EIN HERZERWÄRMENDES TODESURTEIL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.
Systematik: 

Krisendiagnose für den Ostblock
EIN HERZERWÄRMENDES TODESURTEIL

Seit dem polnischen Aufstand haben Krisen berichte aus dem Ostblock über Planrückstände, Preiserhöhungen und Versorgungsmängel ihren festen Platz im Nachrichtenwesen, so daß die Probleme einer polnischen, russischen oder DDR-Hausfrau inzwischen bekannter sein dürften als die einer bundesdeutschen, die ja nicht Schlange steht, sondern bloß ihr Anspruchsdenken zurückschraubt.

Opfer der Bevölkerung, wie sie in einigen Weltgegenden von wegen Unterentwicklung seit Jahrzehnten schon erst gar nicht zur Kenntnis genommen, in anderen nicht so genannt, sondern als notwendiger Beitrag des einzelnen für die Freiheit eingefordert werden - im Osten fungieren sie als ein Beweismittel.

"Im ersten Arbeiter- und Bauern-Staat leben die Arbeiter und Bauern 64 Jahre nach der Revolution, die ihnen unablässig als die ihrige gepriesen wird, noch immer hart am Existenzminimum."

Kein einziges anderes "System" in dieser Welt gilt dadurch als kritisiert, daß seine Bewohner zu wenig zu essen bekommen. Der Sozialismus zieht sich diese einzigartige theoretische Verurteilung sicher nicht deshalb zu, weil der ständig steigende Wohlstand der Massen auf seinem Programm steht. Die Schilderung der Sorgen der einfachen Leute ist vielmehr deshalb eine so zufriedenstellende Beschäftigung, weil das unfreiwillige Eingeständnis der östlichen Herrschaft, nicht das zu leisten, was sie verspricht, 1. zur Krise und damit 2. zu einem Urteil darüber erklärt wird, wer in der "Konkurrenz der Systeme" unterliegt.

"Bis zum vorigen Jahr noch gab es für sowjetische Leitartikler nur eine Krise - die des zum Untergang verdammten Kapitalismus... Und als auf den Weltmeeren längst aller verfügbare Schiffsraum der UdSSR unterwegs war, um nach der katastrophalen Ernte alles verfügbare Getreide auf der Welt an Bord zu nehmen, sah der Washingtoner Tass-Korrespondent Jewgenij Jegorow zwar eine Landwirtschaft zusammenbrechen - aber nicht daheim, sondern beim Hauptlieferanten USA: 'Hinter einem Scheinvorhang von Prosperität und Effektivität in der amerikanischen Landwirtschaft gibt es ungeheure Probleme, die bald zu einem Kollaps des gesamten Versorgungssystems in den USA führen könnten.'

Eine zutreffende Beschreibung der Zustände - in der Heimat des Genossen Jegorow, wo die Versorgung zusammenbrach, so daß die Weltmacht Sowjetunion 36 Jahre nach Kriegsende in weiten Teilen des Reiches wieder Lebensmittel rationieren mußte und die ohnehin kargen Rationen nur dank der Zukäufe aus dem angeblich verrotteten Westen aufbringen konnte."

Selten hat sich ein Journalist über eine Retourkutsche so gefreut. Er befürchtet auch nicht im geringsten, daß angesichts seiner unverhohlenen Freude die gerade zuvor noch vorgebrachte tiefe Anteilnahme an den Nöten der Bevölkerung in den Verdacht der Heuchelei geraten könnte. Vor lauter Vergnügen daran, daß es der Feind ist, auf den dessen eigene Untergangsprognostik angewendet werden kann, wird die dümmliche Zusammenbruchsvorstellung gleich mit übernommen und zur Wirklichkeit erklärt - eben im Osten. Die revisionistische Erfindung, die Krise sei ein Beweis für die mangelnde Überlebensfähigkeit des Systems, die sich bislang immer die auch nicht gerade sehr geistvolle Widerlegung eingehandelt hat, Krisen haben wir zwar, aber geben tut es uns immer noch, soll jetzt gelten - in der Anwendung auf ihre Urheber.

