EIN INSTITUT EROBERT DEUTSCHE GESCHICHTE ZURÜCK

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1990 erschienen.

Martin Broszat. Quintessenz eines reichen Forscherlebens
EIN INSTITUT EROBERT DEUTSCHE GESCHICHTE ZURÜCK

Martin Broszat sah seine Lebensaufgabe darin, den Deutschen die 12 Jahre NS-Herrschaft als "Teil deutscher Geschichte zu eigen" zu machen. Mit diesem Programm und seinem vielbeachteten ersten Meilenstein darin - "Der Staat Hitlers" - profilierte er sich als der richtige Vorstand für das Institut für Zeitgeschichte, dessen Aufgabe und Daseinszweck darin besteht, "dem schwierigen Umgang mit unserer Geschichte" eine Orientierung zu geben.

Mit der Einsicht, "daß die 12 Jahre nicht darin aufgehen, die unmenschlichen Gedanken, Absichten und Taten der Nazis zu beschreiben", schritt Broszat der Forschung voran und betrachtete die Sache "differenzierter". Unter seiner Leitung widmete sich ein ganzes Institut der Aufgabe, "diese 12 Jahre wieder einzusetzen in die Würde einer eigenen Geschichtlichkeit und sie nicht auszuklammern als Wegwerfware, deren wir uns nur schämen" (Interview im Bayerischen Fernsehen).

Gegen den nationalistischen Konsens der Nachkriegshistoriker, das 3. Reich als schlechte deutsche Vergangenheit so zu "bewältigen", daß man es gleich aus der Tradition des historischen Werdegangs Deutschlands aussortiert, setzt Broszat einen Konter. Einig ist er sich mit seinen Kollegen, daß der Faschismus nicht das war, was er war, sondern in jedem Fall seinen Sinn für die nachfolgenden Generationen hatte. Der aber soll nicht in etwas schlechterdings Negativem bestehen, im Vorwurf des Verbrecherischen und Undeutschen. Broszat will es nicht bei der üblichen Tour belassen, dem Nationalsozialismus (im folgenden abgekürzt als NS) all das abzusprechen, was ein Staatswesen in den Augen guter Deutscher zu einem ehrenwerten Stück ihrer Tradition macht: den Charakter eines anständigen Staates, der sich nach innen auf ein gehorsames Volk stützen kann und nach außen das berechtigte Anliegen der Stärkung seiner Macht verfolgt. Zwar versteht er sich auf die gängige Übung, die faschistische Herrschaft an diesen Maßstäben zu messen und sie wegen ihres mangelnden Erfolges an ihnen scheitern zu lassen, durchaus auch. Doch gerade unter diesem Blickwinkel besehen sucht und findet er gute Gründe, die den NS als gar nicht so verwerfich erscheinen lassen, wie entnazifizierte Deutsche es immer verstehen sollten. Er entdeckt in der Zeit des 3. Reiches Traditionen einer guten deutschen Geschichte, an die der Nachfolgerstaat anknüpfen kann, gute Eigenschaften, die schon immer bei der Verurteilung des NS entdeckt worden sind: Immerhin hat das 3. Reich das "Weimarer Chaos" beendet und danach eine Zeitlang Bestand gehabt. Immerhin war es ein gerechtes Anliegen der Deutschen Nation, die "Schmach von Versailles" tilgen zu wollen. Und überhaupt war das deutsche Volk besser als sein Führer.

Staat und Bewegung tun sich zusammen: Das Dritte Reich etabliert sich auf einem Antagonismus

"Der Erfolg des Umsturzes der Weimarer Republik wie der Etablierung des Hitler-Regimes war wesentlich erst der Kollaboration zwischen den konservativen Gegnern der Demokratie und der nationalsozialistischen Massenbewegung zuzuschreiben." (S.423)

Weimar unterlag also einer ganz ungewöhnlichen Koalition, denn Anhänger eines wegen seiner Nichtverankerung bei den Massen "nicht länger lebensfähigen autoritären Obrigkeitsstaates" und eine Massenbewegung ohne Staatsmacht standen zusammen und setzten die Demokratie ins Aus. Broszats erster Merksatz, daß der NS aus eigener Kraft nicht an die Macht gekommen war, ist nicht etwa Auftakt, sich das behauptete Benutzungsverhältnis näher anzuschauen. Gegen die Demokratie zu sein, ist für ihn der prägnante Nenner dieser Koalition, der jeden Blick auf die von ihm qua Koalition als unterschiedlich behauptete Demokratiekritik der "Kollaborateure" erübrigt. Broszat geht es nämlich um eine Bewertung der "ungleichen Partner". So identisch die als Mörder der Demokratie sind, so "antagonistisch" sollen sie sonst sein.

"Die weitere Entwicklung zeigte allerdings schnell die Gegensätzlichkeit dieser ungleichen Elemente und Partner. Insoweit ist die idealtypische Unterscheidung zwischen autoritärer und totalitärer Herrschaft wohlbegründet. Aber der Versuch, diese antagonistische Verbindung dennoch zustande zu bringen, und das bis etwa 1937/38 andauernde faktische Gleichgewicht zwischen den autoritären, ordnungsstaatlichen Stabilisierungsfaktoren und den totalitären nationalsozialistischen Bewegungskräften haben gleichwohl konstitutive Bedeutung für das Dritte Reich gehabt und überhaupt erst die Konsolidierung des Hitler-Staates ermöglicht. Erst auf der Basis dieser Stabilisierung konnte es zu der späteren Machtexpansion und Radikalisierung kommen, die vom zunehmenden Übergewicht der totalitären Kräfte des Regimes bestimmt wurde." (S.424)

Da ist der eine Gegner der Demokratie "konservativ", "ordnungsstaatlich" und "stabilisierend", also staatstreu und insofern nur "autoritär", der NS hingegen, dazu prinzipiell im Gegensatz stehend, verstößt dauernd qua Bewegung gegen Staatsideale wie Ordnung und Stabilität und ist so betrachtet zutiefst antistaatlich. Daß auch der NS im Besitz der Staatsmacht sich auf die Zustimmung des Volkes berufen und gestützt hat, will sich Broszat nur als widersprüchliche Koalition von Antipoden erklären. Wo die "autoritären" Kräfte den Staat pur ohne die Zustimmung des Volkes repräsentieren, will er ausgerechnet im NS gleich gar nichts anderes als eine umstürzlerische Massenbewegung ohne jedes staatliche Ordnungsprogramm sehen. Gerade so, als habe der NS nicht für ein alternatives Staatsprogramm agitiert, in dem das Volk für die Anliegen der Nation einzustehen hat, sieht Broszat ihn als Volksbewegung ohne nationalistische Ambition. Die hält er für "totalitär", "idealtypisch" betrachtet. Jeder staatlichen Zwecksetzung beraubt, steht der NS dann im "antagonistischen Gegensatz" zu den bloß "autoritären", weil staatstreuen Partnern beim Aushebeln der Demokratie. So erklärt Broszat die faschistischen Staatsfanatiker für unfähig, Staat zu machen, um dann ihre Verbindung mit den "autoritären" Kräften als die historische Konstellation herauszustellen, die sie dennoch an die Macht gebracht habe. Der Logik des normalen opportunistischen Alltagsverstands entsprechend, dem der Erfolg einer Herrschaft auch schon als eister schlagender Beweis ihrer Güte gilt, stellt Broszat klar, daß bei einer nicht genehmen Herrschaft wie den Nazis dieses "Argument" nicht zieht. Daß die die Macht eroberten, soll nicht als ihre "Leistung" zählen.

