EIN AFRIKANISCHER REGIERUNGSWECHSEL WOHLGEFÄLLIG KOMMENTIERT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.
Systematik: 

Militärputsch in Liberia:
EIN AFRIKANISCHER REGIERUNGSWECHSEL WOHLGEFÄLLIG KOMMENTIERT

"Wir müssen die CIA wiederbeleben" (US-Exverteidigungsminister Schlesinger)

Ein 28jähriger Hauptmann der Leibgarde, den bisher nur der CIA-Spezialist kannte, marschiert Samstag nachts um Punkt eins mit ein paar Soldaten los, räumt den Vorsitzenden der einzig zugelassenen Partei und Staatspräsidenten sowie einige weitere Familienangehörige in Staatsämtern hinweg und ein paar Tage später in ein Massengrab, stellt die restliche Regierung wegen Menschenrechtsverletzung und Korruption vor Gericht, läßt den Leibdiener des Präsidenten und zwei plündernde Soldaten öffentlich hinrichten, befreit ein paar 'Oppositionelle' rechtzeitig vor ihrem Prozeß am Montag aus dem Gefängnis und befördert sie auf Ministerposten, befördert bzw. degradiert einige Militärs, verspricht Polizei und Militär mehr Sold, und vor allem - teilt noch in der ersten Nacht dem amerikanischen Botschafter mit,

"die neue Regierung sei an der Fortsetzung der freundschaftlichen Beziehungen interessiert. Leben und Eigentum von Ausländern solle nicht angetastet werden",

und setzt schon montags einen von amerikanischen Militärberatern entworfenen Plan für öffentliche Sicherheit und Ordnung in Kraft. Das alles in einem Land, das wegen der amerikanischen Auseinandersetzung um die Sklaven im 19. Jahrhundert der erste selbständige und seit 133 Jahren 'patriarchalisch-autoritär' regierte Landstrich war; mit freigelassenen Sklaven gegründet, die in Amerika soviel über Herrschaft gelernt hatten, daß man sie am besten selber macht, und die in Afrika genügend unzivilisierte Stammesbrüder angetroffen hatten, um an ihnen diese Lehre mit dem Herreninstinkt ehemaliger Sklaven gründlicher als die Kolonialmächte selbst zu exekutieren; ein Staat, der sich diese freie schwarze Herrschaft durch die Verwandlung des Landes in eine amerikanische Kaffee-, Kakao- und Erzproduktionsstätte, sowie in eine Firestone-Kautschukplantage und durch das Hissen seiner Flagge auf der größten Schiffs('Flucht)-Tonnage' der Welt redlich verdient und im Inneren durch Bombardements auf hungernde Massen erhält.

Alles klar, oder!

Der älteste souveräne Landstrich auf dem schwarzen Kontinent, dem der mühsame Prozeß der Entkolonialisierung erspart blieb, beruht deswegen auch am unmittelbarsten auf der Gleichung für solche Staaten: Souveränität = Erhaltung und Finanzierung einer staatstragenden Elite ohne Volk, also auch ohne jede Rücksicht auf eine Bevölkerung, (die in diesem Falle in ihrer Mehrzahl noch Naturreligionen anhängt), durch die Kapitalisierung von 'Naturschätzen' und von angebauten Produkten für ausländische Industrien in den imperialistischen Nationen.

Weil sie mit amerikanischer Erlaubnis ihr Stück Erde schon immer selbständig verwalten und den Preis für die amerikanische Verfügung schon immer ganz in die eigene Tasche stecken durften, ohne daß eine weiße , Kolonialschicht und Verwaltung den Nationalismus der paar notwendigen Negergehilfen geweckt aber nicht befriedigt hätte, ist dieser Fleck auf der Landkarte mit seinen natürlichen Voraussetzungen und ihren Verwaltern in einem Maße unmittelbar und ausschließlich den Amerikanern verfügbar, von dem die alten Kolonialmächte, die um die gewaltsame Erhaltung solcher Abhängigkeiten gegen ihre imperialistische Konkurrenz jahrzehntelang vergeblich gekämpft haben, nur noch träumen können.

Der Regierungswechsel durch den bisher hierzulande unbekannten "Führer des Volksbefreiungsrates der Armee" bzw. des "Rates zur Erlösung des Volkes" - man ist sich im Titel nicht ganz einig - in einem hierzulande unbekannten Land verspricht daher auch, nicht mehr als ein mit der nötigen Gewalt abgekürzter und mit lang nicht mehr so erfolgreicher CIA-Routine kontrollierter Regierungswechsel innerhalb der Kreise zu bleiben, die in so einem Land ohne Staatsbürger das Regieren mit der Ordnungsmacht unter sich ausmachen.

Also alles klar, sollte man meinen.

icht so für unsere Staatskommentierer, deren inniges Verhältnis zur Macht und ihren Bedenklichkeiten und Unbedenklichkeiten ihnen bisher erspart hatte, von diesem freien Land irgendeine Notiz zu nehmen, außer als Tagungsort der letzten OAU-Konferenz und kurzfristigem Schauplatz eines Massenmassakers. Mit politischer Meinungsbildung beauftragt, also mit der Befriedigung des Bedürfnisses, über den Stand unserer Nation in der großen Völkergemeinschaft soweit und so informiert zu werden, daß man die Sorge unserer Staatsmänner um unser aller Fortkommen gebührend zu würdigen weiß, vertauschen sie für eine Woche die souveräne Gleichgültigkeit gegen eine so gut und so untergeordnet zweckmäßig funktionierende Souveränität mit der Pose des kenntnisreichen, kritischen und genauen Beobachters. In der beruhigenden Gewißheit, daß, wäre hier eine Befreiungsbewegung am Werk gewesen, sie ihnen nicht entgangen wäre, stiften sie beim interessierten Publikum die Sicherheit, daß es das Land, von welchem ihm am ersten Tag überhaupt erst einmal eine geographische Vorstellung vermittelt wird, getrost wieder vergessen kann - und das beruhigende Gefühl, daß wirklich nichts weiter passiert ist, als daß auf etwas unfeine Weise andere die Ministersessel eingenommen haben.

