EIN EHRENWERTER PROTEST UND SEIN ERFOLG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.

Die Werftbesetzungen
EIN EHRENWERTER PROTEST UND SEIN ERFOLG

In Bremen soll im Rahmen der Fusion aller Bremer Werften die AG Weser ganz dicht gemacht werden; bei der Hamburger Werft HDW sind 1354 Entlassungen beschlossene Sache. Denn für das Werftkapital lohnt sich das Schiffebauen nicht mehr wie bisher, und die Arbeiter sind die erste "Überkapazität", die abgebaut wird.

Aus Protest dagegen hat sich die Belegschaft von HDW neun Tage lang mit Schlafsäcken und Feldbetten auf dem Werftgelände niedergelassen. Die Arbeiter der AG Weser in Bremen taten es ihnen gleich, bis die Bremer Bürgerschaftswahlen vorüber waren. Als öffentliche Reaktion haben sich die "Werftbesetzer" folgenden Kommentar eingehandelt:

"Bild-Kommentar

Der Notschrei der ehrlichen Hände

Warum besetzen friedliche Menschen eine Werft? Erst in Hamburg, seit gestern auch in Bremen. (Seite 1.) Sind sie vom linken Bazillus befallen?

Nein, es sind fleißige Familienväter mit ehrlichen Händen. Verzweiflung treibt sie, das Ungesetzliche zu tun. Es ist ein Notschrei.

Ihnen gehört unsere Anteilnahme. Nicht jenen, die mal schnell Atomkraftwerke belagern und sich als Widerstandskämpfer feiern lassen."

Nein, von einem "linken Bazillus" waren die fleißigen Hamburger und Bremer Familienväter, denen der Lebensunterhalt gestrichen wird, wirklich nicht befallen. Denn eine Widerstandsaktion gegen ihre profitliche Benutzung und Entlassung - die beiden Seiten kapitalistischer Lohnarbeit - haben sie nicht organisiert. Da hätten sie schon früher anfangen müssen. Zu einem Zeitpunkt nämlich, als ihren Anwendern noch an ihrem täglichen Dienst auf der Werft gelegen war. Zu einer Zeit also, als die Verweigerung dieses Dienstes noch das schlagkräfte Gegenerpressungsmittel gegen die Geschäftskalkulationen des Werftkapitals war. Als Lohnarbeiter mit dem notwendigen Kampf für die eigenen Interessen abzuwarten, bis die Gegenseite per Entlassung klarstellt, daß ihr an einer weiteren Benutzung ihres Arbeitermaterials nicht mehr gelegen ist, heißt abwarten, bis man wehrlos gemacht ist.

Widerstand gegen die Angriffe auf ihren Lebensunterhalt zu leisten, war allerdings auch gar nicht die Absicht der Werftarbeiter. Ihre Forderungen lassen den Eindruck erst gar nicht aufkommen, Werftler wollten etwas fur sich. Nicht etwa ein sicheres und ausreichendes Einkommen, also Lohnerhöhungen und weniger Arbeit haben sie gefordert; noch nicht einmal das Versprechen eines Arbeitsplatzes haben sie verlangt. Wie kleine Geschäftsberater ihrer "Arbeitgeber" haben sie sich Subventionen für die Werftherren gewünscht!

Ganz brave Belegschaften, wollten sie nicht etwa Lohngarantien vom Kapital, sondern wünschten dem Kapital ein Geschäft, für das sie dann nützlich sein könnten, und ganz viel staatliche Unterstützung dafür.

Die Notlage, in die Wirtschaftspolitik und kapitalistisches Geschäftskalkül sie gebracht haben, war ihnen nur zu einem Anlaß: sich als die einzigen aufzuspielen, denen, weil betroffen, "ihre Werft" am Herzen liegt.

