EDITORIAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1982 erschienen.

EDITORIAL

"Hoffnungslosigkeit ist eine Kampfperspektive! Unseres Wissens die einzige, die diesen Namen verdient!"

Daß dieser Spruch am Ende des letzten Editorials der MSZ-Redaktion von linken Konkurrenten und rechten Gegnern mit der Genugtuung aufgegriffen und zitiert werden würde, sie hätten es immer schon gewußt und nun sei die MG auch noch geständig, war uns schon klar, als wir ihn hinschrieben : Nichts kränkt offenbar die Linke mehr, als wenn man ihr sagt, für ihre Hoffnungen gäbe es keine Gründe, es sei denn lauter falsche. Die Opposition sein wollen, macht nicht einmal mißtrauisch, daß sie im Optimismus vereint sind mit denen, gegen die sie opponieren. Siegeszuversicht links und rechts des Rheins, im deutschen Bundestag und beim bunten Tag der besseren Deutschen. Während Reagan den Endsieg der Freiheit auf die harte Basis des NATO-Rüstungsprogramms stellte, registrierte die Friedensbewegung beglückt allein schon, daß es sie noch gab und nicht wesentlich weniger sich zusammengefunden hatten zum Kampf der Klagen und Gesänge. Ein deutsches Friedensfest auf zwei Bühnen und mit internationalen Stars! Daß gleichzeitig an allen Ecken und Enden des Globus geschossen und gebombt wird - Entscheidungsschlachten im Südatlantik und völkermörderische Endlösungen im Libanon - störte da weder die einen noch die anderen: Wenn die da oben prunken, die NATO hätte Europa 33 Jahre einen Krieg erspart, dann tönt von unten der fromme Wunsch zurück, man möge doch auch weiterhin von einem Schlachtfeld Europa verschont bleiben.

Inzwischen finden beide Seiten viel Verständnis füreinander: Selbst Reagan möchte niemand das Recht absprechen, Angst zu haben, und die Friedensfreunde werden nicht müde zu betonen, daß sie gegen keinen Staatsmann persönlich etwas haben, nicht einmal gegen Reagan. Im erbitterten Streit um die Mittel kommt der Jemeinsame Zweck umso makelloser zum Vorschein: Frieden in Freiheit. Die Politiker sollen sich dagegen versündigen, weil sie mit Waffen die Freiheit verteidigen und dadurch den Frieden gefährden, den Demonstranten schallt der Vorwurf zurück, sie ermunterten geradezu die Feinde der Freiheit, den Frieden zu brechen. Dabei lassen ihre Aufrufschreiber diesbezüglich keine Zweifel aufkommen: Polen und Afghanistan sind auch für sie ein angeblicher Grund westlicher "Nach"rüstung und ein Argument für den Angriff auf östliche Verhältnisse. So sind die westlichen Führer genauso unteilbar von ihrer Friedensbewegung wie es die Freiheit sein soll.

Daß an ihr keiner mehr vorbeikomme, damit stärkt die Friedensbewegung ihr Selbstbewußtsein. Daß führende Sozialdemokraten ihnen die besten Absichten bescheinigen und danit die eigene Politik als verständnisvolles Zurkenntnisnehmen des Pulsschlags bei "besorgten Bürgern unseres Landes" eben diesen anbiederisch verkaufen, macht diese biedere Protestbewegung ebensowenig stutzig wie die vorsichtigen Kurskorrekturen der Unionschristen, die nach dem 10. Juni vor einer "Verteufelung" der jungen Menschen ihre eigenen Wahlkampfund Machtwechselstrategen warnen.

Hier liegt mitnichten eine Kurskorrektur der etablierten Mächte vor, sondern vielmehr die berechnende Reaktion der Bonner Parteien auf die Korrekturen, die die Friedensbewegung an ihrem Erscheinungsbild vorgenommen hat, damit keinerlei Mißverständnisse über ihren Kurs mehr aufkommen können. So war dem Rheinauen-Happening ein freundliches Echo beschieden, bis auf die Beschwerde über die Friedfertigkeit der Massen gegenüber dem Vorwurf des "Goebbels" Leinen an die NATO-Herren, sie bereiteten den Untergang der Menschheit vor, und bis hin zu der Mahnung an die "demokratischen Sozialisten" Coppik und Hansen, sie möchten sich doch eine Scheibe abschneiden in Sachen innerparlamentarischen Wohlverhaltens von der gesitteten Aufführung der außenparlamentarischen Oppositon. Weder freundlich noch gehässig wurde hingegen die MG-Demo von der Presse- und Fernsehöffentlichkeit aufgenommen, sondern gar nicht zur Kenntnis genommen. Wir schmeicheln uns nicht mit der Selbstüberschätzung, man hätte die 20.000 von uns Mobilisierten vorsätzlich totgeschwviegen. Die Wahrheit ist wesentlich trostloser: Was juckt die BRD eine Manifestation von ein paar tausend schlechten Deutschen, wenn sich 300.000 auf einem Fleck versammelte junge Deutsche als Garanten des inneren Friedens für die äußeren Kriegsvorhaben aufführen und wenn 59.600.000 Deutsche von allem ungerührt ihre Pflicht tun? Zur Kenntnis nehmen werden uns allenfalls die Restlinken: 20.000 hinter den Parolen von gestern, die heute längst nicht mehr "bündnisfähig" sind! Wie macht die MG das? Alle hierauf zu erwartenden Antworten müssen notwendigerweise falsch sein. Nähere Ausführungen hierzu im Artikel "Entlarvt" in dieser MSZ.