EIN DEMOKRATISCHES SANDKASTENSPIEL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.

Gorleben
EIN DEMOKRATISCHES SANDKASTENSPIEL

Während in vorwiegend süddeutsclien Regionen ehrbare Bürger alljährlich zur Faschingszeit ihren Spaß daran finden, sich als närrische Untertanen einem gekürten Prinzenpaar zur Verfügung zu stellen, und mit einem glitzernden Zeremoniell samt Hofstaat und Garde ihre sonst eher schmucklose Unterwerfung unter den Staat als Vergnügen feiern (weshalb dieses auch so öde ausfällt), haben sich einige 1000 Anhänger der Ökologieszene vorgenommen, ganz basisemokratisch einmal für ein paar Wochen Staat von unten zu spielen und auf der Tiefbohrstelle 1004 bei Gorleben die "Freie Republik Wendland - Kultstätte 1004" ausgerufen.

Kultiviert wird an dieser Stätte, wo niedersächsische Regierung per "Probebohrungen" feststellt, daß hier eine Atommülldeponie errichtet wird, die grüne Volksgemeinschaftsideologie eines harmonischen Miteinanders (die Republik stellt "Wendenpässe" mit dem Vermerk: "Lebenseinstellung positiv" aus) fröhlicher Menschen ("gültig nur, solange sein Inhaber noch lachen kann"), wobei der Spaß freilich etwas aufgesetzt wirkt, soll er doch bekunden, daß gerade aus einem harten, entbehrungsreichen Leben ungezwungene Heiterkeit erwächst, und damit eine solide Basis für ein solidarisches demokratisches Zusammenleben - aller im Staate. Zur Demonstration dieses Gedankens setzen sich die Besetzer für kurze Zeit den Widrigkeiten der Natur aus und geben großkotzig mit bestandenen Bewährungsproben an, die ansonsten Pfadfindern, Soldaten und diversen Proleten vorbehalten sind. "Im dauernden Kampf gegen Wind, Kälte und Sand (gelobt sei, was hart macht!)" und voller Stolz auf das "schwarz-dreckige Make-up an allen freien Hautstellen (geht doch zum Bergbau!)" wird emsig gezimmert, gehobelt und gesägt, um ein schönes Rundhüttendorf" (das freut den Archäologen!) mit einem "Freundschaftshaus als Zentrum " zu errichten. Geplant sind ferner Hühner- und Gänseställe nebst einem Frauenhaus, selbstverständlich viele Blumenbeete, sowie eine Kirche, denn die entsagungsreiche, dafür aber sich um so herzlicher gebende Gemeinde wird auch des öfteren vom Pfaffen aus Lüchow-Dannenberg beehrt, der sich beim Richtfest für das Freundschaftshaus "begeistert aufs Gerüst schwang und den Zimmerleuten (da war doch schon mal einer?) aufs Allerherzlichste dankte."

Wo so viel (ur)christlicher Gemeinschaftsgeist gepflegt wird - nicht wie sonst als Begleitmusik zur Konkurrenz des normalen Werkeltagslebens, der er sich verdankt, sondern als davon gesonderte reine Idee - gibt es natürlich wie die TAZ als Hausorgan der "freien Wenden" etwas süffisant zu melden weiß - auch "viel Liebe, die gegen die Kälte wärmt", und bei den nächtlichen Zusammeinkünften am Lagerfeuer lodert die Flamme völkischen Kulturguts empor:

"Liebe Wenilen, dank für die vielen Spenden

von Bäumen, Brot und Händen.

Besonders den Gorlebenfrauen,

die den Kranz so hübsch gewunden,

und den Bauern, bei denen wir das Holz gefunden." ("fröhlicher Beifall")

Daneben bedient man sich auch moderner psychologischer Methoden, um das "Zusammengehörigkeitsgefühl" zu stärken, und richtet "Bezugsgruppen" ein, in denen ständig und gemeinsam die "persönliche Isolation und Anonymität" belabert wird, auf daß sich dergestalt eine "Vertrauensgrundlage" füreinander und ein großes "Verantwortungsbewußtsein" gegenüber dem "Bezugsgruppenmodell" einstellt.

