EIN GENIE WIRD ENTHÜLLT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1985 erschienen.
Systematik: 

Festschrift zum Strauß-Geburtstag
EIN GENIE WIRD ENTHÜLLT

Wie kaum ein anderer besitzt F.J. Strauß die entwaffnende Unverfrorenheit, all seine politischen Absichten als tiefere, vor allem historische Einsichten daherkommen zu lassen. Wie kaum ein anderer hat er daher auch zu seinem Geburtstag eine Festschrift verdient, die seinen Karrierismus mit der Aura staatsmännischer Weisheit und wissenschaftlicher Gelehrsamkeit umgibt.

Stoiber und die CSU haben keine Portokosten gescheut, um eine möglichst illustre Autorenmannschaft zusammenzutrommeln, damit die ihre "Erkenntnisse, Standpunkte und Ausblicke" (so der Untertitel des Wälzers) beim Politik-Machen zum besten gebe. Und zwar möglichst so, daß Strauß als siebzigjährige Inkarnation der gemeinsamen Herrschaftsideale herauskommen möge.

Sämtliche Gratulanten sind sich darüber einig, daß ein demokratischer Führer mit solch "jahrzehntelanger Erfahrung und Bewährung" in der Politik von "ungewöhnlicher Intelligenz " sein müsse (Bundespräsident Weizsäcker). Dabei ist der Geist des Jubilars, auch das wird unisono hervorgehoben, einer, der "in langen Perspektiven denkt und Geschichte als historische Aufgabe begreift" (Weizsäcker).

Wie diese oberschlaue lange Perspektive schon zu Zeiten des jungen Abiturienten Franz voll durchschlug, schildert rückblickend die Mit-Autorin und Strauß-Schwester Maria: Erstens erkannte der Einserschüler Strauß schon 1931, daß es bald Krieg geben werde. Dies wäre noch keine besondere Intelligenzleistung gewesen, wohl aber war es die Konsequenz, die der junge Mann zog. Er verschleuderte nun seine ungewöhnlichen Talente nicht damit, wie der Teufel gegen Krieg und Faschismus zu agitieren, so gut es eben ging, sondern warf sich eben damals schon mit historischem Weitblick - zweitens auf den Erwerb des Führerscheins. "Auf meine verwunderte Frage, was er mit einem Führerschein ohne Auto wolle, erklärte er mir", so berichtet die Schwester, "Hitler bereite den Krieg vor, und er möchte für den Deppen nicht zu Fuß durch Europa marschieren." Schon der junge Franz hatte also erkannt - enthüllt seine Schwester -, noch bevor er es zu einem veritablen Franz Josef gebracht hatte, daß man besser nicht zum Fußvolk der Obrigkeit gehört, wenn es ans Erobern geht, sondern lieber zu deren Leutnants.

Nachdem sich diese Zeiten, trotz des flott motorisierten Beginns, im nachhinein per Kriegsverlust als die "dunkelsten Tage Deutschlands" herausgestellt hatten, widmete sich der rastlose Geist - so deckt einer auf, der es aus eigener Erfahrung wissen muß - "gleich nach Kriegsende... einem der größten und letztlich erfolgreichsten politischen Experimente dieses Jahrhunderts: der demokratischen Gesellschaft." (Festschrift-Autor Reagan)

Dank der überaus soliden Versuchsanordnung konnte das Experiment kaum umhin, der bekannte Erfolg zu werden und damit auch der Erfolg des Politikers Strauß, der "zunächst auf lokaler Ebene mit amerikanischen Beratern... und später innerhalb des pulsierenden neuen politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland" (Reagan) das Gelingen des neu eingerichteten Staatswesens sichern half und dessen Fortschreiten zu einem souveränen, bündnistreuen Frontstaat-Imperialismus.

Co-Autor und Großbanker H.J. Abs schildert in der Festschrift den "wirtschaftlichen und finanziellen Aufbau" der BRD nach dem Kriege mittels des US-Kredits und feiert begeistert die "Wiederaufnahme des deutschen Kapitalexports" 1958: "Die erste deutsche Auslandsanleihe seit 1914, die 5,5%ige Wandelanleihe der "Anglo American Corporation of South Africa" - ein "Markstein" in einer "Zeit der Neuorientierung wirtschaftlicher Aktivitäten im politischen Umfeld. Entwicklungshilfe begann bedeutsam zu werden" und mit dem "Kapitalexport auch die Selbstdarstellung mit dem Ziel, die Überlegenheit des eigenen gesellschaftlichen Ordnungsprinzips zu erweisen."

