EIN KRIEG SOLL "SINNLOS" SEIN?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1984 erschienen.
Systematik: 

Iran/Irak
EIN KRIEG SOLL "SINNLOS" SEIN?

Seit fast 4 Jahren bekriegen sich die beiden Staaten "da unten". Zig-Milliarden Dollars werden von beiden Seiten für den Sieg hingegeben, und natürlich werden auch noch Hunderttausende an Menschen für den Erfolg des Vaterlandes zum Krepieren abkommandiert.

Der Iran will seine Macht mehren oder was dasselbe ist - die islamische Revolution mit dem Schwerte ausbreiten und zunächst einmal "das wilde Tier Saddam Hussein erwürgen". Der Irak hat den Iran angegriffen und kämpft darum, sich eine Vormachtstellung in der Region dort zu ersiegen. Ein "sinnloser" Krieg? Weiß jemand einen besseren oder anderen Grund, weshalb Staaten aufeinander losschlagen? Weil keine Seite bisher Erfolg gehabt hat und ein solcher auch nicht abzusehen ist, deshalb doch wohl winkt man so besserwissend ab. Eine Meisterleistung des bürgerlichen Verstands, einen Krieg "unsinnig" zu nennen.

Ein "vergessener Krieg"

soll dort toben. Und wenn das fehlende brennende Interesse des Westens an einer Wiederherstellung des Friedens in seinem Sinne durch diesen Krieg befriedigt wird? Sein Hauptergebnis hat dieser Krieg nämlich, noch bevor entschieden ist, wer als Sieger aus dieser Schlächterei hervorgeht. Die "Islamische Revolution" im Iran war, ist und bleibt eine Schädigung westlicher Interessen und eine Gefahr für die politische Zuständigkeit des Westens im Nahen und Mittleren Osten. Deswegen war, ist und bleibt es grundsätzlich gut und nicht schlecht, daß der Irak den Krieg gegen das iranische Revolutionsregime eröffnet hat. Denn dadurch hindert er den "Ayatollah", sich um die Ausbreitung seiner "islamischen Revolution" in anderen Richtungen zu kümmern. Der Störung, die von ihm für die imperialistische Weltordnung ausgeht, sind so ihre Grenzen gezogen. Die "gläubigen, fanatischen Massen" verbluten in diesem Krieg und können andernorts kein Unheil stiften. Die "islamische Revolution" findet nur noch als Krieg gegen den Irak statt.

Umgekehrt ist durch iranische Kriegserfolge ebenso sichergestellt, daß die Berechnungen der irakischen Führung, durch einen Sieg zur Vormacht in der arabischen Welt zu werden, nicht aufgehen. Auch dies ein für den Westen durchaus günstiges Ergebnis: In seinen Kriegsanstrengungen wird der Irak immer abhängiger vom Westen und seinen prowestlichen Nachbarn, für die er einstmals eine "sozialistische" Gefahr gewesen sein soll. So binden sich zwei für die imperialistischen Staaten unbequeme Mächte gegenseitig in dem zermürbenden Gemetzel; und genau diesen Charakter soll der Krieg behalten.

Dafür zu sorgen, vergißt der Westen nicht; er tut es vor allem mit

Nützlichen Waffengeschäften

Erst einmal hat er sich von dem Öl dieser beiden Länder ziemlich unabhängig gemacht. Die Zufuhr des Öls der Staaten der arabischen Halbinsel ist gesichert: Vorräte sind angelegt, volle Tanker schwimmen in gesicherten Meeren, Pipelines brauchen keine Schiffsstraße. Dann liegen amerikanische und britische Seestreitkräfte vor Ort oder anderswo abrufbereit. Für den Fall, daß der Iran seine Drohung wahrmachen sollte, die Straße von Hormuz zu sperren, stellen sie klar, daß der Westen seine Seewege nicht sperren läßt. Auf der Grundlage dieser Sicherheiten hält die friedliebende westliche Welt den Krieg geschäftstüchtig am Laufen. An die 40 Staaten versorgen die beiden Gegner mit Waffen, dieselben oder noch andere liefern Geld und Kredit. Die Geschäfte mit dem Iran haben in den Auftragsbüchern westlicher Unternehmen mittlerweile wieder die Größenordnung wie zu den besten Zeiten des Schah Resa Pahlewi erreicht. Ungehindert können die Perser ihr Öl exportieren, im Westen Ersatzteile für ihre Bohranlagen kaufen, und auch mit dem Waffennachschub haben sie allem Augenschein nach keine Schwierigkeiten. Die nehmen zwar nicht den offiziellen, direkten Weg, aber Geschäfte dieser Art lassen sich ja bekanntlich auch über Drittländer zur Zufriedenheit aller Beteiligten abwickeln. Selbst das vom Iran zum Erzfeind erklärte Israel darf seine Waffen an die Perser verkaufen.

