EIN ITALIENISCHES ATTENTAT MIT ITALIENISCHEN REAKTIONEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

EIN ITALIENISCHES ATTENTAT MIT ITALIENISCHEN REAKTIONEN

Die Empörung der italienischen Öffentlichkeit über den faschistischen Bombenanschlag im Bahnhof von Bologna, bei dem über 70 Menschen getötet und fast 200 verletzt wurden, hat sich in nationalen Protestveranstaltungen vorgetragen, bei denen Millionen Italiener die Wut auf die faschistischen Attentäter zum Anlaß nahmen, ihr Mißtrauensvotum gegen ihren Staat abzugeben.

Da wurde nicht die verlogene Uminterpretation in einen Anschlag auf die "zuständigen" Sachwalter der Demokratie vorgenommen, sondern gegen die Politik des Landes protestiert. Angefangen vom Vorwurf gegenüber der öffentlichen Gewalt, dem faschistischen Terror gegenüber zu versagen,

"Wut über die Ohnmacht, die Unfähigkeit des Staates",

über die Feststellung "einer Situation der nationalen Schande", bis zur Verdächtigung des Staates, die faschistischen Gruppen zu tolerieren, wenn nicht gar mit ihnen zu kollaborieren. Nicht die Regierung oder die Parteien, sondern die Gewerkschaften erließen den Aufruf zu öffentlichen Kundgebungen und zum Generalstreik, den Millionen befolgten, um mit der Verweigerung ihrer Pflichterfüllung ihre Unzufriedenheit mit der Staatsgewalt zu dokumentieren, die als unfähig, korrupt und mit den Faschisten paktierend angegriffen wird.

Die Bevölkerung als Trauergemeinde gegen den Staat

Den Politikern wird in Italien also durch aus das Recht bestritten, den Anschlag zur moralischen Legitimation ihrer Gewaltausübung zu benutzen, um sich vom Volkszorn den Auftrag zur Fortsetzung ihrer Politik erteilen zu lassen. Im Mißtrauen gegen die offizielle Gewalt organisiert sich die Bevölkerung als Trauergemeinde; das Volk beharrt auf seiner Rechtschaffenheut um Gegensatz zu den Staatsagenten; und die Mehrzahl der Angehörigen der Bombenopfer weigert sich, am offiziellen Staatstrauerakt teilzunehmen:

"Die Familien der übrigen 70 bei dem faschistischen Bombenattentat getöteten Personen wollten nicht, daß an ihrem Schmerz die Staatsgewalt und die politischen Führer teilnehmen."

"Die Toten sagen nein zum Staat."

Leider trägt sich die Weigerung, die Toten als Material staatlicher Propaganda ausschlachten zu lassen, im Namen einer sehr staatsbürgerlichen Kritik vor:

"Keine Schwachköpfe hinter dem Sarg meiner Schwester!"

Die italienischen Bürger nehmen sich die Freiheit, eine schlechte Meinung von ihren Regierenden zu haben und ihnen demgemäß die moralische Beweihräucherung zu versagen - eine schlechte Meinung allerdings, die sich nicht einfach daran bemißt, welche Lebensbedingungen ihnen deren Politik beschert; in Italien gibt es den Maßstab einer integren Staatsgewalt, einer, die 'wirklich' auf seiten ihres Volkes stehen müßte und deren Agenten nicht durch Betrug, Korruption und anrüchige politische Machenschaften ihr Amt mißbrauchten.

Mit dieser schlechten Meinung, die das Volk über sie hat, lassen es sich allerdings die Parteien gut gehen. Nicht erst anläßlich terroristischer Untaten bemerken sie, daß sie die mißtrauische Distanz des Bürgers in ihre öffentliche Berechnung und ihren Umgang mit der Stimmung im Land einbeziehen müssen.

Zwei Varianten der "nationalen Erneuerung"

So wird mit den Respektlosigkeiten und dem dauernden öffentlichen Gemosere über unfähige, unwürdige und korrupte Politiker werbewirksam kalkuliert, worin die KPI schon seit Jahrzehnten der unbestrittene Meister ist. Sie beschwört mit einigem Erfolg einen von privatem Mißbrauch gereinigten Gebrauch der Staatsgewalt - eine Idee, die auch Faschisten einzusetzen wissen, wenn sie ihren Auftrag zur "nationalen Erneuerung" zum Kampfprogramm innerhalb des demokratischen Spektrums machen. Auch sie verabscheuen vor allem eines: daß die Ausübung der Regierungsgewalt wechselnden Koalitionen und den jeweiligen Kalkulationen des Parteienklüngels anvertraut wird und legen dies dem italienischen Staat als Schwäche aus. Und diese als Schwäche mißverstandene Erledigung aller Staatsnotwendigkeiten - für die Inszenierung einer ordentlichen Ausbeutung und die Regelung der damit anfallenden Kollisionen tut der italienische Staat wirklich alles, was in seinen Kräften steht -, beweist sich für die Faschisten unwiderleglich in der Betätigung der Kritik am Staat, wie sie die linken Organisationen praktizieren. Daß das kommunistisch regierte, "rote" Bologna, als Ort des Attentats ausgewählt wurde, daß innerhalb der staatlichen Behörden Anhänger der faschistischen Politik ihre Komplizen decken und die Strafverfolgung auf linke Gruppen umlenken, ist die faschistische Konsequenz der Kritik am 'wehrlosen' Staat, die die Bestrafung der Volksschädlinge in die eigene Hand nimmt. Komplementär zur moralischen Verachtung, die das Volk den Staatsagenten entgegenbringt, verachten die Faschisten das Volk als würdelose, egoistische Masse, die für ihre eigentliche Berufung als Staatsvolk -nichts taugt.

"Gegen eine Welt von Ratten steht ein Volk: von Wölfen",

nämlich die Nation, wie sie Faschisten gegen den Parteienschacher und gegen die linke kritische Volksmeinung repräsentieren. Als faschistische Partei im Parlament - der Movimento Sociale Italiano (MSI) hat immerhin 5,3% der Stimmen hinter sich -, also als demokratisch anerkannte Alternative zur DC-Herrschaft, und als terroristische Untergrundorganisationen, die privat die "gerechte" Gewalt gegenüber Kommunisten und unbotmäßigem Volk exekutieren, erheben die Faschisten Anspruch auf die Übernahme der Staatsgewalt, die in ihren Augen versagt, weil sie nicht die bedingungslose Zustimmung ihrer Bürger zu aktivieren oder zu erzwingen versteht.