Sozialismus als Krisengrund

Die Krisenbesichtigung im Osten hat daher ihre ganz eigene Grundsätzlichkeit: So wenig wie das Kapital Grund der Krise und Krise ein Argument gegen das Kapital sein darf, so sehr ist der Sozialismus Grund der Krise und wird durch sie widerlegt. Dabei ist der ökonomische Grund der Krise, Überakkumulation des Kapitals in den ökonomien des realen Sozialismus garantiert nicht auffindbar und schon erst recht kein Charakteristikum des Systems. Dennoch ist hinter dem "Eisernen Vorhang" die Krise die Krise des Systems. Allerdings nicht im Sinne der schlichten Einsicht, daß die Regierenden für gewisse ökonomische Unannehmlichkeiten zuständig sind, die die Regierten betreffen, sondern genau im Sinne der revisionistischen Krisenauffassung, nämlich als Beweis, daß das System nicht gehe, nicht funktioniere, sich sein eigenes Grab schaufelt.

So werden denn die zahlreichen und nicht schwer zu entdeckenden Mängel -

"in Taschkent keine Herrensocken, in Tuln keine Steppdecken, in zehn Großstädten des Reiches kein einfacher Wecker..." -

auch nicht zitiert, um den Widersinn einer Planwirtschaft klarzustellen, die die Versorgung der Bevölkerung einer notwendig andersartig verlaufenden betrieblichen Gewinnkalkulation anheimstellt. Die Darstellung, was an Gebrauchswerten es gerade immer mal wieder nicht gibt, dient hingegen zur Beförderung einer zwar naiven, aber dafür um so anschaulicheren Vorstellung von Zusammenbruch: Von dem, was es alles braucht, damit "eine Gesellschaft funktioniert", Schrauben, Zement, Wecker, Strom und Socken usw. usf. einmal einiges weggedacht - schon geht so ziemlich das Ganze nicht mehr. Zwar erzeugt auch die östliche "Mangelwirtschaft" immer noch ein Mehrprodukt und im Ernstfall sind schon immer noch genügend Schrauben an der richtigen Stelle, aber daran stört sich die Vorführung einer Produktion, die vorwiegend Löcher produzieren soll, nicht. Schließlich verfügt sie ja über eine weltanschauliche Fundierung. Es fehlen die Gebrauchswerte, weil die Lust an deren Produktion fehlt. Das Märchen vom Privatinteresse als dem ökonomischen Grund des Kapitals verfährt mit dem feindlichen System doktrinär: Kein Privatinteresse, also auch kein Grund zum Arbeiten.

"Das Grundübel, die allgemeine Leistungsverweigerung, ist systemimmanent und kaum zu kurieren."

Statt sich produktiv nützlich zu machen, betreibt das ganze Volk eigentlich bloß Destruktion.

"Die drei Hauptformen der allgemeinen Sabotage sind Daumendreher, Diebstahl und Trunksucht."

Es ist allerdings nur allzu wahr, daß der Kapitalismus mit allen Formen des Däumchendrehens in der unter seiner Regie stattfindenden Produktion aufgeräumt hat und daß die auch hierzulande gängigen Formen des Alkoholismus durchaus funktionelle Formen proletarischen Zurechtkommens mit den Erfordernissen sind, die der Arbeitsprozeß im allgemeinen so von seinen Knochen verlangt. Und die faux frais, die einem Unternehmen wie VW durch die gelegentliche Mitnahme von Ersatzteilen so entstehen, sind in die Lohnhöhe bereits einkalkuliert. Alles dies ist ohne ordentliches Kapital, unter dessen Aufsicht es passiert, Grund für die Verhinderung der Produktion. Eine Wirtschaft ohne Kapital ist keine Wirtschaft, ist bloß Staat, "eine absolute Staatswirtschaft, eine Anti-Wirtschaft", die also als Wirtschaft auch gar nicht gehen kann, sich eigentlich in einer Dauerkrise befindet. "Nichts geht mehr in der Sowjetwirtschaft."

Das Muster dieser Negativerklärungen, daß der reale Sozialismus, weil er keine bürgerliche Politik betreibt, nicht funktioniert, daß er wegen der Nichtanerkennung der in Existenznotwendigkeiten verfabelten Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in seine Krise hineintaumelt, ist beliebig auf sämtliche Eigenarten dieses "Systems" anzuwenden.

Eine Opposition wollen sie nicht haben, aber ohne Opposition keine stabile Herrschaft, also Krise:

"Die Repressionen der Führung rufen Opposition hervor, diese Opposition wiederum veranlaßt die Führung zu neuen Repressalien: Ein Kreislauf, der die Schwäche der kommunistisch regierten Staaten Moskauer Richtung zeigt, die glauben, ohne Opposition herrschen und der Bevölkerung ihren Willen aufzwingen zu können, und die damit doch nur von einer Krise in die nächste geraten."

