EDITORIAL

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1981 erschienen.

EDITORIAL

Als die "Weltzentrale des Terrorismus" betrachtet der Außenminister der USA die Sowjetunion. Dennoch ist der in freiheitlichen Rechtsstaaten vorgesehene Umgang mit Terroristen gar nicht so einfach zu praktizieren. Die SU gibt sich nicht als Anwalt eines Volkes aus und entführt den US-Präsidenten in ein Volksgefängnis aus Styropor, um die Freilassung ihrer Gesinnungsgenossen oder ein Lösegeld zu erpressen. Sie verfügt über ein Volk, hält es zur Arbeit an und politisch bei der Stange, und selbst die undemokratischen Manieren, deren sich die KPdSU befleißigt, haben keineswegs dazu geführt, daß die Armee des Terroristenstaates eine Ansammlung von Aufständischen darstellt. Warum sollten auch Gehorsam und Vaterlandsliebe ausgerechnet auf ihre demokratische Erlaubnis angewiesen sein? Die menschenrechtlich engagierten Politiker der USA haben mit den russischen "Terroristen" also das Problem, daß diese einen ganzen Staat den ihren nennen; und deshalb machen sie diesen Terroristen nicht nur ihre Niedertracht zum Vorwurf, sie legen ihnen vielmehr eine Gleichgewichtsverletzung nach der anderen zur Last, ebenso die Gefährdung der "Sicherheit" vom Rest der Welt und anderes mehr.

In der Sowjetunion, ihren Regierungsgebäuden und Generalstäben, hält man diese Anklagen für ziemlich ungerecht. In echter Terroristenmanier beklagt man "Mißverständnisse", überbringt ein Verhandlungsangebot ums andere und behauptet dreist, alles für den Frieden tun zu wollen. Die Drohungen der moralisch weit überlegenen, weil nicht dem Terrorismus zugetanen NATO werden ganz offiziell für überflüssig befunden - und ernstgenommen zugleich. Wenn kein Einverständnis zu erzielen sei, so lautet die Botschaft, dann sei man auf alles gefaßt, und die Rote Armee werde sich nicht lumpen lassen.

Nachdem die letzte Nummer der MSZ ausführlich die Guten gewürdigt hat und zu dem Befund "äußerst böse" gelangt ist, geht es diesmal um die Bösen: Und das nach den Regeln der dialektischen Kunst zu erwartende Ergebnis "ziemlich gut" stellt sich keineswegs ein. Nicht einmal die Unterscheidung offensiv-defensiv ließ sich moralisch ausbauen, was ja die aufgeklärte Menschheit seit der Aufklärung so gerne hat. Die Beurteilung des politischen Willens der "Weltfriedensmacht", unabhängig von den Maßstäben ihrer Feinde vollzogen, macht zwar einiges deutlich über die Vorhaben der Kontrahenten und ihre Unterschiede - ist aber gänzlich ungeeignet für die elementarsten Akte der Zuneigung. Leider! So bleibt auch nach der Abfassung bzw. Lektüre dieses Hefts keine weltmächtig vertretene Perspektive, für die man sich engagieren könnte - es bleibt beim Kampf gegen die Friedenspolitik!

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Zum Schlagzeilenereignis des Monats, den Schüssen, die ein türkischer Faschist auf den Papst abfeuerte, nichts in der MSZ. Der Leitartikel in der FAZ vom 14. Mai beginnt so:

"In dieser Welt voller Wahnsinn trachtet auch jemand dem Papst aus Polen nach dem Leben. Nur Wahnwitz kann es sein, was zu dieser Untat trieb. Johannes Paul II. hat nichts an sich, was zur Gewalt oder nur zum Zorn aufreizen könnte."

In der Lage von Leuten, die so ziemlich alles, was dieser Papst bislang gesagt und getan hat, wütend machte; vom Standpunkt einer Redaktion, die sich die Menschenschinderei auf dem Erdball nicht mit Wahnsinn erklärt, sondern als Triebkraft der relevanten Untaten kühle Berechnung am Werke sieht; im Interesse an der Wahrheit, daß sich Trauer nicht verordnen läßt und erst recht nicht Anteilnahme am Leid einer Person, die die Feier ihrer Absichten und Taten einschließt - unter diesen Bedingungen hätten wir die - zu klärenden Fragen anläßlich des Anschlags auf eine Weise beantworten müssen, wie sie dem Papst nach Auffassung der FAZ gänzlich fern liegt:

"Johannes Paul II. gab in Deutschland nichts Opportunistisches preis, niemandem redete er nach dem Munde. Doch er war ganz ohne Härte, und nirgends ließ er Verhärtungen zurück. Er kommt vielen nahe, ganz ohne List und Kunststücke."

Ansonsten überlassen wir die Interpretation unseres Schweigens dem MSZ-Leser, der hoffentlich wie wir andere Sorgen hat als diejenige, mit der der FAZ-Kommentar schließt:

"Die Furcht, nun könnten die Nationen ihn lange nicht mehr hören, macht trostlos."

Genesungswünsche unsererseits erübrigen sich ohnehin, nachdem Ronald Reagan versprochen hat, den Papst in sein Gebet miteinzuschließen; und daß man Herrn Wojtyla nichts Böses wünscht und trotzdem seine Sprüche nicht mehr hören möchte, glaubt am wenigsten die FAZ, der dieser Mensch herzlich gleichgültig wäre ohne das Amt, das er innehat.

MSZ-Redaktion