DIE WISSENSCHAFT ZERBRICHT SICH DEN KOPF DER NATION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1991 erschienen.

Die geistigen Unkosten der deutschen Einheit
DIE WISSENSCHAFT ZERBRICHT SICH DEN KOPF DER NATION

Die Wissenschaft nimmt Stellung zur deutschen Einheit. - Die Sache: Ein Staat vergrößert sich. In einer friedlichen Eroberung unterwirft er 40 Jahre lang beanspruchtes Feindesland und die darauf ansässige Bevölkerung seiner Hoheit. Seine Machtmittel erweitern sich damit beträchtlich. Vom ersten Tag an steht fest, daß er in der Konkurrenz der Nationen einen beträchtlichen Zuwachs an "internationaler Verantwortung" verzeichnet: In Europa ist er endgültig die führende Macht mit seinen "Partnern". Mit diesen zusammen gewinnt der ökonomische Vergleich zur Weltmacht USA und zu Japan ganz neue Perspektiven. Und die ehemalige sowjetische Weltmacht, die militärische Bedrohung des Frontstaats von gestern, die nun vom Sozialismus nichts mehr wissen will und statt dessen auf "Entwicklung" vor allem durch den erfolgreichen, kapitalistischen Nachbarn setzt, bietet sich und ihre einstigen Verbündeten zur Kolonialisierung an. - Die annektierten Gebiete werden dem Maßstab des Geldes unterworfen. Was sich nicht als Geschäftsmittel bewährt, verliert sein Existenzrecht. Und das betrifft die ganze alte Produktionsweise und die mit ihr gegebene Reproduktion der Gesellschaft. Unter dem staatlichen Schutz des Privateigentums blühen dafür die gesellschaftlichen Gegensätze von Kapital und Lohnarbeit, Grundeigentümer und Mieter, Gläubiger und Schuldner wieder auf. Unternehmerischer Pioniergeist soll durch staatlich garantierte, erstklassige Gschäftsbedingungen zum Investieren im Osten bewegt werden und macht sich überall dort auch tatsächlich an den "Aufbau", wo sich aus Geld mehr Geld machen läßt. Wirkungen stellen sich ein, schließlich war es schon immer etwas teurer, in einer Erfolgsnation zu leben. Verbucht werden die sozialen Unkosten des Anschlusses unter der Rubrik "Erblast des alten Unrechtsregimes". So machen sie auch noch ideologisch enorm viel Sinn.

Und dann kommt die Wissenschaft. Der Erfolg der Nation gibt den Gelehrten schwer zu denken. Fragt sich nur, was. Sozialwissenschaftler und Psychologen, Althistoriker und Philosophen melden sich zu Wort. Auch wenn ihnen in ihrem Gelehrtenalltag die Befassung mit dem alten Rom, mit Kant und Hegel, mit dem Seelenhaushalt des Menschen oder mit den Einfällen der eigenen Wissenschaft viel näher liegt als die geltenden Zwecksetzungen der politischen Macht, mag sich keiner mit der Auskunft bescheiden: Das fällt nicht in mein Fach. Vom unübersehbaren Erfolg der Nation sehen sie sich alle aufgerufen, sich ihrer anzunehmen. Das fachspezifische Forschungsinteresse beiseitelassen und sich vorurteilsfrei an die Erklärung der Sache machen, mag allerdings auch keiner von ihnen. Ihre Entdeckungen machen sie mittels des "Begriffsinstrumentariums", das ihnen je nach Fach und "wissenschaftlichem Ansatz" zur Verfügung steht. Durch Anwendung auf den Fall verschaffen sie sich Einblick in das, was sie für die "eigentlichen" Probleme der Vergrößerung Deutschlands ausgeben; die seien im nationalen Überschwang glatt untergegangen und würden in den Reden und den Taten der politischen Macher viel zuwenig berücksichtigt.

So legen die studierten Geister auf ihre Weise allemal Zeugnis davon ab, daß die Bildung einer Theorie etwas mit Distanz zum Objekt der Betrachtung zu tun hat: Sie haben ihre eigenen Kriterien und Gesichtspunkte, an denen sie erst noch entscheiden, ob eine Sache für sie in Ordnung geht. Und im Normalfall kommen sie zu dem Ergebnis, daß einiges im Argen liegt. Unübersehbar ist allerdings auch, daß sich ihre Distanz nicht dem Anliegen verdankt, wissen zu wollen, was es mit dem neuen Deutschland auf sich hat. Der Wille zur Verbesserung ist am Werk, wenn die Wissenschaft ihre Probleme aufwirft, die zur Vervollkommnung der Nation erst noch gelöst werden müssen. Gedacht wird da allemal im Geist der Verantwortung für das Gelingen des nationalen Projekts. Die deutsche Einheit stellt die Wissenschaft allerdings auch vor Probleme anderer Art. Nicht daß die bürgerliche Wissenschaft sich nochmal ändern und etwas dazulernen würde. Ihr Begriffsinstrumentarium ist fertig und alles, auch wenn es den Charakter von "noch nie dagewesen" hat, paßt darunter. Aber auf ihre Weise bemerken selbst ihre Vertreter die neue Lage: Der Geist ist schwer beeindruckt vom Erfolg deutscher Macht. Er sieht sich in Frage gestellt, wird, je nachdem, selbstkritisch oder kritisch gegen die Kollegen, schreitet zur Überprüfung seiner theoretischen Grundsätze und läßt das Gerücht vom "Paradigmenwechsel" zirkulieren. Die Vergrößerung des Staatswesens ist zwar kein Argument und an sich wenig geeignet eine Theorie zu widerlegen oder auch nur in Zweifel zu ziehen. Aber der bürgerliche Sachverstand nimmt dieses Faktum wie ein Argument auf, an dem er sich zu orientieren hat. Und das begründet eine Konjunktur im Denken: Wo das konstruktive Problematisieren die Triebkraft allen Nachdenkens abgibt, fallen mit dem Erfolg der Nation eben auch die Gründe zur distanzierten Betrachtung fort. Fragt sich nur, was dann eigentlich noch Wissenschaft heißt.

I. Beispiele für konstruktives Problematisieren

1. Ein Volkswirtschaftslehrer weiß, wie man das deutsche Wirtschaftswachtum ankurbelt

Der Münchner Ökonomieprofessor Sinn ist bei seiner Prospektion der ehemaligen DDR auf eine echte Entdeckung gestoßen, die er in seiner Vorlesung seinem Publikum vorstellt. Entgegen allen ideologischen Gerüchten, daß im Osten Deutschlands nur lauter Schrott herumsteht, mußte er feststellen, daß sich in 40 Jahren Sozialismus einiges an brauchbarer Maschinerie und funktionierenden Produktionsanlagen angesammelt hat, daß aber das nützliche Zeug nicht mehr zur Anwendung kommt, weil es keinen Käufer findet, der mit ihm ein Geschäft macht. Der Sache nach ein Dokument dafür, daß der neue Maßstab des Reichtums, die D-Mark, seine Wirkung tut: Das schönste Gerät zählt in der Marktwirtschaft nichts, wenn es sich nicht als Geschäftsmittel bewährt. Die Konsequenz dieses Zwecks - weil sich mit ihnen kein Geschäft machen läßt, werden Produktivkräfte außer Kurs gesetzt stimmt unseren Ökonomen sehr bedenklich. Allerdings gerade deswegen, weil er in all seinen Gedanken Parteigänger dieses Zwecks ist: Er hat das staatliche Ideal im Auge, alle Produktivkräfte müßten als Potenzen eines regen Geschäftslebens ihre Wirkung tun und das Wirtschaftswachstum befördern. Und an diesem Ideal gemessen sieht er in der ehemaligen DDR "einen riesigen Kapitalstock" brachliegen.

Daß Produktionsanlagen, weil für die Herstellung nützlicher Dinge brauchbar, auch schon Kapital sind, kann er unmöglich bei seiner Prospektion gelernt haben. Die Kapitalisten, deren Beruf es schließlich ist, noch jedes Geschäft mitzunehmen, das sich machen läßt, stellen mit ihrer Zurückhaltung beim Investieren ja gerade praktisch das Gegenteil klar. Unser Volkswirt ist allerdings von der Aussicht auf eine florierende Ökonomie so begeistert, daß er ziemlich kontrafaktisch auf dem umgekehrten Zusammenhang besteht: daß nützliches Zeug auch einen Wert hat, also potentielles Mittel des Geschäfts ist, und sich nur mehr ein Geschäftsinteresse finden lassen muß, damit aus der Geschäftsmöglichkeit Wirklichkeit wird. Seine Frage lautet damit: warum die Geschäftsmöglichkeiten, die er im Osten der Republik ausgemacht haben will, nicht wahrgenommen werden von einer Mannschaft, die gewöhnlich nichts anbrennen läßt, wenn es um die Mehrung ihres Reichtums geht.