Statt des Privatinteresses, das bei uns ja so herrlich zum Zug kommt, wollten sie eine Ideologie zur Grundlage ihrer Gesellschaft machen, was auch nicht geht, siehe: das unterdrückte Privatinteresse untergräbt sie

"Längst ist das Fundament der Gesellschaft ausgehöhlt, sind nicht mehr Marxismus, Leninismus, Kommunismus oder Sozialismus die Bastionen des Systems. Das Grundgesetz des realen Sozialismus sowjetischer Prägung läßt sich vielmehr mit einem Wort umschreiben: Korruption. Und die zerfrißt alles."

Weil der reale Sozialismus viele Ansprüche an die mustergültige Aufführung seiner Untertanen stellt und am liebsten gleich einen ganz "neuen Menschen" als lebendigen Tugendkatalog herumlaufen sähe, werden fleißig die diversen Amoralitäten der sozialistischen Gesellschaft gesammelt, als Beweis für das notwendige Scheitern des Staates - ganz, als ob sich der reale Sozialismus von der Praktizierung dieser Tugenden auf Gedeih und Verderb abhängig gemacht hätte. Dies ist zwar nicht der Fall - wie jede Herrschaft verläßt er sich zunächst auf seine praktischen Zwangsmittel. Aber die Existenz von Korruption, von allen möglichen Verbrechen, von Funktionären, die fleischliche Gelüste kennen, die Breschnew-Tochter selber treibt es mit einem Zirkusdirektor, usw, usf., die in apokalyptischem Tonfall vorgetragenen Fehltritte, die sich, verglichen mit erlaubten wie weniger erlaubten Praktiken der bürgerlichen Gesellschaft immer so bieder und kümmerlich ausnehmen, sollen im Unterschied zu denen ein sicheres Todesurteil über den Sozialismus fällen. Schließlich ist das System ja alt, schon viel zu alt, man betrachte nur die Altersstatistik des Politbüros. Zu alt für die Welt -

"Sie wollen im Amt bleiben, auch wenn ihr System nicht taugt für eine moderne Welt, die Entscheidungsfreude und Ideenreichtum, rasche Anpassung und ständige Innovationen verlangt."

Zu alt also auch für ihr System, das ihnen per Krise eigentlich seine Selbstauflösung anrät, was sie nicht tun, was wiederum die Krise immer unausweichlicher macht.

"Breschnews zu Protokoll gegebenes Verständis für die Nöte der 270 Millionen Sowjetmenschen, Suslows Beharren auf der reinen Lehre, Zwiguns Theorie von den geheimnisvollen Feinden im Ausland - es sind magere Antworten auf eine Krise des Systems, deren Symptome durch nichts mehr zu vertuschen sind."

Und so zu. Angefangen von der volkstümlichen Trunksucht und deren verheerenden Folgen (weil der für die Enteisung der Flugzeugpropeller vorgesehene Alkohol weggesoffen wird, stürzen immer die Flugzeuge ab), über die Sittenlosigkeit der Jugend, die sich sinnlos in Popkonzerten berauscht, über die Ehescheidungen und Heiratsvermittlungsinstitute, die eine tiefe Sinnkrise offenlegen, bis zu der Moskauer Greisenriege, die vornehmlich zur Beerdigung eines der ihren an die Öffentlichkeit tritt und dann wie die Besatzung eines Altersheims kopflos hinter ihrem ebenfalls desorientierten Leonid herwankt - Krankheit, Verfall, Niedergang.

"Nichts geht mehr." Das steht fest ganz jenseits der Frage, ob die aufgezählten Krisenphänomene zur Ruinierung eines ganzen Staatenblocks überhaupt tauglich sind. Besonders originell sind die Krisensymptome aus dem Überbau nicht, Es sind dieselben, mit denen der moralisierende Verstand auch in der bürgerlichen Welt lauter Abgründe entdeckt. Aber was a in dem eindeutigen Imperativ mündet, daß die Menschheit sich zusammenzureißen und ihr staatlicher Aufpasser endlich mal für Ordnung zu sorgen hat, mündet gegen Osten im genau entgegengesetzten Urteil, im übrigen auch ohne daß es immer extra dazugesagt werden muß. Die Menschheit drüben jedenfalls sollte sich endlich mal zusammenreißen und ihre staatliche Ordnung auf den Misthaufen befördern, auf den sie nach hiesiger Auffassung eigentlich schon immer hingehört.

