EDITORIAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1982 erschienen.
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EDITORIAL

Wie ermittelt ein aufgeklärter Bürger (West), dem zwei bis drei Jahrzehnte "politische Willensbildung" erfolgreich verabreicht worden sind, daß er es mit seiner Obrigkeit ganz gut getroffen hat? Richtig! - durch einen kurzen Vergleich zwischen "Freiheit" und "Sozialismus". Durch einen sehr kurzen sogar. Er fragt sich einfach wieder einmal, wo es ihm besser gefiele, wenn er die Wahl hätte, hüben oder drüben - immer vorausgesetzt, daß es ohnehin keinen Sinn hat, gepen gewisse Unannehmlichkeiten Widerspruch einzulegen. Und siehe da, das Leben ist lebenswert, weil man in der eigenen Heimat Sachen erlaubt kriegt, die man auswärts nicht darf.

Der Vergleich ist fiktiv, und sein Resultat - die "Entscheidung" stand gar nicht zur Debatte. Die Staatenwelt des freien Westens steckt auch nicht voll lauter potentiellen Auswanderern, die dann schweren Herzens doch Abstand nehmen vom Umzug, weil die Informationen über das Reiseziel dazu raten. Der Vergleich ist aber auch nicht objektiv - nein, nicht deswegen, weil er gewisse "Leistungen" der volksdemokratischen Alternative unterschlägt. Er mißt das Regieren und Wirtschaften in beiden Lagern sehr unbefangen an einem Zweck, den die in Frage stehenden Herrschaften ganz bestimmt nicht verfolgen. Ums Gewährenlassen und Einsperren geht es denen erst einmal überhaupt nicht. Dergleichen ist nämlich die Konsequenz, welche die Obrigkeit zieht, wenn sich die Untertanen den Anforderungen nicht beugen - Mitläufer, die sich beim Schaffen und Einteilen bewähren, haben nirgends mit Verfolgung zu rechnen. So gibt es drüben Dissidenten und hier kriegen sie ein Berufsverbot.

Und schon gleich gar nicht dreht sich die Eröffnung eines kapitalistischen oder sozialistischen Nationalladens darum, es den Inhabern der Zwangsmitgliedschaft recht zu machen - wie es die Frage "Wo lebt sich's besser?" freundlich unterstellt. Eine Beurteilung der beiden "Systeme" ist deshalb auch nie fällig, wenn die Antwort erteilt wird. Die Zurückweisung der Alternative - das, wonach Kritiker immer als erstes zu befragen sind - ist der banale Ertrag des Vergleichs, der gar nicht erst angestellt wird. Der würde ja den gemeinsamen Zweck zweier konkurrierender, durch politische Gewalt eingeführte und betreute Produktionsweisen zum Ausgangspunkt nehmen und ihre Unterschiede im Umgang mit ihrem schaffenden Inventar ermitteln. "Wozu wird die Mehrheit hergenommen?" und "Warum ergeht es ihr wie dabei?" - das wären Fragen, die wenigstens einmal theoretisch vom Untertanenstandpunkt Abstand nähmen, weil sie die Zwänge und Nöte des Untertanen nicht in die Souveränität umlügen, mit der die Knechte immerzu ihre Herren aussuchen.

Leider findet der "Systemvergleich" statt, ganz ohne großes Fragen und Antworten, weder objektiv noch interessiert theoretisch als weltpolitische Gegnerschaft der konkurrierenden Herrschaften und sehr praktisch. Die Dienste, die in dieser Hinsicht die vorliegende Nummer der MSZ leisten kann, sind nicht unbeträchtlich. Geliefert werden die wichtigsten Argumente gegen das Mitmachen bei einenn Vergleich, in dem man als Manövriermasse vorgesehen ist und sich dabei auch noch als Subjekt der Entscheidung vorkommen - darf.

Weil dieser Vergleich an so vielen Fronten aufgemacht wird, hätten wir gleich die ganze Nummer unter der Rubrik des Titels laufen lassen können. Ausdrücklich verwiesen sei auf das Porträt jenes "Glitzerdings" Westberlin, mit dem der Westen seit Kriegsende den Systemvergleich auf dem Territorium des Feindes vorträgt; auf den Artikel über französische Kommunisten, für die seit ihrem Regierungsantritt die Sache Frankreichs so sehr mit dem Kommunismus identisch geworden ist, daß man seither alles Mögliche tut und unterläßt, um durch den Firmentitel im Parteinamen eine Mißverständnisse darüber aufkommen zu lassen, worum es Franzosen im Freien Uesten zu gehen hat; auf die kurze Klarstellung, wer in Afrika warum und wie nichts zu melden hat, wenn eine garantiert lokale Herrschaft das Sagen kriegt und bei wem sie sich zu Wort meldet; schließlich auch noch zum "Systemvergleich" gehört die Besprechung der persönlich gehaltenen Beiträge eines US-Diplomaten namens Kennan, der gegen die neue Gangart im West-Ost-Verhältnis den Einwand vorbringt, daß er die alte für nicht genügend ausgereizt hält.

Die folgenden 90 Seiten also der "Luxus von Intellektuellen", sich eines Vergleichs von "Systemen" theoretisch anzunehmen, dessen praktische Erledigung im Westen zwar von den herrschenden Figuren beschlossen ist, ohne die immer unterstellte Bereitschaft zum Mitmachen (in beiden Bedeutungen des Worts) nicht zu machen ginge. "Wo geht's mir besser?" - die Frage stellt sich doch so keiner, und wenn dann rhetorisch, um zur vorab feststehenden Antwort zu gelangen: "Hier natürlich!" Die dann üblicherweise folgenden Verweise auf Drüben sind kein Vergleich, sondern Bebilderungen des einen Vor-Urteils, das jeden Tag bei der (Lohn-) Arbeit oder beim Studium (der bürgerlichen Wissenschaft) gefällt ist und ratifiziert wird. Bei der Alternative "Freiheit oder Sozialismus" verlassen sich die Herren dieser Welt auf den Nationalismus ihrer Untertanen. Dem wird sich die nächste MSZ schwerpunktmäßig widmen: Nicht so sehr als ideologische Zutat, gleichsam als -ismus zum national, wobei jener als "Übertreibung" zu diesem sehr gesunden Standpunkt Gegenstand gängiger Kritik ist. Es ist wie immer viel schlimmer: Ein demokratischer Staatsbürger hält das ohne Nationalismus nicht aus!