EIN HERRSCHER SPRICHT ZU SEINEM VOLK

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.
Systematik: 

Reagan's Budgetrede
EIN HERRSCHER SPRICHT ZU SEINEM VOLK

"Washington - Präsident Reagan, der an den Kongreß einen abschließenden Appell für sein ökonomisches Progrämm richtete, einige Tage bevor die Vorschläge der Regierung sich den entscheidenden Abstimmungen der Legislative stellen müssen, sagt, daß sein Programm,die einzige Antwort sei, die wir noch haben, um die ökonomischen Probleme der Nation zu lösen." (press-release zur Budget-Rede)

Weil die amerikanische Verfassung es so will, bedeutet der Wahlsieg eines Präsidenten nicht automatisch, daß er auch im Kongreß und im Senat eine Mehrheit für seine Politik erhält. Die Durchsetzung des neuen Regierungsprogramms ist deshalb mit der Präsidentenwahl nicht gelaufen: Es ist Sache des neuen Teams, in der ersten Phase ihrer Amtsinhaberschaft den Beweis anzutreten, daß ihre politische Linie die ist, die zu unterstützen sich für Demokraten wie Republikaner lohnt. Dieser Beweis ist allerdings deshalb nicht schwer zu haben, weil die Regierung über die Quellen von Macht, Einfluß und Geld verfügt und diese einsetzt, um die Volksvertreter davon zu überzeugen, daß es ihr Vorteil ist, wenn sie die Regierung unterstützen - weshalb sich ganz jenseits von Parteizugehörigkeit für die senators und congressmen die Entscheidung stellt, wie sie bei der Neuvergabe der Pfründe mitzumischen gedenken - als Unterstützer der Regierungspläne oder als ihre einflußreichen Verhinderer.

Nach den Wahlen verwandeln sich die Parteien zurück in Ansammlungen, von Lobbyisten für die Interessen der Unternehmer, der Texaner, des Naturschutzes, der schönen Künste, der Arbeiter und der Armen (die Neger, Juden und Puertoricaner nicht zu vergessen), die mit Versprechungen in Sachen Beförderung ihrer Karriere zu gewinnen sind. Und diese Versprechungen sind umso überzeugender, je mehr lobbies die präsidentielle Mannschaft schon auf ihre Seite gezogen hat - d.h. davon "überzeugt", daß es für die von ihnen vertretenen Interessen - und das heißt ersteinmal ganz schlicht für diejenigen, die diese Interessen vertreten! - am förderlichsten ist, wenn sie sich der neuen nationalen Marschroute anschließen.

Aufbruch zu neuen Ufern...

Insofern ist ein Großteil der "Arbeit" die ein Präsident zur Durchsetzung seines Budgets zu leisten hat, bereits getan, wenn er gegenüber der Legislative für sein Programm wirbt: Essen, Telefonanrufe, Geschenke, Einladungen auf seine Ranch, Ernennung von Beamten, auch ein Grußtelegramm an die Mitgliederversammlung der anerkanntermaßen korrupten Teamster-Gewerkschaft, die als einzige seine Wahl unterstützte, sind Mittel, um die Volksvertreter daran zu erinnern, daß der Präsident sich im Zweifelsfall an ihr Abstimmungsverhalten "erinnern" wird, wenn die Zeit gekommen ist. Die Bedeutung der Budget-Rede liegt deshalb auch darin, den Erfolg zu demonstrieren, den der Präsident bei seiner Kampagne schon gehabt hat, und allen noch Zögerlichen nahezulegen, sich auch auf die "winning side" zu schlagen, solange noch Zeit ist. Die Selbstdarstellung des Präsidenten als Sieger in dieser Schlacht ist denn auch der alleinige Inhalt dessen, was er seinem Volk und dessen Herrschern mitteilt - und die Demonstration des Willens, das eigene Programm ganz ohne Rücksicht auf irgendwelche kleinlichen Bedenken durchzuziehen, spricht in den Augen der Volksvertreter auch am meisten dafür, sich diesem Kurs anzuschließen. Wenn man die Macht hat, ist die Demonstration von deren Selbstgefälligkeit eben ein Argument:

"Ich bin heute abend zu Ihnen gekommen, um über unser Programm zur Wiederherstellung unserer Ökonomie zu reden und darüber, wieso ich glaube, daß es lebenswichtig ist, daß der Kongreß diesem Maßnahmenbündel zustimmt, von dem ich glaube, daß es die erdrückende Last der Inflation von unseren Bürgern nehmen und die Vitalität unseres ökonomischen Apparats wiederherstellen wird."

...mit den gesunden Mitgliedern der Nation...

Um so anzugeben, muß man eben Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein: Der braucht nur hoheitsvoll mitzuteilen, daß er vor den Volksvertretern erschienen ist, um ihnen die eigenen Überzeugungen hinsichtlich seines ökonomischen Programms auszubreiten, und schon ist er ein Argument geworden. Wenn er, Ronald Reagan, von seinem eigenen Programm überzeugt ist, haben die versammelten Politiker allen Grund, es auch zu sein, wenn sie von der Macht des Präsidenten zehren wollen. Und daß man sich hier gemeinsam um nichts Geringeres als das Wohl der Bürger sorgt, ist die Redeweise, mit der das gemeinsame Interesse der politischen Macher an der Stärkung der Nation beschworen wird - weshalb es auch nichts zur Sache tut, daß jeder im Saal weiß, daß die Last der Inflation ihren Grund in dem Beschluß zur verstärkten Aufrüstung hat und die "Revitalisierung Amerikas" nur eine andere Bezeichnung für einen breit angelegten Angriff auf den Lebensstandard der Massen ist. Eben weil die militärische Stärkung beschlossene Sache ist, geht es darum, aus ihr einen Beitrag zur ökonomischen Stärkung der USA zu machen, also alle Mittel bereitzustellen, um aus ihr und der damit feststehenden Inflation ein Geschäft fürs Kapital zu machen: und daß dies der Vorteil der Bürger sei, ist die amerikanische Art und Weise, dem Volk mitzuteilen, daß ihm alle Chancen offenstehen, wenn es nur die Mittel hat, sie zu nutzen. Obwohl das amerikanische "Sparprogramm" seinen Bürgern eben dasselbe beschert wie das hiesige den deutschen, heißt die Ideologie dazu, wie es der Weltmacht Nr. 1 gemäß ist, nicht "leider müssen wir den Bürgern Lasten aufhalsen", sondern im Gegenteil: Aufbruch zu neuen Ufern - und wer dabei auf der Strecke bleibt, hat eben Pech gehabt.

Es ist deshalb auch sehr passend, daß Ronald Reagan den harten ökonomischen Tatsachen ein Lob des amerikanischen Idealismus vorausschickt - den wird der normale Ami allerdings nicht zu knapp brauchen, um in diesem Versprechen die Erfüllung seines Herzenswunschs zu erkennen. Was ihn zum wahren Ami macht, ist nach Ronald Reagan denn auch nicht sein Fleiß, seine Bescheidenheit und seine Unterwerfung unter die staatlich verordnete Konkurrenz - also die ganz normalen Staatsbürgertugenden, auf die es überall auf der Welt ankommt, wenn ein Staat was hermachen soll auf der Welt -, sondern sein ganz exquistiter Nationalcharakter, der sich in der Liebe zu seinem Präsidenten niederschlägt:

"Erst jedoch - aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen - erlauben Sie mir, einen Augenblick abzuschweifen von dem zentralen Thema, warum wir die Regierungsausgaben unter Kontrolle bringen und die Steuersätze senken müssen. Ich möchte ein paar Worte direkt an Sie alle und an diejenigen richten, die heute abend zuhören und zusehen.