Für dieses merkwürdige Benehmen von Unternehmern ist seiner Auffassung nach die Bundesregierung mit ihrer Treuhandgesellschaft verantwortlich, die mangels ökonomischen Sachverstands völlig verkehrt mit dem Erbe der DDR-Ökonomie umgeht:

"Um den ganzen Kapitalstock zu verkaufen, dazu fehlen den Käufern einfach die Mittel. Es sind insgesamt 40000 Betriebe, die zum Verkauf stehen! Denken Sie allein an die Grundstücke!" (I)

Hätte man nur ihn gefragt! Er hätte der Regierung mit dem Instrumentarium seiner Wissenschaft vorrechnen können, daß das nicht gutgehen kann! So bildet er ideell schnell mal die gesamtwirtschaftlichen Geld- und Güterhaufen und schon ist festgestellt, daß der Vergleich nicht aufgeht. Zur Gewinnung dieses Resultats mußte er nur auf der einen Seite vergessen, daß der Kredit der Hebel dafür ist, daß wegen fehlendem Geld noch lange kein Geschäft unterbleibt, und auf der anderen Seite den Betrieben so etwas wie einen objektiven Wert unterstellen, den sie nur nicht realisieren - ein besonderer Spaß für einen Vertreter der "subjektiven Wertlehre"! Den Einfall, die DDR-Ökonomie zu verkaufen, hält er also für einen Fehlgriff der Treuhand AG, und der hat weitreichende Konsequenzen. So kriegt sie keinen vernünftigen Verkauf zustande, sondern muß zum "Ausverkauf an die westdeutsche Industrie" schreiten, die Preise senken und schließlich zu der Einsicht gelangen:

"Eine ganze Ökonomie kann man doch gar nicht verkaufen, man kann sie nur verschenken." (I)

Und dabei hat sie schon wieder danebengelangt:

"Bei der Wahl, ob sie die DDR-Betriebe an die westdeutsche Industrie oder an die Bürger der ehemaligen DDR verschenken sollte, hat sich die Bundesregierung damit durchgesetzt, sie an die Industrie zu verschenken. Das war nicht gut für die Investitionen." (I)

Wenn die Betriebe "an die Industrie" verschleudert werden, weiß Sinn zu berichten, haben zwar die Kapitalisten die Betriebe - und wer soll sie sonst sachkundig führen als westdeutsche Wirtschaftskapitäne? Und sie haben sie, ob geschenkt oder nicht, nach Auffassung des Ökonomen jedenfalls billig bekommen, also ohne Belastung ihres schmalen Budgets. Aber gerade das ist auch wieder ganz schlecht. Sie investieren jetzt nämlich deswegen nichts in die Betriebe, weil sie nicht wissen, ob es das geschenkte Zeug wert ist, etwas reinzustecken. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte der Ökonomieprofessor freilich schon einen Ausweg gewußt aus seinem Dilemma:

"Man hätte Unternehmensteile, d.h. den ehemaligen DDR-Bürgern zuteilen sollen, oder ihnen die Möglichkeit einräumen sollen, mit ihren eingetauschten Sparguthaben Aktien der Betriebe zu kaufen. Die Aktien hätte man dann an den Börsen handelbar machen sollen. Man muß die Märkte angehen, wo sich Untemehmen verkaufen lassen. Dort hätten sie einen Marktpreis bekommen. So gibt es z.B. in Japan sicherlich Anleger, die in ihrem Portfolio noch eine Nische für die Junk-Bonds aus der DDR einräumen würden..." (I)

Alles steht auf dem Kopf: Ausgerechnet die Börsenspekulation fällt unserem Ökonomen ein als Hebel, nützliche Produktionsanlagen in Gang zu setzen. Realismus bei der Bewältigung seines Problems kann man ihm allerdings nicht absprechen: Seine ganzen Überlegungen verdanken sich der Sorge um die ausbleibende Geschäftstätigkeit im neuen Teil Deutschlands. Die mag er sich nicht erklären, sondern er will sie als Ratgeber der Bundesregierung befördern und sinnt deswegen nach Methoden, sie in Gang zu setzen. Dabei geht er sehr realistisch davon aus, daß in diesem Land nichts läuft, wenn es nicht ein Geschäftsinteresse bedient. Dem praktischen Urteil der konkurrierenden Kapitalisten, die seine Wertschätzung der ostdeutschen Betriebe nicht teilen, entnimmt er daher seinen Auftrag: ideell ein Geschäftsinteresse zu mobilisieren, das aus den ungenutzten Betrieben etwas fürs deutsche Wirtschaftswachstum macht. Und so gelangt er zu seinem grandiosen Einfall: Die Spekulation auf ein Geschäft, das es nicht gibt, soll das Geschäft hervorbringen, auf dem sie beruht.

2. Die deutsche Einheit als soziologisches Großexperiment mit unbekanntem Ausgang

Sozialwissenschaftler treffen sich zu einem "Expertengespräch", um die Frage zu klären: "Wie transformiert sich das DDR-System?" Die Experten sehen in der Annexion der DDR ein "soziales Großexperiment" vor sich, einen "Prozeß", der von unbekannten Voraussetzungen ausgeht -"Die DDR ist ein unbekanntes Sozialsystem." Das hat übrigens Sozialwissenschaftler bislang nicht am Hetzen gegen den Realen Sozialismus gehindert. Jetzt aber stellen sie sich total dumm und wissen überhaupt nicht mehr, zu welchen Resultaten der Prozeß noch führen wird:

"Wir haben eine einzigartige experimentelle Situation, in der gewissermaßen das gesamte Institutionen- und Rechtssystem schlagartig ausgetauscht wird und die Mentalitäten und die subjektiven Befindlichkeiten weiterbestehen." (II)

Die Runde unterhält sich also darüber, was passieren wird, wenn ein bislang realsozialistisch regiertes Volk, das im Arbeiter- und Bauernstaat seine Gewohnheiten ausgebildet hat, mit völlig neuen staatlichen Vorgaben konfrontiert wird. Diesen Gegensatz mag es geben, und er mag auch seine Wirkungen haben. Nur: Etwas eigentümlich ist es schon, wenn eine Wissenschaft den Witz des Anschlusses ausgerechnet in solchen "nicht-intendierten Nebenfolgen" sieht. Warum sollen "gravierende, nicht-beabsichtigte und kaum steuerbare Folge- und Nebenwirkungen" eigentlich wichtiger sein als die intendierten Folgen bundesdeutscher Politik? Weil diese Wissenschaft die Hauptsache für praktisch und deswegen auch für theoretisch erledigt hält. Den politischen Zweck der Veranstaltung und die von Staats wegen entsprechend gesetzten Fakten unterstellt sie als nicht weiter erklärenswerten Ausgangspunkt ihrer Überlegungen und ihre Aufgabe sieht sie darin zu erforschen, ob im Verhältnis zwischen den neuen staatlichen Ansprüchen und den in der Gesellschaft zirkulierenden Erwartungen nicht womöglich eine Quelle von Störungen steckt. Ihr Experiment hat, rein wissenschaftlich betrachtet, ein paar entscheidende Haken. Interessiert an der Klärung der Frage, ob das Verhältnis zwischen den neuen staatlichen Institutionen und dem Volk, das sich nach ihnen in Zukunft richten muß, gelingt, weigern sich die Experten standhaft, die beiden Seiten dieses Verhältnisses zu untersuchen und zu bestimmen. Sie wollen weder Auskunft geben über das "Institutionen- und Rechtssystem", mit dem es die EX-DDRler zu tun kriegen, noch über die "Mentalitäten" und "Befindlichkeiten" der neuen Bundesbürger. Daß sich dann, recht besehen, auch nichts mehr über das Verhältnis der beiden Seiten sagen läßt, stört die sozialwissenschaftlichen Forscher allerdings wenig. Für sie ersetzt ihr Interesse am Gelingen des Verhältnisses den Gegenstand. Und aus diesem Widerspruch leiten sie ihre Aussagen über die beiden Seiten des Verhältnisses ab.

So stellt sich ihnen auf der einen Seite die Frage: Können "grundlegend veränderte Institutionen noch Sicherheit und Vertrauen" stiften? Der Export von Institutionen in die neuen Bundesländer als großangelegter Versuch, Vertrauen in diese Institutionen zu stiften? Gerne hätte man etwas mehr darüber erfahren, in was da Vertrauen gestiftet wird. Arbeitsämter und Steuerbehörden werden schließlich nicht den ganzen Tag mit Vertrauenswerbung beschäftigt sein. Aber für die Soziologen ist die Bestimmung schon rum, weil ihnen das Ideal der Entsprechung die Feder führt und den ganzen Inhalt ihres Gedan kens diktiert. Auf der anderen Seite erschöpft sich ihre Forschertätigkeit aus demselben Grund in einer regen Spekulation darüber, welche Einstellungen zu den Institutionen die neuen Bundesbürger an den Tag legen mögen:

"Ich hatte zunächst gedacht, daß wir vielleicht mit einer Welle des Nationalismus rechnen müßten... Weit mehr werden sich Apathie und Zynismus ausbreiten... In einer Gesellschaft, die bisher fast ausschließlich aus Leuten bestand, die sich selbst als "Werktätige" bezeichneten, ist es ganz ungewiß, ob diese reflexiven oder assoziativen Klumpen und Gruppenbildungen innerhalb der Gesellschaft Bestand haben, und wenn ja, entlang welcher Linien: Werden es Klassen sein, werden es Berufsstände sein, werden es Regionen sein, werden es Geschlechts- und Altersgruppen sein oder Professionen? Die ganze Matrixbildung in der ehemaligen DDR ist ungewiß.... Eine Art Interaktions- und Verständigungspathologie könnte sich ausbreiten... (Vielleicht kommt es auch) zu einem im landläufigen Sinne "postmodernen" Egoismus, zu einem Naturzustand, in dem sich jeder nur daranmacht, seinen Teil vom Kuchen zu bekommen, oder eben auch zu dem anderen Extrem eines neuen Fundamentalismus." (II)

Eine Auskunft über die subjektive Einstellung der Ostdeutschen zu den neuen Lebensverhältnissen, die ihnen der bundesdeutsche Staat beschert, wie sie sich die Ansprüche der neuen Herrschaft zurechtlegen und wie sie sich praktisch dazu stellen, ist das jedenfalls auch nicht es sind ja erklärtermaßen nur Spekulationen. Die Stichworte künden vielmehr von der Sorge um das Gemeinwesen, dessen Funktionieren durch eine ihm nicht entsprechende Einstellung seiner Mitglieder in Frage gestellt werden könnte. "Welle des Nationalismus": Wo in der süßen Bundesrepublik alles Nationale gerade aus einer Distanz zum -ismus gerechtfertigt wird! Apathie und Zynismus": Wo die Nation gerade eine Gesinnung der geistigen Anteilnahme an ihren Anliegen verlangt! "Klassen": Wo sich die Klassen im real existierenden Kapitalismus gerade als Schichten und Gruppen verstehen sollen! "Egoismus" und "Fundamentalismus" statt gedeihliches pluralistisches Miteinander. In all diesen Punkten beschwört die Soziologenrunde die ihr einzig angemessen erscheinende Einstellung zum bundesdeutschen Staatswesen: Gemeinsinn. Bei dieser Beschwörung verzichtet sie konsequent auf jede Begründung dafür, warum man sich eigentlich für diesen Staat erwärmen soll. Statt dessen wird sie totalitär: Ein"Gemeinwesen", das seinen Bestand nicht von der Gesinnung seiner Mitglieder abhängig macht, sondern in einem veritablen "Institutionen- und Rechtssystem " umgekehrt die Untertanen auf die Anliegen ihrer Herrschaft verpflichtet, wird da recht absichtsvoll ins Licht einer dräuenden Gefahr gerückt. Die versuchen die "Experten" gar nicht erst mit Hinweisen auf die wirkliche Gesinnungslage der Nation zu belegen. Mögliche Abweichungen von ihrem Entsprechungsideal tun viel bessere Dienste bei der Ausmalung ihres Wahngemäldes, mit dem sie für jedermann sichtbar ihre Botschaft loswerden: Wer nicht wie sie das Funktionieren des Gemeinwesens im Auge hat, darf sich als Krankheitsherd am Volkskörper neu kennenlernen - "Interaktions- und Verständigungspathologie".

