EIN DOKUMENT IMPERIALISTISCHER EINSICHT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.
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Bericht der Nord-Süd-Kommission: Das Überleben sichern
EIN DOKUMENT IMPERIALISTISCHER EINSICHT

"Der Vorsitzende legt Wert darauf, festzustellen, daß sich die Kommission in keiner Weise in Regierungsverhandlungen oder die laufende Arbeit von internationalen Organisationen einmischen würde. Vielmehr würde ein solches Gremium seine ergänzende Aufgabe darin sehen, Empfehlungen vorzulegen, die das Klima für weitere Beratungen über Nord-Süd-Beziehungen verbessern könnten... Diese Kommission war unabhängig. Ihre Mitglieder wurden eingeladen, in privater Funktion und frei von Regierungsweisen mitzuarbeiten. Außerdem hat ihr Vorsitzender sorgfältig darauf geachtet, daß die Mitglieder aus der 3. Welt zahlenmäßig nicht in der Minderheit waren."

Willy Brandts Nord-Süd-Kommission hat harte und gute Arbeit geleistet: Immerhin ist es ihr gelungen, die Daten des Elends in der "Dritten Welt" und die eh schon verbreiteten Vorstellungen über dessen Gründe mitsamt den zugehörigen Abhilfevorschlägen zu einem Wälzer von 380 Seiten binden zu lassen - und keineswegs nur als Brennmaterial für die Süd-Neger, die das Zeug ja doch nicht lesen können.

In seine Kommission hat der Vorsitzende nicht professionelle Begutachter der Weltlage berufen, sondern Leute, die es besser wissen müssen, weil sie für besagte Lage zuständig sind und beständig dafür sorgen, daß es sie gibt, wie sie ist: mehr oder weniger wichtige Herren aller Länder, wobei sie gerade nicht über politische Entscheidungen verhandeln, sondern ihr politisches Wirken gemeinsam und von höherer Warte aus als Problem behandeln sollten. Ausdrücklich wurde hervorgehoben, daß man sich über die "prekäre internationale Situation" ganz zwanglos unterhalten und sich mit den Ergebnissen bei den praktischen Geschäften nicht in die Quere kommen wolle.

"Vielmehr" hat ja das"Gremium seine Aufgabe darin sehen" wollen, "Empfehlungen vorzulegen, die das Klima für weitere Beratungen über Nord-Süd-Beziehungen verbessern könnten."

Dieser Aufgabe hat die Kommission viele Stunden Arbeit gewidmet und damit gezeigt, daß man willens und in der Lage ist, miteinander zu reden, daß die "Reichen" des Westens ein offenes Ohr für die Probleme der "Armen" haben und bereit sind, sich in weiteren Verhandlungen um diese Probleme zu kümmern. Deshalb sind sie auch im nordwestlichen Lager nach wie vor bestens aufgehoben, was man ja schon daran sehen kann, daß der auch nicht arme Osten sich um solche Gespräche und um Geld- und Sachleistungen mit fadenscheinigen Nichtzuständigkeitsargumenten drückt. Der freundlichen Absichtserklärung, sich der Menschheit in ihrem ureigenstem Namen anzunehmen, verleiht ein Friedensnobelpreisträger den Nimbus des persönlichen und versöhnlichen Engagements. Deshalb hat ja auch nicht der Vater der Idee, der Weltbankpräsident McNamara den Vorsitz übernommen, der aufgrund seiner Vergangenheit als US-Verteidigungsminister, wo er das Nord-Süd-Problem in Vietnam studieren konnte, zweifelsohne auch die erforderlichen Qualifikationen besessen hätte.