Dem Irak werden schon gar keine Hindernisse in den Weg gelegt. In schöner westlicher Arbeitsteilung sorgt hier Frankreich für den Einsatz westlichen Kriegsgeräts, Saudi-Arabien und die Ölscheichtümer für die Bezahlung. Damit dem Iran auf keinen Fall ein kriegsentscheidender Durchbruch gelingt, bereiten die USA den Irak per Aufklärungssatelliten auf iranische Offensiven vor. Daß der Freie Westen, der vorgibt, überall den Frieden sichern zu wollen, einmal seine militärische und wirtschaftliche Macht einsetzen könnte, einen Krieg zu beenden, wird nicht ernsthaft erwogen.

Wenn überhaupt solche Erwägungen angestellt werden, dann werden sie mit der Lüge von der Ohnmacht der Großmächte zurückgewiesen: Man könne auf das "mittelalterliche" Regime in Teheran keinen Einfluß nehmen, und die Einstellung der Waffenlieferung würde nichts bewirken, da irgendein Waffenhändler doch weiter sein Geschäft machen werde. Mit dieser Rechtfertigung geht die Versorgung der Kriegsgegner, also die tatkräftige Förderung des Kriegs, ohne die er längst zu Ende wäre, munter weiter. Daneben wird frei spekuliert, daß vielleicht die fortschreitende "Abnutzung" der beiden kriegführenden Staaten die Auseinandersetzung beenden werde.

Nachdem feststeht, was man von der Schlacht am Golf zu halten hat, erfindet der Zynismus von Frieden und Freiheit erlesene Beobachtungsgesichtspunkte.

Kriegsberichterstattung: schlechte Kriegsführung?

Korrespondenten, die an der Front waren, wollen dort festgestellt haben, daß "der ganz gewöhnliche Krieg der Perser und Iraker" einer zwischen "Mensch und Material" sei. Man sieht: Für keine der beiden Seiten wird Partei ergriffen. Ohne Vorbehalt kann man sich so richtig dem Idealismus effektiver Kriegsführung widmen. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Krieg dort wird von beiden Seiten schlecht geführt: Der Iran verpulvert sinnlos Menschenmassen, weil der ausgiebige Einsatz von Menschenmaterial kaum Geländegewinne, einen kriegsentscheidenden Durchbruch sowieso nicht erzwingt. Der Irak massakriert zwar mit seiner Überlegenheit der Waffen 100.000 angreifende Perser, ist aber nicht in der Lage, seine Waffentechnik noch effektiver einzusetzen. Geschütze schießen "oft ziellos ins Blaue, weil die Artilleristen nicht mit den Feuerleitsystemen umgehen können" (Spiegel). Piloten "irren wie blinde Hühner umher", fliegen lieber nach Sicht, "weil sie mit dem komplizierten elektronischen Apparat nichts anzufangen wissen" (Spiegel). Überhaupt "fehle die Fähigkeit zur großangelegten Bewegungsschlacht" auf beiden Seiten - wie im ersten Weltkrieg an der Westfront. Und wie teuer der Krieg jeden Tag ist, obwohl kein Erfolg abzusehen ist, Wahnsinn! Wie schön kann man doch seine kriegsstrategische Kennerschaft zur Anwendung bringen bei einem Krieg, dessen brutale Menschenschlächtereien einem ziemlich wurscht sind. Erstens weil Krieg eben Krieg ist, und zweitens, weil man über das erfolglose Treiben der Iraker und Perser dort unten nur den Kopf schütteln kann.

