EIN DEMOKRATISCHER PARADEPOLITIKER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1984 erschienen.
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Bonner Charaktere: F. J. Strauß
EIN DEMOKRATISCHER PARADEPOLITIKER

"Franz Josef Strauß schöppt seine Kraft als Mensch aus dem Lebensgefühl seiner einfachen Herkunft, den Erfahrungen der Frontgeneration des Zweiten Weltkrieges, seiner umfassenden Bildung, seiner politischen Erfahrung und seinem christlichen Weltbild. Er schöpft sie aus der glücklichen Ehe und intakten Familie." (Werbebroschüre 1980) '

Haargenau dieselben volkstümlichen Tugenden einer bundesrepublikanischen Führungspersönlichkeit haben so anerkannte Männer wie Karl Carstens und Helmut Schmidt für sich ins Feld geführt. Woran liegt es dann, daß Strauß so umstritten war und ist?

Was macht Strauß für die einen zu einem "Sicherheitsrisiko für unsere Demokratie", zu einer "Schädigung des deutschen Ansehens in der Welt" und zum Gegenstand einer "Stoppt-Strauß"-Kampagne? Ganz bestimmt nicht die außergewöhnlichen politischen Leistungen bzw. Untaten dieses Mannes. Eher schon das in der BRD verbreitete Bedürfnis, das Gemeinwesen so sehr zu achten und zu lieben, daß man es dauernd und vorrangig vor den schlechten Eigenschaften seiner Führungspersönlichkeiten in Schutz nehmen will. So sind die einen zu dem Schluß gelangt, vor Strauß, der "zu allem fähig" ist, zu warnen - und die anderen halten ihn für den eigentlich richtigen Mann in einer politischen Umwelt von Flaschen, die "zu nichts fähig" sind. Dabei sind seine politischen Gemeinheiten das äußerst brauchbare Handwerkszeug eines Politikers, der sich in seinem Frontstaat und mit ihm durchzusetzen versteht.

Straußens Dienst an der politischen Kultur

Soviel steht fest: Wenn Strauß selbst nach Kräften an dem Image mitgewirkt hat, er sei das Daueropfer heimtückischer Diffamierungen und staatsgefährdender Umtriebe, dann war das Teil seines demokratischen Kampfprogramms zur Säuberung der Öffentlichkeit. Er hat immer dafür gestanden, daß der konservative Weg, mit Gewerkschaften, Studenten, Dichtern, Umweltschützern und Journalisten fertigzuwerden, indem man sie nämlich kleinhält und auf kritiklosen Gehorsam drängt, jederzeit modern und erfolgreich ist. Im Vertrauen auf die "schweigende Mehrheit" empfiehlt er sich als ein Politiker, der auch und gerade die freie Meinung in ihre notwendigen Schranken weist und sie zum Dafürsein verpflichtet.

"Und wenn wir hinkommen und räumen so auf, daß bis zum Rest dieses Jahrhunderts von diesen Banditen keiner mehr wagt, in Deutschland das Maul aufrumachen."