Der Globus als Staatenknäuel

"Die Nord-Süd-Debatte wird oft so dargestellt, als würde von den Reichen verlangt, daß sie entsprechend den Forderungen der Armen Opfer bringen sollten. Wir lehnen diese Ansicht ab." (44)

Rastlos um den Erdball jettend haben da eine Reihe von entwickelten Südländern mit einer anderen Gruppe von Politikern aus dem hochentwickelten Norden an kargen Konferenztischen beschlossen, daß die Vorstellung, der reiche Steuerzahler hierzulande müsse sinnlos sein Geld verplempern für die goldenen Badewannen der armen Neger, hinfällig ist. Als ob sie sich an den Steuerzahler daheim wenden würden und als ob sie dessen einfachen Materialismus teilen würden, jede Mark Entwicklungshilfe sei rausgeschmissenes Geld, widerlegen die Profis in Sachen nützliche Staatsausgaben diese Vorstellung und bekunden damit sich wechselseitig, im eigenen Interesse das des anderen berücksichtigen zu wollen. Allerdings geht es dabei nicht ohne harmonische Lügen über die Verträglichkeit der Gegensätze zwischen 'Nord' und 'Süd' ab:

"Die Welt ist heute ein empfindliches, ineinandergreifendes Gefüge... Die wachsende Zahl von selbständigen Staaten, Institutionen hat das internationale System sehr viel komplizierter gemacht, zugleich aber (?) auch zu einer weit engeren, gegenseitigen Verflechtung geführt... Vor allem hängt das wirtschaftliche Wachstum in einem Lande immer mehr von den Leistungen und vom Verhalten anderer Länder ab. Der Süden kann sich ohne den Norden nicht angemessen entwickeln; der Norden kann nicht florieren oder seine Lage verbessern," (sehr dialektisch!) "wenn es nicht größeren Fortschritt im Süden gibt." (44/45)

Es meint natürlich keiner von den Verfassern dieses Dokuments, daß, weil Deutschlands Arbeiter nicht auf ihren Frühstückskaffee verzichten wollen, Ruanda z.B. (Kaffee 76,6%, Tee 6,8% Exportanteil) in eine unheimlich starke Position gerät und wir gezwungen seien, auf die Negermassen Rücksicht zu nehmen, für die ja bekanntlich der mehr oder weniger große Erlös der Kaffeeernte bestimmt ist. Trotzdem tut die Rede von der "gegenseitigen Abhängigkeit", der "welt-weiten Verflechtung" so und abstrahiert munter nicht nur von den Inhalten, sondern auch von den Zielen des Welthandels und des Wirkens unserer Politiker, die sich neben ihren alltäglichen Geschäft solche Selbst- und Weltermahnungen ans Herz legen. Daß sich das Kapital der Industrienationen die Rohstoffe der "Dritten Welt" einverleibt, dies als Abhängigkeit von den Staaten zu bezeichnen, die die 'lebensnotwendigen Güter' besitzen, die 'unsere Wirtschaft' braucht, und die umgekehrt unsere Industriegüter für ihre 'Entwicklung' brauchen, leugnet gerade den Witz dieses Verhältnisses. Die Vorstellung, diese Länder könnten die politische Verfügung über ihre Naturschätze jemals zu der Erpressung benutzen, die von westlicher Seite ökonomisch, politisch und militärisch laufend gegen sie veranstaltet wird, widerlegt, sich schon mit der schlichten Tatsache, daß Staaten wie Zaire z.B. mit einem Ausfuhranteil an Kupfer von 39,4% um den Preis des Staatsbankrotts auf den Verkauf des begehrten Metalls angewiesen sind und nicht umgekehrt. Zum zweiten dürfen wohl mal ein paar Neger dabei helfen, den Draht aus der Erde zu ziehen. Ansonsten aber geht sie die Sache recht wenig an, weil sie lediglich über das Land verfügen, in dem sich die Bodenschätze befinden, nicht aber über die Mittel, sie auch zu entdecken, zu exploitieren und auf die Reise zu schicken, sondern darauf angewiesen sind, daß eine kapitalkräftige Gesellschaft aus den nordischen Staaten sich für die Nutzbarmachung interessiert. Dann dürfen sie so frei sein, ihr Zeug bereitzustellen. Drittens haben es sich die praktizierenden Politker mit Schwierigkeiten - wenn es schon welche gab - einfacher gemacht als ihre Ideologien und ungeachtet aller "Komplexität" den Frieden, den der Handel braucht, mit ein paar kriegerischen Aktionen in schöner Arbeitsteilung gesichert: Für den Tschad und die Shabaprovinz französische Legionaires etrangers oder Paras, für den Rollentausch von Diktatoren der CIA und für den Nahen Osten die Green Berets. Es verträgt sich daher auch bestens, "unsere Abhängigkeit von den Scheichs" zu beklagen und mit der Rede von "unseren Ölquellen" dieselbe Region "unseren Sicherheitsinteressen" einzuverleiben.