Das Problem ist nur, daß sich die Sozialmedizinmänner noch nicht so recht auskennen. Die Frage "Sind wir eigentlich darauf vorbereitet, solche Dinge aufzuarbeiten?" kommt daher auf und wird von den "Experten" negativ beschieden:

"Nach den ganzen Forschungsproblemen, die wir während der ersten Runde genannt haben, sehe ich in der zusammengefaßten Kompetenz der West- und Ostsoziologie überhaupt keine Manpower in dem Gesamtsystem zur Verfügung, um unter den Geboten der Eiligkeit, Dringlichkeit, Einmaligkeit der Prozesse, die ablaufen, überhaupt nur zu beschreiben, geschweige denn sie zu analysieren. Also, wenn wir alles das, was uns in den Sinn kommt unter diesen Sonderbedingungen, diese für makrosoziologische Verhältnisse einzigartig experimentelle Situation auch nur angemessen beschreiben würden, dann müßten wir alles einstellen und uns nur noch mit der DDR beschäftigen. Das ist ungeheuer zeitraubend und anstrengend... Für die Politikberatung sind wir ohnedies immer zu spät." (II)

Ein Problem der deutschen Einheit, und sicher nicht das geringste, das bei allen Spekulationen über mögliche Probleme jetzt schon feststeht, ist daher ein ziemlich faßbares: Die gelehrten Herren brauchen mehr Forschungsmittel. Ihr Beruf, das Denken, ist nämlich ziemlich "zeitraubend und anstrengend".

3. Die deutsche Einheit als Psychotest: Deformierte Charaktere werden ohne Therapie in eine verkorkste Umwelt entlassen

Ein Psychologe sieht die Sache anders. Die Vergrößerung Deutschlands bietet ihm die Gelegenheit, die Methode psychologischen Denkens zu erläutern. Der Mann heißt Hans-Joachim Maaz, stammt aus der DDR und ist mit dem Buch "Der Gefühlsstau - Ein Psychogramm der DDR" an die Öffentlichkeit getreten. Den Anschluß der DDR sieht er im Lichte einer "deutschen Autoritätsproblematik", die das Schicksal der deutschen Nation quer durch das Jahrhundert, durch Faschismus und Realen Sozialismus geprägt habe und deren Aufarbeitung er für dringend geboten hält, damit sich ihr Wirken nicht auch noch ins neue Gesamtdeutschland hinein fortsetze. Sichtlich bemüht, den "Vereinigungsprozeß" mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu erklären, sieht auch er sich genötigt, von einer Analyse deutscher Politik abzusehen:

"Wir brauchen ein umfassendes Verständnis für die deutsche Autoritätsproblematik... In Deutschland hat es verheerende kollektive Kränkungen gegeben: Der Verlust des Kaiserreiches, der verlorene erste Weltkrieg und die Versailler Verträge ließen nach dem neuen starken Mann rufen, der für alle Demütigungen entschädigen sollte... Hitler... Diese Teilung war aus psychologischer Sicht von Anfang an die große Chance der Verdrängung. Die vereinte Schuld wwde in zwei Lager geteilt - die Polarisierung war hergestellt -, und ohne Trauerarbeit hatte der Gefühlsstau seine Ablenkung. Die Innenschau war erfolgreich verhindert, und die alten Mechanismen von Verleugnung und Projektion bekamen neue Möglichkeiten und Ziele. Der Jude als gemeinsamer Feind konnte zumindest formal aufgegeben werden - die neuen Außenfeinde hießen jetzt: die Bolschewisten und die Kommunisten auf der einen Seite, Militaristen, die Revanchisten und Nazis auf der anderen Seite." (III)

Aus der Sicht des zitierten kritischen Psychologen ist die deutsche Geschichte ein Prozeß, in dem "repressive" Verhältnisse "deformierte Charaktere" hervorgebracht haben und umgekehrt die so verkorksten Menschen nur mehr umso verkorkstere Verhältnisse zustandebringen: Der "Verlust des Kaiserreichs" = eine "kollektive Kränkung", die nach Hitler rufen läßt. Diese psychologische Befindlichkeit des Volks = der Hitler-Faschismus. Der wiederum = Schuldgefühl. Dessen Bewältigung = die Teilung Deutschlands. Bis hin zum "Vereinigungsprozeß", der als "psychischer Abwehrvorgang" gedeutet die Rolle zugesprochen bekommt, in der DDR und der BRD gleichermaßen nicht bewältigte seelische "Deformationen" zu kompensieren. Was hier als Erklärung angeboten wird, ist das Gegenteil davon. Die herbeizitierte politische Wirklichkeit wird aufgelöst in ein nationales Innenleben und dieses wiederum wird aufgelöst in den bloßen Ausdruck eines politischen Außenlebens. Exemplarisch an der DDR, für die einerseits "die Verwandlung des äußeren Zwangs in innere Unterdrückung" kennzeichnend gewesen sein soll, von der aber andererseits behauptet wird: "Dieser Staat war auch ein Abbild unserer psychischen Strukturen und setzte etwas äußerlich ins Bild, was wir in unserem Inneren nicht sehen und wahrhaben wollten". Durch die wechselseitige Auflösung von Politik in Psychologie und von nationaler Psychologie in Politik wird man von Pontius zu Pilatus geschickt, aber dabei bleiben beide Seiten gerade unbestimmt.

Dabei macht der Mann an der Volkspsychologie durchaus korrekte Beobachtungen: Bei Mißerfolgen ihrer Nation rufen deren Angehörige nach einem Hitler. Nur versteht sich das eben nicht von selbst, wie der Psychologe meint, wenn er hier einen "psychologischen Mechanismus der Selbstversklavung und Selbstzerstörung" am Wirken sieht. Es ist kein Gesetz der menschlichen Psyche, den Mißerfolg der Nation als persönliche Kränkung oder einen verlorenen Krieg als persönlich zu verantwortende Schuld zu erfahren. Das unterstellt vielmehr ein nationalistisches Gemüt, das den Fehlschluß hinter sich gebracht hat, als Anhängsel seiner Nation auch schon der Nutznießer des Erfolgs seiner Nation zu sein, und das sich deswegen zum ideellen Auftraggeber der Nation aufschwingt. Der Psychologe, dem die nationalistischen Gefühlsregungen seiner Zeitgenossen sichtlich unsympathisch sind, der ihren Fehler aber nicht kritisieren mag, bringt mit ihrer Übersetzung in die mechanische Wirkung der Konjunkturen deutscher Politik nur eines zum Ausdruck: wie verständlich ihm der falsche Schluß ist, den selbstbewußte Untertanen einer Nation ziehen.

Wie schon die Soziologenrunde verwechselt auch er zielsicher die nationale Politik mit der Einstellung der Leute zu ihr: Die Kategorie der "Repression" gehört zu den Produkten dieser Verwechslung: Was unser Psychologe mit dieser Kategorie angesprochen haben will, ist mindestens auch - die nationale Politik. Aber die staatlichen Zielsetzungen, die sie bestimmen, interessieren ihn überhaupt nicht, weil er sie lieber als Wirkung auf das Seelenleben definiert sehen möchte. Daß dann auch die Umkehrung gelten muß, und ganze Staatsprogramme nichts als der Ausfluß von Schuldgefühlen und so Seelenkram sein sollen, ist irgendwie konsequent: Wenn die theoretische Befassung mit dem Staat und dem, was er ins Werk setzt, für die Sozialwissenschaften mit der Frage erledigt ist, wie sich die Bürger darauf einstellen (sollen), wieso soll sich die Psychologie dann überhaupt noch mit etwas Objektivem befassen?

Dem Psychologen ist alles Psychologie. Er thematisiert Einstellungen, ohne das, worauf sie sich beziehen; und auch wenn er letzteres benennt - irgendwie soll es ja bei Maaz auch um die deutsche Einheit gehen -, so nur, um klarzustellen, daß es sich dabei schon wieder um nichts als eine Einstellungsfrage handelt. Und zwar nicht zur Politik, sondern des Individuums zu sich selber. In der Welt dieser Wissenschaft gibt es nur eine Frage: Wie der Mensch mit sich und seinem Seelenhaushalt zurechtkommt. Therapie der "deformierten Charaktere" ist also angesagt als Lebenshilfe im neuen Deutschland. Wenn Maaz in diesem Sinne mit seinem Buch für die richtige Beunruhigung der Leute plädiert, ihre "Ängste" und "gestauten Gefühle" mobilisieren will gegen die "Repression" in uns und um uns herum, so kommt die Nation in seinem Beitrag zum nationalen Großereignis entweder nicht vor oder schlecht weg. Dennoch lehrt er, wie man ein positives Verhältnis zu ihr gewinnt. Nicht weil er als Staatsapologet affirmativ denkt, sondern weil er aus Prinzip affirmativ denkt: Wer alles als Frage der richtigen Einstellung verhandelt, der verfolgt das Ideal, den Menschen zufriedenzustellen, indem er jedem Grund zur Unzufriedenheit die Objektivität abspricht und dem Subjekt den Auftrag erteilt, die Sache anders zu sehen, sich überhaupt nicht mehr um die Politik zu kümmern und mit sich ins Reine zu kommen.