So hat er einst seine Alternative zum Schmidtschen Modell Deutschland herausgestrichen, das mit politischer Kritik ja auch kein Problem hatte. Sein Anliegen und seine Tour war und ist es, der Öffentlichkeit die Verpflichtung auf eine konstruktive Begleitung der Bonner Herrschaft gleich für seine und in seiner Person vorzuschreiben. Genauso hartnäckig, wie seine Intimfeinde dadurch die Demokratie in den Schmutz gezogen sehen, hat Strauß deshalb auf dem Umgekehrten bestanden: Durch die Kritik seiner Person werde der Staat in den Schmutz gezogen und gefährdet. Die Beschwerde über Verleumdung und Lüge war noch regelmäßig der Auftakt, seine Kritiker zu verleumden, anzufeinden und zu verfolgen - und zwar mit ganz anderen Mitteln als nur dem "Bayernkurier" und dem Wort von den "Ratten und Schmeißfliegen", "Wohlstandsrandalierern", "Geisteskranken". Mit seinen verschiedenen Amtsgewalten, mit Recht und Justiz und seinen guten Beziehungen zu den entsprechenden Stellen der Dritten Gewalt, in anderen Fällen auch wohl mit schlichter Verachtung der Unkenrufe von "Spiegel" bis Jens und ungerührter Fortsetzung seiner politischen Karriere hat er der Öffentlichkeit ihre Machtlosigkeit bewiesen und so mit ihr beim Volk für sich geworben. Fest steht auch, daß Strauß mit seinen "Affären" und öffentlichen Auseinandersetzungen um seine politische Tragbarkeit unfreiwillig Hauptanteil an der Schaffung einer politischen Kultur hat, die einer nach innen und außen mächtigen Nation entspricht. Für ein angeblich so auf Anstand und Qualität der Herrschaft abonniertes Publikum diente die "Gefahr aus Bayern" nämlich einzig und allein als ein schlagendes Argument für eine alternative Personage - sei es der "Macher" Schmidt, sei es sogar der "provinzielle" Kohl - und damit für eine Politik, die Strauß auch nicht besser hätte machen können. Die demokratische Stilkritik, die sich um die Sache nicht mehr kümmert, hat er beflügelt; und zugleich ist dabei am "bajuwarischen Urviech" exemplarisch verhandelt und zur Gewohnheit geworden, was den führenden Herren in dieser Demokratie alles erlaubt sein muß, was an Kritik verboten, ein "Abgrund von Landesverrat" und zu verfolgen ist. Schon in den 60er Jahren stand unerschütterlich fest, daß Korruption, Amtsanmaßung, Verletzung der Gewaltenteilung, Gesetzesbruch - eben in Ausübung verantwortlicher Ämter - noch lange kein Verbrechen, ja nicht einmal eine demokratische Anstandsverletzung sind. Die Aufdeckung solcher Amtsführung und selbst ein Rücktritt im Gefolge einer solchen "Affäre" disqualifizieren einen Mann nie und nimmer für die pölitische Bühne. Lambsdorff, Wörner und diverse SPD-Männer können heutzutage davon profitieren, daß die Maßstäbe politischen Führungsanstands anhand Straußens Register so "realistisch" und am Erfolg orientiert sind. Selbst bloße Zweifel an Führungspersönlichkeiten werden nur unter parteitaktischen Gesichtspunkten gewürdigt, und gegen öffentliche Beschwerden steht noch immer die Solidarität der regierenden Demokraten, die sich nicht reinreden lassen. Weder ist an Strauß eine große Koalition bis zum linkesten SPDler gescheitert, noch ohne Strauß den Bürgern durch die SPD immer mehr Bürgerrecht, Wohlstand und Völkerfreundschaft beschert worden. Geändert hat sich eben mit und ohne Strauß in der Regierung immer nur eins: die öffentliche Einbildung über diesen Staat und sein demokratisches Gelingen. Strauß selbst aber ist seit mehr als dreißig Jahren ein Vorbild und persönliches Spiegelbild der Bundesrepublik.

Eine demokratische Karriere

Strauß hat es im Dritten Reich vom Metzgerssohn zum Einserstudium, Studienrat, "weltanschaulichem Referenten" und Ausbildungsleiter bei der Flak gebracht. Er hat sich damit genau so viel und wenig als Nationalsozialist, Kriegsteilnehmer und zur höheren Laufbahn berechtigter Deutscher hervorgetan, daß er mit amerikanischer Protektion als Landrat von Schongau Eingang in die Nachkriegspolitik fand. Außerdem brachte er rechtzeitig die für einen politischen Neuaufbau nötige Auffassung zu Gehör, Hitlers Verbrechen sei die Niederlage gewesen und Deutschland brauche jetzt Führer, die mit dem staatsbürgerlichen Opfergeist des Volkes erfolgreicher umzugehen wissen:

"Unter einer verantwortungslosen Führung ist ihnen (den deutschen Bürgern) im vorgeblichen Gemeinschaftsinteresse das Letzte abverlangt worden. Dabei stellte sich am Ende heraus, daß die von der Mehrheit aus echtem Solidaritätsempfinden erbrachten Opfer nicht nur nutzlos waren, sondern auch für eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit mißbraucht wurden. Als Folge dieser bitteren Erkenntnis hat das nationale Bewußtsein der Deutschen einen schweren, hoffentlich nicht bleibenden Schaden erlitten."