Dies ist der einzige Weg, den ich kenne, um in meinem Namen und dem von Nancy auszudrücken, wie sehr eure Briefe, eure Blumen und am allermeisten eure Gebete uns bewegt haben. Nicht nur für mich, sondern auch für diejenigen, die neben mir fielen (!). Die Wärme eurer Worte der Ausdruck von Freundschaft und, ja, Liebe" (man beachte die vornehme Zurückhaltung in der Wortwahl!) "bedeutete uns mehr als Ihr jemals ahnen könnt" (schön gesagt!). "Ihr habt uns eine Erinnerung gegeben, die wir für immer bewahren werden. Und ihr habt den wenigen Stimmen die richtige Antwort gegeben, die sagten, das, was geschehen ist, sei ein Beweis für die Krankheit unserer Gesellschaft.

Die Gesellschaft, von der wir gehört haben, besteht aus Millionen von mitfühlenden Amerikanern und deren Kindern, von der Oberschule bis hinunter zum Kindergarten. Kranke Gesellschaften bringen nicht Männer hervor, wie die beiden, die vor kurzem aus dem All zurückgekehrt sind" (na, na - und was ist mit Gagarin?). "Kranke Gesellschaften produzieren nicht junge Leute wie den Geheimagenten Tim McCarthy, der seinen Körper zwischen meinen und dem Mann mit dem Gewehr" (kein Amerikaner?) "schob, einfach weil er das Gefühl hatte, daß dies seine Pflicht sei. Kranke Gesellschaften bringen nicht aufopferungsvoUe Polizeioffiziere hervor wie Jim Brady. Kranke Gesellschaften erlauben es nicht, Leuten wie uns, so stolz darauf zu sein, Amerikaner zu sein, und so stolz auf alle" (wirklich?) "unsere Bürger."

Wozu ein Volk einem Herrscher gut ist, weiß dieser demokratische Imperator also schon sehr gut. Wenn ER zu ihm spricht, das in Liebe und Ergebenheit IHM lauscht, ist das eine wunderbare Gelegenheit, um daraus und aus der eigenen Ergriffenheit ob dieser Ergebenheit ein Argument für die Größe der eigenen Person zu machen, die einem selbst ganz jenseits des Amtes zukommen soll. Für derlei Ergüsse über die persönliche Identität von Volk und Herrscher dienen denn auch die üblichen Versatzstücke demokratischer Öffentlichkeit wie Briefe, Blumen und Gebete, mit denen sich Interessenten oder Teilhaber an der Macht persönlich in Erinnerung bringen, Lehrer ihrem Nachwuchs eine Lektion in Staatsbürgerkunde erteilen oder auch nur Hausfrauen ihrem eigenen trostlosen Dasein ein Stück Glanz von der Macht verleihen. Als Repräsentant der göttlichen Vorsehung auf Erden, die der Menschheit die Demokratie auf amerikanisch als ihr gemäße Lebensform vorherbestimmt hat, ist man natürlich für Gebete besonders dankbar.

Die amerikanische Nation hat sich anläßlich der Schüsse eines Verrückten im Kampf gegen DAS BÖSE bewährt, sowohl in denjenigen, die in dieser Schlacht "fielen" als auch in der nationalen Qualität des Mitgefühls ausgerechnet für die oberste Staatsmacht.

...und ein paar Millionen Nichtschwimmern...

Für eine solche Nation will ein Präsident sich selbst gerne opfern, weswegen der Exkurs über seine Krankheit und die Gesundheit des Volkes auch alles andere als eine Abschweifung war:

"Now, let's talk about getting spending and inflation under control and cutting your tax rates."