Krise von außen

Das Merkwürdige an den Erläuterungen über die angebliche Krise im Osten besteht nämlich darin, daß sie - abgesehen von den aktuellen Veranschaulichungen - altbekannt ist, genauer, daß ihre angeblichen Spezifika haargenau dieselben sind, die dem Sozialismus immer schon seit den propagandistischen Erfordernissen des Kalten Krieges seine Unmöglichkeit bescheinigt haben. Was aber nun nach 35 Jahren erstaunlicher Haltbarkeit eines eigentlich in sich unhaltbaren Systems eingetreten sein soll, so daß sich seine immer schon diagnostizierte Vergänglichkeit jetzt realisiert, woher also die Gewißheit rührt, die das immer schon gefällte Urteil über die Unmöglichkeit einer Nicht-Marktwirtschaft und Nicht-Demokratie zum Argument "Krise" verdichtet hat, diese Auskunft fehlt.

Hinweise auf die Gründe der aktuellen ökonomischen Schwierigkeiten kommen vor, aber unter einem völlig anderen Titel.

Zum einen haben die Verantwortlichen aus purem Unverstand ihre eigene Ökonomie - die im Unterschied zu sonst plötzlich als eine durchaus leistungsfähige Sorte von Reichtumsproduktion unterstellt ist - ruiniert. Es ging also mal aufwärts in der Sowjetunion. Aber dann

"wucherte die Kreml-Bürokratie schlecht mit ihren Pfunden. Sie steckte, ohne Zwang, den Großteil des erzielten Mehrwerts in eine in Friedenszeiten beispiellose Rüstung... Die Hochrüstung und deren Folgekosten verschlingen fast 15 Prozent (in den USA 5 Prozent) des kaum noch wachsenden Sozialprodukts, marode Verbündete auf der ganzen Welt kosten gut 50 Milliarden Mark im Jahr. Öl und Gold sind aber im Preis wieder gefallen, die Devisenkasse ist leer; Kapital und Arbeitskräfte werden knapper..."

Eine für die westlichen Verhältnisse schlicht verbotene Fragestellung, nämlich die Bekömmlichkeit der Rüstungspolitik und ihrer Finanzierung für die nationale Ökonomie, der Zusammenhang von Kriegspolitik und Krise, hier gehört sie hin: Bei uns heißt das "Sicherheit", besitzt höchste Pnorität, und wer daran ökonomische Kriterien anlegt, betreibt Vaterlandsverrat - im gegnerischen Lager sind der Zusammenhang und seine Verwerflichkeit sonnenklar. Eine "beispiellose Rüstung, ohne Zwang" und eine ökonomische Todsünde. Ganz so, als wären die Parolen vom containment, roll back, bis hin zum Totrüsten flapsige Bemerkungen unter Stammtischbrüdern gewesen, steigert sich die Genugtuung über die gelungene Erpressung der Sowjetunion und die ökonomischen Schwierigkeiten, die das westliche Rüstungsdiktat dem Osten bereitet, zum offenen Hohn: Wenn ihr euch schon unbedingt, "ohne Zwang", gegen die westliche Kriegserklärung zur Wehr setzen wollt, seid ihr doch selber schuld, wenn euch das teuer zu stehen kommt. Jetzt habt ihr eure Krise! Die Selbstgerechtigkeit des seine Überlegenheit genießenden "Systems" hat einen solchen Grad erreicht, daß die eigenen, imperialistischen Leistungen in der Zerstörung gegnerischer Positionen nurmehr als die mangelnde Eigenschaft des anderen Systems, sich in der Welt zu behaupten, besprochen werden. Von diesem Standpunkt aus, der sich zur Zeit unentwegt an den Meldungen über die Wirkungen der eigenen Kreditpolitik, die Anzeichen für kommende Staatsbankrotte im Osten delektiert, taugt noch die größte Heuchelei zur Beweisführung: Der Osthandel, dessen Resultate mittlerweile ünübersehbar klarstellen, daß er nur für eines getaugt hat, nämlich einen solchen Abfluß von Reichtum aus den sozialistischen Planwirtschaften zu bewirken, daß sie entweder, siehe Polen, nurmehr als staatlich verwalteter Konkursbetrieb existieren oder im Kampf um die Erfüllung der Zahlungsverpflichtungen entschiedene Schritte in diese Richtung unternehmen, dieser Osthandelt war nicht die ökonomische Waffe, sondern umgekehrt "Hilfe". Eine "Hilfe", die, weil sie eben die genannten Resultate erzeugt hat, endgültig "bewiesen" hat, daß der "Krise" der Ostökonomien nicht zu "helfen" ist.