Diesen antifaschistischen Grundkonsens setzte er schon politisch in die Tat und in eine Karriere um, als Otto Normaldeutscher noch mit Aufräumarbeiten und Sich-Durchschlagen beschäftigt war. Das Gründungsmitglied der CSU 1945 stieg bald zum Generalsekretär und in den Landesvorstand auf, wurde damit eine nicht mehr zu vernachlässigende Größe in der Parteienkonkurrenz und bestimmt seitdem darüber mit, daß das deutsche Volk nicht mehr verführt, sondern geführt wird, daß die Opfer nicht mehr nutzlos sind, sondern sich für die Nation lohnen, und daß die Nation in den Grenzen von 1937 und darüber hinaus denkt und handelt. Als Bundestagsabgeordneter, Minister für besondere Aufgaben (1953), Atomminister (1955), Verteidigungsminister (1956), Finanzminister (1966-1969) und bayerischer Ministerpräsident (1978) wirkt er immer an vorderster Front mit und hat sich darüber den Ruf erworben, für jedes Amt befähigt zu sein, bzw. nach allen Ämtern zu streben.

Ein Mann des nationalen Wiederaufstiegs

Schon in den Anfängen und stellvertretend für seinen Dienstherm Adenauer formulierte Strauß die Wahrheit über Grundlage und Ziel einer deutschen Wiederaufbaupolitik, die mit Beteuerungen der nationalen Bescheidenheit und des Großmachtverzichts betrieben wurde: Wiedergewinnung der vollen Souveränität und Stärkung der nationalen Macht. Ohne militärische Macht keine Souveränität; ohne die Fähigkeit zur Bedrohung anderer Staaten keine Freiheit in der Außenpolitik! Dieses harte Bekenntnis zu den Elementarvoraussetzungen auch des neuen, verkleinerten Deutschland hat Strauß gegen Freund und Feind gerichtet:

"Wir sollten jede Gelegenheit benutzen, um die Verantwortung für uns selbst auch wieder selbst in die eigene Hand zu nehmen, soweit wir dazu in der Lage sind, und die anderen dann zu echter Mitverantwortung in unserem Sinne zwingen... Noch zweckmäßiger erscheint es uns, eine Situation herbeizuführen, in der es unmöglich ist, daß sich die vier Mächte über Deutschland auf Kosten Deutschlands einigen können."

Als es dann wieder erlaubt war, hat er alles darangesetzt, mit eigenen Waffen die "Fähigkeit und Bereitschaft zu politischer und militärischer Verantwortung" zu beweisen und so in diese Verantwortung eingesetzt zu werden. Seine persönlichen Beziehungen zu amerikanischen Militärs und Waffenhändlern und halb- und illegale Mittel hat er benutzt, um über das parlamentarisch Beschlossene und Erlaubte hinaus die Bundesrepublik möglichst schnell mit einem leistungsfähigen und vollständigen Waffenarsenal zu versehen. Nach der Schützenpanzer"affäre" hat er den Verlust von Bedienungsmannschaften, Flugzeugen, Geldern sowie seinen eigenen Ministerkopf riskiert, um schlagartig mit den Starfightern eine Luftwaffe aufzubauen, die für jeden und insbesondere auch atomaren Einsatz fähig ist. Alles, um

"uns den westlichen Freunden für diesen Fall (einen möglichen Krieg) so unentbehrlich zu machen und einen potentiellen Gegner so respektabel ernst zu machen, daß beide auf unsere Anwesenheit Wert legen."