"Ich werde heute abend nicht sehr lange reden" (dezenter Hinweis auf das eigene Leiden im Dienste der Nation!), "aber ich habe um diese Sitzung gebeten, weil die Dringlichkeit unserer gemeinsamen Mission nicht geringer geworden ist Dank einiger hervorragender Leute ist meine Gesundheit sehr verbessert. Ich würde gerne dasselbe über die Gesundheit unserer Ökonomie (!!) sagen können. Aber der grundsätzliche Charakter unserer ökonomischen Misere hat sich nicht gewandelt...

Nach dem Preisindex der Lebenshaltungskosten ist die Inflationsrate noch immer zweistellig. Die Zinsen für Hypotheken haben im letzten halben Jahr um 15% gelegen und haben Familien in ganz Amerika daran gehindert, sich ein Heim zu kaufen.

Es gibt immer noch (!) ungefähr acht Millionen Arbeitslose. Die Stundenlöhne eines durchschnittlichen Arbeiters sind nach Abzug der Inflationsrate heute niedriger als sie vor sechs Monaten waren, und es hat über 6000 Unternehmenszusammenbrüche gegeben."

Kennen tut er sie also schon, die Opfer des Volksteils, der für die Stärke der Nation eingespannt wird. Und gerade die werden zum Argument für weitere Opfer; wobei der ganze Trick darin besteht, die "ökonomische Situation" als bislang mangelhafte Fürsorge der verantwortlichen Macher darzustellen. Die Armut der arbeitenden und nicht arbeitenden Massen Amerikas ist nicht etwa absichtsvoll ins Werk gesetztes Resultat von Aufrüstung, Aufhebung der Ölpreisbindung, also von Maßnahmen, die die "Investitionsbereitschaft" des amerikanischen Kapitals schon soweit befördert hat, daß auf den Wirtschaftsseiten ganz offen von dessen "unerwartet hohem Wachstum im ersten Quartal" gesprochen wird, sondern angeblich die Folge davon, daß die im Budget vorgesehenen Kürzungen in den bislang gezahlten Almosen für die down-and-outs und die Senkung der Steuern für Leute, die mit ihrem Geld den Reichtum der Nation befördern, noch nicht in Kraft sind. Was "das Volk" nach Meinung seiner Macher "will", ist eben das, was sie ihnen zu verordnen gedenken - nach dem Motto: Es muß noch um einiges schlimmer werden, ehe es besser werden kann:

"Wegen des Ausmaßes der Krankheit unserer Ökonomie wissen wir, daß die Kur nicht schnell kommen wird, und daß auch mit unseren Maßnahmen ein Fortschritt sich in Zentimetern und Metern, nicht in Meilen einstellen wird. Aber, wenn wir nicht handeln" (auch eine lustige Vorstellung - ein Präsident, der einfach nichts tut!), "wird sich die Kur noch länger und noch schmerzlicher verzögern.

Diese Kur beginnt mit dem Bundesetat. Und die Haushaltsmaßnahmen, die der Kongreß in den nächsten Tagen ergreifen wird, werden bestimmen, wie wir auf die Botschaft vom letzten November reagieren.

Diese Botschaft war sehr einfach. Unsere Regierung ist zu groß und gibt zuviel aus."

...die "geopfert" werden.