Minister Dollinger, ein untrüglicher Gewährsmann, wartet mit der sensationellen Enthüllung auf: "Franz Josef Strauß gehörte zu den Vätern dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung", nicht zuletzt dadurch, daß er als Verteidigungsminister mit einem ungeheueren persönlichen Einsatz die Bundeswehr aufgebaut" und "den Rahmen für Freiheit, Frieden und Sicherheit geschaffen" hat, obwohl " nicht einsehen, warum gerade die BRD nach allem, was geschehen war,..." (Franz Heubl).

Daß es für weltweites Geschäft irgendwie schon auch eine Menge Waffen braucht und, damit man die beschaffen (noch selbst produzieren) kann, eine Menge Kredits, ist dem "Dialektiker" Strauß selbstverständlich gewesen. Dialekt war nämlich immer seine Stärke, wie der Unparteiische und Festschrift-Autor Golo Mann feststellen muß. Strauß "...denkt entschieden dialektischer als Hegel".

Seiner "historischen Vision" J. Chirac) ist Strauß sein Lebtag treu geblieben, das bestätigen ihm alle seine Schönschreiber, und das mit stets steigendem Engagement: Hatte es für den Studenten Strauß 1939 noch eines Gestellungsbefehls bedurft, damit er an der Einigung Europas als Hitler-Soldat mitwirkte, so ist ebendies das Bekenntnis des 70-jährigen:

"Eines Tages wird dieses Europa auch politisch geeint sein, mit einer Stimme sprechen und im Orchester der Weltmächte nicht mehr die zweite Geige spielen." Darin "liegt die Zukunft der deutschen Nation." "...totalitäre Zwangssysteme haben in Europa geschichtlich gesehen keine Zukunft."

So treten sie alle noch einmal an:

- die alten Kumpane, Carstens und Kissinger, Schiller und Schmidt, und halten ihre Gemeinsamkeit mit dem Jubilar hoch (alle der "res publica" gedient);

- die Pfaffen, um zum tausendsten Mal die göttliche Legitimität staatlicher Gewalttaten "abzuleiten", wenn ihre Urheber sich so christlich inspiriert zeigen wie das Geburtstagskind;

- die Kapitalisten (Siemens, Nixdorf u.a.), die wissen, was ihr Geschäft an der Förderung durch einen "modernen Industriestaat wie Bayern" hat;

- die Neger (Mubarak, Senghor, Duarte), die voll Verehrung einem ihrer Paten die Haferlschuhe küssen (wobei es der Erfinder der "negritude" - zu deutsch: Schwarztümelei - wohl nur seiner guten Absicht zu verdanken hatte, daß er nicht der Festschrift verwiesen wurde, als er Strauß in seiner Laudatio "F.J. Strauß - der Kelte" als eine Art negro-afrikanischen Kelten und die CSU-Gründung als eine altgallische Kulturaktion erklärte! );

- und natürlich die Männer der Wissenschaft, allen voran der o.g. Oberschiri und -jubilant Golo, der uns in seiner grenzenlosen Begeisterung für die Person des Macht-Habers manchen fulminanten intellektuellen Flachpaß des Jubilars nacherleben läßt, sei es in den Fächern Philosophie, Geschichte oder Politikwissenschaft (Kostprobe: "Ein Land, das durch große eigenständige Volksgruppen oder Korporationen charakterisiert ist, wird notwendigerweise mehr föderalistisch oder korporativ organisiert sein." Strauß).

Sie alletreten noch einmal an, um es ihrem Spezi Strauß auch noch schriftlich zu geben, was ihnen so gut an ihm gefällt: daß er mit seinen satten 70 noch immer einer der reaktionärsten, militantesten und unverschämtesten Anspruchsteller des deutschen Imperialismus gegenüber dem Rest der Welt ist.