EIN KRIEG, MIT DEM SICH LEBEN LÄSST

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1984 erschienen.

Iran/Irak
EIN KRIEG, MIT DEM SICH LEBEN LÄSST

Zwischen Iran und Irak findet seit 3 Jahren ein Krieg statt, über den der Westen einmal nicht das Urteil gefällt hat, er müsse unbedingt hin und "Frieden stiften". Dem allein könnte man schon entnehmen, daß die Kalkulationen der Weltpolitik ganz andere sind, als sich von Ehrentiteln der eigenen Politik verpflichten zu lassen.

Aufgepaßt wird auf den Krieg natürlich schon - von der NATO und in deren Interesse. Die USA warnen den Iran vor einer "Schließung der Straße von Hormuz", da die Ölzufuhr auf dem Wege durch den Golf auf jeden Fall gesichert bleiben muß Ganz praktisch hat der Krieg denn auch zu keinem Zeitpunkt die "Weltölzufuhr" beeinträchtigt; die Ausfälle der Öllieferungen durch den Iran nach der "islamischen Revolution" und durch den Irak infolge des Krieges haben sich nicht einmal auf den Ölpreis ausgewirkt. Das ist aber auch die unerläßliche Voraussetzung, unter der sich die USA im Krieg zwischen Irak und Iran "neutral" (US-Außenminister Shultz) verhalten.

Westliche "Duldung" des Krieges heißt aber nicht einfach, daß er nicht ausufern dürfe. Ohne aktive Förderung wäre dieser Krieg längst im Sand versiegt. So achtet nicht nur Frankreich auf das "Gleichgewicht" zwischen beiden Staaten und sorgt mit Waffengeschäften im Umfang von 6 Mrd. Dollar dafür, daß der Irak militärisch auf dem Laufenden bleibt. Vor allem "unsere Freunde", die Scheichs, lassen für diesen guten Zweck monatlich eine Milliarde Dollar springen, teils in Form von guten US-Kreditzetteln, teils als Öllieferungen, die vom Irak "vermarktet" werden, wegen der Opec-Quoten für Ölförderhöchstmengen der einzelnen Ö1staaten.

Aber auch der Iran wird in seiner Kriegsführung nicht gerade behindert. Ungestört kann er sein Öl exportieren und darf allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Und die Lieferung von Bohrausrüstungen für die Erdölförderung wird zwar regierungsamtlich nicht unterstützt, bei allen ideologischen Differenzen aber auch nicht unterbunden. Jedenfalls hat es dafür gereicht, daß der Iran unter der Herrschaft der Mullahs fast so viel Erdöl fördert wie zu Zeiten des Schah. Und die Ersatzteile für die amerikanische Militärausstattung Persiens gelangen sowieso nicht ohne Regierungskenntnis ins Land. Die Vertriebswege sind bekannt: Südkorea, Israel, Großbritannien, Kanada - die "Schwarz"handelswege über die Türkei noch gar nicht einbezogen. Schließlich ist der Iran Barzahler; und die etwas überhöhten Preise, die er für alles zahlen muß, erhöhen noch das Handelsvolumen, insbesondere, wenn die Mullahs ibr Öl etwas billiger anbieten, um es an den Mann zu bringen.

Ein Geschäft, das blendend läuft, und ein Krieg, der damit am Laufen gehalten wird: Das erlaubt dem Westen die Spekulation auf ein willkommenes Ergebnis. Das schwächt nämlich zwei lokale Mächte, die, so wie sie waren, der freien Welt beide nicht so recht in ihre Weltordnung gepaßt haben.

Der Irak

hat sich jahrelang arabisch-national, "sozialistisch", sogar russenfreundlich aufgeführt. Seine Ambitionen gingen dahin, "Führungsmacht" unter den arabischen Ölländern am Golf zu werden; die Rangordnung der souveränen Staaten zu verändern, die die westlichen Führungsmächte mit ihrer Interessenpolitik geschaffen haben. Die "Wirren" der "islamischen Revolution" beim nächstgrößeren Nachbarn im Osten hat der Staat Sadam Husseins als Gelegenheit ergriffen, gegen die "Ungerechtigkeit" der Weltordnung in seiner Region mit Gewalt anzutreten. Der "ungelöste Konflikt", an dem dieses Exempel statuiert werden sollte, war schnell gefunden: Persien hatte die Waffen, die ihm von, den USA verliehen worden waren, dazu benutzt, die Grenze zum Irak vom Ostufer des Grenzflusses Schatt-el-Arab in die Flußmitte zu verlegen. Diese "Demütigung" seiner Souveränität gedachte das irakische Militär mit einem glanzvollen Blitzkrieg auszubügeln. - Nach 3 Jahren Krieg sind die Finanzen des Irak am Ende; und von der angestrebten Rolle einer Führungsmacht ist er weiter denn je entfernt. 3 Kriegsjahre haben bewiesen: Das Vorhaben eines beschränkten Ölsouveräns, ein Staat mit Geltung und Einfluß zu werden, läuft ohne äußere Unterstützung aus eigener Machtvollkommenheit nicht; und das heißt: Es läuft nicht ohne eine ordentliche Aufgabe des Imperialismus für diesen Staat; einen Auftrag, der ihn unentbehrlich und der westlichen Waffenhilfe würdig macht. Und dazu hat der Westen sich nicht verstanden.