"Zuviel Staat" ist in den USA ebensowenig wie hier ein Urteil über die Größe des Staatshaushalts, also über die Qualität der staatlichen Einnahmen und Ausgaben. Zuviel Staat steht für ein Programm, das die Konkurrenz ohne überflüssige Rücksichtnahme auf ihre Wirkungen auf diejenigen, die nicht die Mittel haben, sie zu bestehen, in Gang setzen will, und die von der Konkurrenz Geschädigten oder aus ihr Hinausgeworfenen umstandslos als das behandelt, was sie vom Standpunkt des nationalen Reichtums aus sind: faux frais der kapitalistischen Produktionsweise. In einem Land, das nie Sozialstaat war, das den Umgang mit der Armut immer nur als Fürsorge und Almosen gepflegt hat umd nie als irgendwie erforderliche Notwendigkeit für das Gedeihen des Gemeinwesens - das hat die Konkurrenz selbst zuwege gebracht! - kann das hierzulande gebräuchliche, von diesem Standpunkt aus durchaus defensive ideologische Argument, "im Interesse des Ganzen" müßten den Bürgern "Opfer" abverlangt werden, ganz entfallen zugunsten der Ausmalung der Perspektiven, die sich dem Reichtum und allen, die (wirklich oder eingebildet) meinen, an ihm partizipieren zu können, bieten, wenn ihm in seiner Bewegungsfreiheit alle Rücksichtnahmen abgenommen werden, die Umweltschutz, Armenfürsorge, staatliche Preis und Konkurrenzrichtlinien, Mindestlöhne für Jugendliche u.a.m. ihm noch auferlegten. Und in dem Programm sind sich in den USA inzwischen schon deshalb alle Politiker einig, weil Reagan damit die Wahl gewonnen hat, weswegen die "Durchsetzung" dieses Programm im Kongreß für Reagan in der lässigen Entscheidung zwischen zwei Varianten des Gleichen bestand. So kostete es ihn auch nichts, seine Bereitschaft zu überparteiischer Einheit dadurch zu demonstrieren, daß er die Budgetvorschläge der Regierung zugunsten gleichlautender eines Kongreßkomitees beider Parteien "opferte" und sich dafür bei den Volksvertretern bedankte:

"For the last few months, you and I have enjoyed a relationship based on extraordinary cooperation. Aufgrund dieser Kooperation haben wir" (d.h. er) "in weniger als drei Monaten viel erreicht. ... Ausschußvorsitzende beider Parteien haben zügige und gründliche hearings durchgeführt" (= Anhörung der verschiedenen Interessengruppenvertretern zu den einzelnen Haushaltspunkten)

"Der Kongreß wird sich bald zu entscheiden haben zwischen zwei unterschiedlichen Vorschlägen zur Bewältigung unserer ökonomischen Schwierigkeiten. Der eine Vorschlag stammt vom Haushaltsausschuß, der andere ist ein überparteilicher Vorschlag. Im Namen der Regierung möchte ich feststellen, daß wir den überparteilichen Vorschlag begrüßen und ihm voll zustimmen. Er wird alle wesentlichen Ziele in der Kontrolle der Regierungsausgaben, in der Senkung der Steuerlast, im Aufbau einer nationalen Verteidigung, die keiner anderen nachsteht, und in der Stimulierung ökonomischen Wachstums und der Schaffung von Millionen von neuen Arbeitsplätzen erreichen.

Gleichzeitig muß ich unsere Gegnerschaft gegen den Vorschlag des Haushaltsausschusses zum Ausdruck bringen. Es mag so scheinen, als hätten wir zwei Alternativen. In Wirklichkeit gibt es keine Alternative mehr. Der Vorschlag des budget committee greift zu kurz bei den wesentlichen Maßnhmen, die wir ergreifen müssen. Zum Beispiel, für die nächsten drei Jahre

will dieser Vorschlag 141 Mrd. Dollar mehr ausgeben als der überparteiliche Vorschlag.

er kürzt bedauerlicherweise über 14 Mill. Dollar in wesentlichen Verteidigungsausgaben - Ausgaben, die erforderlich sind, um Amerikas nationale Sicherheit wiederherzustellen.

er hält an der verfehlten Politik fest, den Haushaltsausgleich auf dem Rücken der Steuerzahler bewerkstelligen zu wollen. Er würde die Steuern über ein Drittel steigen lassen - bis zu einer Gesamtsumme von unerhörten einviertel Trillion Dollar. Bundessteuern würden jährlich 12% steigen. Die Steuerzahler würden 1984 einen größeren Teil ihres Einkommens an die Regierung zahlen als gegenwärtig.