Und schließlich ist für einen "abhängigen" kapitalistischen Staat wie die USA das Kupfer z.B., weil es bei Chiles Jahresexport 66,7% ausmacht, ein Mittel, um sich solche Staaten gefügig zu machen: Man wirft seine Reserven auf den Markt und läßt so der mißliebigen Allende-Regierung durch den Preisverfall das Wasser bis zum Hals steigen. Wozu also das Gerede von der "wechselseitigen Abhängigkeit"? Es ist die Versicherung an die Adresse der 'Süd'-Staaten - "was wären wir ohne einander!" -, daß man ihnen alle Anerkennung eines ebenbürtigen Geschäftspartners entgegenbringt, auch und gerade wenn sie immer wieder einmal mit den Resultaten des Geschäfts unzufrieden sind und auf eine "Neuordnung der Weltwirtschaft" drängen. "Berechtigt" ist ihr Begehren - und erfüllt wird es durch den Verweis auf eine "Entwicklung", die 'Nord' und 'Süd' nur gemeinschaftlich zuwege bringen können sollen.

Ein ungerechtes Knäuel

Weißer Mann, guter Mann

schickt in Urwald Eisenbahn.

Schwarzer Mann geht zu Fuß,

weil sonst zahlen muß.

Bißchen denken beim Schenken,

weil nicht alles uns gefällt,

bißchen denken beim Schenken,

sonst ist schade um das viele schöne Geld.

Mit der Vorstellung von einer quasi naturwüchsigen internationen "Arbeitsteilung", dergemäß die Länder ihre Überschüsse untereinander austauschen, weshalb jeder Verkäufer eben einen Käufer braucht und umgekehrt, bekräftigen die Politiker ihren gemeinsamen Willen, an der schönen "Weltmarktsordnung" nicht zu rütteln, sondern das 'Nord-Süd-Problem', das es seltsamerweise gerade dank dieser harmonischen Ergänzung in wechselseitiger Abhängikeit gibt, auf Basis dieser 'Ordnung' zu 'lösen'.

"Viele Untersuchungen in den fünfziger Jahren kamen zu dem Ergebnis, daß die Entwicklungsländer in ihrem Handel mit Industrieländern benachteiligt waren, und daß dies ein ernstes Hindernis für ihre Entwicklung war." (52)

Nur vom Standpunkt der Fiktion "einer Weltwirtschaft" läßt sich eine Vorteils-Nachteilsrechnung aufmachen, wo immer dieselben, als sich gleichberechtigten Länder die gelackmeierten sind, und deshalb ihre Bevölkerung eigentlich mit denselben Wohlstandssegnungen der Herrschaft beglücken können müßten, die angeblich hierzulande die Proleten in vollen und gedankenlosen Zügen genießen. Nur die Verwandlung des Weltmarkts in einen Wochenmarkt, wo sich Anbieter und Nachfrager treffen und ein reger Vergleich stattfindet, erlaubt die Forderung nach einem gerechten Ertrag für die Produkte der armen Länder:

"Es bedeutet die Fähigkeit; auf gleicher Stufe mit den reichen Ländern zu handeln, ein gerechtes Entgelt zu erhalten für das, was er (der Süden) produziert." (56)

