EIN 'HISTORISCHER KOMPROMISS'

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.

Kernenergie
EIN 'HISTORISCHER KOMPROMISS'

Zwei Beteiligte der von der Bundesregierung eingesetzten Enquete-Kommission für die künftige Energiepolitik haben die von den Kommissionsmitgliedern unlängst selbst geäußerte Sorge, die von ihnen entworfenen 'Szenarien' für das Jahr 2030 würden überhaupt nicht zur Grundlage der Energiepolitik gemacht, sondern seien nur die Begleitmusik zu den nach anderen Kriterien getroffenen Entscheidungen, eine salomonische Antwort gefunden. Nachdem der Bundeskanzler selbst schon auf die Idee gekommen war, die verstärkte Förderung von Kohle und damit in Zusammenhang stehender technischer Verfahren als Abkehr von der Kernenergie zu verkaufen, also als Zugeständnis an Kernkraftgegner, die nun ihrerseits als echte Demokraten für die existierenden und künftig gebauten Kernkraftwerke zu sein hätten, haben sich zwei wissenschaftliche Geistesriesen den Trick abgeschaut: Die zukünftige Energiepolitik muß ein "Kompromiß" sein. Die beiden Größen - der eine Prof. Dr. Klaus-Michael Meyer-Abich, Leiter der Arbeitsgruppe Umwelt, Gesellschaft, Energie der Uni Essen; der andere Prof. Dr. Wolf Häfele, Mitarbeiter der "west-östlichen Denkfabrik" Laxenburg bei Wien - konnten zwar noch kein schnelles Ergebnis vermelden, weil sich die Experten noch streiten, waren sich aber immerhin der politischen Tragweite ihres Auftrages und der damit verbundenen Wirkung auf ihren wissenschaftlichen Ruf voll bewußt.

"Sollte die Kommission ohne Einigung auseinander gehen, würde ihre Empfehlung an den Bundestag so gut wie kein Gewicht haben." (Süddeutsche Zeitung, 30.5.1980)

Eine ausgewogene 'Empfehlung', die sich nicht als völlig neben den Entscheidungen der Politiker liegend blamiert, sieht so aus, daß auf alles, was Energie hergibt und einspart, gesetzt wird, und somit auch Verfechter 'alternativer' Energiequellen zu ihrem Recht auf Gehör kommen. Zur einen Seite des "historischen Kompromisses", den die Wissenschaftler vorschlagen, gehört also das Kernenergieprogramm der Bundesregierung, so wie es betrieben wird.

"Die andere Seite des Kompromisses bedeutet, daß der alternative Weg der sogenannten 'weichen Energiequellen' wie Energieeinsparungen" (das Hobby Meyer-Abichs) "sowie Sonnen- und Windenergie ernsthaft beschritten wird... Erst wenn eine echte Vergleichbarkeit beider Wege hergestellt sei, könne man Entscheidungen fällen, welcher zu gehen sei."

Sehr diplomatisch., die Herren Professoren, und fast so gut wie die Unverfrorenheit der Regierung, das Kernenergieprogramm als 'Offenhalten von Optionen' oder, noch besser, als 'Ausstieg aus der Kernenergie' zu verkaufen. Die entwickelte Vorstellung einer Entscheidung im Jahre 2000 soundso ist zwar saublöd, weil die Sonnenenergie selbst mit dem schönsten Forschungsprojekt nur zu einer Alternative wird, wenn sie tatsächlich eine rentable ist, und die Einsparung von Energie schon gleich auf deren ständigem Verbrauch beruht, aber die collegae können gegen eine so philosophische Lösung - man kann sie noch um Stein- und Braunkohle, Erdwärme und Wärmespeicher ergänzen - im Grunde nichts mehr einzuwenden haben. Schließlich waren sie sich ja auch nicht zu blöde, bei dem Projekt, den energiepolitischen Maßnahmen des Staates die Aura naturwissenschaftlicher Notwendigkeit zu verleihen, mitzumachen.