Kurz, der Ausschuß-Vorschlag erweist sich als Nachklang der Vergangenheit und nicht als in die Zukunft weisendes Zeichen. Hohe Steuern und übermäßiges Ausgabenwachstum haben unsere gegenwärtige ökonomische Misere verursacht; mehr vom selben wird nicht die Lasten, die Sorgen und die Entmutigung von unserem Volk nehmen."

Wohingegen das Reagansche Programm eben dies tun soll, auch wenn es anerkannteaaßen nur in einigen Punkten weiter geht, als es den Demokraten des Haushaltsausschusses angesicht ihrer breiten Anhängerschaft bei Gewerkschaftsbossen und Vertretem derjenigen Gruppen, die ihr Einkommen aus der Beschäftigung in social-welfare-Programmen beziehen, zweckmäßig erschien. Angesichts solcher Alternativen hat Reagan allen Grund, den Volksvertretern für ihre Kooperationsbereitschaft einerseits zu danken, andererseits darauf zu bestehen, daß seine Pläne zur Erleichterung der Steuern auf Vermögen und hohe Einkommen nicht unter den Tisch fallen dürfen. "Sparen" heißt eben auch auf amerikanisch nicht "weniger ausgeben":

"Laßt uns für einen Augenblick den Nebel beiseitewischen. Die Antwort auf eine Regierung, die zu groß ist, besteht darin, ihre Größe nicht weiter zu nähren. Die Regierungsaufgaben sind schneller gewachsen als die Ökonomie. Die riesige Staatsschuld, die wir akkumuliert haben, ist ein Resultat einer Überfütterung der Regierung. Nun, es ist Zeit, sie auf Diät zu setzen, und zwar richtig.

Ich weiß, daß die Steuersenkungsvorschläge unseres Maßnahmenpakets einigen von Ihnen ein Problem sind. Lassen Sie mich auf ein paar Punkte hinweisen, die meines Erachtens bislang übersehen wurden. Erstens sollten diese Vorschläge als integraler Bestandteil des gesamten Budgets betrachtet werden, und nicht getrennt von den Ausgabekürzungen, den Erleichterungen von Regierungsvorschriften und den geldpolitischen Überlegungen. Das am meisten verbreitete Mißverständnis besteht wahrscheinlich darin, daß wir die Regierungseinnahmen auf weniger als das senken wollen, was die Regierung bislang eingenommen hat. Das trifft nicht zu. Tatsächlich geht die Diskussion um die Frage, eine wie große Steigerung der Steuern dem Bürger 1982 auferlegt werden soll. Dem Steuersystem ist eine riesige Steigerungsrate eingebaut. Wir schlagen nur eine Senkung dieser Steigerungsrate vor.

Die Bürger haben ein Recht zu wissen, daß auch mit unserem Plan sie mehr Steuern zahlen werden, wenn auch nicht soviel mehr (als ob dem Volk irgendjemand dies verschweigen wollte!). Die Alternative die der Haushaltsausschuß anbietet, läßt die Ausgaben zu hoch und die Steuersätze zu hoch. Gleichzeitig beschneidet sie den Rüstungsetat zu sehr (Hier gilt natürlich das Gleiche: beschneiden tut der demokratische Vorschlag die Rüstungsausgaben überhaupt nicht, sondern hält bloß einen im Vergleich zum Gesamtetat geringfügig geringeren Zuwachs für ausreichend - auch dies nur eine Geste, daß man sich seiner Verantwortung als mögliche Regierungsalternative bewußt ist!). Und weil sie das Defizit durch höhere Steuern ausgleichen will, wird sie nicht das starke ökonomische Wachstum und die neuen Arbeitsplätze schaffen, die wir brauchen. Lassen Sie uns nicht die Tatsache vergessen, daß der kleine, unabhängige Geschäftsmann bzw. die Geschäftsfrau mehr als 80% aller neuen Jobs schafft und die Hälfte unserer Arbeitskräfte beschäftigt. Unsere gleichmäßige Steuersenkung über drei Jahre wird ihnen einen großen Teil des Anreizes und des Versprechens auf Stabilität bieten, die sie brauchen, um Expansionspläne mit zusätzlicher Nachfrage nach Beschäftigten voranzutreiben."