Bis heute hat Strauß auf diese Maxime nichts kommen lassen und nichts kommen lassen müssen. Im Gegenteil. Mehr denn je gilt doch inzwischen als einzige politische Leitlinie, was Strauß immer schon sagte:

"Das Maß unserer Möglichkeiten mißt sich am Maß unserer Macht, die sich aus einer Kombination der Faktoren militärische Unentbehrlichkeit, wirtschaftliche Kraft, moralische und rechtliche Position ergibt."

Was damals durch diesen Pionier der Rüstung mit entsprechenden Verlusten und Skandalen erst aufgebaut werden mußte, das ist heute politische, wirtschaftliche und moralische Selbstverständlichkeit und geht den geregelten Gang von Haushaltsbeschlüssen, Waffenkäufen, Waffenverkäufen und nationalen Rüstungsaufträgen für die versammelte Großindustrie.

Ein Mann der NATO-Freiheit gegen den Osten

Als die SPD noch Adenauer einen "Kanzler der Alliierten" schimpfte, setzte Strauß schon rücksichtslos darauf, den bundesrepublikanischen Teil Deutschlands in die amerikanische Weltgegnerschaft gegen die Sowjetunion einzubringen und als militärisches Bollwerk gegen die Sowjetunion in Europa unentbehrlich zu machen. Die Hetze gegen sowjetische Aggression war ihm als chiristlich-deutschem Politiker mit gesamtdeutschem Führungsanspruch sowieso ein Herzensanliegen. Das konnte durch den weltpolitischen Rahmen nur an Unverfänglichkeit und vor allem Wucht gewinnen:

"Kein Volk sollte sich über die sowjetische Gefahr klarer sein als das deutsche Volk."

"Uns nützt der größte Sozialhaushalt und die beste Rente gar nichts,... wenn die Kosaken kommen,"

"Im übrigen verhalten sich die Sowjets dort friedlich, wo der Schatten der Weltmacht USA auftaucht. Im Kreml sitzen vorsichtige Teufel."

"In Wirklichkeit muß es heißen: Erst rot, dann tot."

Das sind keineswegs Verlautbarungen eines ewig gestrigen Kommunistenfressers, sondern Übersetzungen der gültigen NATO-Doktrin, diesseits und jenseits des großen Teichs genügend Kriegsmaterial aufzustellen, um die Sowjetunion weltpolitisch in die Knie zu zwingen. Und das ist keineswegs kleinkarierter Nationalismus, sondern weltweite Berechnung einer NATO-Zweitmacht nach dem Motto:

"Mit dem Territorium eines Bündnispartners wird anders umgegangen als mit einem neutralen Lande."

Ein Mann Europas

Längst heißt der politische Anspruch ja auch nicht mehr nur "Deutschland in den Grenzen von 1937", sondern "einer der oberen Ränge in dieser Hierarchie" (der "Supermächte").

Deshalb hat Strauß in der westeuropäischen Partnerschaft eine Bedingung und Chance besserer deutscher Weltgeltung entdeckt und vor allem sich auch nicht gescheut, unter dem Titel Europa immer wieder den nationalen Machtzugewinn anzusprechen und einzufordern. Ohne große Umschweife verlangt er,

"die deutsche Frage nicht als nationales Anliegen nur eines Staates, sondern als eine gemeinsame europäische Angelegenheit zu behandeln."

Und mit der Gewißheit, daß auf Basis der gemeinsamen Gegnerschaft gegen die Sowjetunion eben innerhalb der NATO eine Konkurrenz um die Macht stattfindet, hat er nicht hinter dem Berg gehalten. Das ist geradezu seine politische Definition von Europa:

"Die Europäer sind total degeneriert. Sie sind ausgetreten aus der Geschichte, erwarten, daß die Amerikaner wenigstens für sie noch Wache halten..."