4. Sorgen um die geistige Einheit der Nation: Durch den Anschluß des DDR-Volks gefährdet

Die Historiker, von Berufs wegen mit der Frage befaßt, wie sich der nationale Geist eine ihm gemäße staatliche Wirklichkeit gibt, sind mit die ersten gewesen, die mit einer regen Debatte über den jüngsten Erfolg der Nation an die Öffentlichkeit getreten sind. Eine Zunft, die seit dem verlorenen Krieg den nun verwirklichten Anspruch der Bundesrepublik, sich nach Osten hin zu vergrößern, aus der angeblich schon Jahrhunderte währenden nationalen Zusammengehörigkeit der Deutschen gerechtfertigt hat, sieht nach läppischen 40-Jahren Teilung, justament in der glücklichen Stunde der "Wiedervereinigung", die geistige Einheit der Nation abhanden gekommen. Aber nicht, um nun mit demselben Argument von der Vergrößerung der Nation abzuraten, sondern um sie durch Pflege des rechten Nationalbewußtseins zu vervollkommnen. Sie definiert die staatliche Einigung als Volksbegegnungsstätte und entdeckt Probleme:

"Wir begegnen uns einstweilen noch (und wieder) deutlich weniger als Angehörige der gleichen Nation denn als DDR-Deutsche und solche aus der Bundesrepublik." (IV)

"Sollten die Deutschen zunehmend von der Frage beschlichen werden, ob sie wirklich zusammengehören, ob der Wunsch nach einem gemeinsamen Staat nicht voreilig war, so würde dadurch der Prozeß der Bildung dieses Staates vermutlich nicht aufgehalten - aber er kann erheblich erschwert und gestört werden." (IV)

Der zitierte Historiker, Christian Meier vom Institut für Alte Geschichte in München, spricht von vornherein als Deutscher. Wenn er die Einstellung seiner Volksgenossen zum Problem erklärt, dann nicht wie die Soziologenrunde aus der fingierten Sorge um das Funktionieren des "gemeinsamen Staats" heraus. Er besteht auf dem Recht der Nation auf eine deutsch gestimmte Nationalmannschaft. Und ohne die Verwirklichung dieses Rechts hält er die Nation nicht für vollendet. Bei seinem Publikum, das er im nationalen "Wir" anspricht, unterstellt er denselben Standpunkt. Wo also ist sein Problem, wenn er davon ausgeht, daß jeder so deutsch denkt wie er? Wie jeder, der sich um die geistige Einheit der Nation verdient machen möchte, beruft er sich auf sie, um aus diesem ehrenwerten Kreis erstens diejenigen Kandidaten auszuschließen, die seiner Definition des rechten Nationalbewußtseins nicht entsprechen, und um ihnen zweitens die Verantwortung für das Resultat der eigenen Spaltungskünste zuzuschustern: Sie sind das Problem, das die Lage der Nation "außerordentlich ungünstig" gestaltet. Im Auge hat Meier da insbesondere die Deutschen Marke Ost. Er denkt die Erblast-Lüge radikal zuende und wirft die Frage auf, ob Deutschland mit der Annexion der DDR nicht ein ganzes Volk von unsicheren Kandidaten mit einer spiegelbildlichen und deswegen nicht ganz passenden Gesinnung geerbt hat. Sein Ausgangspunkt ist der offensichtlich wissenschaftlich verbürgte Standpunkt, daß es an Deutschland einfach nichts auszusetzen gibt:

"Wahrscheinlich ist die gesamte Geschichte der Bundesrepublik für die DDR-Gesellschaft demütigend gewesen. Sowohl aufgrund des Ansehens, der Überlegenheit, die wir erwarben, wie auch aufgrund der vielen milden Gaben. Nichts ist dagegen einzuwenden, kaum etwas hätten wir anders machen können. Aber wer beschenkt wird, wem Mitleid gilt, der gerät doch fast unvermeidlich in die Lage armer Verwandter." (IV)

"Wir" - da ist diesmal die Bundesrepublik gemeint - sind die unerschütterlich guten Deutschen, die sich einfach nicht verbessern lassen und an ihrer Güte die anderen Deutschen aus der ehemaligen DDR schon immer haben teilhaben lassen. Was soll daran für die demütigend gewesen sein: Meier übersetzt sich den Erfolg der BRD in ein Gütesiegel derjenigen, deren Erfolg das zwar nicht ist, die aber als Untertanen der erfolgreichen Nation angehören. So denkt er sich den BRDler als Angehörigen einer überlegenen Rasse zurecht, gegen die andere nur abstinken können. Von den Zonis steht damit für ihn umgekehrt fest, daß sie als Angehörige eines untergegangenen Staatswesens Niederlagen-Menschen sind, die, davon ist er sich sicher, sein Urteil über sie an sich wahrmachen und vor Scham in den Boden versinken möchten. Und von da aus zeichnet er sein moralisches Charaktergemälde des Zonenbewohners. Sie sind Deutsche zweiter Klasse und denken auch noch so:

"Man sieht seine Landsleute aus dem Westen im Osten auftreten. Man schreckt zusammen. Zum Teil sind sie wirklich laut, besitzergreifend, erdrückend, taktlos. Aber oft ist das gar nicht der Fall. Doch wirkt es so, weil schon das freiere, ungezwungenere Auftreten als laut, weil schon gute Ratschläge als erdrückend, weil selbst Menschen von Takt, indem sie die ganze Empfindlichkeit, auf die sie stoßen, nicht kennen, als taktlos aufgenommen werden... Aber auch umgekehrt: Man sucht seine Gesprächspartner aus dem Osten nach dem und jenem zu fragen, sucht ihnen dies und jenes plausibel zu machen. Und man kommt nicht richtig an sie heran. Was immer sie sagen, allzu oft schweigen sie. Und dann hält man sie gern für verstockt. Und wenn sie reden, ist man recht mißtrauisch, ob sie es so wohl auch meinen. Gar nicht so selten lügen sie ja auch... Ist man rücksichtsvoll, passiert nichts, und wir wissen doch, wie sehr die Zeit drängt. Sucht man die Dinge zu beschleunigen, läuft man Gefahr, erdrückend zu wirken. Sucht man zu orientieren, sieht man sich rasch in der Rolle des Belehrenden. Hält man sich mit Investitionen zurück, hat man wenig Verantwortungsgefühl. Wagt man sie, will es rasch als Einmischung erscheinen. Und es muß einem zunächst einmal durchaus unheimlich zumute sein, wenn man merkt, in welchem Ausmaß man sich hat belügen und betrügen lassen; was alles geschehen konnte, ohne daß man es gewahr geworden wäre... Eine ganze Bevölkerung kann ja nicht über mehr als vier Jahrzehnte nur negativ zu einem so weitgehend alles in Anspruch nehmenden Regime stehen. Schließlich handelt es sich nicht um Neapolitaner und auch nicht um Tschechen, Polen oder Ungarn, sondern um Deutsche... So müssen irgendwelche Weisen der mentalen Verknüpfung mit dem Staat, und sei es mit seiner Idee, seinen Verheißungen weithin, bei allen Reserven, stattgefunden haben... Das hat offenbar eine gewisse DDR-Identität entstehen lassen, wie immer sie geartet war; besonders belastet war sie ja jedenfalls nicht." (IV)

Ein Kunstwerk nationalistischer Heuchelei: Meier hat ganz viel Verständnis dafür, daß die Zonis uns "erdrückend" finden. Aber nur um ihnen mitzuteilen, daß das an ihrer eigenen Empfindlichkeit liegt. Es sind verschrobene Typen, die sich "verstockt" zeigen, wenn man ihnen Gutes tun will. Was das so im einzelnen ist - von Investitionen ist am Rande die Rede -, ist gar nicht so wichtig. Feststeht jedenfalls, daß diese Burschen versaut sind, durchs falsche System. Sie lügen sogar, wenn wir ihnen gegenüber ehrlich und offen unsere Ansprüche anmelden. Lauter falsche Fuffziger, die dem falschen Staat gehorcht haben, statt ihm Schwierigkeiten zu machen. Und obendrein auch noch Deutsche: Die sind ja bekanntermaßen besonders gewissenhaft in ihrem Gehorsam. Was er an den einen Deutschen als Tugend der Unterordnung und als ausgezeichnete Eigenschaft dieser Sorte Mensch lobt, das kennzeichnet für ihn die anderen Deutschen eindeutig als geschädigte Charaktere. Man kann als Deutscher West machen, was man will - man fällt ihnen auf die Nerven. Sie wären nämlich zur Zufriedenheit verpflichtet, wenn wir sie schon mit unserem System und unserem Nationalismus beglücken. In seinem rassistischen Urteil argumentiert Meier sehr unbefangen mit der moralischen Wirkung des nationalen Erfolgs bzw. Mißerfolgs, ohne diese Grundlage seiner Menschenkenntnis zu benennen. Und diese Wirkung berechtigt ihn eindeutig, die gesamte Bevölkerung der DDR schon mal ideell den bundesrepublikanischen Behörden für Gesinnungsprüfung zu überantworten.