Kleine Geschenke sichern die Mehrheit

Wie es der Regierung Reagan um den "kleinen, unabhängigen Geschäftsmann" geht, läßt sich dem Kompromiß entnehmen, den Reagan inzwischen konservativen Demokraten dafür angeboten hat, daß sie seine Steuerpläne unterstützen. Erstens hat er von seinem ursprünglichen Plan einer jeweiligen 10%igen Steuersenkung über die nächsten drei Jahre zugunsten eines demokratischen 5-10-10-Vorschlags Abstand genommen. Zweitens hat er stattdessen Steuersenkungsvorschlägen zugestimmt, mit denen die Demokraten Punkte machen können: Steuernachlässe für die Wiederherstellung alter Häuser - gut für demokratische Bürgermeister in Städten wie Detroit; Senkung der windfall-profit-steuer für die Ölgesellschaften - gut für demokratische Senatoren in Lousiana, Oklahoma, Texas und Kansas; Senkung der vorgesehenen Abschreibungserleichterungen für große Unternehmen - gut für das demokratische Image, dem Mittelstand zu helfen. Das Kriterium bei den am Ende getroffenen Maßnahmen - Beförderung der wirtschaftlichen Aktivitäten derer, die welche haben - läßt sich eben so und so anwenden; und die uramerikanische Ideologie, bei all dem ginge es um den wagemutigen Kleinunternehmer, auf jeden Fall verbreiten: schließlich haben sie ja auf jeden Fall etwas davon! Auf jeden Fall sind diverse Demokraten dem Reaganschen Aufruf: "Tonight I renew my call for us to work as a team", also "zusammenzuarbeiten, um Antworten zu finden, die anfangen, all unsere ökonomischen Probleme zu lösen und nicht nur einige" bereitwillig gefolgt - und haben sich dafür die Reagansche Andeutung eines Versprechens eingehandelt, daß er bei den Kongreßwahlen im nächsten Jahre nicht gegen sie Wahlkampf machen werde. Auch ein Geschäft. Kurz und gut:

"Das ökonomische Wiederaufbauprogramm, das ich Ihnen in den letzten Wochen entwickelt habe, ist, davon bin ich zutiefst überzeugt, die einzige Lösung, die uns bleibt" (was Wunder - es ist ja seine!) "Die Senkung des Ausgabenzuwachses, die Beschneidung der Steuerzuwächse, die Befreiung der Industrie von überflüssigen Vorschriften, und die Befolgung einer nichtinflationären und verläßlichen Geldpolltik sind miteinander verzahnte Maßnahmen, die sicherstellen werden, daß wir jede der schweren Fehlentwicklungen bekämpfen, die unsere ökonomische Zukunft bedrohen. ...

Als ich den Amtseid schwor, habe ich nur einer Interessensgruppe die Treue geschworen - 'we the people'. Dieses Volk - Nachbarn und Freunde, kleine Kaufleute und Arbeiter, Bauern und Handwerker - haben nicht unbegrenzte Geduld. ... Der alte und bequeme Weg ist, hier ein bißchen wegzunehmen und dort ein bißchen hinzuzufügen. Das ist nicht mehr akzeptierbar. ... Ist es nicht an der Zeit, daß wir etwas Neues versuchen?"