1957, wo es kaum die Bundeswehr gab:

"Aber den Amerikanern zumuten, daß sie mit lauter Protektoratskindern, in diesem Fall mit lauter Atomsäuglingen, Atomschützlingen - jeder ein militärisches BABY - für jeden von ihnen eine Sicherheitsgarantie tragen sollen..."

Und 1984, mit einem ganzen Atomraketenarsenal auf deutschen Boden:

"Unser Selbstbestimmungsrecht darf nicht allein von Washington garantiert werden... Es ist mit dem seelischen Gleichgewicht von 300 Millionen Europäern nicht vereinbar, immer nur nach Washington zu blicken."

Den Vorwurf des Antiamerikanismus fürchtet er offenbar ebensowenig wie den der Anmaßung, wenn er für eine neue Sorte Zusammenarbeit im Sinne der Bundesrepublik gegen Frankreich auftritt. Er ist sich viel zu sicher, daß immer mehr Waffen auch dazu berechtigen, mehr Einfluß auf die Partner zu fordern:

"Da aber mit Sicherheit französische Atomwaffen auch gegen Ziele auf dem Boden Deutschlands gerichtet sind, und zu Deutschland gehört natürlich auch die DDR, das ist unser gemeinsames Vaterland, ist hier noch ein weites Feld nicht nur für Informationen, sondern auch für Abstimmung, für gegenseitige Aufklärung und gemeinsame Planung."

Solche Ansprüche auf eine europäisch erweiterte, deutsche Dritte Weltmacht gelten längst nicht mehr als Straußscher Radikalismus. Genauso geht angesichts einer längst alltäglich gewordenen weltweiten Mitbeteiligung die Forderung nach "Mitsprache und Mitbestimmungsrecht in Fragen, von denen wir mitbetroffen sind", "z.B. Nahost", anstandslos über die öffentliche Bühne.

Ein Mann der Weltpolitik

Schon früh ist Strauß persönlich dafür eingetreten, daß unter jeder Regierung solche Ansprüche nicht zu kurz kommen - und vor allem auch er dabei nicht zu kurz kommt. Gegen die offizielle Diplomatie unter der SPD/FDP-Koalition und jetzt als Ergänzung und Konkurrenz zur Bonner Politik stützen Verbindungen und Gelder der Hanns-Seidel-Stiftung "antisozialistische Bollwerke" in Chile, Südafrika und anderswo. Und der Vorsitzende und Ministerpräsident höchstpersönlich hält in China, Afrika und beim Erzfeind selbst ein Bewußtsein davon wach, daß deutsche Stärke mehr ist, als was Genscher und Kohl, und erst recht früher Genscher und Schmidt von ihr zur Darstellung bringen. Ein durch ihn eingefädelter Kredit an die DDR sorgt für ein Stück Öffnung des anderen deutschen Staates speziell gegenüber der Bundesrepublik. Eine demonstrative Blitzvisite im "befreiten" Grenada wirbt für gewaltsame Säuberung, während die Regierung in Bonn für die Weltöffentlichkeit kritische Solidarität wahrt. Am Brenner fordert er italienische Unterordnung unter deutsche Zollabfertigungswünsche, während Kohl dasselbe gerade offiziell anmahnt. In Syrien bietet er Vermittlungsdienste für den Libanon an, während der Außenminister den Nahen Osten den zuständigen "Schutzmächten" überläßt. Immer steht Strauß für außenpolitische Zuständigkeiten und Alternativen ein, die jede BRD-Regierung zu ihrem legitimen Machtumkreis zählt und durch ihn halboffiziell anmeldet und pflegt.