Überhaupt: Solange noch ein "Gleichgewicht" mit den "autoritären" Partnern, also gerade noch nicht "Totalitarismus" waltete, solange ein "Dualismus zwischen 'Bewegung' und Regierungsdiktatur", ein "rivalisierendes oder supplementäres Nebeneinander separater Staats- und Partei-Dienststellen" (S.415) herrschte, kann Broszat der NS-Herrschaft, gerade weil sie eigentlich ja noch gar nicht richtig existiert, durchaus auch Gutes abgewinnen:

"Die Verbindung des autoritären Regierungssystems mit der Massenbewegung des Nationalsozialismus schien trotz zahlreicher Friktionen in wesentlichen Punkten geglückt, damit aber auch die Unzulänglichkeit des obrigkeitsstaatlichen Systems überwunden. ... Hitlers 'Propaganda' hingegen, aber auch der Leistungswettbewerb und die allein schon durch das Netz der Parteigliederungen gewährleistete größere Durchlässigkeit der bisherigen Trennwände zwischen den sozialen Gruppen" (so hört sich Gleichschaltung positiv an) bewirkten, daß der Volksgenosse auf emotionalem Wege jene Identifizierung mit dem Ganzen zu vollziehen begann, die ihm als Staatsbürger in der Weimarer Republik mit Vernunftgründen vergeblich zugemutet worden war. " (S. 427 f.)

Ausgerechnet mit der ansonsten als Ingredienz "totalitärer" Herrschaften verachteten "Gleichschaltung" verschaffte Hitler dem Staat eine Vertrauensbasis im Volk, und für diese Herrschaftsleistung gebührt ihm - zumal Weimar angeblich am verstockten deutschen Volk gescheitert war, das keine ordentlich demokratischen Mehrheiten gewählt hat - Broszats Respekt. Inwiefern der Staatsbürger der Weimarer Republik den "Vernunftgründen" nicht zugänglich gewesen sein soll und ob er vielleicht vernünftige Gründe gegen eine solche Identifizierung vorbrachte, diese Frage stellt sich einem Wissenschaftler gar nicht erst, für den der Untertan - systemmäßig gedacht nur eine Funktion hat, nämlich Mittel der Macht zu sein. Gerade so sah das Hitler auch und meinte, er müsse als "Gegenleistung" für solchen umfassenden Dienst an der Nation anbieten, was die Weimarer Demokratie, offenbar nicht glaubwürdig genug, auch versprach: den Erfolg dieser Macht. Der schien den Bürgern damals mit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft besser garantiert als in der Weimarer Demokratie. Daß das eine "emotional", das andere hingegen "vernünftig" gewesen wäre, glaubt Broszat auch nur, weil er am NS die Leistung bewundert, daß er das deutsche Volk so funktionell für die Macht hingekriegt hat, gleichzeitig es aber eine Leistung des NS war, weswegen "Vernunftgründe" für ihn nicht sprechen können. Gerade so als hätten sich die agitierten Volksgenossen nicht mit und wegen der nationalsozialistischen Ziele mit dem NS-Staat identifiziert, dividiert Broszat die Zustimmung "zum Ganzen" und deren Inhalt auseinander. Unter dem Gesichtspunkt einer funktionierenden Herrschaft betrachtet, findet Broszat "den Staat Hitlers" bis ca. 1938 also recht gelungen, aber da soll er ja auch noch ncht "der Staat Hitlers" gewesen sein. In dem Maße, wie der seinen "totalitären" Charakter entfaltete, ging es mit dem deutschen Staat bergab.

Bewegung frißt Staat auf: Das Dritte Reich havariert

"Eine längere Dauer der relativen Stabilitat des 1937 erreichten Verfassungszustandes wäre gleichbedeutend mit weiterer Verfestigung, Bürokratisierung und Normierung des Regimes gewesen und hätte damit - das erfaßte Hitler instinktiv richtig - die nationalsozialistische Bewegung (und die Stellung des charismatischen Führers) grundsätzlich in Frage gestellt." (S.440)

Warum muß eine Bewegung als Gegensatz zum Staat erhalten werden, wenn man in diesem doch deren Ziele realisieren kann, weil man die Macht dazu hat? Warum muß der Führer um seinen "Absolutismus" bangen, den er doch zuvor so glücklich mit dem "obrigkeitlichen Staat" verbunden und dem damit eine plebiszitäre Grundlage verschafft hat? Warum muß die gerade dadurch, daß der Führer unbestritten höchste Staatsautorität ist, verlustig gehen? Weil Broszat mit seinem erfundenen Antagonismus von "autoritär" und "totalitär" den NS von Anfang an so definierte: als gänzlich unpolitische Volksbewegung ohne jede Orientierung an einem staatlichen Ziel. Dann leuchtet natürlich auch der Umkehrschluß ein, daß jedes Staatsprogramm, und sei es noch so faschistisch, weil es die Massen dafür verbraucht, solch einer zwecklosen Bewegung um ihrer selbst willen widerspricht. Insofern kann es diesem "Totalitarismus" von unten wirklich kein Staat recht machen. Ihm dennoch im Staat Geltung zu verschaffen, muß umgekehrt zwangsläufig den Staat zerstören. In dem Moment, wo die Nazis ihren wahren "totalitären" Charakter verwirklichten, war daher das Schicksal der Nation besiegelt. Das leitet Broszat - ohne auch nur einen äußeren Feind - ganz immanent aus dem Herrschaftssystem des NS ab.

Um die Bewegung in Schwung zu halten,

"mußte der Führer der NS-Bewegung einige unverrückbare 'Ideen' vorweisen können, die in positiver und negativer Richtung die Utopie der nationalen und sozialen Erneuerung... ausdrückten. Diese mußten so geartet sein, daß... eine Zersplitterung vermieden wurde. Diese Bedingungen erfüllten die Fixpunkte der persönlichen Weltanschauung Hitlers. Antisemitismus und Antibolschewismus..."