Für jeden Amerikaner ein Gefühl von Greatness

Das ist wohl gemeint, wenn über 60% befragter amerikanischer Untertanen die Auffassung vertreten, daß Reagan "has made Americans feel good again." Versprechen tut er ihnen nämlich wirklich nur das, was seine Amtsvorgänger auch schon mehr oder minder, je nach Konjunkturlage und politischen Absichten, gemacht haben. Das Gefühl nationaler Größe vermittelt er ihnen aber anscheinend schon, wenn er ihre bornierten Vorstellungen über das "american way of life" als Maßstab des Programms amerikanischer Größe würdigt: bloß für die, die arbeitsam, ehrlich, bigott, tierlieb und staatstreu sind, soll dieser ganze Aufwand gestartet sein, Amerika in der Welt uneingeschränkte Geltung zu verschaffen. Wobei es auch herzlich gleichgültig ist, ob sie das wirklich glauben: Ihre Geduld ist jedenfalls offensichtlich groß genug, um sich ihre Lebensperspektiven in den sentimentalen Plattheiten eines 70jährigen verklären zu lassen, weil dieser von einer Mehrheit ihrer Landsleute gewählt wurde.

Daß deswegen die Anliegen der Nation auf die kleinlichen Maßstäbe des Kaufmanns an der Ecke heruntergebracht würden, soll damit um Gottes Willen nicht gesagt sein - im Gegenteil: Daß die Mächtigen dieser Welt ans brave Volk denken, wenn sie ihm das Leben schwer machen, ist ja schließlich schon Lohn genug. Und wenn in ihrem Namen Weltgeschichte gemacht wird:

"Mit der Space shuttle haben wir unseren Erfindungsreichtum wieder einmal auf die Probe gestellt - wir haben über die Leistungen der Vergangenheit zu der Verheißung und der Unsicherheit der Zukunft gegriffen. So haben wir nicht nur geplant, ein 37 Meter langes Flugzeug 285 Kilometer in den Raum zu schicken, sondern haben ebenfalls bezweckt, es manövrierfähig zu machen und auf die Erde zurückzubringen und 98 Tonnen exotischer Metalle sanft auf einem einsamen ausgetrockneten See zur Landung gebracht. ...

Das macht uns Amerikaner anders. Wir haben immer nach einem neuen Geist gesucht und ein noch höheres Ziel verfolgt. Wir waren tapfer und entschlossen, furchtlos und wagemutig. Wer von uns will der erste sein zu sagen, daß wir diese Qualitäten nicht mehr haben? Daß wir weiterhumpeln müssen und die gleichen Dinge tun, die uns unseren jetzigen leidvollen Zustand gebracht haben? Ich glaube, daß das Volk, daß Sie und ich repräsentieren, bereit ist, einen neuen Kurs zu steuern. Sie schauen auf uns, der großen Herausforderung zu begegnen - über das Gewöhnliche hinauszustreben und nicht zurückzufallen aus Mangel an Kreativität oder Mut. Irgendjemand hat einmal gesagt: Der, der mit Dornen nichts zu tun haben will, darf nie versuchen, Rosen zu pflücken.

Wir haben viel Größe vor uns. Wir können unsere ökonomische Macht wiedererlangen und Chancen schaffen, die wir nie zuvor gekannt haben. Wie Carl Sandburg gesagt hat, alles, womit wir anzufangen brauchen, ist ein Traum, daß wir besser sein können als bislang. Alles, was wir brauchen, ist Glaube, und der Traum wird Wahrheit werden. Alles, was wir tun müssen, ist handeln, und dle Zeit zum Handeln ist jetzt. Vielen Dank und Gute Nacht."

Offensichtlich ist es schon so: Wenn moderne Herrscher ihrem Volk mitteilen, daß sie für die Größe der Nation gebraucht werden, und ihnen auch nichts anderes versprechen als diese Größe, dann kann es nicht pathetisch genug zugehen. Wenn dem Volk mitgeteilt wird, daß es genau die Entbehrungen will, die seine Politiker aktuell für zweckmäßig halten, dann gehört es sich eben, daß der Trostlosigkeit eines gewöhnlichen Staatsbürgerdaseins etwas vom erfundenen Heroismus seiner Macher eingeflößt wird. In solchen Zeiten ist eben billigstes Filmdramapathos schon das Zeichen staatsmännischer Größe.