"Ein imponierender, aber lebensfeindlicher Standpunkt"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1986 erschienen.

"Ein imponierender, aber lebensfeindlicher Standpunkt"

Betrifft: Titelgeschichte der MSZ 3-4/1985 "Die Deutschen - Ein Volk von Psychos"

"Beim Lesen Deines Artikels hatte ich den Eindruck, daß Du, ein sehr intelligenter und mir sympathischer Autor, das alltägliche Leben aus kritischer Distanz zwar oft treffend kritisieren, zynisch brandmarken kannst, daß Du Dich aber durch diese zynische Distanzierung vom Alltagsleben, vom Leben selbst auch distanziert hast. Auf diese Feststellung wirst Du sicherlich ironisch reagieren und dabei wohl auch Richtiges feststellen, aber vielleicht auch abwehren. Ich weiß nicht, ob Du es schon gewagt hast, Dir die Ergebnisse der bürgerlichen (im Bürgerlichen steckt ja auch etwas allgemein Menschliches, nicht nur im neg. Sinn, glaube ich) Psychologie zueigen zu machen, um dann auch an ihre Grenzen zu stoßen. Du wertest die Psychologie insgesamt ab, wehrst sie vielleicht ab? Auch ganz reaktionäre Typen beschimpfen die Psychologie, aus anderen Motiven natürlich...

Du schreibst in Deinem Artikel so abwertend von Kinderei, Kindischwerden, und wahrscheinlich findest Du meinen Brief auch kindisch. Hältst Du 'kindlich sein' auch für negativ? Versuche doch mal, weich und offen zu sein, Dich nicht so zu verhärten (jetzt rede ich wie eine Seelsorgerin, verzeih), gegen die 'linientreuen Massen' z.B. Du hast so wahnsinnig hohe Ansprüche, und um die zu erfüllen, bist Du vielleicht auch hart zu Dir selbst.

Dein Standpunkt imponiert mir, aber ich halte ihn für lebensfeindlich. Da wir ja nicht, wie gläubige Moslems, daran glauben können, als revolutionäre Kämpfer ins Paradies aufgenommen zu werden, bleibt uns ja nichts anderes übrig, als aus unserem so kurzen, fragwürdigen Dasein das Beste zu machen. Und ich glaube, individuelles Glück ist ein wichtiges Fundament, auch für sinnvolles politisches Handeln. Da ich ziemlich sicher bin, daß Du über mein Schreiben spotten wirst, wünsche ich mir, aber auch Dir, daß es wenigstens keinen zynischen, sondern gutmütigen bzw. humorvollen Spott hervorruft.

C.W., Saarbrücken

Ein Dokument psychologischer Raffinesse

Dein Brief ist nicht kindisch. Im Gegenteil: Du verstehst es, kein einziges Argument des Artikels als Argument - als theoretisches Urteil oder Beweis - zu nehmen, sondern alles in ein Symptom zu übersetzen, für eine dahintersteckende, ziemlich verwerfliche Lebenshaltung nämlich. Auch den Trick beherrschst Du, die Kritik an der Psychologie pauschal mit einem "oft zutreffend" anzuerkennen, nur um mit einem "zwar" die Kritik insgesamt für irrelevant zu erklären und ungerührt einen psychologischen Verdacht auszubreiten, gegen den sich in dem Artikel einige Einwände finden. Was wäre eigentlich, wenn die "Distanzierung" und "Verhärtung", die Du als die entscheidende Botschaft des Artikels entdeckt haben willst, aus den dort angeführten Gründen das einzig Senkrechte wäre? Auch diesen Einwand verstehst Du abzuwehren, noch bevor er erhoben ist: Mit der Technik, jede 'richtige Feststellung' zuzugeben, um sie mit einem "vielleicht aber auch" und dem Verdacht auf - psychisch motivierte - 'Abwehr' abzuweisen, hast Du Dich gegen das Streiten mit und Klären von Argumenten von vornherein abgesichert.