"Das bedeutete aber zugleich, daß die bisher nur demagogischen Antigefühle und -ideologien nunmehr institutionalisiert und damit systematisiert und perfektioniert wurden. Auch gerade dies war eine der Folgen der Verquickung der Weltanschauungsbewegung des Nationalsozialismus mit den Strukturprinzipien autoritärer obrigkeitsstaatlicher Organisation.... Wenn aber die praktische (nicht nur propagandistische) Aktivität der Weltanschauungsbewegung des Nationalsozialismus fast ausschließlich auf diese negativen Ziele festgelegt war, dann war weitere Bewegung nur noch in der Form der fortgesetzten Verschärfung der gegen Juden, Geisteskranke, Asoziale etc. gerichteten Maßnahmen denkbar. In der Diskriminierung konnte es jedoch keinen unendlichen Progressus geben. Infolgedessen mußte hier die 'Bewegung' schließlich in der physischen Vernichtung enden. ... Hier wie in der Verfolgung des irrationalen Lebensraum-Endzieles in der Außenpolitik war die NS-Führung außerstande, die Konsequenzen ihrer Dynamik zu reflektieren." (s. 436 f.)

Letzteres ist schlicht gelogen. Schließlich hatte Hitler seinen Antisemitismus wie auch sein Lebensraumprogramm lange vor der Machtergreifung aufgeschrieben. Aber unter einem systemkritischen Gesichtspunkt verdreht sich eben alles: Was längst beschlossene Sache und oberster Zweck des Dritten Reiches war, 'Lebensraum' im Osten, Reinigung des Volkskörpers von 'inneren Feinden' wie Juden und anderen undeutschen Elementen, wird in der Theorie zum zufällig passenden Mittel einer Herrschaft, welche außer sich selbst kein Ziel haben soll. Wegen des schieren Erhalts seiner Machtstellung muß der Führer der Bewegung hinterherhecheln, nur damit die hinter ihm herläuft. Als Aufputschmittel für die Bewegung dienen ihm Antisemitismus und Antibolschewismus, die, so betrachtet, 'bloße' Privatideologien zum Zwecke der Massenbetörung, keinesfalls aber nationales Programm sind. Sie dennoch zum Staatsprogramm erhoben zu haben, wo sie laut Broszat als "Weltanschauung" nichts verloren haben (auch wenn ihr Inhalt sich auf gar nichts anderes als auf die Säuberung der Nation von ihren angeblichen inneren Feinden und auf die Bekämpfung der äußeren Feinde bezieht), führte die Juden in die Gaskammern und die Nation in den Krieg. Insofern beides dem Selbstlauf solcher Herrschaftstechnik geschuldet war, kann Broszat eine "planvolle Überlegung und Vorbereitung des Handelns auf das Endziel hin in der praktischen Politik nicht recht feststellen" (S. 407): Eine Bewegung, deren ganzer Sinn in ihrer weiteren Bewegung liegt, diese "Hitlerbewegung" im wortwörtlichen Sinn unterhalten zu müssen, war Sachzwang des Systems und führte letztlich die Nationalsozialisten wider Willen zu den "NS-Verbrechen" und zur "Katastrophe". Es zeichnete sich nämlich die "zunehmende Auflösung des staatlichen Charakters des Regimes" ab; die ständige Bewegerei "zerstörte zunehmend diese rationale Gesamtorganisation der Herrschaft", das "institutionelle Gestrüpp des Regimes" vergrößerte sich. "Die Improvisation wurde zur Nemesis." (S. 438 f.) Die

"Akkumulation der Gesetzlosigkeit und Gewaltanwendung während des Krieges basierte nicht auf einem Regime totaler Machtkonzentration. Sie vollzog sich vielmehr unter der Bedingung progressiver Machtaufteilung, einer zunehmend atomisierten, jeder Gesamtkoordination und RegeIhaftigkeit entzogenen Verselbständigung partikularer Machtapparate." (S. 439 f.) Die "Verbrechen" des Nationalsozialismus konnten überhaupt nur passieren, weil der Staat ausgeschaltet wurde, lautet Broszats kühne Behauptung. Offenbar glaubt dieser wissenschaftliche Geist so unerschütterlich an die segensreiche Wirkung uneingeschränkter staatlicher Souveränität, daß er sich solche, für heutige Augen unerfreulichen staatlichen Praktiken nur als Folge mangelnder Souveränität bis hin zu deren Ausschaltung vorstellen kann.

"Daß der Staat Hitlers auf diese Bahn der progressiven Radikalisierung geriet, sich gleichsam zur Kampfbewegung zurückentwickelte, deren kümmerliches Ende dem kümmerlichen Anfang der NS-Bewegung seltsam verwandt erscheint, war nicht zwangsläufig. Als Alternative der fortgesetzten Radikalisierung, die zugleich Selbstzerstörüng bedeuten mußte, hätte sich 1937/38 nur die Rückentwicklung zu einem mehr oder weniger konservativ-autoritären System alter Prägung geboten. ... Sie hätte die grauenhafte Perversion der irrationalen Gewaltanwendung verhindern, den Rechtsstaat und die Geltung der humanitären Grundsätze wiederherstellen und damit die deutsche Nation vor dem Schlimmsten bewahren können." (S.440 f.)

Bis kurz vor dem Krieg befindet Broszat den Nazistaat für ganz o.k., was er systemkritisch mit dem bis dahin tobenden Kampf zweier Linien begründet. An dem mit dem Krieg angezettelten Ende des Dritten Deutschen Reiches möchte er die eine, prostaatliche Linie nicht mehr beteiligt sehen, dieses Verdikt soll ganz unter- die Regie der nun erst voll entfalteten "totalitären Bewegungskräfte" fallen, deren erstes Opfer der Staat wurde. Gerade weil der Staat ausgeschaltet war, konnte, ja mußte es zu dem "Schlimmsten" kommen.

