ECHTE "HEIMAT" IM FERNSEHEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1984 erschienen.
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Kulturnotizen
ECHTE "HEIMAT" IM FERNSEHEN

"In den Begebenheiten des Films aber hat sich unendlich viel aus Erfindung ergeben: Die Erfindung ist offensichtlich konsequent, d.h. sie ist auch nicht von einer anderen Art als das Leben." (Edgar Reitz über die Authentizität seines Films "Heimat")

Die Sehnsucht nach einer Heimat gehört in die Abteilung: Begleitmusik zum täglichen Zurechtkommen und Mitmachen. Dieses ideelle Interesse, die Welt, in der man gerade lebt, als speziell für einen selbst passend, als "heimelig" erfahren zu können, hat gerade dann Konjunktur, wenn die Nation, die man sich weder ausgesucht noch nach dem eigenen Interesse gestaltet hat, sehr viel anderes zu tun hat, als ausgerechnet heimelig zu sein. Die Heimatliebe hält also mitnichten die Welt im Innersten zusammen und treibt auch nichts.

Von daher sind schon lauter Erfindungen notwendig, wenn die Geschichte eines Hunsrückdorfes nichts anderes sein soll als der Kampf um und der Verlust von Heimat. Andererseits spricht aus obigem Zitat das Gefühl des Autors für das Bedürfnis seines Publikums, dessen "Sehnsucht" seine Erzählungen als: "Genauso war's bei uns" aufnehmen soll.

Um den Hauptgedanken und seine Dialektik, Heimweh - Fernweh (was man an der Heimat hat, merkt man immer, wenn man von zu Hause weg ist - das ist komischerweise das Argument für sie), bildhaft zu machen und in eine Geschichte zu packen "wie sie wirklich hätte passiert sein können", muß der Künstler sich schon anstrengen. Die Handlungsstränge seiner Hauptpersonen müssen entsprechend der Botschaft: "Heimat braucht der Mensch" zubereitet werden und sollen sogleich durch eine Garnitur besonders echter Zeugnisse aus der Vergangenheit ("Details " und "Lokalkolorit") mit der Aura der Wahrhaftigkeit versehen werden. Nach 5-jähriger Heimatforschung ist folgendes dabei herausgekommen: Da sind zunächst die Eltem, von denen insbesondere die Mutter K. die Geborgenheit des Hunsrücks verkörpert, also auch so aussieht. Zu tun hat sie nicht viel, bei ihr stellt sich von Folge zu Folge nur die Frage, ob sie noch da ist. Die Rolle des Fernwehs übernimmt ihr Sohn Paul. Seine Neigung dokumentiert sich bereits frühzeitig in seiner Liebe zum Radio, mit dessen Ätherwellen er die friedliche Abgeschiedenheit des heimatlichen Dorfes durchbricht. Ganz "plötzlich und ohne ersichtlichen Grund" (von wegen!) geht er vom Biertisch weg nach Amerika und wird Millionär. So kann er dann einige Folgen später als Inkarnation der Moral vom Reichtum aus der Fremde, der aber die Heimat nicht zurückkaufen kann, zurückkehren und sich von seiner sitzengelassenen Frau abweisen lassen. Hübsch konterkariert wird er dabei vom Schicksal seines Sohnes Anton. Dieser ist mittels Weltkrieg II nach Rußland exportiert worden und ergreift sogleich die günstige Gelegenheit, sein Heimweh durch einen kleinen Fußmarsch über die Türkei zurück nach Schabbach zu dokumentieren. Diese Mühe wird belohnt, denn unterwegs fällt ihm ein, daß er zu Hause Fabrikant für optische Geräte werden kann, weil "im Hunsrück ist die Luft so staubfrei".

In Schwung gehalten wird das spannende Thema durch einige Nebenzweige der Familie. Antons Bruder Ernst setzt bei seiner Suche nach geschäftlichem Erfolg zu sehr aufs Moderne (er ist in jeder Folge in irgendeinem Fluggerät zu gange), weiß also nicht, wo seine rechten Wurzeln liegen, und kann sich später nur als Hunsrückheimatschänder über Wasser halten, indem er als Abrißunternehmer die ehrwvürdigen Türstöcke des Vaterhauses auf antik getrimmt an neureiche Auswärtige verhökert. Im Gegensatz dazu führt sein Onkel Eduard vor, daß eine anständige Portion bodenständiger Blödheit das geeignete Mittel ist, sich selbst und der Heimat treu zu bleiben. Mit einem landsmannschaftlichen "Ach sach amal" trotzt er allen fremdartigen Herausforderungen, welche die zu diesem Zweck als seine Frau konzipierte Lucie, eine Hure aus Berlin, ihm anträgt. Neben und über dem Ganzen agiert als Ablösung der Mutter Katharina, Pauls Frau Maria, als ruhender Pol und lebender Heimatkalender.