"Lebensfeindlich" kommt Dir die Tendenz des Artikels vor. Die Kritik der Abstraktion "Leben" am Anfang des Artikels scheint also nicht zu den Dir einleuchtenden Teilen gehört zu haben. Überleg' Dir vielleicht trotzdem mal, ob das Leben, das die meisten Zeitgenossen hierzulande führen müssen, nicht einige Feindlichkeit verdient - mit Argumenten, die für solche Feindschaft sprechen, könnten wir leicht mehr als jeden Monat eine MSZ füllen. Der "Anspruch", der mit solchen Argumenten erhoben wird, ist im übrigen nicht "wahnsinnig hoch", wie Du vermutest. Es wäre viel gewonnen, wenn die Leute nur darauf verzichten wollten, dauernd Ansprüchen hinterherzulaufen, die sie zu ihrem Schaden an sich stellen lassen oder sogar selbst an sich stellen. Dem Anspruch z.B., "aus unserem so kurzen, fragwürdigen Dasein das Beste zu machen". Diese lockere Aufforderung schließt den kleinen Schwindel ein, Länge und Anzahl der Lebensjahre - was Du mit "fragwürdig" meinst, hast Du für Dich behalten - als Grund dafür zu unterstellen, daß es mit dem "Dasein" nicht zum Besten steht, "das Beste" also erst daraus "zu machen" ist. An diesem fiktiven Problem arbeitet sich sicherlich niemand ab; wohl aber an allerlei Existenzbedingunge, aus denen bei aller individuellen Anstrengung allenfalls "das Beste", aber nich s Gutes zu machen ist. Und genau davon möchten wir abraten: sein ganzes Dasein mit dem "wahnsinnig hohen" Anspruch und dem hoffnungslosen Versuch zu vergeuden, aus der Lohnarbeit und einem für die Bedürfnisse von Staat und Kapital eingerichteten Welt "das Beste" fürs "individuelle Glück" zu machen. Anders gesagt: Wenn Du schon in dieser Bemühung auf ein "trotzdem" und eine dem Individuum ziemlich widrige Lebenslage stößt, dann mach doch nicht den frommen Betrug mit, das "Problem" wäre eins der begrenzten Lebensjahre und ausgerechnet durch den hartnäckigen Entschluß zu den "kleinen Freuden des Alltags" zu lösen. (Was die betrifft: Die stehen doch auf einem ganz anderen Blatt...!)

"Zynismus" wirfst Du dem Artikel vor. Wir kennen Zynismus als eine Behandlungsart anderer Menschen, die diese wider besseres Wissen in einem verkehrten, nämlich ihnen selbst schädlichen Tun und Lassen bestärkt, Fehler wissentlich ausnützt. Wir entdecken das vorrangig bei Politikern, die ihren Wählern sehr berechnend den Schaden, den ihre Politik denen zufügt, als applauswürdige Wohltat vorstellig machen. Zynisch finden wir es aber auch, wenn Seelsorger ihre Klientel zur Beherzigung von Lebensrezepten animieren, die keine Schädigung und keinen Fehler ausräumen, statt dessen die Befassung mit sich selbst, genauer: mit moralisch-psychologischen Bildern von der eigenen verkorksten Persönlichkeit anleiten.

Eine Anleitung dieser Art liegt z.B. in Deiner Aufforderung zu dem 'Wagnis', sich "die Ergebnisse der bürgerlichen Psychologie zueigen zu machen, um dann auch an ihre Grenzen zu stoßen". Selbst wenn der bürgerliche "Selbsterfahrungs"-Zirkus, den Du wahrscheinlich im Auge hast, ein Umweg zur besseren Einsicht in dessen "Grenzen" wäre, sollte man ihn sich sparen. Allerdings ist er das gar nicht; und das Reden von unbestimmten "Schranken" der bürgerlichen Psychologie gehört zu deren Kunstgriffen, als vollends unanfechtbar zu erscheinen: Sie kennt sogar "ihre Grenzen". Wir halten die bürgerliche Psychologie jedenfalls nicht für eine Weltanschauung mit begrenztem Budget, wollen auch nicht ihren Kredit abwerten; uns stört die selbstverliebte Versenkung in lauter methodische - jedenfalls un-sachliche - Selbstzweifel, mit der dieser moderne Volksaberglaube seine Kundschaft beschäftigt und von jeder sachlichen Einsicht und jedem daraus abgeleiteten Entschluß abhält.

Du meinst, "im Bürgerlichen steckt ja auch etwas allgemein Menschliches, nicht nur im negativen Sinn". An die paar wirklich "allgemein menschlichen" Verkehrsformen des Bewußtseins: an die abstrakten Bestimmungen von Tätigkeiten wie Wahrnehmen, Bedürfen, Wollen, Verstehen, Schlußfolgern usw., wirst Du kaum gedacht haben. Du möchtest eine Ehrenrettung des "Bürgerlichen" an der Psyche - also all der Widersprüche und Drangsale, die ein Mensch sich schafft, wenn er partout aus einer dafür nicht eingerichteten gesellschaftlichen Welt sein privates "Glück" herausholen, "das Beste machen" will und in betrübte Selbstbetrachtungen abdriftet, sofern ihm das nicht gelingt.

Ob Du wenigstens an diesem Hinweis merkst, daß wir die Psychologie nicht bloß "aus anderen Motiven natürlich" "beschimpfen" als "ganz reaktionäre Typen", sondern vor allem mit ganz anderen Gründen -?

"Kindlich sein" ist weder positiv noch "negativ", sondern die Manier von Kindern, ihrem praktischen Gefühl zu folgen, auch in Angelegenheiten, wo das gar nicht am Platz, sondern schädlich ist. Etwas anderes ist die Manier erwachsener Psychos, ihren Verstand und ihren mit allen Techniken der Heuchelei vertrauten Willen darauf zu richten, daß - entsprechend übertriebene und erkünstelte - "spontane" Stimmungen und Launen ihre Aufführung bestimmen. Schau Dir Deinen Brief an: Welches Kind, und sei es noch so altklug, brächte eine so konsequente Abwehr jedes Urteils über die Psychologie und über die Fehler und Konsequenzen psychologischer Selbstbetrachtung zustande?

MSZ-Redaktion