Ein "schmutziger Krieg"?

Viel interessanter aber ist es offenbar für die freie Weltöffentlichkeit, die ungerührt die Todeszahlen der soundsovielten "Morgenröte" zur Kenntnis nimmt, Vergehen gegen die "Genfer Konvention" aufzudecken und sich geheuchelt darüber zu entrüsten. Seit Wochen scheint das Bemerkenswerteste am Golfkrieg in der Frage zu bestehen, ob die Iraker Giftgas einsetzen oder nicht. Zwar ist allgemein bekannt, daß so gut wie alle Unterzeichner der Genfer Konvention, in der sie sich zur Nichtanwendung chemischer und biologischer Waffen verpflichten, solche Waffen lagern, ja, die USA ihre Vorräte gegenwärtig noch vergrößern, nicht zuletzt auch noch mit dem Hinweis auf deren Einsatz im irakisch-iranischen Krieg. Aber sich über "unmenschliche Kriegsführung" entrüsten möchte man schon. Da macht es gar nichts, daß durchsickert, der Irak habe chemische Waffen von den Engländern gekauft, eine andere westliche Nation habe ihm eine Fabrik zur Produktion solcher Dinger hingestellt. In der Verrücktheit, für die ultima ratio, den Krieg, Regeln des menschenwürdigen Mordens aufzustellen, und Regelverletzungen aufzudecken und anzuprangern, hält man sich seinen kriegsmoralischen Schlager. Aber klar, echt splitterbombenzerfetzte Leichen, Tote mit glattem Durchschuß oder von einer Brandbombe verkohlt, sind besser als solche, denen ein Gas die Lunge zerfressen hat. Da werden doch tatsächlich halbe Leichen nach Genf, Wien und München geschafft, um ein derartiges "Kriegsverbrechen" nachzuweisen. Ausgerechnet im Krieg soll es eine Moral geben, der sich die Kriegslogik hier und da unterzuordnen hätte, heuchelt sich die Menschheit vor. Dabei weiß jeder, daß im Krieg nur das Gesetz des Sieges gilt, für den alle Mittel recht sind. Handelt nicht der Irak kriegstechnisch ganz richtig, wenn er gegen die anstürmenden persischen Menschenmassen das Waffenmittel wählt, das die meisten Feinde auf einen Schlag umlegt? War nicht eben noch die schlechte Kriegsführung des Irak das Problem?

Ach, und die Kinder und Greise, die der Iran fast unbewaffnet, unausgebildet auf die Minen und direkt in Allahs Himmel jagt. Schrecklich, furchtbar! Wenn sie doch nicht mehr so klein, sondern schon 15 wären, wie ein Abkommen der UNO verlangt, und nicht schon so alt - vielleicht bis 60? Wenn sie doch wenigstens ausgebildet und gescheit bewaffnet wären! Bei "unschuldigen Kindern" steigt der bürgerliche Verstand ein wenig auf seine moralischen Barrikaden. Bloß: Wo bleibt eigentlich die Kriegslogik? Wenn der Iran relativ weniger Waffen, dafür aber viele viele idiotische gläubige Menschen hat, die sich als lebendige Minenräumer einsetzen lassen, dann entspricht das doch wohl dem Kriegszweck. Ein "Volkssturm", der tatsächlich zum Endsieg führt, wären das dann nicht sinnvolle Opfer und Märtyrer des Vaterlandes?

Also mal hergehört, ihr Gegner von Senfgas und Liebhaber der ganz Kleinen! Wenn ihr schon so viele gute Gründe für Vaterlandsverteidigung und Krieg wißt, auch keine Skrupel habt, das laufende Kriegsgeschehen am Ideal der besten Kriegsführung zu messen, dann laßt auch eure Empörung über gewisse "Unmenschlichkeiten". Solche Dinge sind notwendig, wenn Krieg ist, also sehr menschlich. Kapiert?