"Der in den 70er Jahren aufblühende Ost-West-Handel bewußt riskierter ideologischer Sündenfall, entschuldigt durch den Wunsch, einen Ausweg aus dem drohenden Kollaps des Plansystems zu finden. Doch bei der Zummenarbeit... wurden die Bruchstellen des antiquierten östlichen Wirtschaftens nur um so deutlicher."

Das imperialistische Selbstbewußtsein, daß der Handel nunmehr zu der Waffe gereift ist, daß mit seinem Abbruch und dem Bestehen auf der Zahlungsverpflichtung die Zerstörung des "östlichen Wirtschaftens" über den schon erreichten Grad hinaus getrieben werden kann, um die vom eigenen Rüstungsdiktat ausgehenden ökonomischen Lasten des Gegners noch zu vermehren - diese Erfolgsgewißheit spricht sich in dem Urteil aus, daß im Osten jetzt endlich die Krise eingetreten ist. Die "Krise des Systems", die so gerecht ist, daß die westliche Urheberschaft nicht verschwiegen werden braucht, sondern ganz unverfroren als die allerhumanste Sterbehilfe für ein immer schon totgeborenes System auftritt.

Wo es schon so trefflich eingerichtet ist auf der Welt, kehrt auch mal Großzügigkeit ein und ein Herr Obst, DDR-Flüchtling und aus unseren Steuergeldern finanzierter Osthetzer, bescheinigt West und Ost gleichermaßen eine tiefgreifende Krise. Aber,

"damit haben die weltweit existierenden wirtschaftlichen Probleme im Osten einen völlig anderen Charakter als im Westen; denn die kapitalistischen Marktwirtschaften produzieren trotz Arbeitslosigkeit, Inflation und öffentlichen Schulden allenthalben Überschüsse, besonders gerade bei Nahrungsmitteln. Der kommunistische Osten aber bestätigt wieder einmal mehr seinen Charakter als Mangelwirtschaft. Er kann die Menschen trotz Vollbeschäftigung nicht ernähren."

Herr Obst erzählt auch noch freudig dazu, wieso der Osten das zur Zeit nicht "kann":

"Nach vorsichtigen Schätzungen muß das Land im laufenden Jahr rund 3 Milliarden D-Mark Zinsen an westliche Banken zahlen. Darüberhinaus stehen Kredite in Höhe von 10 Milliarden D-Mark zur Rückzahlung an. Beides zusammen aber kann die Planwirtschaft nicht leisten. Denn 13 Milliarden D-Mark, das sind fast 22 Milliarden DDR-Valuta-Mark, doch die gesamten Devisenerlöse betrugen 1981 im Westen nur 19 Milliarden Valuta-Mark. Die DDR muß folglich immer wieder neue Kredite im westlichen Ausland aufnehmen - und höhere Zinsen in Kauf nehmen. Nur so ist zu erklären, warum die derzeitige Wintschaftspolitik nur noch eine Maxime kennt: Alles, was sich im Westen irgendwie verkaufen läßt, wird exportiert."

Nur eine kleine Korrektur: Wegen - und als Mittel für - nicht trotz der Überschüsse, die er in Form von Kapital produziert, produziert der Westen Arbeitslosigkeit, Inflation und öffentliche Schulden. Daß die Überschüsse "besonders gerade bei Nahrungsmitteln" dazu da wären, "die Menschen ausreichend zu versorgen", stimmt auch nicht ganz, darf und soll man aber denken, da der Osten eben das nicht "kann" - nicht "kann", weil der Westen auch aus dieser Sphäre die Überschüsse abzieht. Kredite wollen nun mal bezahlt sein und steigende Zinsen, was kann es bloß dagegen einzuwenden geben? Wenn der Westen also dafür sorgt, daß die Versorgung im Osten nicht mehr geht, welches System ist dann der beste Versorger der Menschheit?

Mitten in der weltweiten Krisenlandschaft ist es doch ungeheuer trostvoll, daß die westliche Handels- und Militärpolitik auch jenseits der Mauer eine so schöne Krise zustandebringt. Eben deshalb ist aber zusätz lich zu der genüßlichen Betrachtung, wie der künftige Kriegsgegner schon jetzt schwere Schädigungen hinnehmen muß, auch eine Korrektur der Krisendiagnose fällig. So wunderschön, wie sich die selbstgerechte Methode der imperialistischen Betrachtungsweise ausnimmt, dem Gegner zu bescheinigen, daß er an seinem eigenen System zugrunde geht, so wichtig ist es doch auch, darauf hinzuweisen, daß es vielleicht nicht ganz von allein geht, daß noch ein paar weitere Maßnahmen seitens der westlichen Entwicklungshelfer nötig sein werden.