5. Unbegründete Warnungen vor der Großmacht Deutschland

Kritische Gemüter haben einmal das Argument aufgebracht: Großdeutschland böse; Deutschland gut, wenn klein und putzig. Auch wenn der Einwand nicht sehr gelungen war sonderlich einleuchtend ist es nicht, ein kleines Deutschland gemütlich zu finden, wenn das gerade mit seiner Rolle als "politischer Zwerg" sichtlich unzufrieden ist und auf Veränderung dringt -, gemeint war das Argument allemal als Einwand gegen die (Wieder-)Herstellung deutscher Machtvollkommenheit. - Anläßlich der erfolgten Vergrößerung Deutschlands nimmt der Historiker Jäckel in einem Zeitungsartikel bezug auf dieses Argument. Er zitiert eine Schrift aus dem Jahre 1816, in der es um ein "System des Gleichgewichts" zwischen den Staaten Europas geht, das ihnen wechselseitige Freiheit und Unabhängigkeit ermöglichte und in dem es immer dann, wenn ein Staat zum "Centralstaat" avancierte und nach Vormacht strebte, "gefährlich" wurde und zum Krieg kam. Die Botschaft ist klar: Skepsis gegen große Mächte ist immer geboten. Und mit der wendet er sich dem neuen Großdeutschland zu:

"Immerhin ist die Gefährdung des Gleichgewichts in Europa und damit seiner Freiheit durch den jeweils stärksten Staat (man kann auch das Spanien des 16. Jahrhunderts einbeziehen) eine zu alte und stabile Erfahrung, als daß man sie ohne weiteres in den Wind schlagen dürfte... Vorkehrungen gegen die Versuchungen einer Großmacht zu treffen, das wird die Leitlinie unserer Antworten sein müssen. Es wäre leichtfertig, uns und anderen zu versichern, wir hätten aus der Geschichte gelernt. Wenn Völker aus der Geschichte lernen könnten, lebten sie seit langem im Paradies." (V)

Will Jäckel also das neue Großdeutschland zur Gefahr für den Rest der Staatenwelt erklären: Die Ergebnisse seiner Wissenschaft, die er anführt - "alte und stabile Erfahrungen" -, sprechen jedenfalls dafür. Ebenso wie die für einen Historiker wirklich bemerkenswerte Einsicht, daß aus der Geschichte noch kein Schwein gelernt hat. Was dann kommt, ist allerdings eine etwas eigenartige Form von Skepsis: "Angst vor der eigenen Stärke zu haben muß eine Leitlinie deutscher Politik sein. Das vereinigte Deutschland kann ein Risiko für das europäische Gleichgewicht werden, nicht morgen oder übermorgen, vielleicht nie. Aber Risiken beugt man vernünftigerweise auch dann vor, wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, daß sie eintreten." (V)

Zunächst einmal will der Mann die Gefahr angemessen einordnen. Die Großmacht ist nicht irgendeine, sondern die "eigene" Nation. Und bei der leuchtet es ihm ein, daß Skepsis gegen sie für ihre guten Absichten bürgt - also gegen Skepsis spricht. Das" Risiko" ist damit von der Tagesordnung ins Reich der ziemlich unwahrscheinlichen Möglichkeiten verbannt. Aber Jäckel ist gewissenhaft. Selbst gegen das unwahrscheinlichste Risiko, das von deutschem Boden ausgehen könnte, will er noch "Vorkehrungen" getroffen sehen. Was schlägt er vor? "Soviel Föderalismus wie möglich... jede überflüssige Machtkonzentration vermeiden... deswegen soUte Bonn Regierungssitz bleiben... Es geht darum Bedingungen zu schaffen, unter denen spätere Generationen möglichst wenig Unfug anstellen können." (V)

Soviel Bundesrepublik wie möglich, mit nur soviel Macht, wie die Bundesrepublik unbedingt braucht. Und damit holt er zu seinem letzten Schlag gegen den Mißbrauch von Macht aus: "Regierungssitz Bonn". Ein Symbol des kleinen Deutschland soll endgültig dafür bürgen, daß die wirklichen Fähigkeiten des neuen Großdeutschland harmlos sind. Der besorgte Zeitgenosse, der nichts "in den Wind geschlagen" sehen und gegen "Leichtfertigkeit" im Umgang mit der Macht zu Felde ziehen will, liefert im Tonfall der Skepsis eine einzige Beschwichtigung ab. Er bezieht sich auf die alte Problematisierungstour, daß Großmächten immer mit Vorsicht zu begegnen ist, um klarzustellen, wie diese Tour im Licht der neuen deutschen Größe zu interpretieren ist: als Auftrag, den die neue Nation sich selbst zu Herzen nehmen soll. Die Warnungen von gestern vor einem Großdeutschland sind die Mission des Großdeutschland von heute.

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Fünf Beispiele bürgerlicher Wissenschaft. Daß diese Wissenschaft affirmative Staatswissenschaft ist, liegt an den Gesichtspunkten, die ihre Denkweisen definieren, und nicht erst daran, daß sie diese im aktuellen Fall auf die Nation anwendet. Wäre das Oktoberfest der Anwendungsfall, würde sie darin einen Beitrag zum wirtschaftlichen Gesamtkreislauf sehen oder vermissen, eine Möglichkeit, die gesellschaftliche Bindung zu pflegen, den Alltagsfrust zu kompensieren, eine Tradition zu bewahren usf. - also auch nichts anderes abliefern als lauter Orientierungsangebote an einen Verstand, dem einleuchtet, was sich als Dienst an einem ideellen Gemeinwohl verstehen läßt. Daß dabei nichts als das zur Kenntnis gebracht wird, was es ist, ist eine Sache. Die andere ist, daß damit alles ins Recht gesetzt wird, was im real existierenden Gemeinwesen namens Staat Geltung besitzt - die gewachsene Macht des Staates natürlich allem voran. Insofern ein Lehrstück normaler bürgerlicher Wissenschaft. Ein paar Neuerungen gibt es allerdings auch noch zu verzeichnen.

II. Der Erfolg der Nation als Maßstab des Denkens

1. Die Wissenschaft ist beeindruckt

Einfach bei ihrer Tagesordnung bleiben die Gelehrten nicht, wenn die praktische Geltung der Nation in der Welt sichtlich zunimmt. Schon daraus, daß keine der Wissenschaften an einem Beitrag zur nationalen Sache vorbeikommen will, ist ersichtlich, daß die Wissenschaft schwer beeindruckt ist vom Erfolg der Nation. Der Münchner Philosoph Dieter Henrich, von Berufs wegen eher weltfremd, kann sich dem auch nicht verschließen. Rasch läßt er ein paar Aufsätze von sich zwischen zwei Buchdeckel binden, nur um vor "dem Geschehen" nicht "in Stummheit zu verharren":

"Als Philosoph, der im Bewußtsein der Perspektive arbeitet, welche die klassische deutsche Philosophie erschlossen hat, sah ich mich außerstande, in der Stummheit vor einem Geschehen zu verharren, das die Zukunft dieser Tradition ebenso berührt, wie es mit deren Geschichte verbunden ist." (VI)

Menschlich verständlich wäre es ja noch, wenn Henrich mit der Bemerkung eingestiegen wäre, daß man sich nicht ein Leben lang auf die klassische deutsche Philosophie bornieren kann und die Grenzen seines Fachs auch einmal überwinden muß. Er will sich aber gerade "als Philosoph" zum neuen Großdeutschland äußern. Einen Zusammenhang zwischen der Zunahme deutscher Macht und der Kritik der reinen Vernunft kriegt er lässig hin: Er behauptet ihn mit der ganzen Autorität seines Lehrstuhls, indem er die nationale Bedeutung dessen hervorhebt, womit er sich als Philosoph beschäftigt, und umgekehrt die Bedeutung der Nation für das, was sein Fachinteresse ausmacht. Kant und Hegel werden als deutsche Geistesgrößen gefeiert und Deutschland dafür verehrt, solche Denkriesen hervorgebracht zu haben. Der Wissenschaftler zeigt sich beeindruckt von der deutschen Nation, macht seinen Diener vor der Staatsmacht und verleiht ihr darin eine geistige Bedeutung.

Die kleine Heuchelei, daß er nicht anders konnte, als sich vor Deutschland zu verbeugen, ist deswegen auch nicht uninteressant. Schließlich hat das niemand von ihm verlangt. Er ist selbst so frei und weiß seinen guten Grund dafür in der Befreiung der Wissenschaft durch die Revision der alten Landesgrenzen: Henrich wünscht sich nichts so sehr wie "die Selbständigkeit eines offenen und unangepaßten Weltverhältnisses" und verlangte gleich nach dem Fall der Mauer im Namen der Geistesfreiheit,

"daß die wichtigste Voraussetzung dafür wieder hergestellt wird: die Aufhebung der Grenze innerhalb der Nation, die eine freie Besinnung aus eigener Mitte heraus niederhält." (VII)

Ohne die Vollendung Deutschlands zu einer ganz eigenständigen Macht ist der tiefe Denker in seinem Nachdenken behindert? Das muß an seiner Tour liegen, seinen Kopf anzustrengen: Er weiß sich in seinem Denken so sehr eins mit den Ansprüchen der Nation, daß ihm deren Erfüllung wie die "Bedingung der Möglichkeit" des Nachdenkens erscheint.

Und er verheimlicht diesen Zusammenhang auch nicht. Ein Denker, der das Wesen sozialistischer Wissenschaft darin ausgemacht hat, daß sie im Unterschied zur bürgerlichen "harte analytische Prüfungen weder vertrug noch lehrte", der Philosoph Henrich, legt eine Probe dafür ab, wie sich knallhartes analytisches Denken zur Lage der Nation stellt:

"So zeichnet sich die Möglichkeit ab, nunmehr das Profil der deutschen Mentalität und ihrer Kultur mit einer republikanischen Verfassung des Lebens zusammenwachsen zu lassen." (Es kommt Henrich darauf an, daß) "zwischen dem Verhalten im politischen System und den Lebensformen und Erfahrungsweisen der Menschen ein Übergang von der Art besteht, der es erlaubt, von einer bruchlosen Kontinuität oder gar einer Konkordanz zwischen beiden zu sprechen." (VI)

Henrich verkündet den geheimen Traum aller bürgerlicher Wissenschaft: den Wunsch nach einem distanzlosen Verhältnis des Geistes zur Macht. Und er hegt die Hoffnung, durch das größere Deutschland könne dieser Wunsch wahr und das Denken, die "Mentalität" der Menschen endlich ununterscheidbar werden von den höchsten Prinzipien der politischen Gewalt in Deutschland. Bruchlosigkeit ist sein Stichwort, und er weiß ein glänzendes Argument für die bruchlose Übereinstimmung des Geistes mit der Macht: Die "Geschichte der deutschen Mentalität von 1848 bis 1945" hat ihn darüber belehrt,

"daß Brüche, welche dieser Mentalität bei der Umsetzung in politische Verhaltensweisen aufgedrängt werden, selbst die folgenschwersten Quellen für solche Fehlentwicklungen sind." (VI)

Wenn die Gesinnung der Menschen nicht hundertprozentig national ist, dann kommt es zu folgenschweren Entwicklungen, die bis Hitler reichen, lautet sein Argument. Und das ist ziemlich aufschlußreich. Wo man bislang aus allen Lehrbüchern lernen konnte, daß es zu allen möglichen Katastrophen kommt, wenn der Nationalismus die Köpfe der Leute beherrscht, dreht Henrich den Spieß um - und bringt eine Wahrheit aufs Tapet: Ein unzufriedener Nationalismus schlägt zu. Das läßt er aber nicht gegen den Nationalismus sprechen, der offenbar einen ziemlich unversöhnlichen Standpunkt bezeichnet, sondern für ihn und für die Notwendigkeit, ihn zufriedenzustellen.