Die Botschaft dieses Forschungsberichtes war durchaus zeitgemäß. Die damals gängige Tour der Warnung vor "faschistoiden Tendenzen" in der Bundesrepublik beantwortet Broszat mit dem Rezept: Nur ein stabiler Staat kann die Nation vor solchem Unheil wie Faschismus bewahren. Insofern war das Buch eine gelungene Einmischung in die damals gerade von den 68ern angezettelte Debatte darüber, ob die BRD nicht eigentlich eine Restauration des alten Reiches sei - sie habe nämlich mit ihrer NS-Vergangenheit gar nicht richtig gebrochen, es gebe vielmehr personelle und strukturelle (liberal-kapitalistische) Kontinuitäten. Das weist Broszat energisch zurück:

"Diese Kontinuitäts- und Orientierungslosigkeit, die nur den Rückgriff auf die Weimarer Zeit oder auf die Vorbilder des Auslandes zuließ, gehört zu der lastenden Hypothek, die der Nationalsozialismus hinterließ. In den zahlreichen Äußerungsformen gestörten nationalen und politischen Selbstbewußtseins ist sie noch täglich in unserer Gegenwart spürbar." (S.442)

Sich nicht umstandslos zur BRD zu bekennen, ist erstens "gestörtes Bewußtsein" und zweitens die "eigentliche Hypothek" des Nationalsozialismus, denn zu dessen künftiger Verhinderung braucht es, so die Quintessenz zeitgeschichtlicher Forschungen, ja nichts mehr als einen intakten Staat, der im ungestörten Vertrauen seiner Bevölkerung seine Massenbasis hat. Dann hat eine "Bewegung" auch keine Chance mehr.

Besagte "Hypothek" des NS abzutragen, indem man "Kontinuitäten' auch im NS zutage förderte, darin sah Brozat, nun Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, sein weitere Forschungsaufgabe.

"Bayern in der NS-Zeit": Ein Volk blieb resistent

Nach erfolgreicher Ehrenrettung deutscher Staatlichkeit widmete sich das Institut in der vierbändigen Studie über "Bayern in der NS-Zeit" dem Material dieses Nicht-Staates, dem Volk. Und siehe da, so die gar nicht überraschende Quintessenz dieser Studien, das deutsche Volk erwies sich in seiner bayerischen Musterausgabe als viel "resistenter", als man bisher dachte.

Widerstand - neu definiert

"Wenn - gerade auch dwch die hier vorgelegten Untersuchungen - erneut deutlich wird, daß der aktive, fundamentale Widerstand gegen das NS-Regime fast überall vergeblich geblieben, dagegen -wirkungsvolle Resistenz in den verschiedenen politisch-gesellschaftlichen Sektoren der deutschen Bevölkerung vielfältig zu registrieren ist, so scheint uns dies ein Befund, der allein schon zum Nachdenken über die Prämissen des Widerstandsbegriffs veranlaßt." (S. 698)

Eine erlesene Blüte opportunistischen Geistes: Widerstand wird erst gar nicht über seinen Grund und Zweck, sondern über seinen Erfolg definiert, und weil der dem "aktiven Widerstand" versagt blieb, sucht sich der Mann der Wissenschaft einen, wo die Wirkung garantiert ist, weil sie eh nur in seiner Phantasie existiert, dort allerdings wissenschaftlich abgesichert. Auf der Suche nach "dem 'Konflikt' zwischen dem Durchsetzungswillen des NS-Regimes und bemerkbaren, wirksamen Gegenkräften", erfindet er einen neuen Begriff:

"'Resistenz' bedeutet ganz allgemein: Wirksame Abwehr, Begrenzung, Eindämmung der NS-Herrschaft oder ihres Anspruchs, gleichgültig von welchen Motiven, Gründen oder Kräften her. Solche 'Resistenz' konnte begründet sein in der Fortexistenz relativ unabhängiger Institutionen (Kirchen, Bürokratie, Wehrmacht), der Geltendmachung dem NS widerstrebender sittlich-religiöser Normen, institutioneller und wirtschaftlicher Interessen oder rechtlicher, geistiger, künstlerischer o.a. Maßstäbe; wirksame Resistenz konnte Ausdruck finden... auch in der bloß inneren Bewährung dem NS widerstrebender Grundsätze und der dadurch bedingten Immunität gegenüber nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda." (S.697)

Der Mann ist konsequent, das muß man ihm lassen. Weil er von einem prinzipiellen Gegensatz eines ordentlichen, nicht mal notwendig demokratischen Staates zum Faschismus ausgeht, leitet er alles, was es an Institutionen und gültigen Prinzipien vorher und nachher auch gab und gibt, als schlicht antinationalsozialistisch ab. Dem Volk eröffnet Broszat mit der Unterstellung der schieren Gegensätzlichkeit eines normalen Alltagslebens zum Faschismus ein wahrhaft weites Feld für resistentes Verhalten. Wenn es vor, während und nach dem Faschismus weitgehend das Gleiche gemacht hat, nämlich den verlangten Pflichten nachgekommen ist und den jeweiligen Führern gehorcht hat, ist diese erwiesene Treue gegen den Staat ein einziger Beleg dafür, erfolgreich dem Bazillus faschistischer Ideologie widerstanden zu haben. Insofern Widerstand hauptsächlich auf dem Feld der geistigen Reserviertheit stattfand, mehrt das die Anzahl der Widerständler beträchtlich. Solche waren, wenn man das Feld der Forschung ganz auf das Privat- und Innenleben der Leute verlegt und dem stinknormalen Staatsbürgeropportunismus verständnisheischend nachhechelt, eigentlich so ziemlich alle. Da sind die einen ganz normal zur Arbeit oder zur Sonntagsmesse gegangen, obwohl doch Hitler an der Macht war; Beamte haben sich, dem Tausendjährigen Reich zum Trotz, strikt an Vorschriften und Dienstweg gehalten; wieder andere haben an der Front tapfer ihren Mann gestanden fürs Vaterland, obwohl die Befehle aus dem Führerhauptquartier kamen; die Dichter haben gedichtet, die Bäcker haben sich durch die Hitlerei nicht vom Semmelbacken abbringen lassen... Kurz: Jeder hat getan, was er seinem Stand schon immer schuldig war.

Solche Zurückweisung der Theorie von einer totalen Beherrschung der Gesellschaft offenbart, daß man ziemlich total auf sie hereingefallen ist. Denn nur, wenn man selbst das faschistische Ideal der Volksgemeinschaft so radikal zuende denkt, daß man sich das Volk nicht mehr als berechnende Untertanen, sondern als lauter fanatische Kämpfer für das faschistische Staatsprogramm vorstellt, nur dann wird aus jedem Stammtischbruder, Kirchgänger, intellektuellen Humanisten, ja eigentlich aus jedem, der wie immer seiner "normalen Tätigkeit" nachgeht und damit dem Staat dient, wegen "wirksamer Herrschaftsbegrenzung" ein 'Resistenter'.