Der Iran

hat sich mit dem Volksaufstand gegen den Schah von seiner Rolle als prominenter Stützpunkt und Geschäftsfreund des Westens losgesagt und das Ideal eines islamischen Antiimperialismus ins Weltgeschehen eingebracht. Der Überfall des Irak kam den regierenden Mullahs so, zumindest im Nachhinein besehen, durchaus nicht ungelegen: Sie nahmen ihn als Chance, ihrerseits unter Einsatz sämtlicher einschlägiger mohammedanischer Phrasen - "Heiliger Krieg gegen die Ungläubigen und Abtrünnigen" usw. - den Anspruch auf eine regionale Führungsrolle praktisch anzumelden. Deshalb haben sie nach der Zurückschlagung der irakischen Truppen nicht Schluß gemacht, sondern den Krieg zur Dauerbeschäftigung ihrer "revolutionierten" gläubigen Massen ausgestaltet. Nach dreijähriger Schlächterei - irgendwas muß an den aberwitzigen Erfolgsmeldungen über feindliche Menschenverluste ja dran sein - ist der Iran zwar nicht pleite; gemessen an dem Projekt eines antiimperialistischen islamischen Staatenblocks sind die hunderte Öl-Milliarden für den Krieg gegen den "Teufel" in Bagdad allerdings wirkungslos verpulvert. Selbst für den Iran liegt eine erfolgreiche Beendigung des Krieges nicht im Rahmen seiner souveränen Möglichkeiten - da brauchen noch nicht einmal die westlichen Aufpasser eine Kapitulation des Irak abzuwenden.

Der Krieg

geht also mit wechselseitiger Schädigung der feindlichen Nachbarn Monat für Monat seinen Gang - und gerade das, sein Stattfinden, nicht sein abschließendes Ergebnis, findet die Freie Welt ganz offenkundig nicht schlecht. Zwei im Westen wenig beliebte Mitglieder der Völkerfamilie arbeiten sich da blutig und kostspielig aneinander ab und räumen so gegeneinander jede Störung aus, die von ihnen für die Weltordnung hätte ausgehen können und sollen. Dem Irak ist jede Aussicht zerstört, zu einer dank sowjetischer Unterstützung autonomen Vormacht am Golf zu werden. Die "islamische Revolution" ist mit ihrem kämpferischen Elan in der glücklichsten Weise kanalisiert und eingedämmt: Statt zersetzend auf die Golfstaaten einzuwirken, steht sie am Schatt-el-Arab an der Front. Ein paar begeisterte Schiiten, die mit etlichen Zentnern Sprengstoff und einem Lastwagen selbstmörderische Anschläge verüben: Darauf hat die "Sprengkraft" der islamischen Umwälzung und ihres "Heiligen IKriegs" sich außerhalb der iranischen Landesgrenzen reduziert.

Das Kriegsergebnis

darf deswegen noch auf sich warten lassen; denn in einer Hinsicht steht es jetzt schon fest: Für die imperialistischen Ordnungsinteressen der Freien Welt wird die Lage auf alle Fälle bequemer zu handhaben und unter Kontrolle zu halten sein als vorher. Schon kommen ja die traditionsreichen Geschäftsbeziehungen der BRD zum Land der "fanatischen Mullahs" wieder in Schwung; und die Aussichten sind rosig, seit ein strenggläubiger Handelsausschuß ausgerechnet die Bonner Republik auf die Liste der "uneigennützigen Länder" gesetzt hat, die nnan durch Großaufträge und Ölmilliarden beglücken will. Die USA knüpfen auf ihre Weise - Denunziation noch unerledigter kommunistischer Funktionäre durch amerikanische Geheimdienstbehörden bei den persischen IKollegen - produktiv an die gemeinsame christlich-mohammedanische Gottgläubigkeit an und restaurieren stückchenweise die antisowjetische Front. Frankreich nimmt sich derweil in schöner innerwestlicher Arbeitsteilung des Öls, der Schulden und des Waffenbedarfs des Irak an; und in Syrien verfügen USA und Irak schon mal über einen gemeinsamen Feind - so was ist doch ausbaufähig.

Auf diese Weise werden bereits für die Zeit nach einem Friedensschluß die dann maßgeblichen Frontlinien festgelegt.