Was sich Henrich von einem solchen in der deutschen Nation aufgehenden Geist verspricht, bezeichnet er zurecht als Kultur. Zu deren Plege sieht er sich berufen, und zwar aus folgendem Grund:

"Ohne ein solches Verhältnis haben wir in das heraufkommende Europa nur die Brigaden der Bundeswehr und unsere Wirtschaftskraft einzubringen." (VI) Nur Gewalt und Geschäft hat Deutschland zu bieten. Untragbar! Also sorgen Leute wie Henrich für den schönen Schein dazu. Wer übrigens wissen will, wie damals unter Hitler die Intellektuellen dem nationalen "Taumel" anheimfallen und das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte, propagieren konnten: So! Mit dem Selbstbewußtsein, daß ohne sie die Nation ärmer wäre.

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Die Verwandlung der Staatsmacht in ein Ding, das unbedingte Anerkennung verdient, an dem sich das Denken auszurichten hat, kennt und beansprucht kein anderes Argument als den Erfolg der Staatsmacht. Der ist zwar kein Argument, sondern eine Gewaltfrage. Aber für eine Wissenschaft, die sich in ihren Betrachtungsweisen dem Gelingen der Nation verschrieben hat, ist diese Gewaltfrage konsequenterweise das Argument.

Und mit diesem Argument werden die Wissenschaften selbstkritisch. Es gibt zwar keinen rationellen Übergang von der Feststellung, daß Sachsen-Anhalt und Mecklenburg im Zukunft von Bonn aus regiert werden, zu der Notwendigkeit, die eigenen theoretischen Grundsätze in Zweifel zu ziehen; und schon gar nicht gibt der nationale Machtzuwachs ein einsichtiges Kriterium für eine solche Überprüfung ab. Die Widerlegung einer Theorie ist noch allemal eine theoretische Angelegenheit und beruht nicht auf Regierungsbeschlüssen. Aber genau diesen Übergang macht der wissenschaftliche Geist, wenn er die Frage aufwirft, ob er die Sache der Nation in seinen Weltbildern genügend berücksichtigt hat, ob da nicht auf seiner Seite Versäumnisse vorliegen und Korrekturen fällig sind.

Ändern wird sich diese Wissenschaft nicht mehr. Aber die Frage nach der Fälligkeit von "Paradigmenwechseln" angesichts des neuen Deutschlands diskutiert sie aufgeregt. Und selten war so deutlich, was es mit diesem Topos aus der Wissenschaftstheorie auf sich hat. Wo die Wissenschaftstheorie das eigenartige Phänomen entdeckt haben will, daß die Wissenschaften von Zeit zu Zeit ihre Erklärungsweisen grundlegend ändern, eine "kühne Vermutung" durch die nächste ersetzen und dadurch ausgerechnet einen Fortschritt an einem so bleibendem Gut wie dem Wissen bewerkstelligen soll, da führt die ganze Mafia bürgerlicher Wissenschaftler heute vor, daß Fortschritte beim Erklären einer Sache dem merkwürdigen Phänomen jedenfalls nicht zugrundeliegen. Sie laborieren vielmehr an der Frage herum, wie sie die Konjunkturen ihres Denkens an die Konjunkturen der Politik anpassen können.

Das kann ganz verschieden daherkommen. Klar, daß manch einer nach gewissenhafter Selbstprüfung auch zu dem Resultat gelangt, schon in der Vergangenheit genügend in Sachen geistiger Opportunismus gegenüber der Nation walten gelassen zu haben, und von daher befriedigt von sich sagen kann, daß ihm im Jahre 1990 nichts Neues, sondern die Bestätigung seines aufrechten wissenschaftlichen Strebens untergekommen ist. Andere aber verspüren den intellektuellen Drang, die Vergrößerung Deutschlands zum Anlaß zu nehmen, an ihrer Wissenschaft oder an der ihrer Kollegen etwas zu ändern. Darüber werden die Gesichtspunkte, die bislang den Standpunkt einer Disziplin bestimmt haben, nicht über den Haufen geworfen. Was aber schon stattfindet, ist eine Neusortierung der Wertetabelle nach dem als bedeutsamer eingestuften Standpunkt "Nation". Alle stellen sich der nationalen Macht als der neuen Richtlinie fürs Denken, an der sich manches von dem relativiert, was der Wissenschaft bis gestern als oberster Wert gegolten hat.

2. Kritische Wissenschaft begibt sich in die Defensive

So fühlt sich eine Reihe von Wissenschaftlern dazu veranlaßt, der Nation den ihr gebührenden Platz in ihrem Weltbild erst noch zuzuweisen. Zumal die Abteilung "kritische Wissenschaft", die das Lob der deutschen Nation an ein "wenn" gebunden hat - demokratisch, ökologisch, sozial -, sieht sich mit ihren Argumenten durch "die Fakten" in die Defensive gebracht, aus der sie unbedingt herauswill. Auch sie nimmt die neue Lage als unwidersprechliches Argument. Und dessen Anerkennung scheint ihr der gelungenste Weg der Verteidigung.

So ein kritischer Wissenschaftler ist beispielsweise der Historiker Jürgen Kocka von der FU Berlin. Er hatte sich die Lage vor dem Anschluß so zusammengereimt, daß gerade die deutsche "Zweistaatlichkeit" die BRD zu einem international anerkannten Staatswesen hat werden lassen, das auch seine vollste Anerkennung verdient. In dem "Verzicht" auf die Ausbreitung der Bundesrepublik nach Osten, hatte er seinen Beleg dafür, daß dieses Land aus der Geschichte gelernt und Abstand genommen hat von einem "deutschen Sonderweg", der die Nation ins Unglück gestürzt hatte. Ein Deutschland namens BRD, integriert in die Staatenwelt der westlichen Demokratien, damit konnte er leben.

In Ordnung ging das schon damals nicht. Denn immerhin war auch das eine Generalrechtfertigung der BRD, die unter dem Titel "kein Sonderweg" systematisch davon abgesehen hat, was dieser Staat so alles ins Werk gesetzt hat. Und der moralische Standpunkt, von dem aus er die BRD ins Recht gesetzt hatte, kannte auch keine anderen Kriterien als den Erfolg bzw. den Mißerfolg der Nation: Gewarnt hatte er schließlich immer nur vor der Abweichung von einem Erfolgsweg, die er an dem verlorenen Krieg festgemacht hatte. Das aus der Geschichte zu lernen, daß man Kriege besser gewinnt, dazu gehört schon ein historisches Gemüt. Aber der Standpunkt war klar: Keine Revision der Grenzen. Nach dem Anschluß der DDR sieht Kocka die Lage der Nation wie folgt:

"Anders als die Bundesrepublik wird das neue Deutschland die Kernlande des alten Sonderwegs umfassen... Das langsamere Wirtschaftswachstum, der erzwungene Verzicht auf Öffnung nach Westen, die Fortdauer des Mangels und der Diktatur haben dazu geführt, daß die DDR deutscher geblieben ist als die Bundesrepublik, weniger weitläufig, zumal sie sich aus erklärlichen Gründen viel weniger von ihren östlichen Nachbarn beeinflussen ließ, als die Bundesrepublik vom Westen... Jedes Stück Entwestlichung wäre als Preis für die Vereinigung zu hoch. Im Licht der Erinnerung an den deutschen Sonderweg, seine katastrophalen Folgen und sein kostenreiches Ende um 1945 ist klar: Die Vereinigung geschieht zurecht als Integration der DDR in die Bundesrepublik, nicht als Kompromiß zwischen Westen und Osten, nicht als Zusammenwachsen aufmittlerem Grund." (VIII)

Das Zitat stammt aus einem Artikel mit dem Titel "Nur kein neuer Sonderweg!". Derselbe Standpunkt wie vor dem Anschluß wird vertreten - nur ganz anders. "Kein Sonderweg", das ist nach der Annexion der Auftrag der Bundesrepublik, die alten "Kernlande" einzugemeinden und nach ihrem Muster umzukrempeln! Man kann wirklich nicht sagen, daß diese Ausdeutung des alten Arguments naheliegt. Der Mann tut sich sichtlich schwer. Er muß die vergrößerte Bundesrepublik von einem verkleinerten Großdeutschland unterscheiden. Dann muß er den "alten Sonderweg" in die realsozialistische DDR verlegen. Dann muß er erklären, wieso er dieses altgebliebene Deutschland im anderen Teil Deutschlands, unbedingt haben will. Um schließlich aus der Gefahr, die daraus erwächst, den Auftrag abzuleiten: Deutschland muß BRD werden, damit die BRD nicht deutsch wird. Warum bleibt er nicht auf der alten Schiene: Weil er sich nicht unglaubwürdig machen will; will heißen: Weil er sein Argument nicht gegen die Stimmungslage der Nation vertreten will. Also paßt er sein Argument der neuen Lage an.

Ein dionysischer Geist sieht sich ebenfalls veranlaßt, öffentlich darüber nachzudenken, welche Stelle die Nation in seiner Welt hat. Bislang eher gar keine. Ein aufs Universale gerichteter Philosoph wie Peter Sloterdijk übersieht sowas lässig und goutiert mehr den Weltbürgerstandpunkt. Von daher ist klar, daß er die Nation nicht für eine Sache, und zwar eine ziemlich gewaltsame, sondern für eine bornierte Geisteshaltung hielt. Jedenfalls geht das aus seiner Einlassung zur nationalen Feierstunde noch hervor:

"Die neuen künstlichen Himmelskörper spielen für die menschheitliche Selbstwahrnehmung eine nicht hoch genug einzuschätzende Rolle... Von dem heute höchstmöglichen Blickpunkt aus gesehen gibt es also weder Deutschland als abgrenzbare staatliche Größe noch eine deutsche Frage... Wenn aber das Bewußtsein eines Individuums ein einziges Mal, und wäre es nur für kurze Zeit, satellitengleich geworden ist - das heißt erdbürgerlich, exzentrisch und souverän -, dann ist seine Fähigkeit, sich in schlichter Identifikation zu einem politischen Grundstück auf der Erde dort unten hinzuzurechnen für immer gestört..."(IX)

Mit der verfremdenden Optik einer "umgekehrten Astronomie", die schon die Satiremannschaft von der "Titanic" zu einem Spaß bemüht hat, macht Sloterdijk deutlich, wie relativ der nationale Standpunkt ist. Ihm ist es damit allerdings ernst. Er will zeigen, daß die "schlichte Identifikation" mit der Nation den Geist ungebührlich einengt. Wie er das zeigt, dokumentiert allerdings nur, wie befangen er selber in diesem Standpunkt ist. Distanz zur Nation kann er sich nicht anders vorstellen denn als räumliche Entfernung von ihr. Aber bitte, soll er sich halt vorkommen wie ein weltbürgerlicher Satellit. Das ginge doch auch im vergrößerten Deutschland. Niemand hat es ihm bestritten. Er ist Philosoph und steht als solcher sowieso auf dem Standpunkt, daß die Freiheit des Geistes im freien Spinnen ihre Qualität beweist.