"Die systematische Untersuchung der Konfliktzonen des Dritten Reiches zeigt, daß Teilopposition, ihre Verbindung mit zeitweiliger oder partieller Regime-Bejahung, daß das Neben- und Miteinander von Nonkonformität und Konformität die Regel darstellten. Die Irrungen und Wirrungen, durch die hindurch Einzelne oder Gruppen hier und dort zu einer oppositionellen Einstellung und Haltung gelangten, bedeutet nicht an sich schon eine mindere Qualität." (S. 699)

Ganz im Gegenteil. "Mitläufertum" - in der Logik der Vergangenheitsbewältigung bis dato der zwar irgendwo verständliche, aber nichtsdestotrotz nicht ganz astreine Charakterzug bei den Massen, der falschen Herrschaft gedient zu haben - erscheint so gesehen in einem neuen, besseren Licht. Schließlich ist es nur die eine Seite neben der anderen, nämlich an einem x-beliebigen Eck eines Lebensalltags ein Fitzelchen "Nonkonformität", vielleicht einen Führerwitz am Stammtisch, zu leben. Ist nicht überhaupt das Mitläufertum unausweichliche Voraussetzung, um sich solche "Nonkonformitäten" überhaupt leisten zu können?

So läßt sich das "dunkelste Kapitel deutscher Geschichte" als demokratisches Heldenepos schreiben: Böse Herrschaft führt erfolglosen Dauerkampf gegen unbeugsames deutsches Volk, das gut und sauber bleibt, indem es nichts anderes tut als das, was damals verlangt war. Und auch die Geschichte des "Widerstands" läßt sich neu schreiben. Die nationalistischen Kreise in Armee, Studentenschaft und Kirche, die in Hitler spätestens nach Stalingrad einen Verräter an der nationalen Sache ausmachten, und darüber in den Augen der späteren Historiker in den Rang der besseren Deutschen gerieten, erscheinen jetzt als Speerspitze einer Volksbewegung resistenter Bürger: Ihr "Widerstand" war nicht alternativer Nationalismus, erst recht nicht politisch berechnend, sondern Ausdruck der unbeugsamen Haltung von Persönlichkeiten. Anders steht es dagegen mit der massenhaften Gegnerschaft deutscher Kommunisten gegen den NS, die bürgerlichen Historikern schon immer als eine zweifelhafte Sache erschienen ist. Laut Broszat handelt es sich bei deren Kampf gegen Hitler gar nicht um Widerstand, sondern um eine durch und durch zwiespältige Angelegenheit.

Kommunishscher Widerstand minus Kommunismus ist gleich "Resistenz"

Weil der kommunistische Widerstand "anders als z.B. bei Gruppierungen wie der Weißen Rose politisch" geführt wurde, d.h. "einer auf politische Wirkung bedachten Partei-Strategie" folgte, fällt er erstmal raus aus der Resistenz.

"Infolgedessen läßt sich im Namen der Kommunistischen Partei auch nicht so ohne weiteres geltend machen, was der einzelne kommunistische Widerstandskämpfer durchaus in Anspruch nehmen kann: daß es bei diesem Widerstand, auch wenn er aussichtslos war, vor allem darum gegangen sei, angesichts des breiten Stromes allgemein Anpassung ein Zeichen zu setzen und dem Gebot der Selbstachtung zu folgen." (S.705)

Mit einer politischen Kritik gegen den NS zu agieren, ist weder ein bloßes "Zeichen", noch hat es was mit "persönlichen Motiven" zu tun. Da Broszat aber nur solch "unpolitisch" motivierten, also grundlosen Widerstand als besseres Deutschland gelten läßt, dividiert er Kommunismus und Widerstand kurzerhand auseinander. Was den Widerstand der Partei angeht, so hält ihn Broszat für "so fanatisch irrational wie die NS-Verfolgung":

"Unter der Perspektive der partei-ideologischen Zielsetzung und Motive rücken Widerstand und Verfolgung der kommunistischen Bewegung unter dem NS-Regime in die Dimension eines fanatischen Krieges zweier politischer Religionen." (S.705)

Gekonnt, wie Broszat ausgerechnet an dem unversöhnlichen Gegensatz, in dem sie zueinander standen, herausstreicht, wie gleich sich Kommunisten und Faschisten doch sind. Soweit der Widerstand kommunistisch begründet und von der KPD organisiert war, war er auch keiner, sondern eine nicht minder totalitäre Konkurrenzveranstaltung zur faschistischen Herrschaft. Als zum Glück gescheiterter war kommunistischer Widerstand aber mehr; nämlich aktive Resistenz aufrechter Bürger:

"Das große Risiko illegaler Arbeit erforderte... darüber hinaus aber eine ausreichend persönliche Motivation, die sich nicht einfach nur aus der politisch-ideologischen Überzeugung ergab, sondern zusätzliche Impulse aus individuellen lebensgeschichtlichen Erfahrungen oder Disponiertheiten erfuhr. Gerade angesichts des vorwiegend jugendlichen Alters der Aktivisten, die die kommunistischen Untergrundgruppen bildeten, kann eine große Festigkeit der ideologischen Überzeugung im Sinne des Kommunismus häufig kaum angenommen werden." (S. 706)

Soweit Kommunisten rein persönlich, also gar nicht politisch motiviert gewesen sein sollen, gebührt ihnen Broszats Respekt und ein Anrecht auf Mitgliedschaft im Club der Resistenten. Das Kommunistische daran ist dann nur die ganz und gar unpassende "Ausdrucksform " des Eigentlichen, der "Resistenz". Es ändert sich zwar nichts an dem "krassen Mißverhältnis von Aufwand und Ertrag", das Broszat am kommunistischen Widerstand kritisiert, aber solange es (dem Historiker) nur auf "wirksame Herrschaftsbegrenzung" durch "Immunität gegenüber dem NS" ankommt - diesen Ertrag fahren die kommunistischen Zeichensetzer allemal ein.

So als unpolitische integre Untertanenmentalität, die nicht gegen den Staat kämpft, sondern gegen böse Kerrschaft "Zeichen setzt" und sich eine gute (demokratische) Herrschaft wünscht, so läßt sich Broszat den Widerstand auch nicht mehr von den Kommunisten stehlen:

"In dem Maße, in dem solche Widerstands-Aufopferung, unbeschadet ihrer kommunistischen Ausdrucksformen, ihre persönlichen Gründe und ihre persönliche Würde hatte, kann sie deshalb auch nicht durch den Hinweis auf die ideologisch-politischen Zielsetzungen 'der Kommunisten' relativiert werden. Sie kann aus denselben Gründen aber auch nicht nachträglich von der KPD in dem Sinne reklamiert werden, als habe die kommunistische Partei mit der von ihr - gegen alle politische Rationalität - proklamierten, illusionäre Ziele verfolgenden Aktivität historisch recht behalten und als verkörpere sie in besonderem Maße oder gar exklusiv das Vermächtnis des Widerstandes." (S.708)

Da haben sie sich aber getäuscht, die Genossen von der KPD, denn da müssen sie sich schon entscheiden: entweder bekennen sie sich zu Kommunismus oder zu Widerstand. Beides zusammen ist mit Broszat nicht zu haben.