Ein Mann der notwendigen Opfer

Nach innen hat Strauß jeden Anflug des Scheins, Demokratie hätte irgendetwas mit Volksansprüchen zu tun, außer dem nach einer rücksichtslosen Führung natürlich, entschieden bekämpft. Unentwegt hat er immer nur den einen Grundsatz verdolmetscht: Die nationale Macht speist sich aus einem dienstbaren Volk, also muß auch rücksichtslos dafür gesorgt werden. Erstens muß es überhaupt genügend vorhanden sein: Mögen auch zwei Millionen und mehr arbeitslos sein, als Steuerzahler, Kassenfüller, Reichtumsschaffer und Kanonenfutter, eben als deutsches Volk, sind es immer zu wenig:

"Was nützt uns die beste Währung und geordnete Finanzen, wenn wir auf die Hälfte unserer jetzigen Bevölkerung sinken."

Zweitens muß es sich entsprechend aufführen:

"Unser Volk muß wieder lernen, Belastungen zu ertragen, Opfer zu bringen."

Die agitatorische Masche, vom Volk als Einstellung zu verlangen, was ihm längst praktisch auferlegt wird, beherrscht Strauß, lange bevor Kanzler Schmidt mit dem Spruch: Das deutsche Volk ist verwöhnt! seinerseits die Wende in der politischen Propaganda vollzogen hat. Seit den fünfziger Jahren bringt er immerzu nur die eine Sorge zur Anschauung, die Politik könne in der Verwaltung des dienstbaren Volkes nachlassen, könne den staatlichen Haushalt zu sehr mit Sozialem belasten, statt da zu sparen und bei den Verteidigungslasten Löcher zu stopfen, könne gar mit unentschlossenen Politikern und konsumfreundlichen (wenn auch nur) Phrasen ein falsches Bewußtsein fördern.

Ein Mann des Volkes

Dabei ist er ein Vorreiter der demokratischen Tour, sich mit der eigenen Rücksichtslosigkeit bei ihren Opfern als geeignete Führungspersönlichkeit anzupreisen. Als sein Herr spricht er dem Volk aus der Untertanenseele und wirbt mit dem Versprechen, sich keinesfalls von ihm abhängig zu machen. "Ehrlichkeit" heißt das dann und "Verantwortung",

"dem Volk zu sagen, worauf es ankommt, und nicht ängstlich danach zu schielen, was vielleicht ankommen könnte."

"Dem Volk aufs Maul schauen - ja, aber nicht ihm nach dem Mund reden - das ist unsere Parole."

Deswegen führt Strauß auch beständig das Volk im Munde, so "wie es wirklich ist" eine Gemeinschaft von Dienern der Nation, jeder an seinem Platz:

Die Jugend "wird lieber demjenigen vertrauen, der ihr offen und ehrlich auch die Erfüllung notwendiger Pflichten abverlangt, als demjenigen, der sie unter dem Vorwand umfassender 'Betreuung' insgeheim entmündigt."

"Ein Facharbeiter, ein Schlosser, ist allemal, wenn er seiner Aufgabe mit innerer Freude und sachlichem Erfolg nachgeht, mehr wert als ein frustrierter Akademiker, der nach 20 Jahren Schulleben in Wirtschaft und Gesellschaft keinen Platz findet..."

So kümmert sich ein Akademiker, der seinen Platz ganz oben gefunden hat, neben der politischen Führung auch noch um die entsprechende Moral der Geführten und verkauft die größten Härten mit dem Gütesiegel, genau zu wissen, was das Volk will, "weil ich selbst aus einfachen Verhältnissen komme..."

Ein Mann der Partei

Über Art und Zweck demokratischen Streits zwischen seinesgleichen hat Strauß nie Zweifel aufkommen lassen: Es geht um die Ausübung der Macht. Die erringt man am ehesten, wenn man schon welche hat und seine Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen versteht - und sei es auch nur in der Selbstdarstellung vor dem Wähler. Für genügend eigene Macht hat er in Bayern mit einer soliden Wählermehrheit und subalternen Parteigefolgschaft gesorgt. Und für die richtige Strategie gegenüber dem Wähler hat er sich immer wieder eingesetzt. Er hat die Sorge um die Nation noch nie mit einer aufopfernden und selbstlosen Gemeinsamkeit aller führenden Demokraten verwechselt, die sie beständig im Munde führen. Im Zweifelsfall geht sie eben ganz in der Sorge um den Wahlerfolg der eigenen Mannschaft auf. Und um die als die Bessere an die Macht zu bringen, ist jedes Mittel recht, wenn nur der Eindruck entsteht, die politische Konkurrenz sei unfähig, das Volk zu führen; sogar eine richtige Krise:

