EIN ERDBEBEN UND EIN PAAR FOLGEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1985 erschienen.
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EIN ERDBEBEN UND EIN PAAR FOLGEN

In Mexiko wackelt die Erde. Ein Naturereignis. In Mexiko-City fallen zu Hunderten die Häuser zusammen; tausende Menschen werden erschlagen. Eine Naturkatastrophe? Seltsam nur: Im Badeort Acapulco ist alles stehengeblieben, obwohl ungefähr dort das Zentrum des Bebens war. Die Regierungsgebäude der Stadt Mexico haben auch wenig gelitten. Zusammengebrochen sind vor allem die Wohntürme des "sozialen Wohnungsbaus" der 60er Jahre. Ein solches Ding allein war für 1000 Tote gut. Wie sagt doch unsere Bauindustrie so schön? "Beton! Es kommt ganz darauf an, was man daraus macht!"

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Stehengeblieben sind auch die Fußballstadien. Das hat eine internationale Kommission gleich am Tag nach dem Beben wissenschaftlich festgestellt.

Das war auch sehr wichtig. Denn schließlich ist die Fuaball-WM für nächstes Jahr nach Mexiko vergeben. Und kaum war die Katastrophen-Meldung rund, da haben schon die Sportsfreunde aus Deutschland-West ihre Chance gewittert und ihre erdbebensicheren Stadien als Ersatz-Austragungsort angedient.

War aber zu voreilig. Die WM bleibt bei Mexiko. Das ist der Fußball schon den Erdbebenopfern schuldig.

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Und der mexikanischen Kreditwürdigkeit. Denn die steht bei der Schuldenlast des Staates und den sinkenden Erdöl-Preisen ohnehin auf dem Spiel; schließlich kostet sie pro Monat 1 Milliarde Dollar an Zinsen. Und damit Mexiko dieses Sümmchen auch wirklich aus eigener Kraft aufbringt, hatte der Internationale Währungsfonds gerade erst einen 2-Milliarden-Dollar-Kredit gesperrt. Um das Land, das seinen Bewohnern nicht mehr an "Nationalprodukt" abgewinnen kann, um so härter darauf festzulegen, daß es an ihnen spart - auch wo längst nichts mehr zu sparen ist.

Jetzt diese Naturkatastrophe! Was allein das Freiräumen der wichtigsten Verkehrsstraßen kostet! Da ist Mexiko auf jeden Touristen-Dollar mehr denn je angewiesen.

Schon allein um den 2-Milliarden-Dollar-Kredit bedienen zu können, den der IWF nun doch in Aussicht gestellt hat.

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Den ersten Touristenschwung hat übrigens schon das Erdbeben selbst ins Land gebracht. Das sind die Selbstheilungskräfte des demokratischen Weltmarkts!

Keine geringere als Nancy Reagan hat mit einem Millionen-Scheck, werbewirksam vor Trümmerbergen überreicht, das Bild des "häßlichen Yankee" bekämpft. Ein Hundertschaften Journalisten sind gleich mitgereist. Schließlich hat die freie Welt ein Recht auf Information und rührselige Stories.

Und gerade dafür ist es gut, daß auch besonnene, kultivierte Redakteure der "Süddeutschen Zeitung" sofort nach Mexiko gejettet sind. Die haben gleich den unerkannt im Schutt wühlenden Bariton Placido Domingo ausfindig gemacht und ein ABC-Kamerateam auf dieses lohnend Objekt hingewiesen. Diese Banausen wären sonst glatt achtlos an der Berühmtheit vorbeigelatscht!

Wenigstens dieses Erdbebenopfer konnte gerade noch einmal verhindert werden!

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Ein paar andere Opfer hat das Erdbebe nicht verschüttet, sondern aufgedeckt. Es hat den Polizeigewahrsam für einig Regimegegner geknackt - die zum Teil allerdings schon vorher erschlagen worden wären. Für die teilnahmsvolle Öffentlichkeit fallen sie unter die interessante Rubrik "Grausige Funde".

Die komplementäre Abteilung: "Sensationelle Rettung", bleibt aber auch nicht unbesetzt. Sie ist sogar besonders gut besetzt: mit frischgeborenen Säuglingen die ihre ersten fünf Tage unter Trümmern problemlos weggesteckt haben. Mexiko ist eben ein kinderliebes Land. Mit diesem optimistischen Befund darf wieder zur Tagesordnung übergegangen werden.