Das Werk bricht eine Lanze für das bessere Deutschland, das nicht nur aus ein paar namentlich bekannten oder parteipolitisch einzuordnenden Gestalten besteht, sondern eigentlich gerade aus den anderen, dem deutschen Volk in seiner breiten Masse. Die Ehrenrettung des deutschen Volkes fällt noch ein Stückchen grundsätzlicher aus, als es die Kollegen mit der Manipulationsthese versuchten. Das deutsche Volk, zum NS hinmanipuliert, ist zwar auch unschuldig, hat aber immer noch das kleine, wenn auch noch so verständliche Manko mangelnder Standfestigkeit. Dagegen läßt das Mitmachen bei den Nazis, um ihnen recht eigentlich zu widerstehen, keinen Schatten mehr auf die deutsche Volksseele fallen. Sie hat getan, was not tat, ließ die Nazis machen und bewahrte "uns" durch ihre "resistente" Konstitution ein Stück Integrität deutscher Geschichte. Gleichzeitig mit dieser breiten Ehrenrettung deutscher Geschichte infolge guten deutschen Volkes sortiert man den kommunistischen Widerstand aus dem besseren Deutschland hinaus, eine zeitgemäße Leistung der Wissenschaft, die über bloßer Vergangenheitsbewältigung nicht vergißt, was zulässig ins politische Spektrum Deutschlands gehört und was nicht.

Insofern das "andere Deutschland" in seiner ganzen deutschen Breite entdeckt und auch gleich von allen undeutschen Elementen befreit wurde, erhellt sich durch das vierbändige Werk "das dunkle Loch in unserer Geschichte" doch ganz erheblich. Die Kollektivschuldthese müssen "wir" uns - das ist nun wissenschaftlich bewiesen - nicht länger gefallen lassen, neben der Scham über das "Unvorstellbare" ist wieder ein Stück Stolz auf die Deutschen angesagt. Eine passende Vergangenheitsbewältigung für einen bundesdeutschen Staat, zu dessen erreichter Stellung als Vormacht Europas nun einmal ein ständiger Kniefall vor der Geschichte nicht so recht passen will.

"Von Stalingrad zur Währungsreform": Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt

Die Wiedergewinnung deutscher Geschichte machten die Zeitgeschichtler perfekt, indem sie das Ende des Nazi-Reiches und den Beginn der BRD der Fremdbestimmung durch die Siegermächte ein gutes Stück entrissen und wieder in deutsche Hände legten. Damit nicht genug. Endgültig hat man die Vergangenheit bewältigt und erfindet ganz frei und ohne falsche Schuldbekenntnisse einen positiven Sinn in diesem ehemals "dunklen Kapitel der deutschen Geschichte": In dem jüngsten und letzten von Broszat herausgegebenen Sammelband des Instituts über die "Umbruchperiode" zwischen Stalingrad und Währungsreform erzählen die Autoren, wie sich die deutsche Gesellschaft noch im Dritten Reich und während des Krieges für die deutsche Zukunft namens BRD echt zukunftsträchtig fit machte.

Not und Faschismus - die Lehrmeister demokratischer Tugenden

"Die Zeit des gewaltigen Einbruchs von Not und Zerstörung zwischen Stalingrad und der Währungsreform markiert - mehr noch als die Jahre 1918 und 1933 - einen epochalen Einschnitt in der neuesten deutschen Geschichte: Hier gelangte das mit unheilvollen Traditionsbeständen beladene und unter unüberbrückbaren inneren Spannungen leidende alte Deutschland an das Ende seines im 19. Jahrhundert betretenen Sonderweges, aber schon im Niedergang des Hitler-Regimes und dann in den nachfolgenden Besatzungsjahren zeichneten sich die Umrisse einer moderneren, homogeneren, sich nach und nach an die westeuropäischen liberaldemokratiichen Traditionen angleichende Gesellschaft ab." (Einleitung S.XXV)

Sturzzufrieden mit dem Nachfolgerstaat Bundesrepublik und in sicherem Glauben an dessen Erfolgskurs erklärt Broszat in der Einleitung des Institutssammelbandes den "Deutschen Sonderweg" mit der Niederlage des Dritten Reiches für beendet. Während die Kollegen Historiker das sonst üblicherweise v.a. mit der deutschen Teilung und der Einbindung in die beiden Militärblöcke begründen (z. B. Haffner) und insofern mit 1945 die "Stunde Null" beginnen lassen, ab der dann die ganz andere, neue deutsche Geschichte beginnt, bestreitet das Werk die Existenz einer solchen "Stunde" mit der Behauptung eines Reifeprozesses der deutschen Gesellschaft. Sie habe nämlich den in ihr liegenden Grund für den "deutschen Sonderweg", ein Synonym für die "Katastrophe", in Form ihrer "alten konfessionellen, sozialen und kulturellen Segregation beseitigt" und "eine stark nivellierte 'Notgesellschaft' entstehen" lassen, "in der rückblikkend schon die Umrisse der Mittelstandsgesellschaft der Bundesrepublik zu erkennen sind".

Was Hitler an der Weimarer Demokratie kritisierte, nämlich daß das Parteiengerangel erfolgreiche nationale Politik verhindere, verkünden die Zeitgeschichtler als Lehre aus seinem Vermächtnis. Das bloße Beharren auf irgendwelchen Partikularinteressen (daß die im Gegensatz zur nationalen Politik stünden, wird gar nicht behauptet) verunmögliche Demokratie und sei daher der Grund für den deutschen Sonderweg, soweit er Hitler betrifft. Umgekehrt sieht man in der "Mittelstandsgesellschaft" den Bestand der Demokratie garantiert, weil sie, dafür taugt die soziologische Lüge, ganz homogen und von Klassengegensätzen frei im 'großen Ganzen' ihren einheitlichen Ausdruck findet, was faschistische Ordnungs- und Aufräumarbeiten in der Tat erübrigt. Was wegen NS als "Gleichschalturng" sonst verpönt ist, geht als "Nivellierung" heute in Ordnung; die faschistische Volksgemeinschaft, stets als Produkt einer abartigen Ideologie abgelehnt, findet als "Mittelstandsgesellschaft" geradezu die Würdigung eines Erfordernisses der Moderne. Letzteres allerdings verweist nur auf das bornierte historische Weltbild der Autoren, die der Demokratie, ungeachtet ihres Zwecks oder ihres Ertrags für die damit Beglückten, die Goldmedaille 'historischer Fortschritt' umhängen, nur weil es sie heute gibt.

