EIN FILM, WIE NOCH KEINER WAR

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1985 erschienen.

EIN FILM, WIE NOCH KEINER WAR

"Thema Weltkrieg

ARD Dokumentarserie: Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg

Die ersten beiden Folgen waren wirklich das Anschauen wert. Endlich mal wieder eine vernünftige Weltkriegs-Dokumentation.

Eberhard Sühl, Swisstal-Morenhoven

In den Kriegsjahren bekam man Filme zu sehen, die erheitern und das Kriegsgeschehen wenigstens für Stunden verdrängen und vergessen machen sollten. Keine Bange! Wer es sehen will, bekommt alles nachgeliefert, um es noch mal zu erleben. Fernsehen macht's möglich.

Helene Nickel, Brechen-Werschau"

(Leserbriefe an den "Gong")

Eine "vielleicht letzte authentische Bestandsaufnahme" der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs bot das ARD-Fernsehen auf, "weil der Kreis jener, die diese Zeit miterlebt haben, immer kleiner wird und die Fäden ihrer Erinnerung immer dünner." Das brachte sechsmal zur besten Sendezeit hohe Einschaltquoten: der spannendste Kriegsfilm seit langem!

Action und Authentizität

Dafür bürgten jede Menge packende Bilder von den Kriegsschauplätzen zwischen "fast in Moskau" und im U-Boot "vor der Küste New Yorks". Erstmals ganze Passagen in Farbe (immerhin ist die "Hälfte des Materials noch über keinen Sender gegangen"!). Dazugemischt Originalclips der großdeutschen Wochenschau, aus denen man den O-Ton "zurückgenommen" hat, weil "zu martialisch". Statt dessen deklamierte Will Quadflieg den Kommentar: Deutschlands bester Schauspieler für das größte Schauspiel, das in Deutschland je gegeben wurde. Gesendet wurde das "Bildmaterial" immer schön der Reihe nach, es war ja eine "Fernseh-Dokumentation": vom "siegreichen Polenfeldzug" bis zum "Bombardement deutscher Städte" und dem "totalen Zusammenbruch des Reiches". Und Deutsche, die "in diesen Krieg hineingerieten", kamen zwischen den Action-Szenen zu Wort. Das steigerte den Unterhaltungswert der Serie, deren 12-teiliges Vorgängerprodukt (zum 20. Jahrestag 1965) noch durch langatmige Gutachten einer deutschen und internationalen Professorenriege unterbrochen worden war. Diesmal kam "der einfache Soldat" zu Wort und was er erlebt hat. Nebst Kriegerwitwen, ehemalig landverschickten Kindern und Trümmerfrauen. Sie lieferten Kurzgeschichten nach dem Motto: 'Was ich einmal mitten im 2. Weltkrieg persönlich erlebt habe.'

Die Lage

Die Bilder von sämtlichen Kriegs- und Heimatfronten standen für die Realität, mit der das deutsche Volk damals konfrontiert war. Oder kurz: Die Lage war da, und sie war ernst, und die Menschen mußten damit fertig werden. Diese Betrachtungsweise ist auf ihre Weise unanfechtbar. Denn das leuchtet doch jedem anständigen Menschen ein: Wenn es mal soweit ist, daß die Kanonen schießen, dann steckt man drin und schaut, wie man zurechtkommt. Andererseits ist sie saudumm. Die "Lage 1. Weltkrieg" war nämlich nicht einfach da, sondern wurde von der damaligen deutschen Herrschaft gemäß ihren weltpolitischen Ansprüchen und unter tatkräftiger Benutzung und Zustimmung ihres Staatsvolks zielstrebig vorbereitet.

Wenn man die Sache freilich so betrachtet, daß man nun mal in der Scheiße drin steckt(e), dann bleibt in der Tat nur noch eins:

Die Frage: "Wie komme ich durch?"