Zurück auf der Erde kommt jedoch auch bei diesem Freigeist die Fähigkeit zur Identifikahon mit der Nation wieder ungebrochen zum Zug. Justament am 9. 11. 1989, als die Mauer fiel, gewann er die Einsicht in die Unwidersprechlichkeit der nationalen Sache:

"Die deutschen Dinge, mit Fichte zu reden, haben sich bewegt und werden bewegend. Über die Bildschirme der fernsehenden Welt rollen Tränen, derer sich, zum allgemeinen Erstaunen, niemand zu schämen hat... Und inmitten dieses allgemeinen Durchdiemauergehens, inmitten dieses Herauskommens und Überdiegrenzetretens immer wieder ein Bild, das offenkundig stärker werden wollte als die gesamtdeutsche Zusammengenommenheit... immer wieder dieses Vertrauen auf ein so noch nicht erlebtes Sichnichtschämenmüssen, dieses Mitgehen mit der integren Erschütterung, dieses Sichhinüberweinen in eine andere Seinsweise, und vor allem dieses Selbstbewußtsein der Tränen, hinter das nicht mehr zurückgegangen werden kann." (X)

Daß damals an der Mauer ziemlich viel Volk geheult hat, ist schlecht zu bestreiten; daß es sich dafür nicht geschämt hat, wahrscheinlich auch nicht. Schon aber, daß deswegen auch der Inhalt der Gefühlswallungen in Ordnung geht und sich deswegen die "deutschen Dinge" als respektable Angelegenheit erweisen und die nationalistischen Volksumtriebe eine bedeutsame philosophische Existenzweise darstellen: ein "-heit". Und es liegt auch nicht an den Freudentränen deutscher Volksgenossen, wenn sich ein weltbürgerlicher Verstand von ihnen zu folgender Definition von Nation anregen läßt:

"Nationen iind politische Mutterinstanzen, sie sind und haben politische Schoßfunktionen." (X)

Immerhin besteht er ja auch selber darauf, daß man diese Blut-und-Boden-Vorstellung über den durch die Gewalt des Staats gestifteten Zusammenhang von seinem über allem Nationalismus stehenden Standpunkt aus einsehen kann und soll:

"Über alle Nationalismen hinweg werden die Intelligenzen der Völker einzusehen haben, daß jedes menschliche Leben seiner Struktur nach bereits den Charakter einer Einwanderung in ein Land, eine Nation, eine Population, eine Kultur besitzt." (IX)

Und das ist interessant. Das Weltbürgertum und den Kosmopolitismus haben Intellektuelle nämlich schon mehr deswegen aufgebracht, um sich mindestens in ihrem Sebstbewußtsein vom gewöhnlichen Nationalismus zu unterscheiden. Und das ist auch heute nicht anders. Aber eben das kann angesichts des nationalen Überschwangs der autonome Denker heute nicht mehr vor sich verantworten - wenn er nicht zuvor klargestellt hat, daß er damit nicht völlig neben dem allgemeinen nationalen Geist liegt. So verspürt er den Drang zu zeigen, wie die Nation in seinem Weltbild berücksichtigt ist, und macht sich damit von seiner höheren, bewußt nationalismusfernen Warte aus zum Sinndeuter der Nation.

*

Solche Auslassungen, in denen Wissenschaftler ihren jeweiligen Idealismus an die Nation zurückbinden, bekommen ganz von selbst den Charakter der Klarstellung der Wissenschaft über ihr Weiß-warum. Und dort, wo man einen Denker vor sich hat, der sich durch die Fakten nicht in die Defensive gebracht, sondern bestätigt sieht, ist das auch der Zweck der Stellungnahmen.

3. Der Triumph der konservativen Wissenschaft und ihr Bedürfnis nach Klarstellung

Damit sich niemand täuscht: Der Unterschied zwischen kritischer und konservativer Wissenschaft besteht darin, wie einer auf das Bekenntnis zur Nation dringt. Scharf sind sie alle darauf, und ihr Streit besteht darin, ob mehr die deutsche Nation angemahnt wird, als demokratische die Zustimmung von unten einzuholen; oder ob das Bekenntnis nationale Bürgerpflicht ist, zumal im demokratischen Deutschland. Im letzteren Fall wird die Wissenschaft angesichts des nationalen Erfolgs triumphal. Sie sieht sich bestätigt und sieht sich berufen, im Reich der Wissenschaft Klarheit zu stiften. "Zu unserer individuellen Identität mit uns selbst gehören kollektive Identitäten, solche, in denen wir uns vorfinden, und die wir dann akzeptieren können, kollektive Identitäten, die ausmachen, daß ich und andere uns als ein Wir verstehen... Wer nationale Identität nicht sozusagen selbstverständlich hat, hat ein Identitätsproblem, leidet an einem Identitätsverlust oder einer Störung." (XI)

Der Historiker Nipperdey, von dem das Zitat stammt, argumentiert einerseits wie ein Psychologe: Das Individuum hat eine Identität, und wenn es sich gegen die vergeht, dann treten "Störungen" auf, wird es krank und lebt in einer"neurotischen Selbstbezogenheit". Es ist derselbe Gesichtspunkt wie oben bei Maaz, der von "deformierten Charakteren" spricht und dem Individuum dabei helfen will, mit sich ins Reine zu kommen. Andererseits zitiert Nipperdey diesen Gesichtspunkt, um eine Klarstellung über den Inhalt loszuwerden, den er mit der Identität des Individuums angesprochen sehen will. Gegenüber den Psychologen besteht er darauf, daß die Verwirklichung des Individuums in seiner Unterordnung unter Deutschland und in seiner Auflösung in das so genannte "Kollektiv" besteht. Dasselbe Denkmuster führt sein Fachkollege Meier an einer soziologischen Kategorie vor:

"Heute allerdings ist die Nation im Westen nur als historisch gegebene Solidargemeinschaft zu verstehen. Eine von mehreren, kleineren und größeren, denen der Mensch einfach deswegen zugehört, weil er - normalerweise - alleine nicht fertig wird, weil es zu seiner Individualität auch gehört, daß er Teil von Kollektiven ist. Im Laufe der Jahrtausende läßt sich eine lange Geschichte der Zugehörigkeitsitrukturen beobachten. Die nationale Zugehörigkeit ist diejenige, die es unter modernen Verhältnissen ermöglicht, mit anderen, mit dem gesamten Kreis derer, mit denen zusammen man sie bildet, gleichsam so groß zu werden, daß man in der Welt nicht verschwindet. Damit ergibt sich indirekt die Möglichkeit, handelnd an deren Geschehen mitzuwirken." (XII)

Im ersten Teil des Zitats schließt sich Meier der soziologischen Unart an, sich von der Sache zu entfernen, über die man redet. Das "Kollektiv", von dem die Rede ist, wird nicht als Nation identifiziert - das wäre eine nähere Bestimmung: Es steht unter der Hoheit des staatlichen Gewaltmonopols, das alles, was in ihm geschieht, zu einer Frage des Dürfens macht usf. Gerade umgekehrt wird angefangen: Die Nation ist ein Kollektiv. Und diese Abstraktion davon, daß es sich bei der Nation um einen gewaltsam gestifteten gesellschaftlichen Zusammenhang handelt, gibt dem Gelehrten erst einmal Gelegenheit, über den Nutzen von Kollektiven zu philosophieren. Man erfährt, daß der Mensch so etwas braucht, weil er "alleine nicht fertig wird". Und das, wobei und womit er fertigwerden soll, wird aufgelöst in sein Bedürfnis, ein "Teil von Kollektiven" zu sein, um deren Funktionieren er sich dann aber auch sorgen muß. Das ist soweit beste Soziologie. Die zieht Meier allerdings nur zu Rate, um die soziologische Abstraktion auf ihren nationalen Kern zurückzuführen. Mit dem Kunstgriff, die "modernen Verhältnisse", die nun mal bestimmt sind durch das Wirken der Nation, von der Nation zu trennen, gelingt es ihm, astrein zu beweisen, daß unter "modernen Verhältnissen" das einzig passende Kollektiv die Nation ist. Zu der verlangt er ein klares Bekenntnis, und vor diesem Anspruch kommt ihm die Soziologie - die immerhin auch für ihn brauchbar war, dieses Bekenntnis zu begründen - wie ein Herumreden um den nationalen Kern vor, um die es ihr zu gehen habe.

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Fast wäre man geneigt, die ganze Mafia der Wissenschaftler aufzufordern, die ganzen verlogenen Abstraktionen, in denen sie denkt, die idealisierenden Absichten von dem, was die Nation ist und treibt, und den Ersatz für die Bestimmung ihres Zwecks durch lauter Sinnkonstruktionen, um deren Verwirklichung es angeblich geht, wegzuschmeißen. Soll sie doch sagen, daß ihr die Staatsgewalt am Herzen liegt und daß sie den Anspruch erhebt, daß sich der jedermann auch geistig unterordnet. Soll sie doch aufhören mit ihrem Getue mit "Identität der Person", "Zusammengehörigkeitsstruktur", "Kultur und Tradition", wenn mit all dem doch bloß das gemeint ist. - Aber dazu muß man sie nicht erst auffordern:

4. Nation statt Wissenschaft

Die Rede ist von einer Wissenschaft, der in ihrer Begeisterung für die Nation jede Distanz zu den Anliegen des Staats, der sie denken läßt, zuviel ist. Selbst das bißchen Distanz noch, das sie mit ihren eigenen Problematisierungsgesichtspunkten gerade noch aufbringt. Sie will Bekenntnisse zu Deutschland ablegen und Bekenntnisse zu diesem Land sehen. Während ersteres ein eher wortkarger Akt ist, füllt die Agitation für letzteres zahllose Druckbogen. Die freude über den Erfolg der Nation führt nämlich auch bei dieser Wissenschaft nicht dazu, daß Zufriedenheit einreißt. Sie ficht einen Kampf gegen den Ungeist der Kritik.