Daß die Entwicklung solcher Volksgenossenmentalität zwangsläufige Wirkung aus "Not und Zerstörung" sein soll, für die doch gerade nichts anderes als ein auf nationalen Erfolg zielendes Programm verantwortlich ist, ist eine Legende, aber eine mit Sinn. Denn als Lehre aus Existenznot gerät die Aufhebung der "Fragmentierung", die Unterwerfung unter das einzig anerkannte gültige Interesse, nämlich das des 'großen Ganzen' zum innersten, quasi naturgegebenen Bedürfnis der deutschen Menschen, die wegen Hitler, aber in "innerer Abkehr" von ihm, endlich so zu sich gefunden haben, wie es Hitler auch ungefähr vorschwebte.

Die deutsche Gesellschaft riß sich also eigenständig aus ihrem tradierten Sumpf heraus, das deutsche Gemüt schuf in sich und aus eigener Kraft "die modernen Strukturen", die der Bundesrepublik ein so "hohes Maß an Stabilität" bescherten. Dabei wirkten die "Langzeitwirkungen" der "Ausnahmesituation zwischen Stalingrad und Währungsreform" wie ein Katalysator: Die Not prägte die "diesseitsbezogene", "keine Experimente wagende", "auf Sicherheit bedachte" "Mentalität" des Volkes, das zudem "nach der übermäßigen Politisierung in der Hitlerzeit" den "Rückzug auf das Unpolitische und Private" antrat.

"Als Typika massenhaften Verhaltens der Wiederaufbaugesellschaft wurde diese Art Selbstfindung neben der Bewährung in der 'schlechten Zeit' zur entscheidenden Voraussetzung dafür, daß sich nach 1945 zum ersten Mal in der neueren deutschen Geschichte - unabhängig von obrigkeitlichen Einflüssen - eine robuste, beinahe frühbürgerlich-kapitalistische Erwerbs- und Leistungsgesellschaft entwickeln konnte." (S. XXVIII)

Eine schöne Ableitung der bundesrepublikanischen Gesellschaft aus der Wesensart ihrer Mitglieder. Die Einbildungen des normalen opportunistischen Staatsbürgers, der sich allen ihm politischerseits aufgemachten Verhältnissen als lauter unausweichlichen Sachzwängen unterwirft und diese Anpassung gleichzeitig als seine Chance, sein Leben zu gestalten greift die zu nutzen allein in seiner Macht stehe, diese Einbildungen von Untertanen, sie seien das Subjekt ihrer Verhältnisse, erzählt Broszat als Theorie über deutsche Geschichte: Das deutsche Volk habe sich seine kapitalistische Marktwirtschaft ganz "unabhängig von obrigkeitlichen Einflüssen" insofern selbst geschaffen, als es die dafür erforderlichen Tugenden entwickelte.

Die Beseitigung von Existenznot in eins zu setzen mit der Errichtung eines neuen kapitalistisch organisierten Staatswesens, keinen Unterschied mehr zu machen zwischen dem Wiederaufbau eines privaten Heims und einem Programm der Nation, diese Identifikation von Untertanen mit dem Gemeinwesen im großen "Wir" der "Wiederaufbaugesellschaft", ist eine politische Ideologie, mit der nach '45 erfolgreich in der BRD Politik gemacht worden ist. Diese Ideologie betet Broszat auf seine Tour nach, wenn er in allen Lebensbereichen nur "Sachzwänge" am Werk sieht und gar nichts Politisches mehr entdecken kann. So erscheint der Aufstieg der BRD zur imperialistischen Großmacht als ein Akt der Selbstverwirklichung der deutschen Volksseele. Die entfaltet sich dann auch in den Tugenden, die das Volk für "Erwerbs- und Leistungsgesellschaft" prädestinieren, nämlich Fleiß und steter Leistungswille, wofür der Historiker die Not so ungefähr als Ersatz für die Funktion des Arbeitsdienstes präsentiert. Was der Führer mit dieser Institution seinem Volk u. a. beibringen wollte, schaffte die Not ganz von selbst. Ob allerdings eine aus Existenznot geborene Tugend für jene "Erwerbsgesellschaft" spricht, deren "entscheidende Voraussetzung" sie bleiben soll, ist sehr die Frage, allerdings nicht für Broszat. Der will das moderne Märchen als historische Lehre verkünden, das schon zu Hitlers Zeiten seine guten ideologischen Dienste tat: Der Nachfolgestaat des Dritten Reiches soll deutscher Volksnatur zutiefst entsprechen. Noch ehe eine alliierte Siegerkonferenz zusammentrat, hat das deutsche Gemüt die Bundesrepublik ideell geschaffen, indem es an sich all die Tugenden ausbildete, die die dann praktisch einforderte. Diese harmonische Verbindung von Volk und Staat verhalf der BRD zu ihrer "Stabilität" und garantierte ihren Erfolg meinen die Autoren.

Der NS als Geburtshelfer der "Modernisierung"

Solche postum am Nazi-Reich vorgenommene Sinnstiftung entdeckt nicht nur im Niedergang, sondern notwendigerweise auch in ein paar Prämissen des NS Löbliches.

Die SPD

z.B. stünde wohl heute noch, wenn nicht in der "personellen", so doch in der "geistigen Kontinuität" der "einstigen proletarischen ,Lagermentalität'", hätten da nicht "ehemalige HJ-Führer und junge Wehrmachtoffiziere" frischen Wind in ihre verstaubten Reihen gebracht:

"Bei der HJ-Generation handelte es sich hingegen um ein spezifisches Erfahrungskollektiv. Wer dazu gehörte, bewegte sich geistig nicht innerhalb gewachsener milieu- oder klassenspezifischer Parteiloyalitäten, der brachte vielmehr aufgrund der im NS-Staat anerzogenen Ideologie der Volksgemeinschaft, nach 1945 in die Begegnung mit der sozialdemokratischen Traditionspartei eine bemerkenswerte klassenpolitische Unbefangenheit ein." (S. 33)

Der Volksgenosse als aufgeklärter Held der Moderne veranlaßte die SPD, ihre alten Zöpfe einer Arbeiterpartei (was mit Klassenkampf allerdings noch nie etwas zu tun hatte) abzuschneiden und sich "schon unmittelbar nach 1945 zur Volkspartei" zu entwickeln. Eine Partei, die von vornherein nichts anderes als die Bundesrepublik in allen ihren Abteilungen auf dem Programm stehen hat, die sich deswegen zurecht Volkspartei nennt, weil das Volk nichts als das Material für dieses Programm ist, eine solche Partei sehen die Autoren als Erfordernis der "Modernisierung". Die konnte man vom Faschismus lernen! Natürlich, dort war die Propagierung der Volksgemeinschaft die "Anerziehung einer Ideologie", damit hat eine moderne Demokratie nichts zu schaffen; sie fährt ja nur die Früchte davon ein. Der "gesellschaftliche Struktur- und Mentalitätswandel habe geholfen, frühere Konfliktlinien der deutschen Gesellschaft aufzuheben" (S.XXXIV). Daß es zwar viele Interessen geben mag, aber nur noch eines Geltung haben soll, das des deutschen Staates, dieser von den Nazis erzwungene nationale Konsens garantiert dem modernen Nachfolgestaat "Stabilität". Verspätete Lorbeeren für den Führer.