Zur Beantwortung dieser Frage saßen die diversen "Zeitzeugen" vor der Kamera, lauter stinknormale gute Deutsche aller Bevölkerungsschichten. (Die "Bild"-Zeitung stellte als Begleittext zur Sendung dem amtierenden Außenminister und dem SPD-Vogel einige Spalten zur Verfügung, damit auch die heutigen Machthaber in ihrer Eigenschaft als "Menschen der damaligen Zeit" ihren Senf zu diesem Thema dazugeben können.) Weitere Kommentare waren nicht nötig. Die Leute haben einfach von ihren persönlichen Kriegserlebnissen erzählt. Zu erfahren war, daß jeder auf seine Weise versucht hat, das Beste aus der ganzen Angelegenheit zu machen. Bezeugt haben diese Zeitzeugen damit von vorn bis hinten nur eins: den unerschütterlichen staatsbürgerlichen Realismus, mit dem man sich zeit seines Lebens, von der Wiege bis zur Bahre, auf alles einläßt und einstellt, was die jeweilige Staatsgewalt ins Werk setzt. Weil - das ist nun mal die "Realität". Nichts ist einem Arbeitnehmer, Steuerzahler, Wehrpflichtigen, Familienvater, Rentner... vertrauter. Und nichts ist weltfremder als diese Sorte Realismus. Sie wendet sich nämlich ganz entschlossen davon weg, welche Absichten die Staatsgewalt verfolgt, was man selber von ihren politischen Zielsetzungen hat, und wie man für sie hergenommen wird. Der Realismus des Staatsbürgers fängt immer erst an, nachdem seine Herrschaft entschieden hat, wo's lang geht. Und wenn die beschließt, ihn als Kanonenfutter in einen Krieg zu schicken, dann ist eben das die neue "Lage", die es als Aufgabe zu bewältigen gilt. So gesehen bietet sogar und gerade der Krieg jede Menge Gelegenheiten für die Entfaltung der Individualität. Die Erlebnisberichte im deutschen Fernsehen waren danach: "Mitten im Bombenhagel auf Monte Cassino alte Kunstwerke gerettet", als "Fallschirmspringer auf Kreta einer Frau Geburtshilfe geleistet", "amerikanischen Militärpfarrer inklusive zweier Meßdiener gegen deutschen Hauptmann ausgetauscht", "Kameraden gerettet und dann sterben gesehen", den "unvergeßlichen Hit 'Bomben auf England' komponiert, dafür UAK erklärt worden"...

Die Botschaft

dieser Sorte von Reportage stellt sich von selbst ein, so daß 'bewertende Anfangs,- Zwischen- und Schlußkommentare überflüssig waren: Die Mitmacher haben viel mitgemacht, Privatleben ist Zeitgeschichte, Dienst und Charakter sind ein und dasselbe. Der Mensch lebt auch in der Charaktermaske des Soldaten - und er lebt in ihr sogar noch auf! Damit konnte die Sendereihe beim Publikum kein Reinfall werden, denn das hält sowieso jeder gute Deutsche (Amerikaner, Engländer, Franzose...) für das Normalste von der Welt. Und wer wirklich immer noch eine Antwort haben will auf die etwas außer Mode gekommene Frage: "Wie konnte das Unfaßbare geschehen?" - der hat sie damit: so halt!

Kritik

gab's bei den aufs 'Hinterfragen' abonnierten Organen, die solchen Service ihren gebildeten Abonnenten bieten. Das Fernsehfeuilleton der "Süddeutschen Zeitung" vom 4./5. Mai hätte den "200 Männern und Frauen vor der Kamera dringend oft näherrücken wollen", um durch Nachfragen den "mißverständlichen Heroisierungen" in den Stories der Veteranen entgegenwirken zu können. Der "Spiegel" vom 6. Mai läßt seinen Kritiker Wolfgang Malanowski im Ersten Deutschen Fernsehen "die leidige Geschichtsbetrachtung des Positivismus" entdecken, in der bloß "Fakten an Fakten gefügt" würden: "Die äußerliche Bewegung läßt die Beweggründe offen". Da werden in der gleichen Ausgabe die "Spiegel"-Leser besser bedient. Unter dem nicht "positivistischen", sondern echt-metaphysischen Titel "Absturz ins Bodenlose" beginnt Teil V der Serie über "Kapitulation und Besatzung" so:

"Beinahe über Nacht ist Cottbus, die Provinzstadt hundert Kilometer südlich von Berlin, zur Frontstadt geworden. Der Krieg kriecht unaufhaltsam dorthin zurück, woher er gekommen war - nun also über die Oder und die kaum eine Autostunde entfernte Neiße."

"Spiegel"-Redakteur Mettke "verschont uns" auch "mit den Albernheiten" eines Komponisten, der in der Fernseh-Serie eine Begegnung mit Goebbels kolportieren durfte. Bei ihm kommt statt dessen eine "Gutsbesitzerin aus dem Cottbuser Umland" ausführlich zu Wort, die den "psychischen Schock konserviert hat", den bei ihr Sowjetoffiziere "mit mongolischen Gesichtern vor der Kirche" ausgelöst haben. Das freilich macht "uns" gerade heute wieder "betroffen und nachdenklich".