Die Theorie der Benachteiligung, die die Kommission ausbreitet, bedeutet unter Politikern einiges an understatement, das auf der Sicherheit beruht, daß alle an der Kommission Beteiligten und auch die praktizierenden Politiker diese Sprüche von Benachteiligung und mehr Gerechtigkeit richtig zu übersetzen wissen. Statt der Entgegnung, die bei den Äußerungen der Unzufriedenheit von solchen Ländern sonst fällig ist, man bemühe sich doch schon nach Kräften um mehr Gerechtigkeit, eben mit dein Geschäft, das das eigene Kapital bei ihnen macht, leistet sich die Kommission den Luxus, sich auf die Unzufriedenheit soweit einzulassen, daß man Alternativmodelle zur eigenen Politik entwirft. Der Gestus der Vertreter des 'Nordens', man müßte mehr für den Süden tun, behandelt die Bedürftigkeit dieser Länder so, als wäre sie ganz unabhängig von den existierenden 'Beziehungen' zustandegekommen, und stellt damit alles auf den Kopf, so daß die 'Beziehungen' auf einmal den Zweck verfolgen, den 'armen' Ländern zu einer eigenen, nationalen Ökonomie mit allem Drum und Dran zu verhelfen. Dabei verrät doch schon die Auffassung, sie müßten erst noch eine "Entwicklung" durchmachen, daß ihre 'Reichtum' gerade darauf basiert, daß sie sich in diesem Verhältnis nicht als ökonomisches Subjekt eines irgendwie gearteten wirtschaftlichen Aufbaus betätigen, sondern sich an einem Reichtum beteiligen, der anderswo akkumuliert.

Weil Imperialismus nicht Abhängigkeit von Warenproduzenten ist, die sich die Arbeit international geteilt haben, sondern die Benützung ganzer Erdteile durch "entwickelte" Volkswirtschaften und deren Bedürfnisse, bestimmen sich die Warenpreise der Länder, die ja wegen obiger Bedürfnisse zu "Monokulturen" gemacht worden sind, nicht aus Angebot und Nachfrage, sondern aus der Nachfrage allein, weshalb solche Waren auch einen Monopolpreis haben: aber eben nicht so, daß die Rohstoffländer als alleinige Anbieter einer Ware den Preis diktieren könnten. Denn ob sie aus ihrem "Reichtum" überhaupt ein Angebot machen können, hängt davon ab, daß ein Nachfrager die finanziellen und technischen Voraussetzungen dafür schafft, daß der Stoff aus dem Boden geholt und in den Norden gebracht wird, womit der Nachfrager das Angbot in seine Hände nimmt. Der Preis für Rohstoffe aus südlichen Gegenden ist also ein negativer Monopolpreis, den die Nachfrage diktiert, weshalb all diese Rohstofförderländer an diesem Preis auch nur einen Anteil erhalten: Schließlich gehen sie nicht einfach auf einen Markt und verkaufen zu den günstigsten Preisen - das Geschäft an den Warenbörsen machen andere, eben die, die sich auch schon um Förderung und Verschickung des jeweiligen Stoffs verdient machen, die Union Miniere, United Brand, de Beers usf. So kann es auf diesem "Markt" auch durchaus passieren - und es passiert in der Regel -, daß der Anteil am Preis ihrer Güter, mit dem die Eignerstaaten ihre Herrschaft finanzieren, nicht einmal für diesen edlen Zweck langt, so daß unter dem Titel "Entwicklungshilfe" extra Zuschüsse erforderlich werden.

Die internationalen Gleichgewichtsapostel von der Brandt-Kommission bekunden sehr viel Verständnis für die Schwierigkeiten der Souveräne, sich mit dem Geld stabil zu halten; daß ihr Anteil am Preis recht niedrig bemessen wird, finden sie "ungerecht" und verlangen, daß dieser "Anteil von derzeit ca. 25%" auf ein gerechtes Niveau gehoben werden muß, so als würden diese Preise gemeinsam von den beteiligten Nationen festgelegt als Absprache darüber, wieviel die da unten wohl brauchen, um eine den westlichen Vorstellungen entsprechende Herrschaft mit viel Stabilität, Solidität und auch, ein bißchen Aufbau zu finanzieren. Die - Kommission hat selbst schon einen lobenswerten Anfang im Abbau von 'Ungerechtigkeiten' gemacht, indem sie für das Titelblatt des Berichts das neue "Weltbild" verwandte, das den Süden wenigstens geographisch ins rechte Licht und den Norden an den - allerdings oberen - Rand rückt.