Die Freundschaftsfreunde machen nämlich nicht einfach einen auf Naturverbundenheit und fügen sich mit ihrem "Rundhüttendorf harmonisch in die Landschaft ein", sondern verfolgen damit einen höheren politischen Zweck. Man demonstriert mit dem etwas kargen, einfachen Miteinander die demokratische Grundtugend der Verzichtsbereitschaft und bekundet damit ein staatsbürgerliches Verantwortungsgefühl, das reif genug ist, staatliche Entscheidungen in Sachen Energiepolitik mitgestalten zu können - und exerziert dazu der realen demokratischen Herrschaft ihr politisches Ideal als Modell vor, in dem jeder "direkt auf die Entscheidungen Einfluß nehmen kann" und mit einem "Vetorecht" ausgestattet ist, "das eine starke Verantwortung für den Einzelnen bedeutet."

Von diesem demokratischen Idealismus beseelt, der sein empörtes Gehabe über die gefährlichen AKW's, die der Staat aus ökonomischen Erwägungen für sein Kapital in die Landschaft stellt, nur an den Tag legt, um sich über die Willkür der staatlichen Entscheidungen zu empören, von denen man sich zu Unrecht übergangen fühlt, kokettieren die Natur- und Demokratieveredeler mit ihrer Ohnmacht gegenüber den "Machtpolitikern" und wissen sich dabei im - höheren - Recht.

In bezug auf die anstehende polizeiliche Räumung haben sie bereits vor der Platzbesetzung kundgegeben, daß es "keine Schlacht ums Bohrloch geben wird", sondern "passiven gewaltfreien Widerstand", der die Träger der Staatsgewalt ganz schön alt aussehen läßt - moralisch wenigstens, und dies nicht nur in ihren Augen, sondern auch in denen der Gorlebener Bevölkerung und der breiten Öffentlichkeit, die man durch "militante Aktionen" nicht verschrecken dürfe. Getreu dem grünen Grundsatz, in jedem Kontrahenten den eigenen guten Menschen zu sehen, den man durch das Vorleben guter Taten und das Vorzeigen einer edlen hilfreichen Gesinnung nur aufwecken muß, propagiert man "freundlichen Umgang mit Polizisten, verbunden mit der Aufforderung, sich am Einsatztag krank zu melden", "Hilfe bei der Landarbeit für die Bauern", beispielhaften Umweltschutz " (achtet auf geforstete Waldflächen, vergrabt eure Scheiße im Wald") und viele kulturelle Veranstaltungen im Dorf mit Theater, Musik und Tanz, die auf die Bevölkerung "anziehend" wirken sollen, weil man sich ganz als Mensch gibt.

Bei allem Sich-Aufgeilen an ein paar Erfolgen der Menschenfischerei ("Einige Gorlebener Jungbauern haben Holz gestiftet") soll das eigentliche Fanal die polizeiliche Räumungsaktion selbst werden, auf die man sich nicht nur per "Planspiele einübt", um das "Unrecht öffentlichkeitswirksam werden zu lassen", sondern die bereits vor ihrem Eintreten das Instrument darstellt - um einen Sieg über die eigene fehlerhafte Natur zu erringen:

"Sollen wir uns durch Rollonspiele gründlich darauf vorbereiten, in den zu erwartenden Situationon die Nerven zu behalten. Dies ist ein wichtiger Beitrag, um mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten umgehen zu können."

Das ist Widerstand 1980 - Widerstand gegen sich, beispielgebend für die übrige Menschheit, der man den eigenen Moralismus für ein paar Wochen unter ausgesuchter äußerer Widrigkeit vorexerziert.