kommentierung der Welt sausenzulassen, und die Eitelkeit eines Literaturfans zum einzigen Grund erklärt, Literatur zu feiern.

Linke Verantwortung: Die dementierte Hoffnung

"Die vielberedete 'Krise' der Linken rührt zu einem guten Teil daher, daß ein ganzer Traditionsbestand an politischen Analysen, Konzepten und Strategien sozialrevolutionärer Veränderung fragwürdig, ja, von der Entwicklung (!) nachhaltig (!) dementiert (!) worden ist." (J. Hirsch: Der Sicherheitsstaat, 1980)

Bei so viel Zufriedenheit, mit der sich linke und rechte Geistesvertreter heute im beschworenen Chaos heimisch fühlen, bleibt Linken nur noch ein Bekenntnis übrig: Die Erfinder des "Krisen"-Arguments wollen vom Messen der Politik an den Maßstäben einer dieser angedichteten guten Absicht nichts mehr wissen, weil sie sich selbst beschuldigen, sie hätten ehemals damit eine Kritik aussprechen wollen. Auch für sie gilt heute allein die von den Politikern gesetzte Faktizität als alleiniges Denkgebot - nichts lieber, als die eigenen Hoffnungen von damals als linken Schwachsinn dementieren zu lassen. Das beschworene Chaos und die letzten Krisen, die heute entdeckt werden, und vor denen die täglich gemachte Politik samt ihren Auswirkungen auf die Betroffenen zu belanglosen Nichtigkeiten werden, erfordern eine Verantwortung, die keinen Zweifel an ihrer Affirmation aufkommen läßt. Die Zufriedenheit, die Krise bewältigt zu haben, den eigenen Verstand nur zum grundlosen Einverständnis mit allem, was die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft heute alles hervorbringt, benützen zu wollen, macht die wissenschaftlichen Krisenfanatiker stolz auf eine Eigenschaft, zu der sie sich frei bekennen: gewollte Dummheit. Von wegen Krise des Geistes!