Heiße Zonen, billig Wohnen: Hast an Baum, brauchst kein Raum!

Weißer Mann, guter Mann

schickt in Urwald Wasserhahn.

Wasserhahn nix gefällt,

weil ja Wasser fehlt." (Gus Backus)

Wie ja schon ihr Name zeigt, mißt die Nord-Süd-Kommission bei der Besprechung der Folgen des imperialistischen Waltens auf dem Globus, den geographischen Gegebenheiten eine nicht unerhebliche Bedeutung bei:

"Sie leben in einer empfindlichen tropischen Umwelt, die infolge der zunehmenden Belastung durch den Menschen durcheinander geraten ist. Katastrophen wie etwa anhaltende Dürre tragen weiter zu Unterernährung und schlechtem Gesundheitszustand der Menschheit bei, und all diese Länder werden von Epidemien heimgesucht, die an ihrer Lebenskraft zehren. Ihre Armut, ihr extremes Klima, ihre Isolierung, das alles macht es ihnen schwer, ihre Ressourcen zu erschließen, vor allem die Bodenschätze. Die Sonne, die eine wertvolle Quelle billiger Energie sein könnte, ist derzeit ein Fluch und nimmt ihnen alle Tatkraft." (102)

Pech für die Exoten (vor allem die Eskimos), daß sie in einer "Umwelt" leben, die auf den profitlichen Kahlschlag, "empfindlich" wie so ein Trope nun mal ist, mit Erosion reagiert hat, bis schließlich nirgendwo mehr in der ganzen Sahelzone eine Wurzel gehalten hat. Schließlich sind die armen Eingeborenen auch noch dem Menschen, einem erdbekannten Unhold zum Opfer gefallen, und das ganze nennt man dann "Katastrophe" und "Heimsuchungen". Bloß gut, daß man ihnen neben Kapital auch noch Missionare geschickt hat! Vielleicht gelingt es doch noch, die Faulpelze (umweltbedingt, versteht sich!) dazu zu bringen, wozu sie gut sind: "ihre Ressourcen zu erschließen, vor allem die Bodenschätze"! Man weiß auch schon ganz genau wie: Man bringt ihnen bei, wie man der Sonne Energie nimmt, anstatt sie sich von ihr nehmen zu lassen. Das ist billig und kostet keine Rohstoffe, die man anderswo viel nötiger braucht: Im Norden, wo so selten die Sonne scheint und daher Tatkraft die Menschen beflügelt, welche sich Häuser bauen, um sich vor der Kälte zu schützen. Im Süden muß man dafür, Sonne sei Dank, kaum was investieren:

"Welche Art von Unterkunft nötig ist, hängt selbstverständlich vom Klima und Umwelt ab, ... Es ist ein wichtiger Umstand, daß die meisten der Entwicklungsländer, in denen die Not am größten ist, in warmen Klimazonen liegen." (75) Das kann kein Zufall sein!"