Ohne auch nur wenigstens den Schein moralischer Empörung oder Anteilnahme zu heucheln, auf den man in anderen Fällen so scharf ist, führen sie dabei die nackte Brutalität des politischen Urteils vor, welches zwischen Herrschaft und Herrschaft wohl zu unterscheiden vermag und einerseits staatliche Gewalt in solchen Ländern am hiesigen Ideal stabiler Herrschaft mißt, um zugleich zu versichern, daß dort unten an die Erhaltung der Stabilität andere Maßstäbe anzulegen sind. Das gebildete Publikum bekommt deshalb neben der überraschenden Neuigkeit so: gleich die Ideologien mitgeliefert, die es diesen Vorfall schnell wieder vergessen lassen, schon weil es sich für eine anständige Zeitung gehört, zu demonstrieren, daß man von der Notwendigkeit dieses überraschenden und blutigen Wechsels schon lange gewußt hat. So als bequeme sich hier ein Staatswesen zur Erfüllung westlicher Standards, werden zunächst die Methoden der bisherigen Herrschaft als Gründe für ihr Scheitern aufgezählt:

"ständig wachsende Korruption... wachsende soziale Unzufriedenheit, drastische Preiserhöhungen für das Grundnahrungsmittel Reis... verbotene 'Fortschrittliche Volkspartei'... Erste Alarmzeichen... 40 Menschen erschossen...

So durfte bisher nur an Wahlen teilnehmen, wer über Gruudbesitz verfügte. Kein Wunder, daß sich bald (!) Widerstand regte. Bereits in den 50er Jahren entstand in den USA eine Partei... Daß in Wirklichkeit nicht mehr alles in Ordnung war, fiel europäischen Joumalisten bereits im Juli des vorherigen Jahres anläßlich der OAU-Konferenz auf, weil Verkehrspolizisten willkürlich Autofahrer stoppten und wegen angeblicher Verkehrsvergehen Schmiergelder in die eigene Tasche kassierten (zahlbar in Dollars...)."

Dann wird mit gekonnter Abstraktion von den auswärtigen Grundlagen dortiger Gewalt der bisherige Staatschef theoretisch zur Verantwortung gezogen - allerdings für mangelnde Stabilität:

"fortgesetzte Fehler, die die Regierung Tolbert begangen hat. ... Der Präsident machte weitere Fehler: So hob er das Grundrecht, das Bürger vor einer Verhaftung ohne richterlichen Beschluß schützt, für ein Jahr auf..."

Einmal in Fahrt, macht man für die bildungshungrige Leserschaft eine ordentliche Theorie politischen Generationenwechsels daraus:

"Knapp zehn Monate, nachdem in Ghana Luftwaffenhauptmann Jerry John Rawlings per Staatsstreich das Ruder herumriß, hat wieder ein noch relativ junger afrikanischer Soldat Schlagzeilen gemacht... William Tolbert hat das Potential - ein in Westafrika und auch anderswo zu beobachtendes Phänomen - der Leute unter 30 unterschätzt, deren Wortführer zum großen Teil in Europa, in den USA und in der UdSSR ausgebildet worden sind." (Dies also der eigentliche Fehler!) "Es muß festgestellt werden, daß sich an vielen Stellen Afrikas ein politischer Generationenwechsel vollzieht. Korruption, Vetternwirtschaft und Oligarchien sollen beseitigt werden."

Die zynische Gelassenheit einer weltpolitischen Einordnung, an die man selbst nicht wirklich glaubt, ergänzt man dann noch ein paar Tage mit Berichten, die teils herablassend die erbaulichen Grausamkeiten der neuen Mannschaft, teils zufrieden ihre Linientreue zur Kenntnis bringen:

"Der Präsident endet im morastigen Massengrab... von US-Militärberatern unterstützt... Präsident Tolbert während des Putsches durch mehrere Kopfschüsse getötet... Unklar, ob im Regierungspalast oder in der privaten Residenz... Gehaltserhöhung für Polizisten und Soldaten... Zweiter Putsch in Liberia gescheitert... versprach Einhaltung aller Verpflichtungen und Verträge mit dem Ausland... kein Anlaß, deutsche Entwicklungshelfer zurückzurufen... Liberias Machthaber läßt erschießen... Exempel statuiert... bei der Elfenbeinküste für unfreuudliche Bemerkungen seiner Regierung entschuldigt... versicherte, der Außenminister sei der offrzielle außenpolitische Sprecher Liberias."

Endlich hat man am Wochenende auch das erste Foto des neuen Regenten, der aussieht, wie so ein tatkräftiger, aufstrebender Negerhauptmann auszusehen hat. Damit ist der politischen Bildung, die schließlich nicht nach Gründen, sondern Hintergründen fragt, endgültig Genüge getan. Es hat sich nichts Unerwartetes ereignet, die neue Macht festigt sich, und Kautschuk, Erz und Sonstiges ist nicht gefährdet.

Also doch alles klar, auch für die Öffentlichkeit!