Editorial

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1981 erschienen.

Editorial

"Das deutsche Volk ist verwöhnt! " meint kein Geringerer als der deutsche Kanzler. (Zur "Süddeutschen Zeitung ". Und die "BlLD-Zeitung" macht daraus ihren Aufmacher. Nicht empört - sie teilt diese Auffassung ).

Was will er denn eigentlich? Reicht es ihm nicht, daß "das deutsche Volk" ihn gewählt hat, obwohl er ihm nichts als härtere Zeiten versprochen hat?, daß die deutsche Arbeiterklasse braver als die Japaner zur Arbeit marschiert und für den dazu nötigen Schnaps ohne Murren 1 Mark extra für die "Inflationsbekämpfung " 'rausrückt?, daß die Gewerkschaften sich die verrücktesten "Strategien " einfallen lassen, um die geplante Lohnsenkung als schwer erkämpften Erfolg erscheinen zu lassen?, daß das "deutsche Volk" sich nach Kräfte in dem neuen Gesellschaftsspiel übt: Wie spart man am besten, und wo sitzen die Schuldigen? (nicht im Kanzleramt!), daß der Intellektuellenstand noch nie so linientreu fürs Dafürsein agitiert hat wie heute?

Nein, es reicht ihm nicht. r findet: "Das deutsche Volk ist verwöhnt!" Ungefähr das muß sich der hoffnungsvolle Nachwuchsfaschist gedacht haben, der neulich auf dem Münchener Oktoberfest die ganze Feierei nicht mehr ertragen und sein privates Gericht über die verwöhnte Mitmenscheit gehalten hat. (Sein Vorbild, Reichskanzler Adolf Hitler, hat sich das jedenfalls bis zu seinem Amtsantritt gedacht - dann hat er es geändert.) Aber Helmut Schmidt ist kein durchgedrehter faschistischer Jüngling, sondern er ist ein besonnener Mann, dem "das deutsche Volk" die Herrschaft über sich und (im Ernstfall) den Oberbefehl über eine

Millionenarmee anvertraut hat. Er ist (nicht Reichs-, dafür) Bundeskanzler. Wenn der meint: "Das deutsche Volk ist verwöhnt!" - was hat er dann eigentlich mit ihm vor?

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Jedermann redet inzwischen über Krieg: seine Planung, seine Vorbereitung, seine Anlässe, seinen Schauplatz. Und niemand - dieses Urteil über des Volkes "Kriegsangst" trauen wir uns! - glaubt daran, daß er allen Ernstes geplant wird, vorbereitet ist, seine Anlässe nach politischen Entschlüssen ausgesucht werden, sein Schauplatz so ziemlich überall sein wird. Und zwar deswegen, weil niemand seinen politischen Führern zutrauen mag, sie hätten vielleicht ihre gar nicht menschenfreundlichen politischen Gründe, einen Krieg als ultima ratio" (und "ratio" heißt soviel wie: vernünftige Lösung) oder praktisch in Betracht zu ziehen. Weil jeder sich vorstellt, über Krieg oder Frieden würde nach den "guten Gründen " entschieden, die er sich für einen Krieg nicht vorstellen kann.

Solche "Naivität" ist verkehrt und sehr fatal. Denn sie ist die ach so plausible Seite des demokratischen Nationalismus, in dessen Namen erwachsene Menschen und mündige Bürger ihren Führern bis zur letzten Konsequenz gehorsam bleiben.

Die nötigen Argumente dagegen nehmen diesmal die gesamte erste Hälfte unseres Magazins ein.

MSZ-Redaktion