Die Produktionsanlagen einer modernen Werft wollten sie keineswegs als Stätte ihrer Ausbeutung ansehen, also als die harten, gefährlichen und schlecht bezahlten Arbeitsplätze, die sie wirklich auszufüllen haben. Weil ihnen sogar noch dieser Lebensunterhalt genommen wird, betrachten sie ihren Betrieb als Heimat - liebevoll "use Akschen" genannt -, auf deren Erhalt sie ein Recht hätten. Wie wären sie auch sonst darauf gekommen, sich eine Woche und länger auf dem Gelände der Werft häuslich niederzulassen und dabei so zu tun, als könnten Arbeiter von Luft und Moral leben? Wie könnten sie sonst ganz selbstverständlich auf Lohn verzichten, um den Beweis anzutreten, daß es ihnen wirklich nur um die Werft geht, um den Arbeitsplatz und mitnichten um den schnöden Mammon? Wie könnten sie sonst "dringende" Arbeiten auf der Werft während der "Besetzung" erledigen, um nur ja nicht das noch laufende Geschäft zu beeinträchtigen? Der härteste Vorwurf, den diese Arbeiter ihren Herren in den Rathäusern und in den Chefetagen noch zu machen hatten, hieß: "Die da oben" würden sich auf ihr Geschäft für die genügend gewinnbringende Anwendung von Arbeitern zu sorgen - nicht verstehen. Politiker und Kapitalisten werden als "Werftkiller" und "Gewinneverschleuderer" beschimpft, die sich an ihrer heiligen Pflicht vergangen hätten, brauchbare Arbeiter an modernen Maschinen konkurrenzlos einträglich arbeiten zu lassen.

Leute, die solchermaßen die kapitalistisch kalkulierte Freisetzung von Arbeitskraft und Stillegung von Produktionsanlagen als einzigen Verstoß gegen die eigene, von keinem Anspruch getrübte Dienstbarkeit kritisieren, wollen mit der Besetzung eines Betriebs eines auf keinen Fall: dem Kapital den eigenen Lebensunterhalt abzwingen; der Politik, die die kapitalistische Geschäftskalkulation einrichtet und sichert, die Gefolgschaft aufkündigen.

Nichts als öffentliche Anteilnahme haben die Werftarbeiter mit ihrer "spektakulären Aktion" gewollt - und genau das haben sie auch bekommen: haufenweise Mitleid für sie als "unschuldige, ehrliche Opfer von Verhältnissen, die leider nicht zu ändern sind". Nicht nur die "Bild-Zeitung" widmete ihnen Kommentare, die sich wie Kondolenzbriefe zum Dahinscheiden der Oma lesen.

Das Kompliment, das sie sich von allen Seiten eingefangen haben: ein "roter Bazillus" sei bei ihnen nicht zu befürchten, könnte ihnen allerdings zu denken geben. Im Klartext heißt das nämlich: Hut ab vor Leuten, die, obwohl man sie behandelt wie die letzten Deppen, garantiert brav bleiben.

Das allseitige Verständnis, das den Besetzern für ihre "ungesetzliche Aktion" entgegenschallt, gibt es eben deshalb, weil sie sich mit diesem "Notschrei" dem Kalkül fugen, das Politiker und Werftkapitalisten mit ihnen anstellen. Verständnis, das heißt: Die beschlossenen Maßnahmen werden rücksichtslos durchgezogen, dafür haben jetzt alle mitbekommen, daß die Arbeiter sehr betroffen und sehr opferbereit sind - vorbildliche Blödmänner!

Damit hat das Protest-Theater samt öffentlicher Anteilnahme seinen Zweck erfüllt; und deswegen muß auch mal wieder Schluß sein mit dem Spektakel, damit der kapitalistische Alltag wieder zu seinem Recht kommen kann. Der DGB hatte zwar keine müde Mark aus der Streikkasse übrig zur Unterstützung der Besetzer (er hatte diese Demonstration ja nicht organisiert), dafür aber jede Menge Verständnis für die "Werftkollegen". Und dafür zu sorgen, daß der "Notschrei der ehrlichen Hände" einen würdigen Abschluß bekommt, ist für diese Gewerkschaft Ehrensache. Mit Gewerkschaftsgeldern wurden Busse angeheuert, die die Werftarbeiter zusammen mit Stahlkochern aus dem Ruhrgebiet nach Bonn gekarrt haben. Dort fanden dann am letzten Donnerstag die großen Schlußfeierlichkeiten zu der ganzen Angelegenheit statt. Zum (vorerst) letzten Mal konnten sich dort alle Beteiligten aus berufenem Gewerkschaftsmunde anhören, daß sie verdammt arme Schweine sind, der "Wirtschaftsgraf" ein Versager ist und die ganze Nation dies auch weiß und sie sehr bedauert.

Davon können sie dann die nächsten Monate zehren, wenn sie sich ihr Arbeitslosengeld einteilen - denn mehr haben sie nicht zu erwarten.