Und ein solches Dokument unterschreiben bereitwilligst alle beteiligten Politiker von der Sonnenseite der Welt und nehmen mit Zufriedenheit die Bekundung von Interesse für ihre Herrschaftsnöte entgegen! Und auch die entwicklungspolitischen Sandkastenspiele der Kommission, mit denen die entwickelten Nationen ausschließlich ihrer Unzufriedenheit mit dem Umstand Ausdruck verleihen, daß die Staatsmänner des 'Südens' sich nicht einfach selber um ihre Katastrophenländer kümmern, werden von ebendenselben mit Dankbarkeit genossen. Als Repräsentant eines 'armen Landes' nimmt man es mit tiefer Befriedigung entgegen, wenn die Kollegen der 'reichen Länder' dermaßen an einem Anteil nehmen, und damit die Zusage durchblicken lassen, daß die nötige "Hilfe zur Selbsthilfe" in Sachen Herrschaftserhaltung immer noch gewährt werden wird. Unter dem Ideal von Entwicklung und Beseitigung der Armut diskutiert die Kommission ganz offen lauter Methoden, die erst gar nicht von irgendeiner Brauchbarkeit der dort ansässigen Leute ausgehen, sondern ihnen bei allen Illusionen das Ideal der Selbstversorgung vorschreiben nach dem Muster, jeder soll schauen, wie er sich am besten einen Kochtopf bastelt und das Brennmaterial für drunter verschafft. 'Realistisch' an den Vorschlägen der Kommission ist nur ihr Gesichtspunkt, nämlich der der Minimierung der Kosten, die die Erhaltung des Nutzens erfordert, den die Herrschaft von ein paar extra dafür herangezogenen Eingeborenen für die imperialistischen Staaten bringt.

Macht nur weiter so!

Weißer Mann, ganz verkehrt,

schickt in Urwald Jazzkonzert.

Schwarzer Mann hört nicht an,

weil selbst besser kann. ...

lautet deshalb die Parole von Politikern, die die gemeinsame Unterschrift unter reaktionäre Sprüche von Entwicklungshelfern als billige Investition für ein gedeihliches Verhältnis der Staaten des Nordens und des Südens betrachten. Macht nur weiter so und "entwickelt" v.a. mal Initiative! ruft man sich selbst zu. Unter Nord-Süd-Politikern einigt man sich, daß es für die "Landlosen", deren natürliche Existenzgrundlagen systematisch ruiniert worden sind, am besten ist, wenn man sie auf eben diese Natur und sich selbst verweist: Hilfe zur Selbsthilfe. Dafür tut man so als sei der Welthandel "unterentwickelt" und verspricht sich und der Welt von der "Entwicklung" des Welthandels, daß die "Entwicklungsländer" in die Lage kommen, sich selbst zu "entwickeln". Um positive Beispiele ist die Kommission dabei nicht verlegen. Wo Kapitalisten aus Kosten gründen Apparate in Honkong und Taiwan zusammenbauen lassen, redet die Kommission großspurig von "Industrialisierung" dieser Länder. Als hätten sich die Hongkonger eines Tages zusammengesetzt und beschlossen, Hemden und Taschenrechner zusammenzunieten und damit den Weltmarkt zu erobern, und als würden sie damit gar noch die Industrieländer unter Druck setzen, darauf zu reagieren, um nicht in der Konkurrenz zu unterliegen.

So breitet die Kommission als "Entwicklungsmodelle" aus, wie durch eine Intensivierung des bestehenden Verhältnisses zu den Entwicklungsländern deren "eigenständige" Entwicklung zustandekommen soll - alles Vorschläge, die auf der kaum verhüllten Gewißheit basieren, daß man die gängige Praxis in der Ausbeutung der Eigenständigkeit dieser Länder nicht anfechten lassen will. Der offizielle Kommissions-Idealismus offenbart natürlich noch allemal, wo sich da etwas entwickelt und wo nicht:

"In dem Maße, wie die Entwicklungsländer das Tempo ihrer Industrialisierung beschleunigen, werden die alten Industrieländer Kapital und Arbeitskräfte zunehmend in der Produktion qualifizierter und hoch entwickelter Waren einsetzen müssen." (220)

Auch die billige Utopie richtet sich nach dem, was läuft, und aus dem Gegensatz zwischen Staaten, deren Land und Leute gerade in ihrer Nicht-Entwicklung ganz als Mittel der 'entwickelten' behandelt und damit auch als solche bleibend eingerichtet werden, wird ein kleiner Unterschied in der Arbeitsteilung. "Eure Entwicklung", so wird den "3. Welt"-Politikern in allem Respekt vor deren Eigenständigkeit versichert, "geht eben nur ein bißchen anders!", als ob nicht schon das Versprechen, einen Produktionszweig nach dem anderen, der sich für das Kapital in den Metropolen nicht mehr lohnt, an diese Länder abzutreten, eine einzige Lüge wäre.