Nipperdey hat die Stunde der Nation so verstanden. Er zieht den Schlußstrich unter alle wissenschaftlichen, will heißen: sinnstiftenden Bemühungen. Und er faßt deren Ergebnisse korrekt so zusammen:

"Das neue einig Vaterland entspricht der historischen und der moralischen, der politischen und der praktischen Vernunft." (XI)

Er ist der Auffassung, daß Deutschland erst zu seinem Recht gekommen ist, wenn der Geist seiner Untertanen, auch der aus der Abteilung Wissenschaft, ohne Rest deutsch ist. Und so weiß er sich berufen, ein wenig nach abweichenden Standpunkten zu fahnden:

"Die erste Frage ist, ob wir überhaupt eine Nation brauchen. Ist nicht das Individuum sich selbst genug mit den Wohlstandsidealen der Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung und ihrer narzißtischen Auslegung im Westen? Oder gibt es nicht, wenn denn Gemeinsames gefragt ist, anderes: Sozialismus, Avantgarde, Postmoderne, Konsumkritik, Feminismus? Oder wenn das zu partikular ist: Sollten wir uns nicht an Europa und an einer Welt und Menschheit, auf Friede und Vernunft, Menschenrechte und Schutz der Umwelt gegründet, orientieren oder, wenn denn das Nahe und Sicht- und Fühlbare, das Nicht-Verkopfte nötig ist, an Heimat und Region? Oder an dem Staat, in dem wir leben, wenn er denn eine gute Verfassung hat, wie uns Jürgen Habermas belehren will? Sind also die Verfassungspatrioten bessere Menschen als die Einig-Vaterland-Patrioten? Mir scheint, all das sind Intellektuellen-Erwägungen. All das mag die Orientierung an einem Vaterland, einer Nation einschränken und relativieren, ersetzen kann es sie nicht. Wir werden gar nicht gefragt, ob wir eine Nation sein wollen, ob Sie und ich Deutsche sein wollen, ob uns das wichtig ist oder gleichgültig, wir werden so gesehen. Die Welt ist die Welt der Vereinten Nationen, Europa ist ein Europa der Vaterländer. Weil alle Nationen sind, sind wir für die anderen eine Nation, ob wir wollen oder nicht, wir sind mit unserem Heimatland und unserer Herkunft identisch..." (XI)

Seinen Auftrag mit der Frage, ob wir eine Nation brauchen, anzugehen, ist ein kleiner Kunstgriff. Der Ankündigung, eine Konstruktion der Nation aus dem Willen ihrer Untertanen zu probieren, folgt nämlich die Klarstellung, daß jeder verkehrt liegt, der diese Frage aufwirft: "Wir werden gar nicht gefragt"; wir sind Angehörige einer Nation", ob wir wollen oder nicht". Und mit diesem freundlichen Hinweis auf ein Zwangsverhältnis, das natürlich nicht in der Gewalt der eigenen Nation, sondern in der nationalistischen Sicht des Auslands liegen soll, geht er über zur Denunziation aller, denen es überhaupt noch eine Überlegung ist, ob sie mit ihrer Nation gut fahren.

Dabei ist der Witz an den herbeizitierten "Intellektuellen-Erwägungen" gar nicht, daß sie größere Gegensätze zur Nation aufmachen würden. Es sind lauter Standpunkte, die nach dem Muster argumentierten: Die Nation ist in Ordnung, wenn sie den Menschen und die Frauen achtet, wenn sie sozial und umweltverträglich ist, wenn sie Volkswohlstand und Konsumkritik zu ihrem Recht kommen läßt usf. Wer so daherkommt, macht auch nicht ernsthaft eine Bedingung auf und von der dann seine Zustimmung zur Nation erst noch abhängig. Er geht vielmehr von der Vereinbarkeit seines Anliegens mit dem der Nation aus. Und das hat diesen Titeln auch die allgemeine Anerkennung eingebracht, die sie in deutschen Landen genießen: Noch jeder demokratische Politiker beherrscht es, den Spieß umzudrehen, die moralische Affirmation der Nation herauszuhören und in ihrem Namen sämtliche nationalen Schandtaten zu legitimieren.

Aber Nipperdey hält genau dieses Ansinnen, in der Nation etwas Gutes entdecken zu wollen, für die Quelle allen anti-nationalen Geistes, den er nicht ausstehen kann und an der Wurzel angehen will. Ein wenig totalitär ist das schon. Er stellt sich auf den Standpunkt: Die Nation ist nicht gut, wenn..., sondern gehört sich ohne Wenn und Aber akzeptiert. Wie radikal dieser Denker in seinem Verlangen nach einem unbedingten Bekenntnis zur Nation ist, zeigt er übrigens nicht zuletzt in seiner kleinen Polemik gegen den Kollegen Habermas. Immerhin hat der mit seiner Sorge um den "Verfassungspatriotismus" auch nichts anderes im Sinn als eben dieses Bekenntnis. Aber eben so, daß er das Volk durch die Verpflichtung auf die bundesdeutsche Verfassung auf das große Deutschland eingeschworen sehen will. Den einzig zulässigen Maßstab, den der an die Nation angelegt sehen will, sind ihre eigenen Prinzipien. Und selbst das ist Nipperdey viel zuviel Distanz zu Deutschland, die er nicht durchgehen lassen will. Ein gelungener Streit unter nationalistischen Vordenkern in der Frage, wie ein distanzloses Verhältnis zu Deutschland auszusehen habe.

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Eines soll man dieser Wissenschaft schon glauhen. Wenn sie mit dem Hinweis auf das unduldsame Verlangen der Nation einer "Mentalität" das Wort redet, die bruchlos in der Nation aufgeht; wenn sie Distanzlosigkeit zur Nation zum Maßstab des Geistes erhebt und sich von daher als Institut für Antikritik versteht; wenn sie das Volk an diesem Kriterium rassistisch zu unterscheiden lehrt und die politische Aussortierung von falschen "Seilschaften" noch ein wenig radikaler haben will - dann ist sie darin der herrschende Geist und die moralische Avantgarde im demokratischen Musterland deutscher Nation.

5. Das Ideal

Wie ist das Ideal von nationaler Gesinnung beschaffen, das diese Wissenschaft im Sinn hat? Klar, ein wenig geistlos gerät das Projekt "deutsch denken" schon. Aber es geht. Der Politologe Kurt Sontheimer hat es vorgemacht:

"Fehlt den Deutschen was?... Aber - dies meine einzige Frage - soll sich denn groß was verändern bei uns? Fehlt den Deutschen was? Geht ihnen etwas ab?... Es fehlt uns alles mögliche, und die Politik auf allen Ebenen hat in der Tat damit genug zu tun einiges von dem, was uns fehlt, zur Kenntnis zu nehmen und nach Möglichkeit herbeizuschaffen. Politik, insbesondere Parteipolitik, ist die ständige Auseinandersetzung über die Frage, was uns fehlt oder, positiv gewendet, was wir brauchen und tun müssen, um friedlich, solidarisch, im Wohlstand und nicht zuletzt menschlich zusammenleben zu können... Doch so viel uns im einzelnen fehlen mag, aufs Ganze gesehen, finde ich, fehlt uns wenig oder fast gar nichts Es scheint mir gerade für unsere Verhältnisse in der Bundesrepublik wichtig, sich bewußt zu machen, daß uns ungeachtet der vielen kleinen Dinge, die hier oder dort zu fehlen scheinen, in Wahrheit nichts Wesentliches fehlt, zumindest nichts Wesentliches von dem, was eine staatliche Ordnung heutzutage ihren Bürgern geben und bereitstellen kann... Uns gebricht es an der Tugend der Gelassenheit... Die Deutschen, so mein Fazit, haben wenig Grund zur Aufregung und zur Klage, denn ihnen fehlt nichts Wesentliches. Doch sie wissen es nicht, oder sie wissen es nicht zu schätzen. Sie verhalten sich so, als fehlte ihnen dauernd etwas, angefangen bei der Identität bis hin zum Geliebtwerden seitens der anderen Völker. Weil sie ständig so tun, als fehlte ihnen was, obwohl ihnen Wesentliches nicht fehlt, sind die Deutschen oft unruhig und hektisch. Das könnten sie sich - zur Zeit wenigstens - ersparen. Es wäre besser für sie wie für ihre Umgebung. Wir sollten uns vornehmen, uns in der Tugend der Gelassenheit zu üben." (XIII)

Der Mann denkt unreflektiert. Und damit ist nicht die Niveaufrage gemeint. Die wirft er bei Gelegenheit selber auf, wenn er sich an seinem Institut darüber ärgert, daß seine Kollegen nicht den Harvard-Standards genügen. Bei ihm fällt der nationale Standpunkt mit seinem Denken zusammen. Es ist derselbe Standpunkt wie der, den Nipperdey und Co. propagieren. Und das unterscheidet diesen Denker auch vom Rest der zitierten Mannschaft. Selbst die Propaganda des nationalen Standpunkts kommt nämlich nicht ohne die Kunst des Vergleichens aus. Die Fähigkeit, Einwände zu bemerken, muß selbst der beherrschen, der sie bloß als abweichende Auffassungen dingfest machen und beseitigen will. Von all dem ist bei Sontheimer nichts zu sehen. Er wendet sich nicht gegen Einwände gegen die Nation, sondern versteht sie einfach nicht. Bei ihm versagt die Vorstellungskraft in der Frage, wie es denn anders zugehen soll, als es in der Bundesrepublik zugeht. Dem gibt er Ausdruck. Und das ist seine ganze Theorie.