Auch

Arbeiterschaft und Unternehmertum

haben sich infolge der NS-Erziehung gewandelt.

"Oder entstand in der Katastrophe des Staates nicht gerade jener 'atmosphärische Kompromiß' zwischen Unternehmem und Arbeiterschaft, den das Erhardsche Modell der Sozialen Marktwirtschaft zur Voraussetzung hatte? ... etwa wenn er das von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie nicht gänzlich unbeeinflußt gebliebene Bemühen einer neuen Unternehmergeneration um eine Art von sozialpartnerschaftlichem Ausgleich mit der Arbeiterschaft beschreibt oder wenn ihm das... unideologisch-nüchterne Operieren der Arbeitervertreter - denen Betriebspolitik fast immer wichtiger war als Klassenpolitik - als ein Spezifikum dieser Jahre erscheint." (S. XLII)

Erhard hat die soziale Marktwirtschaft sozusagen neu erfunden, denn auch dieses Herzstück des Dritten-Reichs-Nachfolgers weist zurück auf unsern Führer, der mit seiner Volksgemeinschaftsideologie aus den alten gegensätzlichen Klassen "moderne" Sozialpartner machte. Und an denen schätzt der Wissenschaftler "jenen stillschweigenden 'Wiederaufbau' - wie man den Komment der innerbetrieblichen Partnerschaft nennen könnte -, der bis in die Zeit des "Wirtschaftswunders" hinein hielt und maßgeblich zur Stabilität der Bundesrepublik beigetragen hat." (S. XLII) Geschichtswissenschaftler heute entdecken vielleicht Kontinuitäten. Daß die Ideologie von der "Wiederaufbaugesellschaft", heute bekannt als "gemeinsames Boot", in dem jeder gleich und klassenlos hockt, die moderne Variante der "Volksgemeinschaftsideologie" ist und daß sich die für die BRD seit jeher so gut auszahlt, soll nicht gegen diese sprechen, sondern wird als spätes Verdienst der Nazis gewürdigt. Die haben den alten Klassen letztlich die "moderne" Einstellung verpaßt, mit der die "Soziale Marktwirtschaft" so blendend fährt, nämlich als Arbeitervertreter "nüchtern operierend" alle Betriebsnotwendigkeiten als Sachzwänge anzuerkennen und damit ganz unideologisch die Kassen der Unternehmer zu füllen. Diese können gar nicht anders als "nüchtern operieren", denn ihnen gehört ja der Sachzwang Betrieb. So fährt die BRD, dank sei dem Führer, ein "Wirtschaftswunder" und einen Boom nach dem andern ein und Historiker freuen sich über die "Stabilität", in ihren Augen der Garant dafür, daß sowas wie der Führer nicht mehr in der deutschen Geschichte sein Unwesen treibt.

Die Bundeswehr

hat dank Nazis und Krieg das Manko ihrer Vorgängerin, der deutschen Wehrmacht, verloren.

"Trug die Offizierskaste Mitte der dreißger Jahre noch deutlich die im Kaiserreich voll entfalteten, in der Weimarer Zeit kaum abgeschwächten Züge antidemokratischer, ständisch-feudaler Prägung und genoß sie noch immer ein hervorragendes gesellschaftliches Ansehen, so waren diese Merkmale zwanzig Jahre später im neuen Offizierkorps der Bundeswehr bis auf Spurenelemente verschwunden." (S. XLV)

Dafür sorgte schon die wegen des Kieges "rasante Heeresvermehrung", in deren Folge "der traditionelle Anspruch des Offizierskorps auf innere Geschlossenheit und soziale Exklusivität rasch aufgegeben werden mußte." (S. XLV) Solche Nivellierung der Wehrmacht verleiht sogar dem vergeigten Zweiten Weltkrieg eine sinnvolle Seite.

"Erst aus größerer zeitlicher Distanz zeigt sich, daß der 'Volksgenosse'in Uniform - von seinen ideologischen Prädispositionen abgesehen - kein allzu weitläufiger Verwandter des späteren 'Staatsbürgers in Uniform' gewesen ist, und daß der nachhaltige Wandel des Offizierskorps in dem Jahrzehnt zwischen 1935 und 1945 die reibungslose Eingliederung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in die Bundeswehr sehr erleichtert hat." (S. XLVI)

Es kommt eben sehr darauf an, auf welchem historischen Parkett sich der Volksgenosse gerade bewegt, im Faschismus lehnen wir ihn ab, in der Demokratie ist er der modernste Staatsbürger. Aber Achtung:

"Die Emanzipation, die den Offizier mit Unterstützung der zivilen Gesellschaft aus seinem ständisch-elitären Korpsverständnis gelöst hat, könnte nur dann einen Rückfall erleiden, wenn ihr eben diese Gesellschaft den Status der Normalität wieder entzöge." (S. 682)

Die Gesellschaft muß die Bundeswehr als ihr demokratisches Ingredienz begreifen, dann ist sie vor ihr sicher. Die Bundeswehr abzulehnen, wäre der erste Schritt, die Vergangenheit wieder in die deutsche Geschichte hineinzulassen. Das wäre nicht nur ungeschickt, sondern zeugte auch von absoluter Unbelehrbarkeit. Denn das wurde von den Zeitgeschichtlern nun ausführlich bewiesen, daß die "stabile" BRD die Quintessenz aller aus der Vergangenheit zu ziehenden Lehren verkörpert. Insofern hat sie das Dritte Reich oder sowas Ähnliches endgültig auf den Misthaufen der Geschichte verbannt. An der Bundesrepublik kann sich daher - zeitgeschichtlich betrachtet - nur ein ewig Gestriger vergehen.

Broszat und sein Institut haben ihren Beitrag jedenfalls geleistet, die "Hypothek" des NS abzutragen, die angebotene "Orientierung" für den "schwierigen Umgang mit unserer Geschichte" zeugt von wahrhaft un-"gestörtem nationalen Selbstbewutsein."

Literatur:

Martin Broszat, Der Staat Hitlers, München 1969

Bayern in der NS-Zeit. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. Hrsg. M. Broszat, E. Fröhlich, A. Grossmann, Band IV, München 1981

Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Hrsg. M. Broszat, K.-D. Henke, H. Woller, München 1988