"Lieber eine weitere Inflationierung, weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit, weitere Zerrüttung der Staatsfinanzen in Kauf nehmen, als das anzuwenden, was wir als Rezepte für notwendig halten... Es muß also eine Art Offenbarungseid und ein Schock im öffentlichen Bewußtsein erfolgen."

Das war seine Oppositionsstrategie in den siebziger Jahren. Immerhin lebt sie von der demokratischen Gewißheit, daß eine erfolgreiche Nation unter Parteienkonkurrenz nicht zu leiden hat, sondern umgekehrt die rücksichtslose Konkurrenz um die Verantwortung für die Nation erlaubt.

Demokratischer Erfolg und persönliche Niederlagen

Was Strauß den Ruf einer Skandalfigur oder eines Spitzenpolitikers eingebracht hat, ist die umstandslose Art, mit der dieser Mann die staatliche Souveränität als sein Anliegen verfolgt - und öffentlich zum Gütesiegel seiner politischen Persönlichkeit gemacht hat: Unbefangen demonstriert er, daß es ihm zur lieben Gewohnheit geworden ist, Macht auszuüben - nicht bloß nach ihr zu "streben", wie ihm vorgeworfen wird. Mit größter Selbstverständlichkeit führt er sich nicht als Diener eines Amtes auf, sondern stellt dar, daß sich alle demokratische Amtsautorität in seiner Person vereinigt. Aus Neigung und Berechnung verkörpert er die Rücksichtslosigkeit des politischen Geschäfts und steht für das, was politischer "Realismus" heißt: gegen alle Ideologien von Verantwortung, Toleranz, politischer Kultur, die gewisse Kreise so lieben. Die haben das Strauß verübelt und so ihren Frieden mit den politischen Fortschritten der Demokratie gemacht.

In der Bundesrepublik kann Strauß heute mehr denn je seine politischen Ansprüche verwirklicht sehen: Nicht nur, was den Sozial- und den Militärhaushalt, was das deutsche Militär und die Raketen auf deutschem Boden, was die Führungsrolle in Europa und die weltweite Mitzuständigkeit für Geschäft und Gewalt angeht.

Auch und gerade seine Tour politischer Bewußtseinsbildung und Selbstdarstellung ist längst zum herrschenden Geist geworden: Notwendige Opfer, entschlossene Führung, harte Maßnahmen, soziale Einschnitte, Rüstungsfortschritte und Politik der Stärke - diese Markenzeichen von Strauß sind Gemeingut und die gültigen Maßstäbe, an denen sich,die öffentliche Auseinandersetzung orientiert. Denn auch seine Sonthofener Taktik ist voll aufgegangen und hat die SPD wieder in die Opposition verbannt, und Strauß ist an der politischen Verantwortung mehr beteiligt denn je. Nur eins hat dieser Mann, der die Machtgrundsätze der Bundesrepublik am radikalsten ausgesprochen und repräsentiert hat, nie erreicht: die Richtlinienkompetenz des Kanzlers dieser Republik. Die Demokratie hat eben immer mehr als einen Mann für das Staatsprogramm zur Verfügung gehabt, und die Parteienkonkurrenz samt den demokratischen Konjunkturen in der Einschätzung von Führungsqualitäten haben jeweils gegen Strauß entschieden.

Gestoppt worden ist er nicht. Umgekehrt: Seine Ziele sind der ganz gewöhnliche Alltag in diesem Staat. Deswegen hat dieser Staat auf Strauß auch nie verzichtet.