Ein Sieg der Gerechtigkeit

Weißer, Mann, Köpfchen krank,

schickt in Urwald großen Tank.

Schwarzer Mann fängt gleich an,

schießt auf weißen Mann.

Bißchen denken beim Schenken...

Die Einigkeit, die mit der Unterschrift aller Beteiligten in dieser Kommission erzielt worden ist, ist schon merkwürdig: Sie widerlegt alle Vorstellungen, als ginge es irgendjemandem um etwas anders als um eine Ausnutzung des Verhältnisses zwischen Industrie- und "3. Welt"-Ländern, wie es existiert. Die mehrjährige Aussprache unter Willys Vorsitz ist eine Veranstaltung der westlichen Länder für die Habenichts-Staaten, die damit offensichtlich ihre Forderungen erfüllt sehen. Schon daran läßt sich ermessen, was von dem vor einigen Jahren aufgekommenen Gerücht zu halten ist, die Entwicklungsländer, Gruppe der 77, OAU usf., hätten einen gewaltigen Aufstand gegen die Industrienationen, den Umsturz der Weltwirtschaftsordnung usw. geplant. So kommissionsmäßig handhabt der Imperialismus die Unzufriedenheit dieser Sorte Staaten: Alle setzen sich als politische Souveräne zusammen und verhandeln sie als das Problem der Erhaltung von Staaten in ihrer komplizierten wechselseitigen Abhängigkeit. Die Lüge besteht darin, so zu tun, als sei die Herrschaft im 'Norden' gefährdet, und die Verrücktheit darin, daß die angeblich auf Umsturz drängenden Süd-Politiker damit zufrieden sind, von den Kommissions-Sprüchen bescheinigt zu bekommen, daß sie überhaupt als erhaltenswerte Souveränitäten betrachtet werden. Allerdings ist diese Verrücktheit leider auch wieder sehr normal, denn, wie an dieser Veranstaltung zu bemerken, ist auch der Spruch von den 'armen' Ländern eine leichte Vereinfachung des Sachverhalts: Die Politiker dieser Länder profitieren offensichtlich von solchen Einrichtungen des Imperialismus.

Die Veröffentlichung der einvernehmlichen Dummheiten der Kommission dient weder der Verbreitung von Entwicklungsideologien noch von irgendwie ernsthaft für irgendeine Praxis vorgeschlagenen Reformen. Das alles wird vielmehr gedruck als diplomatischer Akt: Es sind die hiermit für offiziell erklärten Ideologien der westlichen Staaten, mittels derer den Staaten des Südens demonstiert wird, was und wieviel man von ihnen hält, daß man gewillt ist, sie als Souveräne weiterhin an der Benutzung ihrer Länder zu beteiligen, womit man ihnen also genau die Anerkennung zuteil werden läßt, auf die sie aus sind. So sehr hat also die Sonne den Negerverstand noch nicht ausgedörrt, als daß er dafür nicht zu gebrauchen wäre.

So ermöglicht die Kommission für alle ganz gleichberechtigt den hoffnungsvollen Blick in eine Zukunft, die schon begonnen hat:

"So manches Volk hat seine inneren sozialen Konflikte beigelegt, indem es die Schwachen schützte, und den Prinzipien der Gerechtigkeit Geltung verschaffte, und es wurde stärker dadurch. Auch die Welt kann stärker werden, indem sie zu einer gerechten, humanen Gesellschaft wird." (44)

Alles Nähere regeln die Handelskommissionen, Warenbörsen, die Entwicklungshelfer des Kapitals und notfalls Söldner, CIA oder Paras.

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

VIEL ZÜNDSTOFF liegt in der ungleichen Welt- Einkommens und -Gütterverteilung. In Dollar gerechnet, haben die Menschen in den Industrielänndern durchschnittlich 5500 Dollar je Kopf und Jahr zur Verfügung, in den Entwicklungsländern hingegen nur 540 Dollar und in den ärmsten unter ihnen wiederum nur einen Bruchteil davon.