In weiteren Hauptrollen sind noch der Faschismus, der 2. Weltkrieg, die Besatzungszeit und das Wirtschaftswunder am Werk, die durch ihre unnachahmliche Schicksalhaftigkeit der Schabbacher Dorfgemeinschaft immer wieder das Problem stellen, ob sie sich selbst und der Heimat treu bleiben kann. Und siehe da, sie kann. Alles, was ihr zustößt, macht sie mit. Am Schluß ist die Heimat kaputt, statt der früheren Gemütlichkeit herrscht überall Chaos - Maria ist tot, und sogar der brave Anton kann seinen bodenständigen Familienbetrieb nicht mehr ohne Subvention aus Bonn weiterführen, wovon er gleich ganz krank wird.

"Kunstfehler

ARD Elfteiler: Heimat

Der 1. Teil dieses Machwerkes strotzt vor eklatanten Fehlern:

1919: gab es dieses Motorrad nicht, hatte man auf den Dörfern noch kein elektrisches Licht und wenn, dann gab es Freileitungen. Solche waren nicht zu sehen.

1921: gab es bei der Bahn noch keine Stahlschwellen, ebenso in den Waggons noch keine großen Fenster mit Aluminiumgriffen.

1921: Fahrräder in dieser Form gab es damals nicht. Es gab noch keine Lenker wie gezeigt und auch keine Rückstrahler.

1921/22: gab es Radio überhaupt noch nicht. Aber da wurde bereits ein Radio mit sogar 2 Röhren gebastelt und darauf sogar London empfangen.

1922: da war die Rede, daß der Berliner Funkturm gebaut worden ist. Er wurde 1926 gebaut.

1923: wurde bei der Aufnahme mit einem Fotoapparat ein neuzeitliches Objektiv an einem Holzkasten festgemacht.

Erich Wagner, Arnsberg

Scheinheilig will uns eine Handvoll Volkserzieher glauben machen, daß Puffszenen und Geilheiten das Thema "Heimat" bereichern. Mag Voyeur werden wer will, ich nicht!

Klaus Bilstein, Bochum" (Gong)

Der Regisseur hat ein Bedürfnis im Volk, das er weckt, voll getroffen. Kaum sind 3 Folgen gelaufen, melden sich lauter Fachmänner für Schabbacher Verhältnisse zu Wort und wälzen in der Öffentlichkeit das Problem, wie es noch wirklicher war mit der Heimat, die man sich gerne vorstellen möchte. Der Hinweis auf kleine und große "Fehler" in der Darstellung, das verrückte Verlangen, sich sein Ideal durch Exaktheit realer vorstellen zu können, teilt man mit dem Autor des Films und wirft ihm von daher jede technische oder künstlerische Abweichung von der Heimat, wie sie wirklich gewesen sein soll, als Verrat am Abziehbild der gemeinsamen Sehnsucht vor. Was den Filmemacher ebenso wenig anficht (bzw. nur bestätigt) wie die Kritik an pornographischen oder brutalen Szenen seines Werkes. Da verlangt der schlichte Heimatfreund konsequent schöne heile Erinnerung, wogegen der Profi in Sachen Heimat Edgar Reitz sich vom "Förster im Silberwald"

abheben möchte: Echte Heimat hat auch rüde Seiten. Auch Liebe im Dorf verletzt manchmal die Verkehrsregeln. Nach dem Motto: Sachen gibt's! will der fortschrittliche Heimatfilmer den idealen Förster im Wald um die genauso blöde Einsicht, daß manchmal auch nur einfach gebumst wird, ergänzen. Und siehe da: Der Zuschauer sagt: 'So war es, ist es wohl.' Die Idealisierung der heimatlichen Gefilde läßt sich eben noch lässig auch über die angeblich nackten Tatsachen herauslocken. Onkel Pauls warme Kellertreppe, die das Wetter ansagt; die alte Schmiede, die heute noch steht; die Puffszene in der Reichshauptstadt - das sind für Lieschen Müller bis zu Intellektuellen Sachen, die "zum Leben dazugehören". Und schon ist dieser untertänige Standpunkt, der gestern und heute einfach mitmacht, was auf ihn zukommt, dabei, solchen "aus dem Leben gegriffenen" Scheiß als "Heimat" zu überhöhen und sich 15 Stunden lang mit diesem blöden Gedanken auch noch unterhalten zu lassen.

Noch Fragen, warum die Einschaltquoten so hoch waren und warum der Film gerade heute, 40 Jahre nach dem letzten Krieg, so angekommen ist, obwohl immer noch niemand weiß, warum es wann bunt oder schwarzweiß geworden ist?