Das System ist in der Krise, ist schon ziemlich kaputt und der Westen tut unser Bestes. Aber:

"Ist der Koloß überhaupt schon einmal von außen bewegt worden? Könnte er bewegt werden?... Zugrunde liegt die These, die Sowjetunion werde aus Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung gezwungen sein, das Wettrüsten von sich aus einzuschränken... Die These klingt einsichtig, so fern man glaubt, die Sowjetunion sei inzwischen in den Sog ähnlicher Gesetzmäßigkeiten und innerer Zwänge geraten wie eine pluralistische Industriegesellschaft...

Aber wissen die Sowjetbürger eigentlich, daß es ihnen schlecht geht?...

Und die vielleicht unheimlichste Frage: Wissen eigentlich die Machthaber, daß es dem Volk schlechtgeht?...

Wer auf eine Veränderung des Sowjetsystems von innen setzt, muß diese Zeitmasse einer verspätet ablaufenden Epoche vor Außen haben. Wer da zeigen will, wofür er steht, braucht einen langen Atem..."

Eben. Was nützt die schönste Krise, die man dem Osten attestiert und zufügt, wenn er sie nicht "weiß", wenn er die westliche Aufforderung, sich selbst zu liquidieren, nicht versteht? Deshalb meint auch ein verantwortlicher amerikanischer Politiker davor warnen zu müssen, die eigenen Ideologien allzu wörtlich zu nehmen.

"Die ökonomische Austrocknung ist unrealistisch. Sie werden nicht zusammenbrechen. Die sowjetische Wirtschaft funktioniert so gut und schlecht wie die westliche. Bereits 1950 wurde erklärt, daß die Sowjetunion in sechs Wochen in die Knie geht. Wir sind noch Weit vom Zusammenbruch entfernt, auch wenn wir ihnen große Schwierigkeiten bereiten können."

Zwangsarbeit in der Sowjetunion

Ein schrecklicher Verdacht ist aufgekommen: Unser Gas, unsere Röhren und Turbinen, unsere Kredite werden durch Zwangsarbeit beschmutzt.

Noch schlimmer: Die ganzen Osthandelsjahre hindurch haben wir, unwissend oder nicht wissen wollend, die Früchte eines einzigen Arbeitslagers entgegengenommen.

"Wer sich plötzlich über Häftlingsarbeit in der UdSSR empört, der hat bislang diesen Staat nicht als das genommen, was er ist: ein Industriekoloß, der sich auf die Knochen von Millionen Zwangsarbeitern gründet." (Spiegel)

Ab sofort bestehen wir auf einer internationalen Prüfung auf absolute Freiwilligkeit der Arbeit. Vor südafrikanischen Bergwerken, bei VW do Brasil und auf den thailändischen Reisfeldern: Arbeiten Sie hier unter Zwang oder wollen Sie bloß nicht verhungern?

Bei Fiat, General Motors und BMW: Müssen Sie etwa arbeiten oder wollen Sie bloß Geld verdienen?

Gott sei Dank haben zwei Nachrichten unsere Gewissensprüfung hinsichtlich möglicher Zwangsarbeit in der Bundesrepublik sehr erleichtert. Die erste: Das Tütenkleben in den Gefängnissen ist wegen mangelnder Rentabilität drastisch zurückgegangen, die Gefangenenorganisation hat darüber geklagt, wahrscheinlich wegen des entgangenen Sinns. Die zweite: Die IG Metall, die freie Organisation aller freien deutschen Metallarbeiter hat in Baden-Württemberg eine Kampagne gegen das Verbrechen der Arbeitsplatzvernichtung eröffnet.

"Wir prüfen jetzt jeden Metallbetrieb: Wir informieren die Öffentlichkeit über jeden vernichteten Arbeitsplatz"

Vielleicht sollten die Frankfurter Gesellschäft für Menschenrechte, amnesty international, die IG Metall, Caspar Weinberger und die anderen mit dem Zwangsarbeitsskandal befaßten Arbeiterfreunde den Russen einfach mal den Trick verraten, wie man es schafft, die Arbeiter ums Arbeiten-Dürfen betteln zu lassen, damit dann endlich dieser Schandfleck aus der sauberen Welt der Lohnarbeit getilgt ist.